Predigt von Sonntag, den 27.09.2020

Predigt am 27.9.20, 16. Sonntag n. Trinitatis über 2. Tim 1,7-10 – P. Lars-Uwe Kremer

„Es gibt viel zu tun – packen wirs an!“ Kennen Sie diesen alten Werbespruch noch? War damals in aller Munde. Ausgerechnet von einem Mineralölkonzern… Es gibt viel zu tun. Passt exakt in unsere Zeit. Vorgestern fand nach langer Coronapause ein globaler Klimastreik statt. Die Fakten werden immer erdrückender. Inzwischen geht man davon aus, dass der Permafrostboden in der Tundra nicht mehr zu retten ist. Dadurch lösen sich gewaltige Mengen von Methan, durch das dann die Erderwärmung noch schneller vorangetrieben wird. Nur ein Beispiel von vielen. Klingt alles nicht gut. Und doch habe ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen, sei es die Regierungen oder die Wirtschaftsführer eher eine Variation des Esso-Spruchs verinnerlicht haben: Es gibt viel zu tun – warten wirs ab. Es ist zum Verzweifeln.
Wie verhalten wir uns dazu? Wir als Christen hier in Wahrenholz? Also wir Menschen ohne Einfluss in die höchsten Sphären? Eine Möglichkeit ist, das Ganze schulterzuckend zur Kenntnis zu nehmen. So nach dem Motto: ich habe da doch gar keinen Einfluss, und es ist ohnehin schon zu spät, also was solls. Das ist die Vogelstrauss-Taktik. Oder man stellt sich auf die Seite der Leugner und behauptet, das stimmt doch alles nicht, der Klimawandel ist doch nur eine Erfindung der Mächtigen, um uns zu verunsichern. Das ist noch schlimmer, finde ich. Und bei den Christen finden wir durchaus die Haltung: Was geht uns das alles an? Wir sind doch nicht von dieser Welt, es geht in erster Linie um unser Seelenheil. Da kann uns das Irdische getrost gestohlen bleiben. Ihr hört schon, meine Meinung ist das auf jeden Fall nicht.
Wenn wir in die Bibel schauen, war es schon immer ein großes Anliegen, wie Christen sich verhalten sollen. Und zwar in allen Lebensbereichen. Von Anfang an haben die Christen um das Verhältnis zur Welt gerungen. Gerade in den letzten fünfzig Jahren haben sich die großen Kirchen eindeutig positioniert: Die Welt ist Gottes Schöpfung, und die gilt es zu bewahren und zu schützen.
Wie verhalte ich mich, was hat das für Konsequenzen, und woher nehme ich die Kraft? Antworten darauf bekommen wir unter anderem in einem Abschnitt aus dem zweiten Brief an Timotheus, der unser heutiger Predigttext ist. Ich lese Sätze aus dem ersten Kapitel:
„Der Geist, den Gott uns gegeben hat, macht uns nicht zaghaft, sondern er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit. Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen. Halte weiter zu mir, obwohl ich jetzt für ihn im Gefängnis bin. Sei auch du bereit, für die rettende Botschaft zu leiden. Gott wird dir die Kraft dazu geben. Er hat uns gerettet und uns dazu berufen, ganz zu ihm zu gehören. Nicht etwa, weil wir das verdient hätten, sondern aus Gnade und freiem Entschluss. Denn schon vor allen Zeiten war es Gottes Plan, uns in seinem Sohn Jesus Christus seine erbarmende Liebe zu schenken. Das ist jetzt Wirklichkeit geworden, denn unser Retter Jesus Christus ist gekommen. Und so lautet die rettende Botschaft: Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht.“
Von seiner Selbstaussage her richtet sich der Brief direkt an Timotheus, einen Mitarbeiter des Paulus. Tatsächlich ist die Zielgruppe die christliche Gemeinschaft im 2. Jahrhundert, die Ermüdungserscheinungen zeigte. Die Erwartung, dass Jesus Christus jeden Moment wiederkommen würde, war nicht erfüllt worden. Was bringt dann die christliche Botschaft noch, wird sich der eine oder andere gefragt haben. Der Schreiber des Briefes macht hier Mut dranzubleiben. Er erinnert an den Glaubensinhalt, weist darauf hin, was Gott den Glaubenden an Gaben schenkt und fordert auf, allen Widrigkeiten zum Trotz auszuhalten und beim Evangelium zu bleiben.
Es gibt viel zu tun – packen wirs an. Genau dazu wird Timotheus, an den der Brief gerichtet sein soll, aufgerufen: „Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen. Halte weiter zu mir, obwohl ich jetzt für ihn im Gefängnis bin.
Sei auch du bereit, für die rettende Botschaft zu leiden.“ Eintreten für das, was wichtig ist. Auch wenn es weh tut. Paulus ist dafür mehrfach im Gefängnis gewesen. Andere auch. Die Zeiten waren nicht günstig für die wachsende christliche Kirche. Die Verfolgungen nahmen zu. Umso wichtiger, dass immer mehr Menschen von der rettenden Botschaft erfuhren. Und dafür brauchte es eben Menschen wie Paulus oder Timotheus, die nicht verzagen sondern weitermachen.
Warum konnten sie das? Darauf weist der erste Satz in unserem Abschnitt hin: „Der Geist, den Gott uns gegeben hat, macht uns nicht zaghaft, sondern er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ Wir sind nicht allein. Und auch nicht mittellos. Gott schenkt seinen Geist. Das ist seit Pfingsten bekannt. Der Briefschreiber erinnert nun daran, was der Geist in den Menschen bewirkt. Er macht uns nicht zaghaft. Bei Luther heißt es: Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben. Den gibt es nämlich ansonsten reichlich und gratis. Damals durch die Verfolgungen, heute durch alles, was an Meldungen so auftaucht. Jemand hat gesagt, dass wir eine durch und durch angstgesteuerte Gesellschaft sind. Gottes Geist hält dagegen. Er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit. Kraft, um durchzuhalten, um eben nicht zu verzagen. Liebe, um bei allen Anstrengungen und Aktionen nicht die Mitmenschen aus dem Blick zu verlieren, denn um die geht es ja. Und Besonnenheit – das heutige Wort dafür ist Gelassenheit. Ja, die Devise gilt: Es gibt viel zu tun. Aber sich da reinzustürzen und mehr oder weniger kopflos zu handeln, hilft auch nicht. Gottes Geist ermöglicht uns den Überblick. Wir sollen handeln, aber bedacht und umsichtig.
Schließlich bezieht sich der Text darauf, was die Grundlage des ganzen Handeln sein muss. Stichwort Ostern. Vergiss das nicht, sagt der Verfasser. „Und so lautet die rettende Botschaft: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht.“ Sieg über Tod und Dunkelheit. Gottes Liebe setzt sich durch. Seine Gnade gilt allen Menschen. Das ist die Osterbotschaft. Auch heute, mitten im Herbst. Auf dieser Botschaft bauen wir auf. Darauf steht alles Handeln und Verkündigen in der christlichen Kirche.
Im Text geht es um die Ausbreitung des Evangeliums. Das war das vorherrschende Motiv der damaligen Christenheit. Auch wir sind dazu aufgerufen. Doch unser Handeln bezieht sich auch auf anderes, ich hatte es vorhin schon genannt. Der Klimawandel ist eines der drängendsten Probleme. Fridays for Future macht wieder mobil. Wie passt nun das, was wir im Text lesen, mit der heutigen Situation zusammen?
Natürlich ist alles eine Entscheidungsfrage. Wer für ein durch und durch vergeistigtes Christentum einsteht, den wird das nicht anfechten. Die meisten sehen das allerdings anders. Ich fasse kurz zusammen, warum ich diese Zeilen für durch und durch aktuell und handlungsleitend halte:
1) Grundlegend ist Gottes Liebe für diese Welt und alles, was auf ihr lebt. Das schließt uns Menschen mit ein, aber das andere Leben nicht aus. Der Geist der Liebe setzt hier an. Ihm kann es nicht egal sein, wenn auf Kosten der Menschen anderes Leben zerstört und vernichtet wird.
2) Auch das Reich Gottes, das Jesus verkündet hat, schließt die ganze Schöpfung mit ein – die Bibel berichtet davon.
3) An Ostern geht es um Sündenvergebung und Rettung für die Welt. Das schließt eine Veränderung der davon betroffenen Menschen ein.
Befreiung von Sünden wird ja erst wirksam, wenn der Mensch sich dementsprechend verändert und sich zum Guten wendet. Und sein Handeln danach ausrichtet. Genau so kommt Gottes Liebe in die Welt.
Es gibt viel zu tun – packen wirs an. Wir Christen dürfen und sollen uns engagieren. Uns darf nicht egal sein, dass unser Planet zugrunde gerichtet wird. In der Schöpfungsgeschichte steht am Schluss: „Schließlich betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte, und es war sehr gut!“ Das muss uns leiten. Was Gott geschaffen hat, soll der Mensch nicht zerstören. Weil es um seine Schöpfung geht, sind wir Christen aufgerufen, konsequent dafür einzutreten. Ob beim eigenen Lebensstil, ob auf Demos oder ob in Verantwortungsposition. Wir dürfen nicht schweigen, auch wenn uns das Gegenwind oder Nachteile einbringt.
Und das andere ist: Wir können das, weil Gott uns Kraft, Liebe und Besonnenheit schenkt. Gott lässt uns nicht allein im Kampf für seine Schöpfung, er gibt uns die die Ausrüstung, die wir dazu brauchen. Also packen wirs an!
Amen.

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Predigt von Sonntag, den 30.08.2020

Predigt am 30.8.20, 12. Sonntag n. Trinitatis über 1. Kor 3,9-17; Pastor L.-U. Kremer

Wo Gott wirkt, geschieht Veränderung. Das ist grob gesagt das Motto dieses Sonntags. Die Lesungen, die wir gehört haben, zeigen das. In der Epistel wurde von der Bekehrung des Paulus erzählt. Hier geschieht mit einem Menschen eine riesige Veränderung, und genau dieser Mensch sorgt dann seinerseits dafür, dass sich ganz viel ändert, nämlich dass sich die christliche Kirche in der damals bekannten Welt ausbreitet. Das Evangelium hat von einer Heilung erzählt. Jesus ändert damit nicht nur den Gesundheitszustand, sondern das gesamte Leben dieses Menschen. Und sorgt mit der Heilung dafür, dass seine Taten und seine Botschaft immer bekannter werden. Dabei ist interessant, dass es sich nicht um das Stärkermachen des schon Starken dreht. Sondern dass gerade Schwache ermächtigt und verändert werden.
Jesus ging es immer um das Reich Gottes, um Gottes Herrschaft in der Welt. Dass es beginnt, dass es wächst, dass es immer mehr Menschen erreicht, die daraufhin ihr Leben ändern. Jesus wandte sich zunächst an Gottes Volk, an Israel. Paulus dann hat die Botschaft in alle Welt gebracht. Es entstanden immer mehr christliche Gemeinden. Gottes Reich wächst. Wie ein Senfkorn, wie ein Sauerteig. Es beginnt ganz klein, ganz regional, und nach und nach wird es immer größer und weltumspannender.
Und heute? Es ist wahr, dass das Christentum weltweit gesehen immer noch wächst. In Europa allerdings werden die Kirchen kleiner. Von Wachstum nichts mehr zu spüren. Da kann man sich schon fragen: War‘s das jetzt? Lohnt sich der Einsatz für die Kirche überhaupt noch? Wie soll es, wie kann es weitergehen?
Paulus, der nun wirklich einen großen Anteil an der Ausbreitung des christlichen Glaubens hatte, ist nie davon ausgegangen, dass mit seiner Arbeit dann alles getan sei. Paulus war es wichtig, dass andere weiter arbeiten, weitere Gemeinden aufbauen, aber auch den Anfang, den Paulus gesetzt hat, in den bestehenden Gemeinden weiterführen. Im heutigen Predigttext aus dem ersten Korintherbrief geht es genau darum. Ich lese einen Abschnitt aus dem 3. Kapitel:
„Wir sind Gottes Mitarbeiter, ihr aber seid Gottes Ackerland und sein Bauwerk. Gott hat mir in seiner Gnade den Auftrag und die Fähigkeit gegeben, wie ein geschickter Bauleiter das Fundament zu legen. Doch andere bauen nun darauf weiter. Und jeder muss genau darauf achten, wie er diese Arbeit fortführt. Das Fundament, das bei euch gelegt wurde, ist Jesus Christus. Niemand kann ein anderes legen. Allerdings kann man mit den unterschiedlichsten Materialien weiterbauen. Manche verwenden Gold, Silber, kostbare Steine, andere nehmen Holz, Schilf oder Stroh. Doch an dem Tag, an dem Christus sein Urteil spricht, wird sich zeigen, womit jeder gebaut hat. Dann nämlich wird alles im Feuer auf seinen Wert geprüft, und es wird sichtbar, wessen Arbeit den Flammen standhält. Hat jemand fest und dauerhaft auf dem Fundament Christus weitergebaut, wird Gott ihn belohnen. Geht aber sein Werk in Flammen auf, wird er seinen Lohn verlieren. Er selbst wird zwar gerettet werden, aber nur mit knapper Not, so wie man jemanden aus dem Feuer reißt. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in eurer Mitte wohnt? Wer diesen Tempel zerstört, den wird Gott ins Verderben stürzen. Denn Gottes Tempel ist heilig, und dieser Tempel seid ihr!“
Paulus nimmt in diesem Kapitel darauf Bezug, dass nicht nur er die christliche Botschaft verbreitet, sondern auch andere. Zunächst geht es ihm besonders um Apollos, auch ein christlicher Lehrer, der nach der Gründung der Korinther Gemeinde durch Paulus die Arbeit dort erfolgreich weiterführt. Weil natürlich jeder einen etwas anderen Schwerpunkt setzt, bilden sich schnell Anhängergrüppchen des einen oder des anderen. Hier will Paulus klarmachen, dass es beiden trotzdem um die selbe Sache geht, nämlich um Jesus Christus. In den Zeilen, die wir eben gehört haben, geht es Paulus dann um weitere Menschen, die mit Gemeinde und Mission befasst sind.
Um zu verdeutlichen, was er meint, nimmt Paulus ein damals wie heute bekanntes Bild, das Bauwerk. Die christliche Gemeinde ist wie ein Bauwerk. Sie braucht einen festen Grund, und sie braucht Architekten, Baumeister und Arbeiter, damit sie entsteht und aufgebaut wird. In den letzten Sätzen wird Paulus noch konkreter: Die christliche Gemeinde ist nicht irgendein Bauwerk, sie ist der Tempel Gottes. Also das heilige Bauwerk der damaligen jüdischen Welt. „Gottes Tempel ist heilig, und dieser Tempel seid ihr!“ schreibt Paulus. Und zwar heilig deshalb, weil Gottes Geist in der Gemeinde wirkt. So ein Gebäude bedarf natürlich der äußersten Sorgfalt.
Aber zunächst verweist Paulus auf die Baugeschichte. Als allererstes kam das Fundament, ohne dieses würde das Gebäude in sich zusammensacken. Dieses Fundament, dieser Grund ist Jesus Christus. Ist all das, was Jesus war und was er gesagt und seinen Jüngern aufgetragen hat. Auf diesem Grund konnte der Bau dann errichtet werden. Angefangen hat, zumindest in Korinth, Paulus als Baumeister. Aber da er sich als Baumeister nicht nur für diese eine Gemeinde sah und dementsprechend nirgendwo lange blieb, haben andere seine Arbeit fortgeführt. In Korinth war es der eben schon genannte Apollos.
Damit weitergebaut werden kann, skizziert Paulus die Aufgabe: Alle, die daran beteiligt sind, müssen verantwortungsvoll mit der Aufgabe umgehen. Es geht immer darum, auf das eine Fundament, nämlich auf Christus aufzubauen. Und darum, das richtige Material zu verwenden, welches Bestand hat. Jeder, der dies tut, muss sich mit seiner Arbeit vor Gott verantworten. Dafür nimmt Paulus den Gerichtsgedanken auf.
Und schließlich nennt er auch jene, die die Gemeinde nicht aufbauen, sondern zerstören. Er glaubt fest daran, dass sie von Gott vernichtet werden, dass sie also ihre gerechte Strafe bekommen. Hier drückt sich seine Hoffnung auf eine endgültige Gerechtigkeit aus. Denn er sieht schon, dass auch vieles erfolglos bleibt oder auch Gemeinden wieder zerstreut und verunsichert wurden. Ohne dass die Menschen, die dieses zu verantworten hatten, vom Blitz getroffen oder sonstwie bestraft wurden. Wenn Gott Gott ist, so Paulus, dann wird er das im Gericht ahnden.
Wie ist das nun heute mit dem Bauwerk, mit der christlichen Kirche? Ich finde das Bild des Paulus auch für die heutige Zeit sehr treffend. Mir fiel als ein gutes Beispiel der Kölner Dom ein. Nicht dass ich nicht jede andere oder auch unsere Kirche nehmen könnte, aber am Kölner Dom wird es meiner Ansicht nach besonders deutlich.
Im Jahr 1248 hat man mit dem Bau des heutigen gotischen Doms begonnen. Die offizielle Fertigstellung wurde im Jahr 1880 gefeiert. Das heißt, über 600 Jahre lang wurde der Dom erbaut. Schon das ist ein passendes Bild für die weltweite Christenheit. Paulus und andere haben zwar begonnen, aber über viele Jahrhunderte hinweg wurde der christliche Glaube immer weiter verbreitet, und in einigen Gegenden geschieht das auch heute noch.
Ab dem Jahr 1880 galt der Dom als fertiggestellt. Die gewollte Größe war erreicht, alles, was ein Kirchengebäude ausmacht, war vorhanden. So einen Punkt könnten wir auch bei der christlichen Gemeinschaft in Europa sehen. Sie wächst nicht mehr weiter – im Gegenteil, sie schrumpft wieder. Der Bau ist also vollendet. Und die Gefahr vorhanden, dass aus dem Gebäude allmählich eine Ruine wird, wenn es nicht weiter gepflegt wird.
Das ist auch die Realität am Kölner Dom. Es gibt bis heute eine Dombauhütte, es gibt bis heute Dombaumeister, obwohl das Gebäude doch als fertig gilt. Und doch muss ständig daran gearbeitet werden, sind Reparaturen fällig, werden Details ausgetauscht, wird vieles auf den heutigen Stand gebracht. Wenn man den Dom genau betrachtet, wird man immer irgendwo ein Baugerüst finden. Dazu sagte einmal eine Dombaumeisterin: „Der Kölner Dom ohne Gerüst ist keine Wunschvorstellung, sondern eine Schreckensvorstellung. Es hieße nämlich, dass wir uns den Dom nicht mehr leisten könnten.“ Was für so ein Gebäude gilt, gilt genauso für den Tempel Gottes, die Gemeinde Christi. Es braucht ständig Baumeister und Arbeiter, damit die christliche Gemeinschaft nicht in sich zusammenfällt. Glaube ist nicht statisch, wenn einmal jemand zum Glauben gekommen ist, heißt das nicht, dass das nun der Endstand ist. Christlicher Glaube braucht die Gemeinschaft und braucht gegenseitige Vergewisserung. Dafür gibt es Pastoren und Diakone, aber viel wichtiger sind die vielen Ehrenamtlichen, die jeweils ihren Teil zur Gemeinde beitragen. Alle müssen sie darauf aufpassen, dass die Grundlage, also Jesus Christus, zu den Menschen kommt. So wie die Dombaumeister darauf aufpassen müssen, dass der Kölner Dom weiter eine christliche Kirche bleibt.
Blicken wir auf uns hier in Wahrenholz. Auch unsere Gemeinde kann nur bestehen, wenn wir das Fundament, die Verkündigung von Jesus Christus, nicht verlassen. Darum geht es. Und darum, wie wir Jesus Christus unter die Leute bringen. Wie wir den christlichen Glauben lebendig erhalten. Paulus hat geschrieben, es wird sich erweisen, wo jemand gut und wo jemand schlecht gebaut hat, welches Material er also verwendet hat. Und wenn wir zurückblicken, entdecken wir sicher Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie die „Baumeister“ sich das gewünscht haben. So haben wir zum Beispiel sehr auf moderne Gottesdienste gesetzt, weil wir meinten, damit mehr Leute zu erreichen und für die christliche Botschaft zu begeistern. Wenn ich ehrlich bin, ist das nicht eingetroffen. Am Anfang war die Neugier noch da, aber dann wurden es weniger Leute, die kamen, und mit Blick auf den Stand des Jahres 2019 können wir sagen, dass bei unseren alternativen Gottesdiensten wie MittenDrin, Gospelkirche oder dem Abendgottesdienst nicht mehr Menschen in die Kirche kommen als bei unseren traditionellen Gottesdiensten am Sonntagmorgen. Anderes dagegen bringt vielleicht mehr in Bewegung, als wir gedacht haben. Ein Beispiel dafür ist für mich die Aktion mit der Kirchenbank im vergangenen Jahr. Wir haben uns dadurch im Dorf ins Gespräch gebracht, die Leute kamen auf uns zu, es gab viel positive Rückmeldung. Ob das dann einst als Gold, Silber oder Edelmetall gilt, wird sich später zeigen.
Wichtig ist, dran zu bleiben und weiter zu bauen. Das gilt für mich als Pastor, für die anderen Mitarbeiter, für den Kirchenvorstand, aber auch alle anderen, die sich hier in unsere Gemeinde einbringen. Immer mit der Frage: Was ist dran und was geht gerade? Wie können wir hier und jetzt auf dem Fundament Jesus Christus weiterbauen? Was braucht der Tempel Gottes, unsere christliche Gemeinde? Und wie bleiben wir offen für Gottes Geist?
Gott setzt gerade auf das Schwache, hatte ich zu Beginn gesagt. Gott braucht keine Superhelden. Sondern Menschen wie uns, wie dich und mich. Amen.

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Predigt von Sonntag, den 23.08.2020

Predigt am 23.8.20, 11. Sonntag n. Trinitatis über Lk 18,9-14 – P. Lars-Uwe Kremer

„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Der Wochenspruch gibt das Thema vor – wir haben ihn vorhin ja schon gehört. Für mich schließt sich gleich die Frage an: Was ist mit diesen beiden Begriffen eigentlich gemeint? Was ist Hochmut, und was ist Demut? Und im Hinterkopf klingt mit: Was ist falsch, und was ist richtig? Wie verhalte ich mich angemessen?
Diese Frage bestimmt auch das Evangelium, das wir gerade gehört haben. Das Gleichnis von den beiden Betern im Tempel. Ich lese es noch einmal in einer anderen Fassung:
„Jesus erzählte einigen, die überzeugt waren, gerecht zu sein, und die anderen verachteten, das folgende Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete, in sich gekehrt, so: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ganz abseits und wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging befreit in sein Haus zurück, jener nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
Eigentlich ist doch hier alles klar, oder? Wer sich richtig verhalten hat und wer falsch, wer der Gute und wer der Böse ist. Ein Kommentator schreibt zu diesem Text: „Die Parabel des Lukas leuchtet sofort ein. Darin liegt seine Tücke.“ Auf seine Weise hat das Eugen Roth im Gedicht „der Salto“ beschrieben:
Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob!, rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!
Na, haben Sie sich, habt ihr euch eventuell ertappt gefühlt? Das ist bei dieser Geschichte nämlich genau das Problem: In dem Moment, wo wir uns in die Geschichte selbst einordnen, sind wir schon in die Falle gerutscht. Denn wir blicken dann genauso auf den Pharisäer herab, wie dieser auf den Zolleinnehmer herabblickt.
Das Verzwickte ist, dass das ja vollkommen menschlich ist. Wir vergleichen. Und zwar alles und jeden. Wir vergleichen Preise, Urlaubsziele, Versicherungen – kurz alles, was zum täglichen Leben dazugehört. Daran ist nichts auszusetzen. Aber wir vergleichen nicht nur Sachen, sondern auch ständig uns mit anderen Menschen. Das geht bei den Kindern schon los. Wer kann am weitesten spucken? Wer ist am mutigsten? Wer hat die meisten Freundinnen oder Freunde? Sport zum Beispiel funktioniert nur im Vergleich, darum geht es dort die ganze Zeit.
Schwierig wird es dann, wenn der Vergleich in Bereiche einzieht, die persönlich sind. Wo es um den Menschen als Ganzes geht. Wie im Bereich des Glaubens. Die Kirche ist hier nicht unschuldig. Ihre gesamte Geschichte hindurch wurden wieder und wieder Menschen abgewertet, weil sie nicht den richtigen Glauben hatten. Ketzer wurden verbrannt, ganze Menschengruppen ausgestoßen, Völker gewaltsam missioniert. Immer war klar, was richtig und was falsch war, welcher Glaube der angemessene und welcher abzulehnen ist. Die, die das vertreten haben, hätten sich immer sofort beim Zöllner verortet und waren doch nichts anderes als dieser Pharisäer. Und indem ich das sage, gerate ich natürlich auch gleich in die Gefahr.
Die entscheidende Frage ist doch: Wie können wir diese fiese Falle vermeiden und trotzdem den Unterschied markieren, den für uns Gottes Reich und unser Verhältnis zu ihm ausmacht?
Ich will noch einmal genauer auf die beiden Betenden blicken. Jesus nennt zum einen den Pharisäer. Dieser gehörte also zu denen, die sehr fromm waren und sehr darum bemüht, dass sie und alle anderen die göttlichen Gesetze möglichst genau befolgen.
Letztlich ist aber egal, zu welcher Gruppe er gehört. Es geht darum, wie sein Verhältnis zu Gott bestimmt ist. Wir können erkennen, dass er sich im Vergleich zu anderen Menschen bewertet. Er geht von sich aus und zählt auf, was er alles richtig macht. Und nennt dann die, die das seiner Meinung nach nicht tun. Für ihn ist also klar, wie Glaube auszusehen hat – nämlich so, wie er ihn lebt. Das Gebet zu Gott ist also eher eine Selbstbestätigung als ein echtes Gespräch. Er ist angekommen, schon längst. Das Gebet und der Dialog mit Gott ändern für ihn nichts. Seinen Glauben und sein Leben würde ich als statisch bezeichnen.
Als zweite Person nennt Jesus einen Zolleinnehmer. Er gehört zu denen, die vom ersten Beter verachtet werden. Er gehört zu denen, die bei den meisten Menschen damals unbeliebt waren, weil sie mit den Besatzern kollaborierten und im Ruf standen, gerne und viel in die eigene Tasche zu wirtschaften. Der geht nun auch in den Tempel, aber traut sich gar nicht nah heran. Er hat die Nähe Gottes gesucht, merkt hier aber, dass er vor diesem Gott gar nicht bestehen kann. Er ist im Tiefsten erschüttert. Und merkt vermutlich, dass er nicht so weitermachen kann wie vorher. Sein Gebet bewirkt bei ihm eine große Veränderung. Er ist nicht etwa angekommen, sondern hat sich gerade erst auf den Weg gemacht. Die Suche der Nähe Gottes im Tempel ist der Beginn seiner Suche im Glauben. Gebet ist bei ihm eine echte Herausforderung, eine wirkliche Ansprache durch Gott. Ganz anders als bei dem Erstgenannten bewegt sich hier ganz viel.
Unter diesem Blickwinkel nähern wir uns nun noch einmal den Begriffen Hochmut und Demut. Es sind Begriffe, die das Gottesverhältnis charakterisieren. Das Verhältnis zwischen mir als einzelnem Menschen und Gott. Wie weit lasse ich mich auf diesen Gott ein?
Und wie weit lasse ich hier andere außen vor? An dieser Stelle geht es nämlich nur um mich und was Glaube bei mir bewirkt. Nehme ich Gott als Gott ernst? Lasse ich mich durch ihn wirklich anfragen? Bin ich bereit, mein Leben und Verhalten unter dem Blickwinkel Gottes zu betrachten? Das wäre das, was die Bibel mit Demut bezeichnet. In meinen Worten: Im Glauben unterwegs sein, auf der Suche sein und bleiben, nicht in die Gefahr geraten, sich angekommen zu wähnen.
Wenn uns das gelingt, verändert sich auch der Blick auf die Anderen. Dann messen wir sie nicht an dem, was wir für richtig halten. Denn wir sind ja selbst weiterhin auf der Suche nach diesem Richtigen. Aus dem menschlichen Blick, der ständig am Vergleichen ist, wird der Blick Gottes, der nicht wertet, sondern liebevoll auf den Menschen blickt. Wenn wir uns im Glauben von Gott anfragen lassen und merken, dass die Veränderung uns weiterbringt, dann wünschen wir das auch für unsere Mitmenschen. Und vielleicht gerade auch für die, die meinen, angekommen zu sein. Dass sie sich auch darauf einlassen können, sich von Gott anfragen zu lassen. Dass sie Positionen hinterfragen und in Bewegung geraten. Aber wir wünschen das nicht, weil wir uns auf diesem Gebiet für besser halten. Sondern weil wir ganz vielen Menschen wünschen, dass sie durch den Glauben in Bewegung gebracht werden. Damit wir gemeinsam auf dem Weg zum Reich Gottes unterwegs sein können. Damit wir aus der Statik und dem Verharren in die Bewegung geraten.
Wo ich schon einmal ein Gedicht bemüht habe, will ich mit gereimten Versen eines Kollegen enden:
„So bleibt am Ende vom Gedicht:
Vergleichen tu’ doch besser nicht!
Für das, was gut in Deinem Leben,
da kannst Du Gott Dein Danke geben.
Und Dein Versagen, Deine Schuld
leg’ einfach ab in seine Huld!
Nur dass Du keinesfalls vergisst:
Dass Du beim Beten ehrlich bist!
Mehr noch als Du, ganz ohne Fragen,
will Gott die GANZE Wahrheit tragen.
Von Gott geliebt – das sollte reichen.
Du musst Dich dann nicht mehr vergleichen.“1
Amen.

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Gottesdienst von Sonntag, den 26.07.2020

Gottesdienst am 26.07.2020, 7. Sonntag nach Trinitatis, Lektorin Ulrike Meyer

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserm Vater und dem Herrn Christus Jesus. Amen.

Predigttext 7.So. n. Trinitatis, Hebräer 13,1-3
1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Wir beten: Herr Jesus Christus! Lass den Glauben wachsen unter deinem Wort, und schaffe in uns reiche Frucht der Liebe. Stärke in uns die Hoffnung der Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Das Neue Testament versteht Gottesdienst als die Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als die Christusnachfolge im Alltag der Welt.“
„Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ Und das meint eben nicht die Veranstaltung am Sonntagvormittag, sondern einen umfassenden Lebensvollzug: „Denkt an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.“
Wir alle sind Menschen mit Bedürfnissen: Nach Nahrung, Schlaf und frischer Luft, Schutz und Sicherheit, nach Anerkennung, Erfolg und Liebe, nach Beziehungen, Freiheit, Bildung, Selbstverwirklichung und Glück. Menschen mit Grenzen und Möglichkeiten, Menschen, die darauf angewiesen sind, zu nehmen, aber die auch geben können. Gebt eure Leiber hin, eure ganze leibliche Existenz als ein Opfer, – das meint genau dies: Gottesdienst als die „Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als Christusnachfolge im Alltag der Welt“.
„Warum sollte jemand eigentlich zum Gottesdienst gehen?“ Warum sollte jemand die Mühe auf sich nehmen, aufzustehen und sich in die Kirche zu bewegen, – warum soll sich jemand das, was er für seinen Glauben braucht, nicht einfach virtuell im Internet oder sonstwie beschaffen? Die Antwort liegt im Hinweis auf die Leiblichkeit: Weil es um den ganzen Menschen geht, der Leib ist. Und um die Gemeinde, die Leib Christi ist, – und um mich, der ich ein Teil, ein Glied dieses Leibes bin. Christsein ist nicht ohne diese Leiblichkeit zu haben, und das hat ja auch was: Glaube ist kein Hirngespinst, keine Kopfgeburt, keine körperlose Idee, – sondern betrifft mich in meiner ganzen Existenz mit all meinen Bedürfnissen und Bezügen: „Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.“ Das ist – in ganz schlichten Worten – ein Bild von der Gemeinschaft der Heiligen, – vom geschwisterlichen Miteinander der Christen, das nicht von Egoismen und Abschottung geprägt ist – von einer „America first“- Haltung, oder einer „My Home ist my castle“- Mentalität, – sondern von Solidarität, die um die eigenen Bedürfnisse weiß und darauf achtet, – aber auch daran denkt, dass der Mensch neben mir auch solche Bedürfnisse hat und haben darf: „Wir haben einen Gott und Herrn, sind Glieder eines Leibes, drum diene deinem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich.“
Gottesdienst als die „Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als Christusnachfolge im Alltag der Welt“ – das wird dann plötzlich zu einer ziemlich herausfordernden Angelegenheit, die mit vielleicht 1½ Stunden am Sonntagvormittag bei weitem nicht erledigt ist. „Bleibt fest in der brüderlichen, in der geschwisterlichen Liebe.“ Das ist die Überschrift zu dem allen. Und knüpft an das Gebot Jesu: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt“ an.
“In der Gastfreundschaft, von der nun die Rede ist, wird das konkret – und mit einem ganz besonderen Hinweis verbunden: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Das erinnert an den Besuch der drei Männer (oder Engel) bei Abraham und Sara.
Gastfreundschaft ist im Orient eine heilige Ordnung – eine heilige Pflicht. Als die beiden Engel Lot besuchen, und die fürchterlichen Leute aus Sodom von ihm verlangen, dass er ihnen die Fremden ausliefert, bietet Lot ihnen, um sie zu schützen, als Ersatz seine Töchter an. Unfassbar für uns, aber es illustriert, welch hohen Rang dieses Gebot der Gastfreund-schaft hatte. Dabei nimmt Lot die Fremden nicht auf, weil sie Engel sind – das weiß er gar nicht. Für ihn sind es einfach zwei Reisende, denen er sein Haus als Herberge für die Nacht anbietet. Dass das sein ganzes Leben verändern – und ihn in der Folge vor allem retten wird, ahnt er da noch nicht. Seine Gastfreundschaft ist vollkommen uneigennützig und so soll es auch sein.
Doch schauen wir auf die momentane Lage, wie weit können wir uns erlauben zu gehen mit unserer Gastfreundschaft? Wer weiß denn bei den vielen Änderungen noch genau mit wie vielen Leuten er sich in der Öffentlichkeit – natürlich mit Abstand – draußen im Freien treffen darf. Und wie ist das, wenn Besuch zu mir nach Hause kommt? Zugegeben, jeder hat doch irgendwie gemischte Gefühle – sich anzustecken wäre fatal – aber ohne Kontakte waren wir doch schon lange genug, niemand hält das lange aus.
Und was macht das alles mit unserer Gemeinde? Gemeinsames Singen, jedenfalls hier in der Kirche, ist nach wie vor streng erboten und auch die Chöre sind bei den derzeitigen SeuchenSchutzBestimmungen nicht in der Lage zu üben, noch viel weniger ihr Können zu präsentieren.
Was wäre, wenn sich jetzt wieder Scharen von Flüchtlingen auf den Weg in Richtung Westeuropa machen würden? Die Lage in den Lagern ist meines Erachtens nicht hinzunehmen.
Keine ausreichende Hygiene, wenig medizinisches Personal und wie sieht es mit Testmöglichkeiten auf das Virus und damit verbundener Quarantäne bei überfüllten Lagern aus? Aber was sollen, was können wir tun? Wir müssen ja jetzt sehen, dass wir selbst aus der Krise heraus kommen, oder?
Von Gastfreiheit kann da wohl keine Rede sein.
Doch:
„Gastfrei zu sein vergesst nicht. Denkt an die Gefangenen oder die Flüchtlinge, als wärt ihr Mitgefangene und an die Misshandelten, weil ihr am Leib Christi lebt.“
Seid da für die, die euch um Hilfe bitten, auch wenn’s gerade nicht passt – und Mühe macht. Und, wie war das doch mit den Engeln? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Verfasser Ursprungstext: Pfr. St. Förster, Heidelbeg, 2018

Gottesdienst vom Sonntag, den 19.07.2020

Predigt am 19.7.20, 6. Sonntag n. Trinitatis über Dtn 7,6-12; P. Lars-Uwe Kremer

Stichwort Taufe. Das klang schon an, in der Begrüßung und auch in den Texten. Eine Taufe selber hatten wir nicht, noch ist das im Hauptgottesdienst nicht empfohlen. Aber gestern habe ich ein Kind getauft, das passt also auch.
Für jeden Sonntag gibt es so etwas wie einen roten Faden. Den heutigen würde ich mit den Begriffen „Anwesenheit Gottes in unserem Leben“ und „unsere Zugehörigkeit zu ihm“ beschreiben. Zum Beispiel im Wochenspruch: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“. Im Psalm, den wir gebetet haben, heißt es unter anderem: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“. In der Lesung aus dem Römerbrief wurde die Taufe direkt angesprochen, die unsere Zugehörigkeit zu Gott begründet. Und im Evangelium hören wir nach der Aufforderung zum Taufen die Zusage Jesu Christi: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Diese Anwesenheit Gottes können wir auch als Treue bezeichnen. Gottes Treue zu uns. Wie drückt die sich aus? Und was haben wir davon?
Der heutige Predigttext stammt aus dem 5. Buch Mose. Dieses enthält Reden, die Mose an sein Volk am Ende der Wüstenwanderung gehalten haben soll. Es kommt hier sein Vermächtnis zum Ausdruck, da das Ende dieser Wanderung auch das Ende des Lebens von Mose darstellen sollte. In dem Abschnitt, der für heute vorgeschlagen ist, kommt ebenfalls die Treue Gottes zentral vor. Ich lese aus dem 5. Buch Mose im 7. Kapitel:
„Ihr seid ein heiliges Volk – ihr gehört ganz dem HERRN, eurem Gott. Er hat euch aus allen Völkern der Welt zu seinem Eigentum erwählt. Das hat er nicht etwa getan, weil ihr zahlreicher wärt als die anderen Völker. Denn ihr seid ja das kleinste von allen Völkern. Nein, aus Liebe hat er sich euch zugewandt und weil er das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hat. Darum hat er euch mit starker Hand aus der Sklaverei in Ägypten herausgeholt, er hat euch aus der Gewalt des Pharaos, des Königs von Ägypten, erlöst. So erkennt doch: Der HERR, euer Gott, ist der wahre und treue Gott! Über Tausende von Generationen steht er zu seinem Bund und erweist allen seine Güte, die ihn lieben und sich an seine Gebote halten. Die ihn aber verachten, bestraft er mit dem Tod. Er zögert nicht, sondern gibt ihnen gleich, was sie verdienen. Darum lebt nach den Weisungen, Ordnungen und Geboten, die ich euch heute gebe! Wenn ihr sie befolgt, wird auch der HERR sich an seinen Bund mit euch halten. Ihr werdet weiter seine Güte erfahren, wie er es euren Vorfahren zugesagt hat.“
Israel nähert sich dem gelobten Land. Und stellt fest, dass dies nicht etwa menschenleer ist, sondern dass dort viele andere Völker leben. Die nicht an den Gott Israels, sondern an eigene Götter glauben. Das war auch noch die Realität, als Jahrhunderte später die Texte des 5. Buches Mose zusammengestellt und überarbeitet wurden. Das heißt, hier klingt immer die Frage an: Vermeiden wir Konflikte mit den Nachbarn und den entscheidenden Mächten und gleichen wir uns nach und nach an, oder bleiben wir bei dem, was uns speziell ausmacht und gehen damit bewusst in den Konflikt, in den Gegensatz? Das nur als Hintergrund zu dem, was wir eben gehört haben. Das Stichwort Treue hatte ich schon genannt. Lasst uns den Text einmal genauer anschauen.
„Ihr seid ein heiliges Volk – ihr gehört ganz dem HERRN, eurem Gott.“ So heißt es am Anfang. Und es wird gleich klargestellt, dass das Stichwort heilig nichts mit irgendeiner besonderen Würde oder einem besonderen Verdienst zu tun hat. Es ist die Wahl Gottes – ganz allein. Israel ist weder besonders erfolgreich noch besonders groß. Gott hat sich von Anfang an auf dieses Volk eingelassen, und er bleibt dabei. Gott und Israel – darum geht es hier. So müssen wir uns fragen, was dieser Text uns überhaupt sagen will oder sagen kann. Wir sind nicht Israel, wir sind keine Juden. Die Erwählung bezieht sich aber ausschließlich auf Israel.
Eine Übertragung eins zu eins geht tatsächlich nicht. Das haben Christen über die Jahrhunderte hinweg immer wieder gemacht und Israel sogar ihren Glauben und ihre Erwählung als Gottes Volk abgesprochen. Dieser Weg ist uns versperrt. Wir haben den Zugang durch Jesus Christus. Jesus, der selbst Jude war, wollte Gott allen Menschen nahebringen. Auch er bezog sich zunächst nur auf sein Volk, hat es dann aber geöffnet. Und spätestens mit Paulus ist das Christentum nicht mehr an eine Volkszugehörigkeit gebunden. Wir sind nicht das erwählte Volk – das ist und bleibt Israel. Aber durch Jesus gehören wir zu Gott. Alle, die an Jesus glauben, gehören zum Bereich Gottes. Einfordern können wir das nicht. Aber wir haben Gottes Zusage.
Weiter im Text: „So erkennt doch: Der HERR, euer Gott, ist der wahre und treue Gott! Über Tausende von Generationen steht er zu seinem Bund und erweist allen seine Güte, die ihn lieben und sich an seine Gebote halten.“ Hier fällt der Begriff Treue, den ich am Anfang schon genannt habe. Israel wird daran erinnert, dass Gott treu ist. Er steht zu seinem Bund, den er vor langer Zeit mit seinem Volk geschlossen hat. Und er wird daran bis in alle Ewigkeit festhalten – „Tausende von Generationen“ ist ein Platzhalter für diese Aussage. Mit diesen Worten wird umgekehrt ausgedrückt, dass Israel durch diesen Bund fest zu Gott gehört, diese Zugehörigkeit bleibt. Jeder, der durch Geburt zu Israel gehört, gehört auch zu Gott.
Bei den Christen ist das nicht so. Hier kommt wieder der schon angesprochene Unterschied zum Vorschein. Der Beginn dieser Zugehörigkeit ist für uns die Taufe. In der Taufe macht Gott ein Kind zu seinem Kind – so sagen wir gerne. Die Taufe ist das Zeichen dafür, dass wir ab jetzt zu Gott gehören. Und dass er uns seine Treue zusagt, bis zum Ende. All dies ist uns wichtig bei der Taufe. Gottes Treue, seine Begleitung, der Glaube, dass der Getaufte nun fest zu Gott gehört. Doch woran kann man das sehen? Am Anfang klingt das alles doch noch sehr theoretisch.
Ich erlebe das oft sehr eindrücklich am Ende der Lebenszeit. Wenn ein Mensch, der am Anfang seines Lebens getauft wurde, stirbt. Dann, wenn ich auf sein oder ihr Leben schauen darf, mit all seinen Brüchen und Abgründen. Immer wieder scheint dort die Treue Gottes durch. Dass der Mensch zwar dies und jenes erlebt hat, aber bewahrt geblieben ist. Dass er vieles Schöne erleben durfte, die Geburt der Kinder und der Enkel zum Beispiel. Dass er Liebe geben konnte und selbst viel Liebe empfangen hat. Dass er in seinem Leben viele Fehler gemacht hat und doch am Ende sein Leben in Frieden abschließen konnte, weil er wusste, dass Gottes Treue ihn über sein Lebensende hinaus begleitet. All das zeigt mir, dass Gott in diesem Leben immer da war, dass er zu seiner Zusage gestanden hat.
Der nächste Satz ist einer, den ich ziemlich kritisch sehe. „Die ihn aber verachten, bestraft er mit dem Tod. Er zögert nicht, sondern gibt ihnen gleich, was sie verdienen.“ Die Kehrseite der Treuezusage ist die Ansage der Vergeltung an den Feinden Gottes. Auch das ist aus dem historischen Kontext sicher zu verstehen – Israel als ein Volk, das immer bedroht war. Aber auf heute gemünzt sage ich: Diese Aussage stimmt nicht. Man sagt uns Theologen ja gerne nach, dass wir alle Aussagen der Bibel so hinbiegen können, dass es wieder passt. An dieser Stelle widerspreche ich. Die Erfahrung, und nicht nur die gegenwärtige, zeigt, dass die Feinde Gottes nie stärker bedroht waren als die Freunde. Die Strafe Gottes, die hier angesagt wird, erfolgt einfach nicht. Hier geht es ja sogar um die unmittelbare Vernichtung. Ich sage: das ist eine rein menschliche Wunschvorstellung, und zwar eine uralte. Die Guten werden belohnt, die Schlechten bestraft. Der Wunsch nach Vergeltung ist so alt wie die Menschen selbst. Aber wenn er zu irgendetwas führt, dann doch nur zu noch mehr Unrecht, Gewalt und Krieg. Gott schickt keine Strafen. Und wir werden nie ergründen, wie er am Ende mit denen umgeht, die ihn bis zum Schluss ablehnen. Wir wissen es einfach nicht.
Kommen wir zu den letzten Sätzen unseres Textes: „Lebt nach den Weisungen, Ordnungen und Geboten, die ich euch heute gebe! Wenn ihr sie befolgt, wird auch der HERR sich an seinen Bund mit euch halten. Ihr werdet weiter seine Güte erfahren, wie er es euren Vorfahren zugesagt hat.“ Zur Zusage der Treue und der Zugehörigkeit gehört natürlich auch das andere. Dass auch das Gegenüber sich daran hält. Gott hat seine Gebote gegeben, damit Israel sich daran hält. So bleibt der Bund bestehen.
Auch das mag ich nicht eins zu eins übertragen. So wie auch Jesus das nicht getan hat. Ja, wir kennen Gottes Gebote. Und Gott, der uns liebt und uns seine Treue zusagt, will, dass wir darauf mit unserem Verhalten antworten. Aber wenn Gott Gott ist, dann weiß er, wie seine Geschöpfe ticken. Er kennt die Fehler und die Schwächen der Menschen. Er weiß, dass wir immer wieder vom Weg abkommen. Hier kommt nun die Vergebung ins Spiel. Genau dafür ist Jesus ans Kreuz gegangen. Gott verlangt nicht, dass wir perfekte Christen sind, die immer alles richtig machen. Das können wir gar nicht. Aber er will, dass wir uns ihm immer wieder zuwenden und um Vergebung bitten. Und genau das können wir, weil die Zusage seiner Treue bestehen bleibt. Wir gehören zu Gott, was immer auch passieren mag. Die Taufe war der Beginn – das Ende ist nicht abzusehen. Darauf dürfen wir uns verlassen.
Amen.

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Gottesdienst von Sonntag, dem 28.06.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder nach dem Gottesdienst als Ausdruck mit nach Hause nehmen. Die Ausdrucke liegen außerdem weiterhin im Vorraum des Küsterhauses aus.

Gottesdienst am 21.06.2020, 3. Sonntag nach Trinitatis

Die letzten beiden Sonntage habe ich jeweils mit einer Frage begonnen. Hier ist die nächste: Worauf hoffen wir?
Es passt für mich gut in die Reihe der Sonntage, die nach dem Trinitatisfest begonnen haben und ganz schlicht gezählt werden. Denn jeder dieser Sonntage hat ein spezielles Thema. Alle Themen drehen sich um christlichen Glauben und christliches Leben, so auch heute. Und weil nie etwas so einfach ist, wie es scheint, habe ich dazu jeweils eine Leitfrage vorweg gestellt. Heute also: Worauf hoffen wir?
Hoffnung ist etwas ganz Entscheidendes. Nicht nur bei uns als Christen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist so ein geprägter und geflügelter Satz. Jeder Mensch hofft irgendetwas. Was hoffst du? Manchmal sind es kleine Dinge, wie „ich hoffe, dass morgen das Wetter schön ist“. Manchmal sind es nur von außen betrachtet kleine Dinge, wenn jemand hofft, dass er beim Arztbesuch von keiner ernsthaften Diagnose erfährt. Und manchmal sind es auch große Dinge: „Ich hoffe, dass die Coronapandemie abflaut und keine zweite Welle entsteht“ oder „Ich hoffe, dass die Menschheit noch die Kurve kriegt und alle Anstrengungen darauf hin leitet, dass die Klimakrise bezwungen werden kann“. Hoffnung kann eben auch bestehen, obwohl es nicht danach aussieht – wie beim letztgenannten Beispiel.
Was ist also Hoffnung? Ich glaube, so etwas wie der Lebenswille. Wer keine Hoffnung mehr hat, gibt auf. Hoffnung hält uns aufrecht, trotz allem, was uns umgibt. Worauf hoffen wir?
Den Predigttext für heute aus dem Alten Testament stelle ich auch unter das Thema Hoffnung, denn er spricht in eine trostlose Situation hinein. Ich lese die letzten Sätze aus dem Michabuch im 7. Kapitel:
„Herr, wo ist ein Gott wie du? Du vergibst denen, die von deinem Volk übrig geblieben sind, und verzeihst ihnen ihre Schuld. Du bleibst nicht für immer zornig, denn du liebst es, gnädig zu sein! Ja, der Herr wird wieder Erbarmen mit uns haben und unsere Schuld auslöschen. Er wirft alle unsere Sünden ins tiefste Meer. Herr, du wirst uns, den Nachkommen von Abraham und Jakob, deine Treue und Gnade erweisen, wie du es einst unseren Vorfahren geschworen hast.“
Erst einmal ein Blick darauf, wo hinein diese Sätze gesprochen wurden. Den Propheten Micha bezeichnen wir eigentlich als Gerichtspropheten, der dem Volk Unheil angesagt hat, weil es sich nicht an Gottes Regeln gehalten hat. Nun ist das Michabuch nicht in einem Guss entstanden, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Der Schluss des Buches, also die Sätze, die wir eben gehört haben, ist so etwas wie ein Kommentar zu dem Vorhergehenden. Inzwischen ist das eingetreten, was Micha vorhergesagt hat, die Menschen leben in einem verwüsteten Land. Der Prophet glaubt aber nicht an einen düsteren Schicksalsgott, dem nach der Verhängung des Urteils alles egal wäre. Und so spricht er Gott, seine Landsleute und die Leser des Buches gleichzeitig an und wirbt für den Gott, der Gnade walten lässt, weil er seinem Volk die Treue geschworen hat.
Worum geht es nun in unserem Abschnitt? Wichtige Stichworte sind Vergebung und Gnade. Gott ist nicht ein Gott des Zorns, sondern der Gnade, so formuliert es der Prophet. Gott verzeiht die Schuld, und er bleibt treu und erweist Gnade. Erst einmal ist das sehr nahe an dem, was wir vorhin im Evangelium gehört haben. Das so bekannte Gleichnis vom Vater und den beiden Söhnen. Auch dort sieht der Vater nicht auf das, was der jüngere falsch gemacht hat, sondern bleibt ihm als Vater treu und nimmt ihn wieder auf. Der Vater, das wisst ihr alle, steht im Gleichnis für Gott, unseren Vater. Wenn wir aber genauer hinschauen, handelt Gott dort trotzdem ganz anders, als er uns in den Sätzen des Micha entgegenkommt. Während im Evangelium Gott als der geduldig Wartende und sanftmütige Vater erscheint, der sogar den Zorn des Älteren aushält und ihn auf seine Liebe zu beiden Söhnen hinweist, ist der Gott, den Micha beschreibt, äußerst leidenschaftlich. Wir können das durchaus als Zornesausbruch ansehen, wenn Gott wie ein Wilder auf der Schuld herumtrampelt, wie es im Original heißt, und die Sünden nimmt und bis in die äußerste Tiefe des Meeres schleudert. Da ist Druck hinter.
Aber es ist eben kein Zorn gegen die Menschen, sondern gegen das, was seine Menschen von ihm trennt. Gott streitet für und um seine Menschen.
Und noch etwas fällt mir bei diesen Zeilen im Vergleich zum neutestamentlichen Gleichnis auf. Während Jesus dort eine Aussage über Gott macht: So ist Gott zu euch, nämlich wie ein liebender Vater – sind für mich die Zeilen des Micha eher eine Beschwörung: Du bleibst nicht immer zornig! – Du wirst wieder Erbarmen mit uns haben! – du wirst uns deine Treue und Gnade erweisen! Das sind Dinge, die die Leute im Umfeld Michas gerade nicht erlebten. Wie gesagt, es ging ihnen ziemlich schlecht. Und Micha wohl auch. Und so hält er sich an das, was er aus den Schriften herausliest, und was er von Gott erfahren hat. Er erinnert geradezu Gott an das, was der seinem Volk zugesagt hat. Gott, wie war das mit den Zusagen gegenüber Abraham und Jakob? Also sei bitte auch so! Was hinter diesen Zeilen damit aufscheint, ist Hoffnung. Eben diese Hoffnung, die bestehen bleibt, obwohl die Wirklichkeit gar nicht danach aussieht. Micha hält sich an der Hoffnung auf einen gnädigen und vergebenden Gott fest. Gott wird so sein, auch wenn wir unsere Zeit gerade anders erleben, so scheint er zu sagen. Das heißt, Micha wünscht sich auch seinen Gott als einen, der leidenschaftlich für seine Menschen streitet.
Ich nehme noch eine andere Bibelstelle mit hinein, nämlich den Wochenspruch. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Ich habe ihn am Anfang des Gottesdienstes schon genannt. Auch das Wort Verloren klingt den Gottesdienst über mit. Das Gleichnis aus dem Evangelium wird gern mit „Der verlorene Sohn“ überschrieben. Hier klingen also Menschen an, die sich verloren haben. Die den Bezug zum Vater verloren haben und sich in Beziehungen hineingeben, die nicht gut für sie sind, ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen. Verlorene können Einzelne sein, aber auch ganze Menschengruppen. Verloren sind zum Beispiel die, die unter Kriegszuständen leben müssen. Verloren sind die, die keine Hoffnung mehr haben. Verloren sind auch die, die keine Stimme haben, die nicht gehört werden. Verloren sind also schließlich ebenfalls die, die die Worte des Micha gehört haben, an die diese Worte gerichtet waren.
Das bringt mich zur Frage, wie wir mit den Sätzen umgehen. Dürfen wir uns Verlorene nennen, sind wir gemeint, wenn gegen den Augenschein gehofft und angepredigt wird? Uns geht es durchschnittlich gesehen gut. Aber wie ist das mit der immer noch aktuellen Situation? Die meisten von uns sind nicht unmittelbar betroffen, doch die Pandemie stellt trotzdem für alle eine Bedrohung dar. Und eine noch viel größere Bedrohung ist der fortschreitende Klimawandel, auch wenn wir den manchmal gar nicht auf dem Schirm haben. Auch würde ich bei dem Stichwort Verloren nicht nur von den verlorenen Menschen sprechen wollen, sondern auch von dem Verlorenen in uns. Von dem, was uns runter zieht, was uns beschwert, was uns fertig macht. Von dem, was uns von Gott trennt, weil wir uns von vielen Sachen nicht trennen können, auch von schlechten Eigenschaften nicht. Von dem, wo wir Aussetzer haben, wo wir nicht mehr nachdenken.
Auch wir brauchen den, der das Verlorene sucht. Auch wir brauchen den, der unsere schwarzen Anteile niedertrampelt und wegwirft. Auch wir brauchen den, an dem wir uns festhalten können, weil er uns und unseren Vorfahren seine Treue und Gnade zugesagt hat. Auch wir brauchen den, auf den wir vertrauen können, obwohl alles um uns herum gar nicht nach Hoffnung, sondern nach Verzweiflung aussieht.
Worauf hoffen wir? Ich würde sagen: Darauf, dass Gott letztlich alles zum Guten führen wird. Dass er mich nicht fallen lässt, sondern in meinem Leben an meiner Seite bleibt. Darauf, dass er meine verlorenen Anteile aufspürt und sich darum kümmert, dass ich ohne sie leben kann. Dass er uns alle, seine ganze Schöpfung in seinen Händen hält. Und so dürfen wir uns an ihn wenden und ihn darauf festnageln, wie Micha es getan hat: „Herr, du wirst uns deine Treue und Gnade erweisen, wie du es einst unseren Vorfahren geschworen hast.“
Amen.

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Predigt von Sonntag, den 21.06.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
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Gottesdienst am 21.06.2020, 2. Sonntag nach Trinitatis

Wohin gehen wir? Schon am letzten Sonntag habe ich mit einer Frage begonnen, nämlich: Wie leben wir? Heute also: Wohin gehen wir? Angelehnt an den Spruch: Wer weiß, wo das alles noch hinführt… Die Frage können wir in der aktuellen Situation schon stellen. Auch wenn bei uns das Virus zur Zeit zurückgeht – an anderen Orten der Welt geht es heftig weiter. Und auch bei uns ist ja eine zweite Welle nicht ausgeschlossen. Wohin führt das alles? Was steht uns noch bevor? Die Frage können wir genauso auf die Entwicklung des Klimas beziehen. Der Wandel hat längst begonnen, die Warnzeichen werden immer deutlicher, und doch tun die meisten Staaten immer noch so, als ob sie das alles nichts angehe. Wohin gehen wir?
Die Frage können wir auch allgemein stellen: Wohin gehen wir, wohin gehst du, wohin gehe ich? Was ist dir wichtig? Was hast du für ein Ziel? Worauf gehst du zu? Das betrifft jeden, glaube ich. Diese Frage gehört sicherlich zum Menschsein dazu. Meist beschreiben wir das Leben als einen Weg, das Wort Lebensweg ist überaus gebräuchlich. Das heißt, in unserem Leben sind wir unterwegs. Aber wohin?
Der heutige Sonntag spricht eine Einladung aus: Kommt her zu mir, spricht Jesus. Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus davon erzählt, dass jemand zu einem Festessen einlädt, aber die Geladenen sich alle entschuldigen. Da lädt er andere ein, und die ursprünglich Eingeladenen müssen draußen bleiben. Jesus benutzt dies als ein Bild für Gott. Der uns alle einlädt, aber nicht alle kommen. Wir sind eingeladen, aber die Entscheidung liegt bei uns. Wohin gehen wir?
Der Wochenspruch formuliert ebenfalls eine Einladung – wir haben ihn am Anfang schon gehört. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Jesus lädt ein, zu ihm zu kommen. Dieser Vers stammt aus dem Predigttext für heute. Ich lese den Abschnitt aus Matthäus 11 in einer modernen Fassung:
„Jesus betete: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast. Ja, Vater, das war dein Wille, so hat es dir gefallen. Mein Vater hat mir alle Macht gegeben. Nur der Vater kennt den Sohn. Und nur der Sohn kennt den Vater und jeder, dem der Sohn ihn offenbaren will. Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab. Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.«“
Jesus tut hier drei Dinge. Zunächst spricht er Gott direkt an und preist ihn. Dann spricht er von sich im Verhältnis zu seinem Vater, gibt an, mit welcher Vollmacht er spricht. Und schließlich spricht Jesus eine Einladung aus: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“ Schauen wir uns diesen Vers einmal genauer an.
Kommt her zu mir. Jesus will, dass wir zu ihm kommen. Interessant, wo er doch sonst immer selbst zu den Menschen hingegangen ist. Er lädt also zu sich ein. Und meint damit sicherlich nicht einen Ort, sondern seine Nähe. Hier spricht also deutlich der Auferstandene mit, der gesagt hat: Siehe, ich bin bei euch. Jesus will mit uns Gemeinschaft haben. Aber er will auch, dass wir dies selbst entscheiden, uns also eigenständig zu ihm auf den Weg machen.
Als nächstes folgt das Wort „alle“. Jesus, der im Auftrag Gottes spricht, unterscheidet nicht, er wendet sich allen Menschen zu. Jeder kann zu ihm kommen. Für jeden steht die Tür offen. Die Entscheidung, wer das dann tatsächlich alles ist, trifft nicht Jesus, sondern der angesprochene Mensch selbst. Da sind wir wieder in der Nähe der Geschichte aus der Lesung, wo auch die Menschen entscheiden und nicht Gott. Angesprochen sind sie alle.
Dann spricht er sie als die an, „die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet!“ Die Lutherübersetzung benutzt die bildliche Wendung „die ihr mühselig und beladen seid“. Gemeint waren damals die Lasten, die die religiösen Autoritäten den Menschen auferlegt hatten. Das Halten jeglicher Gesetze, die ständige Überwachung, ob das auch geschieht. Jesus ging es in allem um Gott, darin war er sich mit seinen Gegnern, den Schriftgelehrten und Pharisäern einig. Aber er betrachtete deren Vorgaben als den falschen Weg, näher zu Gott zu kommen.
Die Leute hatten nur die vielen Vorschriften und Regeln vor Augen, nicht mehr den liebenden Vater, von dem Jesus so sehr überzeugt war. Mit religiösen Lasten mühen wir uns heute kaum noch ab. Das heißt aber nicht, dass wir keine hätten. Dazu komme ich gleich noch.
Schließlich sagt uns Jesus in seinem Einladungsruf, was er mit uns vorhat: „Ich werde euch Ruhe geben“. Andere Übersetzungen formulieren hier: Ich nehme euch eure Lasten ab. Jesus will nicht, dass wir uns abmühen wie in einem Hamsterrad. Er bietet uns eine einfacheren Weg zu Gott an. Die Wendung „Ruhe geben“ weckt Sehnsüchte. Raus aus dem Trott. Kein Stress mehr, kein Druck mehr. Nicht mehr tun müssen, sondern höchstens tun wollen. Jesus weiß, dass Gott ihn und uns liebt, und so bietet er Zuflucht. Pause machen.
„Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet!“ Welche Lasten tragen wir? Da fällt euch sicherlich ganz viel ein. Da sind zum einen Ängste. Die Angst vor dem Virus gehört auf jeden Fall dazu – etwas, das sich unbemerkt einschleicht und größte Kreise zieht. Da kann man schon Angst kriegen. Auch die Angst vor dem Klimawandel ist so etwas. Wie leben wir in zehn Jahren? Wie wird es meinen Kindern gehen? Gibt es noch eine Rettung? Ein weitere Last ist der Druck, den wir uns im Alltag machen und auch der, der uns gemacht wird. Anforderungen durch den Arbeitgeber. Gesellschaftliche Anerkennung. Innere Ansprüche an sich selbst. Diese Form der Last hat schon manchen zu Boden gedrückt. Auch aus- oder unausgesprochene Verhaltensregeln können belasten. Da fällt euch hier in Wahrenholz sicherlich einiges ein.
Was bietet Jesus uns nun? Er will uns die Lasten abnehmen, beziehungsweise er will uns Ruhe geben. Macht er dann alles? Den Job, die gesellschaftlichen Verpflichtungen und so weiter? Sicher nicht. Es ist mehr ein Erleichtern, das Jesus uns anbietet. Bei Luther heißt es im nächsten Vers: „Nehmt auf euch mein Joch“. Da war ich doch zunächst verwirrt. Er will uns die Last abnehmen und legt uns ein Joch auf? Als Kind habe ich immer ein Joch vor Augen gehabt, dass zwei Ochsen getragen haben, um den Pflug zu ziehen. Nicht dass ich schon so alt bin oder überhaupt von Landwirtschaft Ahnung gehabt hätte. Das waren Bilder, die sich mir eingeprägt haben, vielleicht aus meiner Kinderbibel. Und dann dachte ich: So ein Joch soll ich jetzt tragen? Das ist ja noch schwerer.
Aber man lernt ja dazu. Ein Joch ist nämlich dazu dagewesen, die Lasten, die es zu tragen galt, besser zu verteilen und so dem Träger zu erleichtern. Jesus sagt also, dass es mit seiner Hilfe leichter ist, unsere Lebenslasten zu tragen. Die, die wir nicht brauchen, nimmt er uns ab, und die anderen trägt er mit.
Apropos Lernen: Jesus fordert uns gleichzeitig auf, von ihm zu lernen. Nämlich seine Art, mit dem Leben umzugehen. Er sagt: „ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab.“ Was also lernen wir? Zum Beispiel seine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Vater, zu unserem Gott. Lernt, Vertrauen zu haben. Schon das erleichtert euch vieles, sagt Jesus. Damit lernen wir gleichzeitig eine Sorglosigkeit für das Alltägliche. Macht euch nicht immer so einen Kopf! Gott sorgt schon für euch. Wir lernen, frei zu werden für andere. Nehmt euch selbst nicht so wichtig, achtet aufeinander, im anderen Menschen begegne ich selbst euch. So sollen wir einen Blick für das Wesentliche bekommen. Der Blick auf das, was Gott mit uns vorhat.
Wohin gehen wir, hatte ich gefragt. Am besten zu Gott und zu Jesus, so müsste hier die Antwort lauten. Denn wir sind unterwegs, ob wir wollen oder nicht. Aber wir können uns aussuchen, ob wir alle Last selber tragen wollen oder ob wir zu jemandem gehen, der uns einen Gutteil davon abnimmt. Ob wir uns selbst mit unseren Zukunftsängsten herumschlagen, oder ob wir sie Gott anvertrauen und in seine Hände legen. Der Weg hin zu Gott gibt uns das Ziel vor, wir müssen nicht ziellos umherirren. Und wenn die Wegstrecke zu anstrengend wird, biegen wir ab und folgen der Einladung Jesu: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“
Amen.

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Predigt für Sonntag, den 14.06.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder an den bekannten Stellen als Ausdruck mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst am 14.06.2020, 1. Sonntag nach Trinitatis

Wie leben wir? – Warum diese Frage? Leben tun wir doch ohnehin, das ergibt sich schon irgendwie. Ich stelle sie trotzdem: Wie leben wir? Das ist nämlich nicht zwangsläufig oder egal. Die Corona-Krise hat das ans Tageslicht gebracht. Die vielen Selbstverständlichkeiten, die wir vorher einfach mitgenommen haben, waren auf einmal nicht mehr möglich. Ungezwungenes Shoppen, Café-Besuch, Partys. Das stellte uns plötzlich vor die Frage, was wir denn jetzt mit der uns gegebenen Zeit anfangen? Und wo wir die Prioritäten setzen.
Und ich glaube, es geht hier nicht nur um Vorlieben und konkrete Dinge. Es geht um eine generelle Lebenshaltung – auch das hat Corona gezeigt: Leben wir nur auf uns bezogen, sind die Menschen um uns herum nur unausweichliches und manchmal ärgerliches Beiwerk auf unserem Weg der Selbstverwirklichung? Oder leben wir bewusst miteinander, stellen wir uns auch mal zurück, weil es für unsere Mitmenschen wichtig ist? Ich nenne nur Mindestabstand und Mundschutzpflicht…
Jetzt die Frage noch einmal spezieller gestellt: Wie leben wir als Christen? Gibt es Unterschiede zu anderen Menschen? Wenn ja, warum? Und wenn nicht, was zeichnet uns dann als Christen aus? Eine Sache kann ich schon mal vorwegstellen: Wie wir leben und wie wir uns verhalten, sollte immer in Gottes Wort gegründet sein. Die zehn Gebote, die Worte Jesu und vieles mehr. Doch wie lebt es sich damit konkret? Lebt der Mönch genauso wie der christliche Manager? Was ist christliches Leben? Reicht es, sich mit einer Bibel in der Hand vor eine katholische Kirche zu stellen, während hunderte von Leuten extra dafür mit Tränengas und Knüppeln vertrieben werden? Oder ist da noch mehr?
Schon die Epistel für heute, die wir vorhin gehört haben, hat deutliche Worte gefunden: „Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner.“ Der Predigttext für heute wird noch deutlicher. Er liefert ein sehr konkretes Beispiel dafür, wie Christen miteinander leben können. Ich lese einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte im 4. Kapitel:
„Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam. Mit großer Überzeugungskraft berichteten die Apostel von der Auferstehung des Herrn Jesus, und alle erlebten Gottes Güte. Keiner der Gläubigen musste Not leiden. Denn wenn es an irgendetwas fehlte, war jeder gerne bereit, Häuser oder Äcker zu verkaufen und das Geld den Aposteln zu übergeben. Die verteilten es an die Bedürftigen. Josef, ein Levit aus Zypern, gehörte auch zu denen, die ihr Hab und Gut zur Verfügung stellten. Die Apostel nannten ihn Barnabas, das heißt übersetzt: »der anderen Mut macht«. Er verkaufte seinen Acker und überreichte das Geld den Aposteln.“
„Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele.“ Wow! Sehen wir uns eine normale Kirchengemeinde an, stellen wir fest, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Aber schauen wir einmal genauer hin. Es geht um die Anfänge der christlichen Gemeinde. Lukas beschreibt speziell die christliche Gemeinschaft in Jerusalem. Und zwar in der allerersten Zeit. Da gehört die Begeisterung des Anfangs zweifelsohne dazu. Sie alle waren Teil von etwas ganz Neuem, sie waren erfüllt von Gottes Wort und dem, was wir den Heiligen Geist nennen. Und noch standen die großen Konflikte mit der jüdischen Gemeinschaft bevor, sie konnten relativ unbehindert ihr neues Leben gestalten.
Was war das für ein Leben? Sie lebten gemeinsam, aber nicht etwa zusammen. Von einer Art Kommune kann also nicht die Rede sein. Weiterhin lebten sie jeweils in ihren eigenen Häusern. Aber sie trafen sich regelmäßig, um zu beten und miteinander Abendmahl zu feiern – davon wird im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet. Wir sprechen also nicht von einer Hausgemeinschaft, wohl aber von einer Gütergemeinschaft. „Alles gehörte ihnen gemeinsam“. Wie sah das konkret aus? Ich glaube nicht, dass sie alle Dinge und Besitztümer durchgetauscht haben. Oder es eine Enteignung gab und alles an einer zentralen Stelle gelagert wurde. Eher so, dass, wenn jemand ein bestimmtes Haushaltsgerät brauchte und ein anderer dieses besaß, dieses ihm zur Verfügung gestellt wurde. Du musst nach Gifhorn, hast aber gerade kein Auto zur Verfügung. Also gebe ich dir mein Auto, weil ich es im Moment nicht brauche. Ein flexibler Umgang mit den Dingen, die vorhanden waren. Das war das eine.
Das andere war der Umgang mit Geld und größerem Besitz. Schon die erste Gemeinde in Jerusalem war eine bunte Mischung von Menschen aus allen Schichten. Da gab es Menschen, die irgendwie zusehen mussten, wie sie den nächsten Tag überleben, als auch Leute, denen es wirtschaftlich außerordentlich gut ging. Der entscheidende Unterschied zu allen anderen Bewohnern Jerusalems war nun, dass sie nicht darauf achteten, was sie selber hatten. Sondern dass sie besonders darauf schauten, was jeder aus ihrer Gemeinschaft zum Leben benötigte. Also wurde, wenn jemand unterstützt werden musste, auch mal ein Grundstück verkauft, oder von denen, die mehrere Häuser besaßen auch solch ein Gebäude veräußert. Alles zum Wohl der Gemeinschaft.
Entscheidend war bei dieser Gütergemeinschaft, dass alles freiwillig geschah. Keiner, der etwas besaß, musste das abgeben. Keiner, der mehrere Häuser hatte, musste diese verkaufen. Getragen waren sie alle von der Nächstenliebe, die Jesus gepredigt hatte. Von seinem kritischen Blick auf den Besitz. Von der Erkenntnis, dass sie im Glauben an den Herrn zusammengehörten. Damit wurde Privatbesitz zweitrangig, das Wohl der Gemeinschaft stand im Vordergrund.
Ein Blick auf den Anfang des Christentums. Und heute? Wer lebt noch so? Geht das überhaupt noch? Ja, es geht tatsächlich. In den Klöstern schaut man auf eine lange Tradition gemeinsamen Besitzes zurück. Und auch in den evangelischen Kirchen gibt es Lebensgemeinschaften, die bewusst ihren Besitz teilen. Es gibt Kommunitäten, die ähnlich wie ein Kloster funktionieren. Und es gibt auch außerhalb von Kirche immer wieder Projekte gemeinsamen Lebens. Seien es die Kommunen, zum Beispiel im Wendland. Oder Formen solidarischer Landwirtschaft, wo ein bäuerlicher Betrieb von einer Gemeinschaft von Haushalten getragen wird, die einen regelmäßigen Jahresbeitrag zahlen und dafür dieses Jahr lang mit Lebensmitteln versorgt werden. Also nicht nach dem Motto: Soviel ich kann, sondern: soviel du brauchst.
Aber das sind Einzelne. In den „normalen“ Kirchengemeinden sind wir davon weit entfernt. Dieser Bibeltext und auch viele andere fordern uns heraus. Sie stellen uns immer wieder die Frage: Wie leben wir? Wie sollen wir als Christen leben, und wie können wir leben? Gerade in der heutigen Zeit, die so sehr vom Kapitalismus durchzogen ist wie noch keine andere. Wo es zum Standard gehört, mindestens ein Auto vor der Tür stehen zu haben, und möglichst vom hiesigen Arbeitgeber der gesamten Region.
Wie leben wir? Die Leitschnur für uns Christen ist und bleibt das Evangelium. Die Worte Jesu, der gesagt hat: Ihr sollte keine Schätze auf der Erde sammeln. Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott dienen und euch dem Besitz hingeben. Oder nehmen wir die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg, die Jesus erzählt hat. Wo der Weinbergbesitzer die Arbeiter nicht nach ihrer Leistung bezahlt hat sondern nach dem, was sie brauchen. Dass also nicht der Vergleich und das Nebeneinander zählen, sondern das Miteinander. Jedem das, was er braucht. Und schließlich ist da das Gebot, dass ich gefühlt jeden Sonntag wiederhole: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben mit all deiner Kraft. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn wir das ernst nehmen, wird unser Leben anders aussehen.
Nein, vermutlich können wir in unserer Kirchengemeinde nicht alle wie in einer großen Lebensgemeinschaft leben. Aber wir können damit anfangen, zuerst auf das Miteinander zu achten. Was brauchst du gerade? Wir können anfangen, solidarisch zu sein. Und wenn es gelingt, ist dies ein eigenes Lebensprinzip. Dann huldigen wir nicht mehr dem Kapitalismus. Dann ist das Anhäufen von eigenem Besitz nicht mehr wichtig. Übrigens hört das Miteinander leben, das Aufeinander achten, nicht bei den Menschen auf.
Auch Tiere sind kein Besitz, sondern gehören in die Gemeinschaft mit hinein. Auch die Natur ist nicht dafür da, dass wir sie auslaugen, sondern sie gehört sich selbst. Wir dürfen sie höchstens nutzen.
Vorschreiben kann und will ich nichts. Deshalb ende ich mit der Anfangsfrage und bitte euch, diese mitzunehmen: Wie leben wir?
Amen.

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