Gottesdienst am Sonntag, den 11.04.2021

Liebe Gemeinde,

heute dürfen Sie zum ersten Mal einen Gottesdienst im Videoformat erleben.  Weiterhin finden Sie den biblischen Impuls hier zum Nachlesen, als Download und wie sonst auch als Ausdruck zum Mitnehmen an den bekannten Stellen.

Download Andacht pdf

Ein herzlicher Gruß zum
Sonntag der neugeborenen Kinder „Quasimodogeniti“.
Der Sonntag trägt diesen lateinischen Namen, weil er durch einen Vers aus dem 1. Petrusbrief 2,2 geprägt ist:
„Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien,
sollt ihr nach der unverfälschten Nahrung
von Gottes Wort verlangen.
Durch sie wachst ihr im Glauben heran,
sodass ihr gerettet werdet.“

In diesen Tagen der Pandemie erleben wir deutlicher als je zuvor, wie sehr wir unverfälschte Nahrung benötigen. Nahrung die uns kräftigt, uns zuversichtlich auf die kommende Zeit blicken lässt: auf den Weg, den wir noch vor uns haben. Einige von uns sind bereits geimpft und fühlen sich vielleicht sogar schon wie die neugeborenen Kinder. Voller Elan und Zuversicht im Hinblick auf ein Ende der Pandemie.
Wir ahnen, dass es bald vorüber sein wird: die Abstände zwischen uns, die Masken. Bald werden wir gewiss wieder gemeinsam singen können.

Du Quelle des Lebens:
Wie sich die Blume
der Sonne öffnen,
so möchten wir blühen unter deiner Liebe. 

BIBLISCHER IMPULS 

Zukunftsmut, liebe Christen-Gemeinde,
brauchen wir so nötig wie das tägliche Brot. In diesen Zeiten mehr denn je. Wenn uns dieser Mut fehlt, spüren wir das sehr deutlich am Blues, der uns dann überkommt. Die Medizin spricht von Corona-Fatigue. Das heißt, wir funktionieren zwar weiterhin mehr schlecht als recht, kommen unseren tagtäglichen Verpflichtungen nach, und sei es aus dem Homeoffice, vertreiben uns zuweilen die Zeit, aber das alles, um bloß nicht nachdenken zu müssen oder gar ins Grübeln zu kommen. Coronamüdigkeit allenthalben. Leben, wirklich leben sieht anders aus. Corona hat unsere Lebensader verletzt. 

Was tun? Zukunftsmut kann man uns selbst das KaDeWe nicht verkaufen. Auch das „Positive Denken“ von Norman Vincent Peale wird es nicht herbeizwingen oder herbeizaubern. 
Da braucht es, was wir als Kinder so geliebt haben: Geschichten, Hoffnungsgeschichten- Ostergeschichten, Wachküssgeschichten. An ihnen kann sich unser Zukunftsmut neu entzünden. Ich schlage vor, wir lassen uns gemeinsam auf eine der schönsten Osterschichten ein, die die Bibel für uns bereithält. Und wir begeben uns auf einen Weg nach innen. Keine Sorge, wir werden auch Pausen einlegen. Und zwar an sieben Stationen halten wir inne.

Station 1: 
„In dieser Nacht fingen sie nichts“

Die Jünger fahren nachts wie gewohnt zum Fischen hinaus. Das ist ihr Alltag, darin sind sie Profis. Doch in dieser Nacht hat sie das Glück verlassen. Kein einziger Fisch zappelt im Netz. Alle Mühe umsonst! Das sind bittere Momente im Leben. Wenn man die Vergeblichkeit so hautnah erfährt. Wie schnell schwindet da der Zukunftsmut. 
Was fällt Ihnen dazu ein? Lassen Sie sich Zeit …

Die vielen vergeblichen Nächte, die vielen vergeblichen Tage! Vergebliche Lebenszeit. Gut, wenn wir es uns selber eingestehen und auch einander eingestehen. Dann gehen wir barmherziger miteinander um. 

Station 2: 
„Da es aber jetzt Morgen war, stand Jesus am Ufer“

Die Jünger meinten, sie seien allein, als sie mit dem Schiff hinausfuhren, sie seien allein, als sie die Netze leer aus dem Wasser zogen, sie seien allein, als sie bitter enttäuscht heimkehrten – aber der Schein trügt. In Wirklichkeit hatte er, der auferstandene Christus, alles vor Augen und war immer dabei. Er stand am Ufer. Er war ihnen viel näher als sie ahnten, als sie wussten. 

Mag sein, dass manch einer unter uns angefochten ist durch Erfahrungen der Vergeblichkeit. Mag sein, dass einer auch denkt: das Schlimmste dabei ist, dass ich allein bin, mutterseelenallein. – Aber jene Ostergeschichte vom See sagt ihm, sagt ihr: Ich weiß es anders. Er steht auch bei dir am Ufer, wenn du zurückkehrst mit leeren Händen und trostlosem Herzen – und empfängt dich. Auch deine erfolglose Nacht, die sich so endlos dahin zieht, ist vor seinen Augen. 
Eine Nacht, von der man das weiß, ist anders, ein Tag, von dem man ahnt, dort steht er am Ufer, ist anders. Und auch die letzte Nacht, die ein jeder noch vor sich hat und durchschreiten muss, die Nacht des Todes, ist anders, wenn einer weiß: Wenn es Morgen ist, steht Jesus am Ufer. 

Station 3: 
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

Liebevoll, aber auch entwaffnend direkt spricht sie der Fremde vom Ufer aus an. Habt ihr etwas, das euch nährt? Habt ihr eine Hoffnung, die Enttäuschungen standhält? „Kinder“ nennt er sie. Erwachsene Männer werden zu Kindern. Die Jünger spüren: In der Nähe dieses Unbekannten brauchen wir uns nicht zu verstellen, wir können ehrlich sein wie Kinder. Und so kommt ohne Ausflüchte und Beschwichtigungsformeln ihr „Nein“. Sie trauen sich, dem ins Auge zu sehen, dass sie nichts in der Hand haben – und dass eine große Leere in ihnen ist. 

Jesus hört nicht auf zu fragen. Er fragt auch uns – als Einzelne, als Gemeinschaft, als Kirche: Habt ihr etwas, das euch nährt? Spielt in eurem Alltag Ostern eine Rolle? Steckt ihr euch gegenseitig mit Zukunftsmut an? 

Müssen wir nicht auch schlicht „Nein“ sagen? „Nein, Jesus, eine kraftvolle, widerstandsfähige, robuste Hoffnung haben wir nicht.“
Und wäre es um unsere evangelische Kirche nicht besser bestellt, wenn sie den Mut fände, ehrlich einzugestehen: „Auch unter uns geht so viel Verzagtheit um. Oft besitzt uns der Geist der Furcht; keine Spur vom Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Ja, wir haben Sorge um die Zukunft unserer Kirche und düstere Zukunftsprognosen lassen uns erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange.“ 
 
Solch ein ungeschminktes Eingeständnis hat etwas Befreiendes. Wie gut tut es, uns nicht glaubensstärker und hoffnungsvoller hinzustellen, als wir sind. Natürlich erscheinen wir dann nach außen nicht mehr als so perfekt. Da sind Sprünge und Löcher und Ritzen in der Außenfassade. Aber gerade durch diese Öffnungen kann Gottes Geist wirken. 

Zurück zur Geschichte: Der Erzähler hält die Spannung aufrecht, indem wir als Hörer bzw. Leser mehr wissen als die Jünger. Für uns ist längst klar: der Unbekannte am Ufer wird sich als Jesus herausstellen. Aber für die Jünger ist er noch ein Fremder. Sie spüren zumindest: In seiner Nähe brauchen wir uns nicht zu verstellen. Sie spüren es und erkennen ihn doch nicht. 
Und genau darin sind sie uns wieder ganz nah. Wie oft kommt Jesus uns entgegen, spricht zu uns und wir erkennen seine Stimme nicht? Möglicherweise erkennen wir ihn deshalb nicht, weil sein Wort unserer Menschenlogik ab und zu kräftig widerspricht.

Station 4: 
„Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden…“

Was für eine verrückte Aufforderung! Warum sollten denn auf der anderen Seite des Kiels mehr Fische sein? Und überhaupt: Jetzt ist doch Tag, da fischt kein vernünftiger Mensch. Aber die Jünger geben diesem Zweifel nicht statt. Sie reagieren voll Vertrauen – wie Kinder – und lassen sich auf das ein, was ihnen der fremde und doch vertrauenswürdige Mann vom Ufer aus zuruft. 

Machen wir uns darauf gefasst, dass uns der Ruf des Auferstandenen mitunter verrückt vorkommen mag. Aber wir leben in einer Welt und oft auch in einer Kirche, die sich ohne ihn eingerichtet hat, die plant und handelt, als ob es Ostern nie gegeben hätte. 

Und das ist dann immer wieder auch unser Elend: dass wir auch als Kirche festsitzen in alten Denkmustern und kirchenpolitischen Fronten, in Besitzstandswahrungsmentalität und Angst, zu kurz zu kommen. 
Aber seien wir dessen gewiss: Wenn der auferstandene Christus sich einmischt und zu Wort meldet, dann hält er sich daran nicht. Dann mutet er uns zu, ausgefahrene Geleise zu verlassen, einen neuen Blick zu wagen, das Netz – mitten am Tag – zur Rechten auszuwerfen. Hören wir ihn dann? Haben wir so viel Zutrauen zu seinem Wort?

Station 5: 
„Da warfen sie das Netz aus und konnten´s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische“

Es mutet einen fast wie ein Märchen an: In der Nacht leere Netze und jetzt machen sie den Fang ihres Lebens. So etwas haben sie noch nie erlebt. Was ist da passiert? Was für ein Geheimnis verbirgt sich hier?

Die berstend vollen Netze weisen darauf hin, dass in Jesus das Leben sich in einer Fülle, einem Reichtum zeigt wie noch nie. In ihm kommt ein Leben ans Licht, das auch von bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen, ja nicht einmal vom Tod aufgehalten werden kann. 
Und darum geschieht durch ihn etwas Umstürzendes. Wir kennen die eine Reihenfolge – und sie scheint unabänderlich: Leben und dann der Tod, auf das Werden folgt das Vergehen, die Hoffnungen blühen auf und viele davon scheitern dann doch. Aber der auferstandene Christus wendet die Reihenfolge um: Nicht Leben und Tod – Tod und Leben heißt es nun, seit Christus erstanden ist. Davon erzählt unsere Ostergeschichte, von dieser umgedrehten Reihenfolge. Nicht Hoffen und dann am Ende Müdesein, Enttäuschung und verlorener Zukunftsmut – nein, leere Hände zwischendurch und die Erfahrung der Vergeblichkeit, und doch Hoffnung und doch der Morgen, und doch ein Beginnen neu unter Gottes Angesicht und mit neuem Zukunftsmut. 

Auf was läuft alles hinaus? Was steht am Ende? Was darf ich hoffen? Leben und dann der Tod oder umgekehrt: Tod und dann das Leben? Die vollen Netze sind ein großes Versprechen: Am Ende triumphiert das Leben. Der auferstandene Christus bürgt dafür. Und daran kann sich unser Zukunftsmut wieder neu entzünden.

Station 6: 
„Da Simon Petrus hörte, dass es der Herr war… warf er sich ins Wasser“. 

Ist das nicht eine wunderbare Szene? Als es Simon Petrus dämmert, dass der Unbekannte am Ufer Jesus ist, da hält ihn nichts mehr, da stürzt er sich ins Wasser und schwimmt ihm entgegen, so schnell er kann. Er schwimmt an ein neues Ufer, in ein neues Leben hinein. 

Petrus und Judas haben beide versagt. Aber sie gehen ganz gegensätzlich damit um – und halten uns so einen Spiegel vor. Judas zieht sich zurück, versucht verzweifelt, allein mit seiner Schuld fertig werden – vergeblich. Er sieht keine Zukunft mehr für sich und zieht eine schreckliche Konsequenz. 

Anders Petrus, der Fels, der, als es darauf ankam, eher wie bröselndes Gestein war: Dieser Petrus kapselt sich nicht ab mit seinem Versagen, sondern wirft sich ins Wasser – Christus entgegen. Sein Vertrauen ist stärker als seine Angst, stärker als seine Scham. Und was passiert? Er blitzt nicht ab. Im Gegenteil. Ihm wird sein Leben neu geschenkt. Das Licht des Auferstandenen kommt ihm von vorne entgegen – die Schatten des Vergangenen weichen. Er kann mit Mut in eine neue Zukunft hineingehen. 

So bekommt Simon Petrus Anteil an diesem Leben in Fülle, das in Christus erschienen ist. Einem Leben, das auch durch Schuld und Versagen nicht zerstört werden kann. 

Station 7: 
„Da spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl!“

Das ist der Höhepunkt der ganzen Erzählung: die gemeinsame Mahlfeier zum Schluss. Keine Frage, wer der Gastgeber ist. Jesus lädt die Seinen ein. Er teilt an sie Brot und Fische aus. 
Aus seinen Händen empfangen sie, was Leib und Seele satt macht, was ihre Hoffnung, ihren Zukunftsmut nährt. 

Was sie erleben, setzt sich fort, wenn wir Abendmahl feiern. 
Wenn wir zum Abendmahl kommen, sind wir oft gezeichnet von Nächten und Tagen der Vergeblichkeit. Wir kommen manchmal mit wenig oder gar ohne Zukunftsmut. Doch Christus lädt uns alle an seinen Tisch, Erfolgreiche und Erfolglose, Glückliche und mit sich und anderen Hadernde. Er ist der Gastgeber. Er ist die Mitte. Und er teilt von seinem Leben aus an uns: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ 

Er teilt aus von diesem Leben in Fülle, das voller Zukunft ist, weil keine Enttäuschung, keine Schuld, ja nicht einmal der Tod es aufhalten können. Es soll neu in unser Herz eingepflanzt werden:  
Nicht Leben und dann Tod, sondern Tod und Leben. Manchmal machen wir ja jetzt schon Auferstehungserfahrungen und erleben, dass wir aus Niederlagen und schmerzlichen Verlusten verwandelt ins Leben zurückkehren und wir mitten in der Gefahr, mitten im Tod vom Leben umfangen sind. Am Ende wartet das Festmahl – Inbegriff des Lebens in Fülle -, das Festmahl in Gottes Reich auf uns. Es wirft seine Strahlen voraus. Darum: Fasst Mut! Es lohnt sich, unsere Hoffnung festzuhalten. Amen.