Meditation zum Ostersonntag, den 04.04.2021

Osterspaziergang 2021

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Das war nur ein Gerücht, liebe Ostergemeinde, das war nur ein Gerücht, dass Jesus auferstanden sei.
Die ersten Männer, die es aus Frauenmund hörten, konnten es nicht glauben. Originalton Bibel: „Es erschienen ihnen diese Worte als leeres Gerede, und sie glaubten den Frauen nicht.“ An dieser Stelle setzt der biblische Ostertext ein. „Zwei von ihnen gingen am selben Tag in ein Dorf, das von Jerusalem etwa zwei Weg-stunden entfernt ist und Emmaus heißt.“ Diese beiden gehen also weg. Weg von Jerusalem. Ich vermute, sie gehen nach Hause, zurück in ihre gewohnte Umgebung, in ihren Heimatort, in die alte Realität. Die neue – so scheint es – hat sich als Täuschung erwiesen. Die Armen – im Besitz des Reiches Gottes? Die Hungernden – satt? Die Weinenden lachen? Lk 6,20+21 Von wegen! Jesus, ihr „Prophet“, mit dem sie diese Hoffnungen verbunden hatten, wurde hingerichtet. Der große Traum: aus. Da bleibt nur übrig: Distanz gewinnen. „Mensch, ich muss erst mal Abstand davon gewinnen!“ Höre ich mich sagen – in weitaus weniger dramatischen Situationen meines eigenen Scheiterns. Unsere beiden Wanderer wollen Abstand gewinnen. Sie gehen weg aus Jerusalem. Das geht mit den Füßen schneller als mit der Seele. So schnell kommen sie nicht los – von IHM und von dieser Hinrichtung.
Wovon man nicht los kommt, davon muss man reden. „Und sie redeten miteinander über alle diese Geschichten. Als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da kam Jesus selbst dazu und ging mit ihnen.“

Sie redeten. Immerhin. Es gibt eine Niedergeschlagenheit, die stumm macht. Das scheint bei den beiden nicht so zu sein. Sie sind nicht so leer und ausgebrannt, dass es ihnen die Sprache verschlägt. Vielleicht reden sie auch wieder, weil der erste Schock vorüber ist. Und denken nach und kämpfen noch: mit sich, mit der enttäusch-Hoffnung. Ich denke, die beiden sind hin- und hergerissen. Weiter machen mit der Sache Jesu oder aufhören wie Petrus, der öffentlich erklärt hat, dreifach, mit Jesus nun aber auch gar nichts zu tun zu haben. „Mensch, ich weiß nicht, was du meinst.“ Lk 22. 60 Mitten in diesem Hin und Her schließt sich ihnen ein Wanderer an, der in die gleiche Richtung unterwegs ist. „Aber ihre Augen waren gehindert, ihn zu erkennen.“ Sie merken nicht, unsere beiden Wanderer, mit wem sie es zu tun haben. Sie können den nicht erkennen, der vor ihnen steht. Sie können einfach nicht. Es spulen sich, stell´ ich mir vor, immer wieder dieselben Bilder vor ihren Augen ab: die Rede auf dem Feld, der See und dann das Kreuz. Ihre Augen wurden „gehalten“ – übersetzt die Zürcher Bibel. Eine schöne Formulierung. Die Augen werden „gehalten“, und man merkt erst im Sommer, dass man den Frühling verpasst, die Vögel nicht gehört und das Grün nicht hat kommen sehen.
– Eingesperrt in eine verglaste Kiste aus Blech,
– in einer geheizten Wohnung, den großen Stein vor der Tür,
– vor einem farbigen Bildschirm, mit oder ohne Tastatur davor.
Meine Augen … gehalten, einen Menschen, der mit mir unterwegs ist, nicht wahrnehmen, ihn nicht erkennen können, seine Schönheit nicht, seine Wahrheit nicht. „Er sagte aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr unterwegs miteinander ver-handelt? Da blieben sie traurig stehen.“ Der Fremde scheint schier gar nichts mitbekommen zu haben! „Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete ihm: Bist du der einzige Fremde in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist? Und er sagte zu ihnen: Was denn? Sie aber antworteten ihm: Was mit Jesus von Nazareth geschehen ist, der ein großer Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsere Hohenpriester und führenden Männer zur Todes-strafe ausgeliefert und ans Kreuz gebracht haben. Wir aber hofften, er solle Israel er-lösen. Und über das alles lässt er schon den dritten Tag vergehen, seitdem das geschehen ist. Auch haben uns einige Frauen aus unserer Mitte erschreckt; die sind früh beim Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie hätten eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebt. Und einige von uns gingen hin zu Grab und fanden´s so, wie die Frauen gesagt haben; aber sie sahen ihn nicht.“ Man merkt´s den beiden an: sie möchten den Frauen, der Botschaft des Engels so gern glauben. Aber spricht nicht alles dagegen? Der „große Prophet“ ist nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen. Hingerichtet wurde er – als politischer Verbrecher wie Tausende andere auch von der damals weltbeherrschenden Militärmacht Rom in Zusammenarbeit mit den führenden Männern und Priestern des eigenen Landes.

Wem soll man vertrauen? Der realen Weltmacht Rom oder dem Wort des Engels, erzählt von einigen Frauen? „Und er sagte zu ihnen: Wie seid ihr doch so unverständig und wie ist euer Herz so träge, allem zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht Christus das alles erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing bei Mose an und allen Propheten Und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift über ihn gesagt war.“ Musste nicht der Christus dies leiden? Das entscheidende Wörtchen ist: „musste“. Hätte sie nicht auch ohne Folter und Tod abgehen können – die Gottesgeschichte, ohne Dornenkrone und Erstickungstod am Kreuz? Diese Revolution in der Religionsgeschichte, diese Revolution im Gott-Denken, die konnten die beiden Wanderer gar nicht verstehen. „Verstehen“ wir das denn? Unsere beiden haben den Auferstandenen gesehen und Christus doch nicht gesehen. Ihre eigenen Bilder haben sie gesehen. Dass ER Israel erlösen werde, hatten sie gehofft, von den Elendskrankheiten, von der Armut, vom Hunger, von der Besatzungsmacht. Sie haben ihn gesehen. IHN haben sie nicht gesehen. Ihn, den leidenden Gottessohn, „geplagt und von Gott geschlagen und gemartert …verwundet“, Jes 53,4 den konnten sie nicht erkennen. Vor drei Tagen am Kreuz nicht und jetzt nicht. Dass Gott seine feste Himmelsburg verlässt und weit, weit herunterkommt in Folterkeller und Intensivstation für Covid 19-Patienten, und an die Kreuze der Welt, dass da, wo Menschen ihre Niedrigkeit erleben, verletzt werden und fertig gemacht, ihrer Würde beraubt, dass da Gott zu suchen ist …, wer „versteht“ das schon? „Christ ist erstanden“ sagte der Engel den Frauen. Nicht vom Tod im Allgemeinen, von der Marter, von der Folter, von der Marter alle. Als Einspruch gegen den Lauf und das Leid der Welt, als Zuspruch für uns schmerzempfindliche, sterbliche Menschen.

„Und sie kamen näher an das Dorf, wo sie hingehen wollten. Und er tat so, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sagten: Bleib bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Denn es will Abend werden … Das war nicht der Abend, das war auch nicht die Fürsorge für den fremden Wanderer! Wir kennen diese „Behelfchen“. Hört mal, es ist schon so spät, bleibt doch bei uns! Ihr könnt hier übernachten, die Dunkelheit, der Regen, der Nebel! Wir wissen´s doch, wenn wir selber so reden. Es ist nicht der Nebel und nicht die Nacht. Wir wollen, dass unsere Gäste bleiben, weil wir sie als wohltuend empfinden. Es ist die Gegenwart des fremden Mitwanderers, die unsere beiden nicht missen möchten.
„Und er ging mit ihnen hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach´s und gab´s ihnen.“ Miteinander an einem Tisch sitzen und einer ist da, der austeilt, Brot austeilt, Wein austeilt, Zeit schenkt, sich verschenkt, da ist. Das kann schön sein. Und unsre beiden Wanderer erinnern sich an die Geste, an dieses Symbol … dankte … brach´s … und gab … . Sie erinnern sich an das Symbol, das sie von Jesus gelernt hatten:
Brot und Wein miteinander teilen. „Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen“. Da, bei Brot und Wein, erkennen sie ihn. Und er verschwindet mitten im Erkennen. Er verweilt nicht, dieser Augenblick, aber die beiden, die ihn erlebt haben, sie werden plötzlich wach und lebendig. Die Stimmung ändert sich schlagartig, der Tonfall überschlägt sich fast, sie gehen den Tag, die Wanderung noch einmal durch. Und es fällt ihnen wie Schuppen von den Au-gen. „Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns auf dem Wege redete und uns dabei die Schrift öffnete? Und sie brachen noch in derselben Stunde auf, kehrten nach Jerusalem zurück und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sagten: der Herr ist wirklich auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was unterwegs geschehen war und wie er von ihnen daran erkannt wurde, wie er das Brot brach.“ Wie also und wann und wo begegnen sie dem Christus, dem auferstandenen Jesus?
Wie? – Als Unbekanntem, als Gast, als Fremdem.
Wann? – Wenn sie es nicht erwarten, völlig überraschend.
Wo? – Da, wo geteilt wird: Erfahrungen – jenseits von Raum und Zeit, Brot – Leben die Fülle, Wein – vor Hoffnung betrunken, weinselig Grenzen der Phantasie über-schreiten – und Leid – die Tränen getrocknet bekommen, Seelenverwandtschaft spüren, Zeit geschenkt kriegen, gemeinsam aufstehen, auferstehen mitten im Leben.
Wie ein Abglanz, wie eine Vorwegnahme dessen, was einmal kommen wird, später dann, irgendwann einmal in einem Land jenseits von Raum und Zeit, dann, wenn das Leben die Fülle ist und es endlich nur noch gute Tage gibt.

Ostersegen 2021
Es segne dich Gott, und er behüte dich
auf dem Weg in die neue Welt nach Ostern.
Er lasse sein Angesicht ruhen auf dir
und sei dir gnädig.
Wie die Sonne jenes ersten Ostermorgens
lasse er sein Angesicht ruhen auf dir
und bereite dir seinen Frieden.
Amen.

 

Vielen Dank an Ralf Völke, Andrea Mischnick und Carla Müller-Hoffmann für das Einsingen der Lieder!