Gottesdienst am Sonntag, den 28.03.2021

Biblische Rede zu Hebräer 12,1-3, Hans-Peter Hellmanzik

Liebe Gemeinde,

In Tagen wie diesen, grassiert das Wort „FRÜHJAHRSPUTZ“ – so eine Art kleine Renovierung.

Nun, auch ich lade ein zu einem Frühjahrsputz. Sagen wir einem Frühjahrsputz des Glaubens. Hätten wir bereits eine Leinwand und Beamer – und, wichtiger noch, genügend Zeit, dann würde ich Euch gern den Film „Die Stunde des Siegers“ zeigen: Oscargekrönt als bester Film 1982. Die Musik dazu stammt von Vangelis und wurde auch zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 gespielt.

Die Geschichte des Films beruht auf einer wahren Begebenheit während der Olympiade in Paris 1924. Hauptpersonen sind zwei britische Leichtathleten, die 1924 an den Olympischen Sommerspielen in Paris teilnehmen. Der Sprinter Harold Abrahams ist Jude und wird deswegen an seiner Universität, der University of Cambridge diskriminiert. Er will dagegen ankämpfen, indem er in seiner Spezialdisziplin, dem 100-Meter-Lauf, die Goldmedaille gewinnt. Der zweite Athlet ist der tiefgläubige schottische Christ Eric Liddell, der seine Kindheit als Sohn eines Missionar-Ehepaars in China verbracht hat. Dieser ist ebenfalls für den 100-Meter-Lauf nominiert, weigert sich aber daran teilzunehmen, weil die Vorläufe an einem Sonntag stattfinden. Sein Teamkollege Lord Lindsay überlässt ihm dafür seinen Startplatz beim 400-Meter-Lauf, bei dem sowohl die Vorläufe als auch das Finale jeweils auf einen Werktag terminiert sind.

Abrahams engagiert einen professionellen Trainer, Sam Mussabini, der an seiner Lauftechnik arbeitet. Für diese Maßnahme wird er von der Universitätsleitung von Cambridge kritisiert: Es sei unehrenhaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Abrahams vermutet hinter der Kritik Antisemitismus. Liddell wird unterdessen von seiner Familie vorgeworfen, der Laufvorbereitung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als Gott. Abrahams und Liddell gewinnen schließlich die Finalläufe über 100 Meter bzw. über 400 Meter und kehren erfolgreich mit ihren Goldmedaillen nach Großbritannien zurück.

Auch ich laufe gern seit Kindertagen. Laufen begeistert mich. Vielen ist das Laufen unheimlich wichtig. Gerade im Frühjahr kommt für viele von uns neben dem Frühjahrsputz auch das Laufen in der Natur wieder zum Vorschein. Laufen ist etwas, das die Menschen schon immer gemacht haben, auf allen Kontinenten, in jedem Alter.

Aber der Lauf ist auch sprichwörtlich für unser Leben.So sprechen wir von unserem „Lebenslauf“, wenn wir die Stationen unseres Lebens zusammentragen z.B. für eine Bewerbung. Und wenn es uns gut geht, dann sagen viele junge Leute heute nur „läuft!“

Und auch in Bezug auf den Glauben gebraucht die Bibel das Bild vom Laufen – genauer von einem Langstreckenlauf. Unsere Glaubenslaufstrecken sind dabei natürlich sehr verschieden. Bei dem einen gleichen sie einer ebenen Laufstrecke – alles läuft gut und leicht! „Läuft!“ Beim anderen gleicht die Laufstrecke des Glaubens eher einem steilen Bergpfad, der recht anstrengend und mühsam zu bewältigen ist.

Mit anderen Worten: Die eine wächst in einer christlichen Familie auf, und es fällt ihr ganz leicht zu glauben. Das Glauben an Jesus gehörte irgendwie schon immer dazu. Und der andere hatte schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht und hat mit manchem Zweifel zu kämpfen, bis er sich durchringt, Gott zu vertrauen.

Manche älteren Menschen sind enttäuscht und verbittert, wenn sie ihren Lebenslauf betrachten. Eine andere blickt dankbar zurück auf den Lauf des Lebens: so viel Gutes, das sie erfahren hat.

Ich spreche gerne mit Menschen, die so aus dem Schatzkästlein ihres Lebens plaudern.

Wer aber weiß nicht auch von den Durststrecken des Lebens zu erzählen, dieses ganz persönliche Leiden am Glauben: Wenn alles verloren scheint, was bisher getragen und gehalten hat. Wenn Unvergebenes mich niederdrückt oder ich mir selber im Wege stehe.

Manchmal „läufts“ eben nicht so rund – und manchmal rostet die Sache mit Gott auch regelrecht ein. Dann muss eine Art Renovierung her – eine Erneuerung. Dann braucht es neue Ideen, unverhoffte Zugänge. Kirche ist oft genug auch eine Art Akku-Ladestation, eine Tankstelle oder ein Futterplatz.

Da kommt unser heutiger Predigttext gerade recht, damit es wieder „läuft“. Ja, er spricht regelrecht von einem Lauf, den wir zu bewältigen haben. Und er enthält wichtige Tipps und Hinweise, wie sich unser Glauben immer wieder erneuern kann während dieses Laufes.

Hören wir also auf die „Lauftipps für Glaubens- ja und auch Coronamüde“:

Lesung Hebräer Kapitel 12, Verse 1- 3:

„Da wir nun so eine Wolke von Zeugen des Glaubens um uns haben, lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf beschwert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will. Mit Geduld und Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel laufen und durchhalten. Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Weil große Freude auf ihn wartete, erduldete Jesus den verachteten Tod am Kreuz. Jetzt hat er als Sieger den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen. Denkt daran, wie viel Hass und Anfeindung er von gottlosen Menschen ertragen musste, damit auch ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Ein sportlicher Text – mich beeindrucken diese Worte aus der Bibel, Tja, und sie erinnern mich an den Film, von dem ich vorhin erzählt habe. Wenn ich es richtig sehe, so haben wir es mit mit fünf wichtigen Lauftipps für den Lauf des Lebens und den Lauf des Glaubens zu tun.

1. Beginnen wir mit der WOLKE DER ZEUGEN

Was für ein schönes Bild: Die Wolke der Zeugen des Glaubens!

Im Hebräerbrief wird genau vor unserem Textabschnitt eine lange Liste von Zeugen des Glaubens genannt: Abraham und Jakob, Noah und Mose, Joseph und Rahab. Personen aus dem Alten Testament, die ihren Lebenslauf mit Gott gelaufen sind. Menschen, die schöne und schwere Zeiten erlebten und die ihre Erfahrungen mit dem Leben und mit unserem Gott gemacht haben. Und das Wichtigste: Wir wissen davon und dürfen von ihnen lernen, wenn wir ihre Geschichten in der Bibel lesen.

Und diese Liste der Zeugen dürfen und sollten wir noch ergänzen. Denn es gibt Personen des Neuen Testaments aber auch in der Kirchengeschichte bis heute, die Glaubenszeugen sind. Menschen, die wie wir zu Jesus Christus gehören und von deren Erfahrungen wir profitieren dürfen. Sie sind Zeugen von Gottes Wirken in der Welt.

Die Bibel spricht davon, dass sie ihren Lauf schon vollendet haben. Sie sind schon am Ziel. Sie sind uns vorausgegangen und wir können von diesen Vorbildern lernen ohne dass alles an ihnen vorbildlich ist.

Der bekannte Essener Pfarrer Wilhelm Busch hatte an der Wand seines Arbeitszimmers viele Bilder aufgehängt. Bilder von Christen, von denen er etwas gelernt hatte, die ihn inspiriert hatten. Da waren berühmte Theologen darunter und da hingen auch »normale Christen«, von denen er lernen durfte. Vorbilder und Wegbegleiter auf seinem Lebensweg, die er immer mal betrachtete, wenn er eine Predigt schrieb… oder sonst etwas tat.

Der erste Lauftipp lautet also:

Lerne von der Wolke der Zeugen – oder lass dich tragen von der Wolke derer, die schon lange vor dir mit ganzem Herzen auf Gott vertraut haben! Sie sind glaubwürdig, denn sie kennen Bergetappen und holprige Lebenspfade. Darum sind sie in der Lage, dich zu ermutigen, wenn Du mal schwach bist.

Lerne von Abraham, Mose, Petrus, Marta und Maria oder anderen Gläubigen! Ihre Glaubenserfahrungen ermutigen und trösten zugleich. Und zwar darum, weil auch in ihrem Leben nicht alles glatt lief. Aber sie haben die Hindernisse mit Gottes Hilfe überwunden. Und das können wir auch.

Der zweite Lauftipp: BALLAST ABWERFEN

„Lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf beschwert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will.“

Alles was uns in unserm Leben bedrückt und beschwert, dürfen wir ablegen: alle Sorge des Alltags, allen Stress der Arbeit, alle Krankheiten des Körpers und alle Leiden der Seele, ja selbst die Angst vor dem Tod. Wir sollten uns immer mal wieder fragen: Wo bremst es in meinem Lauf, weil ich an Gott – sprich an den Gesetzen des Lebens – und Menschen schuldig geworden bin?

Wo lebe ich unversöhnlich mit anderen Menschen?

Oder wo lasse ich mich von unguten Gewohnheiten und Süchten gefangen nehmen? Das alles ist unnötiger Ballast beim Laufen.

Der zweite Lauftipp lautet also:

Wirf unnötigen Ballast ab! Lauf nicht mit Lasten, die dir die nächsten Schritte schwer machen. Bei Gott – du kannst lernen, zu lassen, was dich nach unten zieht.

Der dritte Lauftipp: GEDULDIG DURCHHALTEN

„Mit Geduld und Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel laufen und durchhalten.“

Es gibt im Lauf des Lebens und des Glaubens immer auch Schwierigkeiten und Hindernisse, die nicht veränderbar sind, denen ich mich einfach stellen muss. Sie kommen auf mich zu – ob ich das will oder nicht. Irgendwann kommt bei Kilometer 35 der berühmte Mann mit dem Hammer – so erzählen es die Marathonläufer.

Dann heißt es durchbeißen und durchhalten. Auch als Christen brauchen wir einen langen Atem wie beim Marathon. Geduld zum Durchhalten. Der Hebräerbrief will ermutigen, auf dem Weg des Glaubens durchzuhalten – auch dann, wenn es hammerbeschwerlich wird.

Die Bibel ist da sehr realistisch: Glaubensleben ist kein Sonntagsspaziergang. In unserem Text wird das Glauben sogar als Kampf beschrieben. Nicht dass wir es suchten, aber es gehört zum Leben dazu und wir wollen und sollen durchhalten. So falsch ist der Satz der Kanzlerin nicht: „Wir schaffen das“. Ein richtiges Lauftraining eben. Inklusive Auszeiten wie diese heute Morgen. Nicht zu vergessen, vernünftige Ernährung. Die braucht es auch im geistigen Leben.

Lauftipp Nummer drei: GEDULDIG DURCHHALTEN

A propos Glaubensernährung Glaubenstraining? Fußballvereine wechseln bekanntlich alle Nasenlang ihren Trainer, wenns nicht läuft. Wir bleiben bei Jesus und seinem unnachahmlichen Reden von Gott! Ihm dürfen wir seinen Gott glauben!

Folglich lautet der Lauftipp Nummer vier: AUFSEHEN zu JESUS

„Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ In diesen Tagen der Passionszeit werden wir überdeutlich daran erinnert, wer die Grundlage gelegt hat für ein gelingendes Leben aus Glauben. Die Bibel hat da keinen Zweifel: Jesus wird der Anfänger und Vollender unseres Glaubens genannt.

Sie staunten ja auch nicht schlecht, wenn er davon sprach, dass Gott uns Leben in Fülle geben will. Der Priesterkaste gefiel das nicht, weil er ihre Einkommensgrundlage in Frage stellte. Und doch ließ er. Nicht davon ab, sogar Schmach, Widerspruch und Sterben auf sich zu nehmen. So wichtig war ihm sein Reden von einem zuvorkommenden Gott. Er ging sehr bewusst und entschieden diesem Schicksal entgegen. Er lief nicht davon, weil er das Ziel vor Augen hatte.

Wir dürfen Jesu Passion nicht als passiv erduldetes Leiden begreifen. Es war auch bewusste und gewollte Aktion Jesu. Er hat sich dem Lauf seines Lebens gestellt. Unser Predigttext erinnert uns:

„Denkt daran, wie viel Hass und Anfeindung er von gottlosen Menschen ertragen musste, damit auch ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Jesus weiß also wie kein anderer, viel mehr als alle Vorbilder, was es heißt, den Lauf des Glaubens mit seinen Hindernissen zu meistern. Uns kann es helfen, auf unserem ganz persönlichen Weg hin zum Ziel unseres Lebens. „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“

Mit anderen Worten: „Kopf hoch! Schau nach oben zum Anfänger und Vollender deines Glaubens.“ Halte Blickkontakt zum „Glaubenslauftrainer“: „Ich will Dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32,8)

Ein fünfter und letzter Lauftipp: Das ZIEL DES GLAUBENS im Blick behalten: „Weil große Freude auf ihn wartete, erduldete Jesus den verachteten Tod am Kreuz. Jetzt hat er als Sieger den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen.“

Wenn man läuft braucht man ein klares Ziel. Wenn ich mir dieses Ziel nicht setze, schaffe ich es nicht, regelmäßig und konsequent laufen zu gehen.

Und wir inmitten der Jahrhundert-Pandemie? Aufsehen auf Jesus, was bedeutet das ganz konkret? Auf jeden Fall: Keine Kapitulation vor dem Virus. Kein Zögern, wohl aber gute Nerven. Und ebenso solidarisch wie im März vor einem Jahr mit unserem kirchlichen Balkonsingen und vielerlei anderen Mutmachgesten. Wer will schon kurz vor breiten Impferfolgen frustriert vor dem Erreger, dessen Namen wahrlich nicht mehr gehört werden kann, kapitulieren? Jetzt, wo wir so viele Alltage bereits bewältigt haben? Jetzt, wo Superkräfte für Ostern und danach so dringend nötig wären?

Darum lasst uns, wenn wir unseren Glauben renovieren lassen wollen

1. Bei der WOLKE DER ZEUGEN in die Schule gehen.

2. Ballast abwerfen.

3. Geduldig durchhalten.

4. Dabei stets das Ziel des Glaubens im Blick

Und vor allem

5. Aufsehen zu Jesus, mit dem alles begann und bei dem sich alles vollenden wird.

Zur Not, das glaube ich, wird uns der Anfänger und Vollender unseres Glaubens auch über die Ziellinie tragen.

AMEN.

(Es gilt das gesprochene Wort)