Gottesdienst am Sonntag, den 28.03.2021

Biblische Rede zu Hebräer 12,1-3, Hans-Peter Hellmanzik

Liebe Gemeinde,

In Tagen wie diesen, grassiert das Wort „FRÜHJAHRSPUTZ“ – so eine Art kleine Renovierung.

Nun, auch ich lade ein zu einem Frühjahrsputz. Sagen wir einem Frühjahrsputz des Glaubens. Hätten wir bereits eine Leinwand und Beamer – und, wichtiger noch, genügend Zeit, dann würde ich Euch gern den Film „Die Stunde des Siegers“ zeigen: Oscargekrönt als bester Film 1982. Die Musik dazu stammt von Vangelis und wurde auch zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 gespielt.

Die Geschichte des Films beruht auf einer wahren Begebenheit während der Olympiade in Paris 1924. Hauptpersonen sind zwei britische Leichtathleten, die 1924 an den Olympischen Sommerspielen in Paris teilnehmen. Der Sprinter Harold Abrahams ist Jude und wird deswegen an seiner Universität, der University of Cambridge diskriminiert. Er will dagegen ankämpfen, indem er in seiner Spezialdisziplin, dem 100-Meter-Lauf, die Goldmedaille gewinnt. Der zweite Athlet ist der tiefgläubige schottische Christ Eric Liddell, der seine Kindheit als Sohn eines Missionar-Ehepaars in China verbracht hat. Dieser ist ebenfalls für den 100-Meter-Lauf nominiert, weigert sich aber daran teilzunehmen, weil die Vorläufe an einem Sonntag stattfinden. Sein Teamkollege Lord Lindsay überlässt ihm dafür seinen Startplatz beim 400-Meter-Lauf, bei dem sowohl die Vorläufe als auch das Finale jeweils auf einen Werktag terminiert sind.

Abrahams engagiert einen professionellen Trainer, Sam Mussabini, der an seiner Lauftechnik arbeitet. Für diese Maßnahme wird er von der Universitätsleitung von Cambridge kritisiert: Es sei unehrenhaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Abrahams vermutet hinter der Kritik Antisemitismus. Liddell wird unterdessen von seiner Familie vorgeworfen, der Laufvorbereitung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als Gott. Abrahams und Liddell gewinnen schließlich die Finalläufe über 100 Meter bzw. über 400 Meter und kehren erfolgreich mit ihren Goldmedaillen nach Großbritannien zurück.

Auch ich laufe gern seit Kindertagen. Laufen begeistert mich. Vielen ist das Laufen unheimlich wichtig. Gerade im Frühjahr kommt für viele von uns neben dem Frühjahrsputz auch das Laufen in der Natur wieder zum Vorschein. Laufen ist etwas, das die Menschen schon immer gemacht haben, auf allen Kontinenten, in jedem Alter.

Aber der Lauf ist auch sprichwörtlich für unser Leben.So sprechen wir von unserem „Lebenslauf“, wenn wir die Stationen unseres Lebens zusammentragen z.B. für eine Bewerbung. Und wenn es uns gut geht, dann sagen viele junge Leute heute nur „läuft!“

Und auch in Bezug auf den Glauben gebraucht die Bibel das Bild vom Laufen – genauer von einem Langstreckenlauf. Unsere Glaubenslaufstrecken sind dabei natürlich sehr verschieden. Bei dem einen gleichen sie einer ebenen Laufstrecke – alles läuft gut und leicht! „Läuft!“ Beim anderen gleicht die Laufstrecke des Glaubens eher einem steilen Bergpfad, der recht anstrengend und mühsam zu bewältigen ist.

Mit anderen Worten: Die eine wächst in einer christlichen Familie auf, und es fällt ihr ganz leicht zu glauben. Das Glauben an Jesus gehörte irgendwie schon immer dazu. Und der andere hatte schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht und hat mit manchem Zweifel zu kämpfen, bis er sich durchringt, Gott zu vertrauen.

Manche älteren Menschen sind enttäuscht und verbittert, wenn sie ihren Lebenslauf betrachten. Eine andere blickt dankbar zurück auf den Lauf des Lebens: so viel Gutes, das sie erfahren hat.

Ich spreche gerne mit Menschen, die so aus dem Schatzkästlein ihres Lebens plaudern.

Wer aber weiß nicht auch von den Durststrecken des Lebens zu erzählen, dieses ganz persönliche Leiden am Glauben: Wenn alles verloren scheint, was bisher getragen und gehalten hat. Wenn Unvergebenes mich niederdrückt oder ich mir selber im Wege stehe.

Manchmal „läufts“ eben nicht so rund – und manchmal rostet die Sache mit Gott auch regelrecht ein. Dann muss eine Art Renovierung her – eine Erneuerung. Dann braucht es neue Ideen, unverhoffte Zugänge. Kirche ist oft genug auch eine Art Akku-Ladestation, eine Tankstelle oder ein Futterplatz.

Da kommt unser heutiger Predigttext gerade recht, damit es wieder „läuft“. Ja, er spricht regelrecht von einem Lauf, den wir zu bewältigen haben. Und er enthält wichtige Tipps und Hinweise, wie sich unser Glauben immer wieder erneuern kann während dieses Laufes.

Hören wir also auf die „Lauftipps für Glaubens- ja und auch Coronamüde“:

Lesung Hebräer Kapitel 12, Verse 1- 3:

„Da wir nun so eine Wolke von Zeugen des Glaubens um uns haben, lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf beschwert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will. Mit Geduld und Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel laufen und durchhalten. Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Weil große Freude auf ihn wartete, erduldete Jesus den verachteten Tod am Kreuz. Jetzt hat er als Sieger den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen. Denkt daran, wie viel Hass und Anfeindung er von gottlosen Menschen ertragen musste, damit auch ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Ein sportlicher Text – mich beeindrucken diese Worte aus der Bibel, Tja, und sie erinnern mich an den Film, von dem ich vorhin erzählt habe. Wenn ich es richtig sehe, so haben wir es mit mit fünf wichtigen Lauftipps für den Lauf des Lebens und den Lauf des Glaubens zu tun.

1. Beginnen wir mit der WOLKE DER ZEUGEN

Was für ein schönes Bild: Die Wolke der Zeugen des Glaubens!

Im Hebräerbrief wird genau vor unserem Textabschnitt eine lange Liste von Zeugen des Glaubens genannt: Abraham und Jakob, Noah und Mose, Joseph und Rahab. Personen aus dem Alten Testament, die ihren Lebenslauf mit Gott gelaufen sind. Menschen, die schöne und schwere Zeiten erlebten und die ihre Erfahrungen mit dem Leben und mit unserem Gott gemacht haben. Und das Wichtigste: Wir wissen davon und dürfen von ihnen lernen, wenn wir ihre Geschichten in der Bibel lesen.

Und diese Liste der Zeugen dürfen und sollten wir noch ergänzen. Denn es gibt Personen des Neuen Testaments aber auch in der Kirchengeschichte bis heute, die Glaubenszeugen sind. Menschen, die wie wir zu Jesus Christus gehören und von deren Erfahrungen wir profitieren dürfen. Sie sind Zeugen von Gottes Wirken in der Welt.

Die Bibel spricht davon, dass sie ihren Lauf schon vollendet haben. Sie sind schon am Ziel. Sie sind uns vorausgegangen und wir können von diesen Vorbildern lernen ohne dass alles an ihnen vorbildlich ist.

Der bekannte Essener Pfarrer Wilhelm Busch hatte an der Wand seines Arbeitszimmers viele Bilder aufgehängt. Bilder von Christen, von denen er etwas gelernt hatte, die ihn inspiriert hatten. Da waren berühmte Theologen darunter und da hingen auch »normale Christen«, von denen er lernen durfte. Vorbilder und Wegbegleiter auf seinem Lebensweg, die er immer mal betrachtete, wenn er eine Predigt schrieb… oder sonst etwas tat.

Der erste Lauftipp lautet also:

Lerne von der Wolke der Zeugen – oder lass dich tragen von der Wolke derer, die schon lange vor dir mit ganzem Herzen auf Gott vertraut haben! Sie sind glaubwürdig, denn sie kennen Bergetappen und holprige Lebenspfade. Darum sind sie in der Lage, dich zu ermutigen, wenn Du mal schwach bist.

Lerne von Abraham, Mose, Petrus, Marta und Maria oder anderen Gläubigen! Ihre Glaubenserfahrungen ermutigen und trösten zugleich. Und zwar darum, weil auch in ihrem Leben nicht alles glatt lief. Aber sie haben die Hindernisse mit Gottes Hilfe überwunden. Und das können wir auch.

Der zweite Lauftipp: BALLAST ABWERFEN

„Lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf beschwert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will.“

Alles was uns in unserm Leben bedrückt und beschwert, dürfen wir ablegen: alle Sorge des Alltags, allen Stress der Arbeit, alle Krankheiten des Körpers und alle Leiden der Seele, ja selbst die Angst vor dem Tod. Wir sollten uns immer mal wieder fragen: Wo bremst es in meinem Lauf, weil ich an Gott – sprich an den Gesetzen des Lebens – und Menschen schuldig geworden bin?

Wo lebe ich unversöhnlich mit anderen Menschen?

Oder wo lasse ich mich von unguten Gewohnheiten und Süchten gefangen nehmen? Das alles ist unnötiger Ballast beim Laufen.

Der zweite Lauftipp lautet also:

Wirf unnötigen Ballast ab! Lauf nicht mit Lasten, die dir die nächsten Schritte schwer machen. Bei Gott – du kannst lernen, zu lassen, was dich nach unten zieht.

Der dritte Lauftipp: GEDULDIG DURCHHALTEN

„Mit Geduld und Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel laufen und durchhalten.“

Es gibt im Lauf des Lebens und des Glaubens immer auch Schwierigkeiten und Hindernisse, die nicht veränderbar sind, denen ich mich einfach stellen muss. Sie kommen auf mich zu – ob ich das will oder nicht. Irgendwann kommt bei Kilometer 35 der berühmte Mann mit dem Hammer – so erzählen es die Marathonläufer.

Dann heißt es durchbeißen und durchhalten. Auch als Christen brauchen wir einen langen Atem wie beim Marathon. Geduld zum Durchhalten. Der Hebräerbrief will ermutigen, auf dem Weg des Glaubens durchzuhalten – auch dann, wenn es hammerbeschwerlich wird.

Die Bibel ist da sehr realistisch: Glaubensleben ist kein Sonntagsspaziergang. In unserem Text wird das Glauben sogar als Kampf beschrieben. Nicht dass wir es suchten, aber es gehört zum Leben dazu und wir wollen und sollen durchhalten. So falsch ist der Satz der Kanzlerin nicht: „Wir schaffen das“. Ein richtiges Lauftraining eben. Inklusive Auszeiten wie diese heute Morgen. Nicht zu vergessen, vernünftige Ernährung. Die braucht es auch im geistigen Leben.

Lauftipp Nummer drei: GEDULDIG DURCHHALTEN

A propos Glaubensernährung Glaubenstraining? Fußballvereine wechseln bekanntlich alle Nasenlang ihren Trainer, wenns nicht läuft. Wir bleiben bei Jesus und seinem unnachahmlichen Reden von Gott! Ihm dürfen wir seinen Gott glauben!

Folglich lautet der Lauftipp Nummer vier: AUFSEHEN zu JESUS

„Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ In diesen Tagen der Passionszeit werden wir überdeutlich daran erinnert, wer die Grundlage gelegt hat für ein gelingendes Leben aus Glauben. Die Bibel hat da keinen Zweifel: Jesus wird der Anfänger und Vollender unseres Glaubens genannt.

Sie staunten ja auch nicht schlecht, wenn er davon sprach, dass Gott uns Leben in Fülle geben will. Der Priesterkaste gefiel das nicht, weil er ihre Einkommensgrundlage in Frage stellte. Und doch ließ er. Nicht davon ab, sogar Schmach, Widerspruch und Sterben auf sich zu nehmen. So wichtig war ihm sein Reden von einem zuvorkommenden Gott. Er ging sehr bewusst und entschieden diesem Schicksal entgegen. Er lief nicht davon, weil er das Ziel vor Augen hatte.

Wir dürfen Jesu Passion nicht als passiv erduldetes Leiden begreifen. Es war auch bewusste und gewollte Aktion Jesu. Er hat sich dem Lauf seines Lebens gestellt. Unser Predigttext erinnert uns:

„Denkt daran, wie viel Hass und Anfeindung er von gottlosen Menschen ertragen musste, damit auch ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Jesus weiß also wie kein anderer, viel mehr als alle Vorbilder, was es heißt, den Lauf des Glaubens mit seinen Hindernissen zu meistern. Uns kann es helfen, auf unserem ganz persönlichen Weg hin zum Ziel unseres Lebens. „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“

Mit anderen Worten: „Kopf hoch! Schau nach oben zum Anfänger und Vollender deines Glaubens.“ Halte Blickkontakt zum „Glaubenslauftrainer“: „Ich will Dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32,8)

Ein fünfter und letzter Lauftipp: Das ZIEL DES GLAUBENS im Blick behalten: „Weil große Freude auf ihn wartete, erduldete Jesus den verachteten Tod am Kreuz. Jetzt hat er als Sieger den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen.“

Wenn man läuft braucht man ein klares Ziel. Wenn ich mir dieses Ziel nicht setze, schaffe ich es nicht, regelmäßig und konsequent laufen zu gehen.

Und wir inmitten der Jahrhundert-Pandemie? Aufsehen auf Jesus, was bedeutet das ganz konkret? Auf jeden Fall: Keine Kapitulation vor dem Virus. Kein Zögern, wohl aber gute Nerven. Und ebenso solidarisch wie im März vor einem Jahr mit unserem kirchlichen Balkonsingen und vielerlei anderen Mutmachgesten. Wer will schon kurz vor breiten Impferfolgen frustriert vor dem Erreger, dessen Namen wahrlich nicht mehr gehört werden kann, kapitulieren? Jetzt, wo wir so viele Alltage bereits bewältigt haben? Jetzt, wo Superkräfte für Ostern und danach so dringend nötig wären?

Darum lasst uns, wenn wir unseren Glauben renovieren lassen wollen

1. Bei der WOLKE DER ZEUGEN in die Schule gehen.

2. Ballast abwerfen.

3. Geduldig durchhalten.

4. Dabei stets das Ziel des Glaubens im Blick

Und vor allem

5. Aufsehen zu Jesus, mit dem alles begann und bei dem sich alles vollenden wird.

Zur Not, das glaube ich, wird uns der Anfänger und Vollender unseres Glaubens auch über die Ziellinie tragen.

AMEN.

(Es gilt das gesprochene Wort)

Gottesdienst am Sonntag, den 21.03.2021

Schriftlesung Hiob 19,11-27

11 Ja, Gottes Zorn ist gegen mich entbrannt, er behandelt mich als seinen Feind. 12 Vereint sind seine Truppen gegen mich herangerückt, sie haben einen Weg zu mir gebahnt und sich rings um mein Zelt aufgestellt. 13 Meine Familie hat Gott mir entfremdet; die Freunde wollen nichts mehr von mir wissen.

14 Meine Nachbarn haben sich zurückgezogen, alte Bekannte kennen mich nicht mehr. 15 Alle, die in meinem Hause Zuflucht fanden, betrachten mich als einen Fremden. Meine eigenen Mägde kennen mich nicht mehr! 16 Als ich einen Knecht rufen wollte, gab er keine Antwort. Anflehen musste ich ihn! 17 Meine Frau erträgt meinen stinkenden Atem nicht mehr; meine eigenen Geschwister ekeln sich vor mir!

18 Sogar Kinder lachen und spotten über mich; sobald sie mich sehen, fangen sie an zu tuscheln! 19 Meine engsten Freunde verabscheuen mich jetzt; sie, die mir am nächsten standen, lehnen mich ab! 20 Und ich? Ich bin nur noch Haut und Knochen, bin mit knapper Not dem Tod entkommen.

21 Barmherzigkeit! Habt Mitleid, meine Freunde! Gottes Hand hat mich geschlagen! 22 Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Habt ihr mich nicht schon genug gequält?

23-24 Ach, würden doch meine Worte in einer Inschrift festgehalten, in Stein gemeißelt und mit Blei noch ausgegossen, lesbar für alle Zeiten!

25 Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! 26 Auch wenn meine Haut in Fetzen an mir hängt und mein Leib zerfressen ist, werde ich doch Gott sehen! 27 Ja, ihn werde ich anschauen; mit eigenen Augen werde ich ihn sehen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen! (Hiob 19,11-27)

Biblische Rede, Hans-Peter Hellmanzik

Liebe Gemeinde!

Im Menschen steckt eine unstillbare Sehnsucht danach, erinnert zu werden, nicht vergessen zu werden. Diese Sehnsucht ist Ausdruck der Angst um die eigene Existenz, um das eigene Fortleben. Diese Sehnsucht spricht aus Todesanzeigen, wenn es immer wieder heißt, der Verstorbene lebe in der Erinnerung der Hinterbliebenen fort.

Doch was ist, so mag man fragen, wenn die Hinterbliebenen auch sterben? Wer von uns hat Erinnerungen an den eigenen Ururgroßvater? Und was ist mit den Menschen, an die sich keiner erinnert, weil sie anonym in den großen Katastrophen dieser Welt umgekommen sind?

Es ist begrüßenswert und bewundernswert, wenn Schriftsteller wie Walter Kempowski mit seinem „Echolot“ oder der italienische Philosoph Giorgio Agamben mit seinen Überlegungen über das „Archiv und die Zeugen“ sich darum bemühen, vergangene, verachtete, vergessene Lebensschicksale ans Licht zu holen.

Liest man die Bücher dieser Autoren, so entdeckt man in den Berichten aus den Konzentrationslagern und den Kriegsereignissen lauter Hiobsgestalten. Menschen werden beschrieben, die lebendig tot sind, die von niemandem mehr beachtet werden, die nur noch als Müll behandelt werden; Menschen, die abgestumpft sind, die nur noch vor sich hin vegetieren, die sich nicht mehr wehren. Wie von Hiob gilt auch von ihnen: sie haben nur noch das nackte Leben. Und doch sind sie Menschen und tragen Gottes Ebenbild.

Bei einigen der Autoren, die sich mit diesen Fragen der Erinnerung beschäftigen, findet sich auch der Hinweis darauf, dass bei der sogenannten Altersdemenz ganz ähnliche Symptome auftreten wie bei apathischen KZ-Häftlingen: Sie vergessen zusehends alles: ihre Vergangenheit, ihre Familie, ihre Freunde, das Essen, die Körperpflege. Für die Außenstehenden entsteht auch hier der Eindruck, der Mensch vegetiere nur noch vor sich hin.

Es mag sein, liebe Gemeinde, dass es dem Hiob, den wir in unserem Bibelabschnitt hören, so schlimm noch gar nicht geht. Immerhin erinnert er sich noch an das schöne Leben, das er hatte, bevor die Katastrophe hereinbrach. Immerhin kann er sich noch wehren gegen Gott und seine Freunde.

Aber dabei macht er die Erfahrung zunehmender Vereinsamung. Ja, er macht die Erfahrung, dass die anderen seine Klagen nicht mehr hören wollen. Seine Freunde wollen ihn nicht mehr kennen. Seine Hausgenossen ignorieren ihn einfach. Seine nächsten Angehörigen ekeln sich vor ihm, wenn sie ihm begegnen.

Sollte, ja, sollte ihn auch Gott vergessen haben? Ja, liebe Gemeinde, wie ist das mit den Pflegeheimbewohnern? Wie ist das mit den Menschen, die früher so aktiv waren und plötzlich Pflegefälle werden, so sehr, dass man es sogar riechen kann?

Gibt es Hoffnung für Hiob, Hoffnung für die lebendig Toten, Hoffnung gegen das Vergessen und gegen das Vergessenwerden? Die Tatsache, dass das Buch Hiob im Kanon der Bibel steht und damit allen Hoffnungslosen dieser Welt eine Stimme gibt, ist ein Hinweis darauf, dass es Hoffnung gibt. Doch wird diese Hoffnung wirklich tragen – oder wird sie nur ein billiger Trost sein?

Liebe Gemeinde! Die Hoffnung trägt, weil der Erlöser, von dem Hiob in seinem verzweifelten Glauben bekennt, er wisse, dass dieser lebe, weil dieser Erlöser Gott ist, denn nur Gott kann aus solchen Nöten erlösen, wie wir sie beschrieben haben.

Dieser Erlöser, der Goel, wie es Hebräisch heißt, und das meint: derjenige, der den Gefangenen freikauft, der als Anwalt des zum Tod Verurteilten auftritt, er ist bereits da. Dessen ist Hiob gewiss, auch wenn er das rettende Eingreifen dieses Erlösers noch nicht erfahren hat, wenn er noch mit Sehnsucht darauf wartet.

Aber der Erlöser war damals schon bei Hiob und hat ihn dann später tatsächlich auch von seiner irdischen Einsamkeit befreit. Doch dieser Erlöser ist ein Erlöser auch für die Menschen, die anders als Hiob endgültig im Vergessen zu versinken drohen.

Denn dieser Erlöser ist selber ein solcher Mensch geworden, eine Hiobsgestalt, einer, der lebendig tot war, einer, von dem die Mächtigen beschlossen hatten, sein Gedächtnis müsse ausgetilgt werden von der Erde, einer, von dem selbst die Frommen ihr Antlitz voller Ekel und Abscheu abwandten als er am Kreuz hing und verblutete.

Die Demenz, die Angstdemenz, hatte doch auch die Jünger Jesu schon ergriffen, als sie das schreckliche Geschehen der Passion miterleben mussten, als all die Verheißungen Jesu aus ihrem Gedächtnis wie ausradiert waren.

[Musikeinschub: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt: Die Priester]

Liebe Gemeinde! Die Erinnerung an Hiob und die Erinnerung an Jesus wäre längst erloschen, wenn es auf uns Menschen ankäme. Es gibt nur einen Grund, warum es für Hiob und alle Hiobsgestalten, für alle von Vergessenheit bedrohten Menschen, Hoffnung gibt.

Dieser Grund ist die Botschaft von der Auferweckung Jesu Christi von den Toten.

Die frühen Christen haben die Botschaft von der Auferstehung Christi als Eingriff Gottes in die gesamte Wirklichkeit empfunden.

Als eine Verwandlung der ganzen Wirklichkeit. Und sie haben gefolgert: Also können auch wir jetzt schon im Licht der Auferstehung leben. Christoph Blumhardt nennt denn uns Christen „Protestleute gegen den Tod“. Denn der Tod tritt nicht erst ein, wenn wir physisch sterben. Er regiert überall da, wo Kommunikation abbricht, Ungerechtigkeit herrscht, Hass und Schweigen das Leben vergiften.

Und es gibt eine Auferstehung vor dem Tod, wenn Menschen wach und lebendig miteinander und füreinander leben. Den ersten Christen hat ihre Umwelt abgespürt, dass sie unzerstörbares Leben bereits in sich trugen. „Ich lebe – und ihr sollt auch leben!“ hat Jesus gesagt. Das trifft und tröstet mich. Das verändert mein Leben vor dem Tod – und mobilisiert mein Hoffen über den Tod hinaus.

Der Dichter und Pfarrer Kurt Marti hat die Frage nach Tod und Auferstehung so beantwortet:

Ihr fragt

wie ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

wann ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

gibt’s

eine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

gibt’s

keine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ich weiß

nur

wonach ihr nicht fragt:

die auferstehung derer die leben

ich weiß

nur

wozu Er uns ruft:

zur auferstehung heute und jetzt

Kurt Marti, ihm glaube ich seinen Glauben.

Und Jesus: ihm glaube ich seinen Gott.

Wir brauchen dazu keine ausdrückliche Geografie des Jenseits.

„Die Evangelien können nicht genug dafür gerühmt werden, dass sie der Versuchung widerstanden haben, denen, die Jesus vom Tode wieder auferweckte und ihm, dem Auferstandenen selbst, Äußerungen über ein postmortales Jenseits in den Mund zu legen.“

Ein besonderer Liebesdienst in der Begleitung von trauernden Menschen besteht in der Ermutigung zum Protest: Kurt Marti, unbestechlicher Anwalt gegen die leichtfertige Rede angesichts des Todes erinnert in vielen seiner Texte daran, dass wir „Protestleute gegen den Tod“ (Christoph Blumhardt) sind. Und das ist in erster Linie gegen die gesagt, die uns weismachen wollen, dass der Tod „dem herrn unserem gott“ „gefallen“ hätte:

„dem herrn unserem gott

hat es ganz und gar nicht gefallen

dass einige von euch dachten

es habe ihm solches gefallen“

(Kurt Marti, Leichenreden, Nagel & Kimche, Zürich 2001, 27)

1. Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme, erst dann die Herrschaft der Herren, erst dann die Knechtschaft der Knechte vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.

2. Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, wenn hier die Herrschaft der Herren, wenn hier die Knechtschaft der Knechte so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.

3. Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns nun alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Elie Wiesel erzählt: „Bei einem Nachbarn des Rabbi Mosche Löb waren mehrere Kinder nacheinander im zarten Alter gestorben.

Die Mutter vertraut eines Tages ihren Kummer der Frau des Zaddiks an: ‚Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was er gegeben hat.‘

‚Du darfst nicht so reden‘, sagt die Frau des Zaddik‚ so darfst du nicht reden. Die Wege des Himmels sind unergründlich. Man muss lernen, sein Schicksal anzunehmen.‘

In diesem Augenblick erscheint Rabbi Mosche Löb auf der Türschwelle und sagt der unglücklichen Mutter: ‚Und ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht einfach annehmen!“

So wie Hiob im Kanon der Bibel, so steht unser Name und so ist unsere Lebensgeschichte aufbewahrt im Buch des Lebens wie in einem himmlischen Archiv. Und dieses Archiv stürzt niemals ein, wie es mit irdischen Archiven zuweilen passiert, sondern es steht fest in Ewigkeit.

Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“ (Jesaja 49,15.16)

Amen.

Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort

Gottesdienst am Sonntag, den 14.03.2021

Schriftlesung Johannes 12, 20 -24

„Es befanden sich auch einige Griechen unter denen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, um Gott anzubeten. Die gingen zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: » Herr, wir wollen Jesus sehen!« Philippus ging zu Andreas und sagte es ihm. Dann gingen die beiden zu Jesus und berichteten es ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: »Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird der Menschensohn in seiner Herrlichkeit sichtbar. Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Biblische Rede

Liebe Gemeinde!
Heute also die Griechen. Was ist bloß mit den Griechen los? So titelten die Tageszeitungen während der sogenannten Euro-Krise. Was ist bloß mit den Griechen los? – heute meine ich die Griechen zur Zeit Jesu. Sie sind zum Passahfest nach Jerusalem gereist und wollen nichts anderes als Jesus sehen.

Wahrscheinlich sind sie beruflich nach Judäa gekommen, wohnen wohl seit geraumer Zeit unter den jüdischen Einheimischen und sind auf deren Glauben aufmerksam geworden. Und mehr noch: sie scheinen Sympathie für den jüdischen Glauben entwickelt zu haben. Das gab es damals des öfteren. „Gottesfürchtige“ wurden solche Menschen genannt: Menschen, die den jüdischen Glauben nicht angenommen hatten, die aber durchaus mit ihm sympathisierten. Griechen kommen zu Jesus.
Dabei hätten sie es gar nicht nötig gehabt als Angehörige der wohl bedeutendsten Kulturnation der Antike. Und dennoch: Der jüdische Glaube übte auf die Menschen in der Antike eine große Faszination aus; war er doch so völlig anders. Statt zum Teil haarsträubender Göttergeschichten ein einziger Gott, den man nicht sehen konnte und auch nicht als Standbild sichtbar machen durfte. Kein Zeus, der sich in einen Stier verwandelt, um die schöne Europa entführen zu können. Sondern ein Gott, der sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten in die Freiheit geführt hatte. Das beeindruckte! Die Griechen, die zu Jesus kommen, sitzen beileibe nicht auf dem hohen Ross. Sie sind wissbegierig und sich nicht zu schade, noch etwas dazu zu lernen. Das war schon immer die Stärke dieses Volkes. Die Griechen gingen den Dingen auf den Grund. Die Vorsokratiker begründeten dereinst alles philosophische Denken und beeinflussen es bis heute. Pythagoras etwa gilt als Begründer der Euklidischen Zahlentheorie und als Entdecker der musikalischen Harmonielehre. Den „Satz des Pythagoras”, der eine Beziehung zwischen den Seitenlängen eines rechtwinkligen Dreiecks herstellt, lernt man bis heute in der Schule: Die Summe der quadrierten Katheten (a und b) ist gleich dem Quadrat der Hypotenuse (c).
Jetzt wollen die Griechen, die da zu Jesus kommen, dem auf dem Grund gehen, was er zu sagen hat. Sie wollen ihn sehen, heißt es. Das bedeutet: sie wollen ihn kennenlernen, alles von ihm wissen. Griechenland. Das Land, das der Welt die Demokratie geschenkt hat. Demokratie ist zusammen gesetzt aus „demos“, das Volk, und “kratia“, Herrschaft, also Herrschaft des Volkes. Die griechischen Heldensagen sind Weltkulturerbe: Odysseus, Herakles, Kampf um Troja. Ganze Archäologengenerationen suchten nach dem antiken Troja. “Götter, Gräber und Gelehrte“. Pflichtlektüre für alle am humanistischen Gymnasium.
Griechenland. Das Land der Sehnsucht. Urlaub, Sonne, blaues Meer, blendend weiß getünchte Häuser. Die Faszination, die Griechenland auf uns Deutsche seit den siebziger Jahren auslöste. Die ersten Griechenlandpioniere mit dem VW-Bus via Jugoslawien auf dem legendären Autoput: Endlich Griechenland!
Manchmal denke ich mir, dass Griechenland auch irgendwie das Opfer unserer Sehnsucht geworden ist. Oft wird gesagt: im Unterschied zu uns Deutschen würden die Griechen arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. Als wenn es so einfach wäre! Wer erinnert sich nicht an die von Griechenland ausgelöste Eurokrise? Die ist überstanden und die Griechenlandsehnsucht hat wieder zugenommen. Die TUI will an Ostern wieder Griechenland ansteuern…
Die Austro-Pop-Gruppe STS hat unserer Griechenland-Sehnsucht ein musikalisches Denkmal gesetzt. Und dabei das vermeintliche griechische Lebensgefühl ausgedrückt.

S.T.S – Irgendwann bleib i dann dort

Der letzte Sommer war sehr schön
I bin in irgendeiner Bucht g’leg’n
Die Sunn wie Feuer auf der Haut
Du riechst das Wasser und nix is laut
Irgendwo in Griechenland
Jede Menge weißer Sand
Auf mein‘ Rück’n nur dei Hand.
Nach zwei, drei Wochen hab i’s g’spürt
I hab das Lebensg’fühl dort inhaliert
Die Gedanken dreh’n si um
Was z’Haus wichtig war is jetzt ganz dumm
Du sitzt bei an Olivenbaum
Und du spielst di mit an Stein
Es is so anders als daheim.

Und dann wird der Song erschreckend entlarvend.

In uns’rer Hektometik-Welt
Dreht si‘ alles nur um Macht und Geld
Finanzamt und Banken steig’n mir drauf
Die Rechnung, die geht sowieso nie auf
Und irgendwann fragst di‘ wieso
Quäl i mich da so schrecklich ab
Und bin net längst schon weiß Gott wo.

Irgendwie kommt es mir vor, als wenn Griechenland unsere Sehnsüchte nach einem lockeren und unbeschwerten Leben übernommen hätte. Als wenn Griechenland so geworden ist, wie wir es gerne hätten. „Es is so anders als daheim.” Ich stelle mir die Austro-Band STS vor, wie sie singt mit Buddel Rotwein – in Griechenland trinkt man keinen Weizenkorn! – in der Hand und den Füßen im weißen Sand. Wie sie sich in ein Lebensgefühl hineinsingen, das wir seit Jahrzehnten so anziehend finden. Vergessen wir nicht! Was wären wir heute ohne Platon und Sokrates. Ohne Akropolis und Olympische Spiele. Was wären wir ohne die Weisheit der Stoiker? Ohne Aristoteles? Das Neue Testament ist nicht durch Zufall weder auf Aramäisch, der Muttersprache Jesu, noch auf Hebräisch aufgeschrieben worden, sondern auf Griechisch. In der Weltsprache der Philosophie und der Weisheit.
Und jetzt also fragen also Griechen nach Jesus, wollen ihn kennen lernen. Wollen erfahren, was es mit ihm und seiner Botschaft auf sich hat. Und als sie endlich zu ihm vorgedrungen waren, hat Jesus schwere Kost für sie parat: In der Sprache Luthers: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Das Bild vom in die Erde fallenden und dort sterbenden Weizenkorn war den Menschen der Antike geläufig und geheimnisvoll zugleich.
So geheimnisvoll wie die alte Sage, die jeder Philosophieschüler auswendig kannte. Ich meine die Sage vom indischen Herrscher Shihram seine Untertanen. Um den König intellektuell zu fordern, entwickelte der Brahmane Sissa das Schachspiel. Als Belohnung hatte Sissa einen Wunsch frei, und der war ebenso ein Beispiel für seine Klugheit wie für anschauliche Mathematik. Sissa wünschte sich Getreide – auf das erste Feld des Schachbretts sollte ein Korn, auf das zweite Feld die doppelte Menge, auf das dritte wiederum doppelt so viele und so fort gelegt werden. Der König schmunzelte zunächst über die vermeintliche Bescheidenheit des Brahmanen, aber er hatte wohl nicht nachgerechnet. Als sich König Shihram erkundigte, ob Sissa seine Belohnung auch bekommen habe, meldete der Vorsteher der Kornkammer, dass die erforderliche Menge an Getreidekörnern im ganzen Reich nicht aufzubringen war – nämlich 18.446.744.073.709.551.615 Weizenkörner, also etwa 18,5 Trillionen. Das ist eine Menge, die etwa dem Tausendfachen der weltweiten jährlichen Weizenproduktion entspricht und einen Kornspeicher von je 12 km Länge, Höhe und Breite füllen würde. Und das ist nur eines der vielen Welträtsel: Wie kann es zugehen, dass aus etwas, das man in der dunklen Erde begrub, Halme und Frucht hervorkamen? Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Sätze Jesu die Griechen erst recht zum Nachdenken gebracht haben, ihren Wissenschaftlergeist erst noch geweckt haben.
Und auch uns Heutigen geht es nicht anders. Auch wir fragen:
– Kann es sein, dass das Lebensgesetz vom Weizenkorn uns alle betrifft? Was für ein ungeheuer Ansatz!
– Kann es sein, dass etwas vergeht, um erneuert und um so großartiger wiederzukehren?
– Kann es sein, dass das Ende von etwas zugleich der Anfang von etwas Neuem ist? Nach Tränen das Lachen? Nach Niedergang der Aufstieg?
Der heutige Sonntag Lätare ist ein kleines Ostern mitten in der Passionszeit. Wir dürfen den Blick schon über Kreuz und Golgatha hinaus richten auf Ostern hin.
Was ist bloß mit den Griechen los! Sie kommen zu Jesus und der sagt – jetzt in der Sprache unserer Zeit: „Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Was für eine Botschaft! Jedem Ende wohnt bereits die Hoffnung auf einen Neuanfang inne. Diese Botschaft lassen wir uns heute gefallen. Aber nicht uns allein, sondern natürlich auch unseren Freunden, den Griechen.
Amen.

(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)

Gottesdienst am Sonntag, den 07.03.2021

Biblische Rede, Hans-Peter Hellmanzik, 07.03.2021

Schriftlesung Epheser 5, 1.2 + 8.9
5 1 Nehmt euch also Gott zum Vorbild!
Ihr seid doch seine Kinder,
denen er seine Liebe schenkt.
2 Und führt euer Leben so,
dass es ganz von der Liebe bestimmt ist.
Genauso hat auch Christus uns geliebt
und sein Leben für uns gegeben –
als Gabe und als Opfer,
das Gott gefällt wie wohlriechender Duft.

8 Denn früher wart ihr Teil der Dunkelheit.
Aber jetzt seid ihr Teil des Lichts,
denn ihr gehört zum Herrn.
Führt also euer Leben wie Menschen,
die zum Licht gehören!
9 – Denn das Licht bringt als Ertrag
lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. –

Liebe Gemeinde,
zu unserem heutigen Predigttext muss ich ein paar Bemerkungen vorausschicken: Der Brief gibt sich als Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus aus. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammt der Brief aber nicht von Paulus selbst. Vielmehr hat ein uns unbekannter Verehrer des Apostels den Brief zu einem deutlich späteren Zeitpunkt verfasst. Vergleichbares gilt für den Kolosserbrief und den 2. Thessalonicherbrief.
Schon Erasmus von Rotterdam, ein Zeitgenosse Martin Luthers, hatte die paulinische Autorschaft des Epheserbriefes in Frage gestellt. Man nennt das Phänomen Pseudepigrahie – ein Autor leiht sich die Identität eines anderen für das eigene Anliegen, in der Hoffnung, die Autorität des anderen für eigene Zwecke nutzbar machen zu können.
Gegen Paulus als Autor des Epheserbriefes spricht zum einen die vorausgesetzte Situation, zum zweiten der Sprachstil. Der Stil des Epheserbriefes wird in der Bibelwisssenschaft mit Adjektiven wie „schwerfällig, überladen und „schwülstig“ beschrieben. Der Autor des Epheserbriefes versteckt sich „hinter einer Wolke liturgischer Prosa“ – und das ist dem echten Paulus nie passiert.
Schließlich sind auch die theologischen Auffassungen des Epheserbriefes zwar an paulinische Formulierungen angelehnt, sie weichen in der Sache aber ganz deutlich von Paulus ab.

Prominentes Beispiel für diese Abweichung ist Epheser 5,22, wo es heißt: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau.“ Oder in Epheser 6,5: „Ihr Sklaven seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Herrn Christus“. – Solchen rückwärts gewandten Unfug hat der echte Paulus nie von sich gegeben. Paulus war voller Respekt vor den Frauen, das beweisen seine Grüße, die er in seinen Briefen an verschiedene Frauen übermittelt. In krassem Gegensatz zum Epheserbrief hat Paulus darauf gedrängt, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern, zwischen Freien und Sklaven in der Gemeinde seine Bedeutung verliert: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
Der echte Paulus steht für Freiheit, Gleichheit und Aufbruch, der Epheserbrief steht für Hierarchie, Sklaverei, Frauenunterdrückung und schwülstiges Kirchensprech. Besonders in der Ökumene erfreut sich der Epheserbrief großer Beliebtheit, weil er dort so manchem ins orthodox-restaurative Konzept passt.
Uns Pastorinnen und Pastoren ist durch die Liturgische Kommission aufgegeben, die Texte zu predigen, zu der heute der Abschnitt aus dem Epheserbrief stammt, den wir eben gehört haben.
Stellen wir uns also der Herausforderung! Aber tappen wir bitte nicht in die Moralfalle, die uns der Epheserbrief hier stellt.
Ich denke, wir alle wissen, dass die Kirche immer und immer wieder in diese Moralfalle getreten ist. 23 Folgen beinhaltet der Podcast im NDR. 23 Themen unter dem Titel „Mensch Margot!“
Wenn ich die Werbung zu diesem Podcast sehe, werde ich immer wieder an den Rücktritt von Margot Käßmann vom Ratsvorsitz der EKD und als Hannoversche Bischöfin denken. Das war am 24. Februar 2010. Warum ich ausgerechnet daran erinnert werde? Genau: wegen unseres heutigen Predigttextes. Klingt komisch, ist aber so.
Der Epheserbrief fordert: „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

Christen sollen sich Gott und seine Liebe zum Vorbild nehmen. In jeder Lebensäußerung sollen sie dem großen Vorbild entsprechen. Alles moralisch Anrüchige sollen sie meiden. Ganz und gar Licht sollen sie sein, ohne jede Finsternis, rein und zuchtvoll – und „schandbare, närrische oder lose Reden“ sollen sie auch unterlassen, so heißt es später in unserem Kapitel.

Der Epheserbrief verordnet Christinnen und Christen mithin moralische Perfektion, sie sollen Lichtgestalten an Reinheit, Liebe und Selbstlosigkeit sein, dazu humorfrei und asexuell. Immer wieder in der Geschichte hat dieses Bild des Christen als moralisch perfektioniertem Menschen Zuspruch gefunden.
Nicht nur das Mönchtum verdankt sich diesem Ideal. Im Pietismus wird die moralische Besserung unter dem Stichwort „Heiligung“ zum Leitgedanken der Bewegung. Der Methodismus sucht auf demselben Pfad nach der Perfektionierung des Christenmenschen. Stetiges Üben soll zum Ziel führen. Christinnen und Christen sollen die besseren Menschen sein – und wer unter uns wollte sich denn für das Gegenteil stark machen?
Natürlich ist es gut, wenn wir liebevoll und menschlich miteinander umgehen, wenn wir einander nicht missbrauchen oder durch lästerliche Reden einander ins Unglück stürzen. Wie sollte man für etwas anderes eintreten können?

Und doch ist es eine Falle. Es ist die Moralfalle und wie jede Falle ist sie gerade durch ihren verlockenden Reiz, ihre scheinbare Alternativlosigkeit so gefährlich. Das Gefährliche an diesem Anspruch ist: Man kann daran nur scheitern. Und weil man daran nicht scheitern will und weil Scheitern so peinlich ist, deshalb muss diese Scheitern vertuscht werden, deshalb muss eine Fassade aufgebaut werden, deshalb muss der Schein echter moralischer Perfektion aufrecht erhalten werden, weil man nur so den apostolischen und den eigenen Ansprüchen genügen kann.
Wozu solche falschen Heiligkeitsfassaden führen und was sie verdecken, das sehen wir in seiner finstersten Form an den derzeit aufgedeckten Missbrauchsfällen im katholischen wie im evangelischen Teil unserer Kirche.
Es ist ja verlockend und schön, mit dem Bild von der moralischen Perfektion echter Christen zu leben. Man wird dafür gelobt. Heute im Zeitalter der Massenmedien noch mehr als früher. Das immer noch hohe Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit rührt maßgeblich von der an sie gerichteten Erwartung her, dass es sich bei Christen und ganz besonders bei Geistlichen und Kirchenführern um bessere Menschen handelt. Und damit ist die Moralfalle fertig aufgestellt: Moralisches Handeln und christlicher Glaube werden in eins gesetzt und jeder moralische Missgriff eines öffentlich sichtbaren Christenmenschen wird zu einer Infragestellung auch des christlichen Glaubens. Für die Massenmedien ist solch ein moralischer Missgriff ein besonderer Glücksfall, denn das Interesse der Mediennutzer steigt mit der Fallhöhe und mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Eine Bischöfin mit 1,5 Promille und einer überfahrenen roten Ampel ist da schon ein ziemlicher Knaller. Den kann man sich nicht entgehen lassen.
Aber nochmal: Das Ganze ist eine Falle. Der christliche Glauben hat zwar Folgen für das menschliche Verhalten. Der Glaube verweist uns an unseren Nächsten und stellt dessen Wohlergehen an erste Stelle. Das ist Verpflichtung und Anspruch, das garantiert aber nicht den Erfolg und das Gelingen. Niemand anders als der große Apostel Paulus selbst hat das in jeder nur denkbaren Klarheit und Härte festgestellt.
Und jetzt biete ich als Kontrast zum Epheserpaulus den echten Paulus an, der nicht herumschwurbelt, sondern die Sache messerscharf erfasst: In seinem dritten Kapitel des Römerbriefes beschließt Paulus eine lange Passage über die Sündhaftigkeit von Juden und heidnischen Griechen so: Wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind, wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4); […] auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8).“
Kurz und bündig zusammengefasst: „Es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ (Römer 3,9-18, 22f)
Sie sind allesamt Sünder – das gilt für Juden und heidnische Griechen und Christinnen und Christen gleichermaßen. Alle ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollen. Alle leisten sich moralische Fehltritte, sind egoistisch und manchmal lüstern oder führen immer wieder Lästerreden. Oder nicht?
Ich lade Euch zu einem kurzen Test ein:
– Ich bitte einmal alle jene hier in der Kirche aufzustehen, die schon einmal mit dem Auto oder Fahrrad eine rote Ampel überfahren haben oder bei Rot über den Zebrastreifen gegangen sind – alle, die aufgestanden sind, bleiben bitte stehen. Und ich bemerke, auch ich gehöre zu den Aufgestandenen.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zu schnell gefahren und dabei geblitzt worden sind.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zu viel getrunken haben.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal über einen anderen Menschen gelästert haben.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zuerst an sich gedacht haben und nicht an den Nächsten und dessen Wohlergehen.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal einen unsittlichen Gedanken gedacht haben oder diesen Gedanken sogar nicht nur gedacht haben.
So – wer jetzt noch nicht steht, hat entweder einen Hüftschaden und ist entschuldigt, oder ist ein Heuchler oder ist gar in seiner Selbstwahrnehmung gestört.
Letztlich scheitern wir doch alle am Anspruch moralischer Perfektion und Paulus hat recht; es ist kein Unterschied: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“
Ich danke für die Teilnahme an diesem Test und bitte alle Sünderinnen und Sünder wieder Platz zu nehmen.

Halten wir fest, liebe Gemeinde: Glaube, Frömmigkeit, Gottvertrauen machen einen nicht zum besseren, zum moralischeren Menschen. Ansprüche der Öffentlichkeit, Ansprüche der Medien in dieser Hinsicht, sollte die Kirche – und das sind wir alle – frank und frei zurückweisen.
Kirche ist keine moralische Besserungsanstalt, sondern eine Einrichtung zur Pflege des aufgeklärten Glaubens. Es geht ums Gottvertrauen. Und die Pointe des aufgeklärten christlichen Glaubens ist die, dass Gott bei uns ist und zu uns hält, obwohl wir Sünder sind.
Der Original-Paulus schreibt zwar: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“, aber er fährt fort: sie werden doch „ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Römer 3,24)
Wem also gilt Gottes Gnade? Richtig: sie gilt gerade den Sündern, den moralisch nicht Perfekten, denen, die keine Lichtgestalten sind. Das ist der Kern der Lehre des Paulus, das ist der Kern des reformatorischen Glaubens und dieser Glaube zielt auf Befreiung, vor allem auch auf Befreiung von moralischer Selbst- und Fremdüberforderung.
Der Christenmensch – so Luther – ist Sünder und Gerechter zugleich. Er ist „simul justus et peccator“. Er ist Sünder ganz und gar wie alle anderen, aber er ist ein Sünder, der sich vor niemandem verstecken muss, weil Gott an seiner Seite steht und zu ihm hält. So betrachtet hätte ich mir gewünscht, dass die Bischöfin nicht zurückgetreten wäre, sondern in reformatorischer Freiheit stehen geblieben wäre, statt nun „Mensch Margot!“ zu mimen. Und ich hätte mir auch gewünscht, dass die Solidaritätsbekundungen des Rats der EKD und vieler Kirchenleitender damals nicht so schrecklich zaghaft daher gekommen wären.
Ich vermute, aus lauter Angst sind sie alle in die Moralfalle getappt, die ihnen die Medien und die sie sich vermutlich selbst gestellt haben. Ich kann das gut nachvollziehen. Mir würde es spontan natürlich ebenso gehen. Aber schaut euch einmal die Bibel an und überlegt, welche von den großen Gestalten der Bibel dann überhaupt vor diesem Tribunal der Moral bestehen könnte?

Das fängt an mit Noah, der mit seiner Familie wegen seiner herausragenden Frömmigkeit als einziger die Sintflut überlebt. Das erste, was er nach der Flut und einem Dankgebet tut, ist sich sinnlos zu betrinken. Er ist so betrunken, dass er sich nackt auszieht und nicht mehr weiß, was er tut. Seine Söhne müssen seine Blöße zudecken. Also gegen Noah sind 1,5 Promille eine Lächerlichkeit. Noah, der die Sintflut überlebt, würde vor dem moralischen Standgericht unserer Massenmedien jedenfalls nicht bestehen.
Nicht anders ist es mit Abraham. Voll religiösen Eifers will er seinen eigenen Sohn schlachten. Nur Gottes Eingreifen hält ihn davon ab. Und was Abraham in sexueller Hinsicht mit seinen verschiedenen Frauen und Mägden alles treibt, das ist nicht jugendfrei und ich werde es darum hier nicht ausbreiten. Steht aber in der Bibel.
Juda, einer der Stammväter des Volkes Israel, treibt es noch toller. Er betrinkt sich so, dass er mit seiner Schwiegertochter schläft und diese schwängert. Sie hatte es genau darauf angelegt gehabt.
Reden wir von König David. Ihm werden in der Bibel die meisten Psalmen zugeschrieben. David begeht Ehebruch mit der schönen Batseba und lässt zur Vertuschung des Skandals ihren Mann auf teuflische Art beseitigen. Moralisch ist das an Verwerflichkeit kaum zu überbieten und doch ist David zugleich der exemplarisch Fromme, der in der Not auf Gott vertraut. Jesus gilt als Nachkomme Davids. Wo bleibt da die Moral?
Paulus, der wirklich große Apostel, ist Christenverfolger und betreibt Menschenjagd. Angeblich war er an der Steinigung des Stephanus beteiligt. Später findet er zwar noch die Kurve zum christlichen Glauben, aber auch dann bleiben Temperament und Sprachkraft des Apostels von manchmal beklemmender Aggressivität. Das hat er mit Martin Luther gemeinsam.
Paulus zum moralischen Vorbild nehmen? Ich weiß nicht…
Nein, Nein und nochmals nein: Die Moral ist für den christlichen Glauben eine Falle. Wenn in der Bibel nur moralisch einwandfreie Figuren präsentiert würden, dann wäre das Buch leer.
Die Moral ist ein zu kleines Maß und ein total falscher Maßstab.

Fast alle großen Vorbilder des Glaubens hatten moralisch bedenkliche Seiten. Und vor diesem Hintergrund sind 1,5 Promille und das Überfahren einer roten Ampel eine Petitesse. Die ganze moralische Empörung darüber war pure Heuchelei.
Wenn Der seinerzeitige Rücktritt zum Maßstab gesetzt würde, dann könnte keiner mehr eine Kirche leiten, dann wären das Bundeskabinett, der Bundestag und unsere Landtage leergefegt, dann gäbe es keinen Friedensnobelpreis mehr – kennen Sie das sexuelle Sündenregister Martin Luther Kings? – Gewerkschaftsführer, Freiheitskämpfer, Menschen, die sich dem Unrecht widersetzen – ach, sie alle würden an der einen oder anderen Stelle durch den moralischen Rost fallen und müssten abtreten.
Und noch etwas: Ein Rücktritt, weil die Medien darauf gieren, verwischt auch den Unterschied zwischen Verfehlungen und echten Verbrechen. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und das Vertuschen dieser Taten durch die Leitungsverantwortlichen – das ist ein echter Skandal. Das sind schwere Verbrechen und hier müsste es zu Rücktritten kommen. Und außerdem muss für solche Fälle auch das Strafrecht verändert und müssen die Verjährungsfristen erheblich verlängert werden.
Liebe Gemeinde, wenn man die Welt wirklich ändern und verbessern will, dann sollte man nicht auf Moral setzen. Die dient meistens nur der eigenen Aufwertung und der Abwertung der anderen. Die Moral ist nicht der Weg zur Weltverbesserung.

Martin Luther war in dieser Hinsicht rigoros. Weil schon damals Klöster als Hort der Unzucht und des Missbrauchs galten und weil schon damals die zum Zölibat gezwungenen Geistlichen ihrer Triebe nicht Herr wurden, plädierte Luther für die Abschaffung von Klöstern und zölibatärer Geistlichkeit.
Es gibt Lebensformen, die in sich krankmachend sind, weil sie den Menschen moralisch überfordern und psychische Deformationen begünstigen – und deshalb muss man solche Lebens- und Denkformen beseitigen. Das hat Luther vor 500 Jahren erkannt. Es wäre gut, wenn sich diese Erkenntnis endlich auch in Bereich von Kirche durchsetzte, bevor noch mehr Menschen durch falsche Moralregeln deformiert werden und andere ins Unglück stürzen.
Der viel bessere Weg ist der Weg des Rechts: für alle gleich und für alle gültig. Deutliche Absprache. Klare Regeln: was ist erlaubt, was ist verboten?
Kontrolle der Einhaltung dieser Regeln durch staatliche Gewalt.
Halten wir also fest: Die Moral ist für den christlichen Glauben ein zu enges Korsett. Moralische Vorbildlichkeit zeichnet kaum einen der großen Glaubenshelden aus. Was diese Glaubenshelden groß gemacht hat, war ihr Gottvertrauen, das ihnen durch Scheitern und Krisen und Abgründe hindurch half.
Erbitten wir von Gott, dass er auch uns Kraft und aufgeklärtes Glauben schenkt. – Amen.