Predigt von Sonntag, den 8.11.2020

Predigt „Wachen und Schlafen, das Vorletzte und Letzte“
1. Thess. 5, 1-6, Drittletzer Sonntag des Kirchenjahres
08.11.2020
Samuel Trebesius

„Wir leben im Vorletzten und glauben das Letzte.“ das ist eines meiner Lieblingszitate von Dietrich Bonhoeffer.
Wir leben im Vorletzten. Der vorletzte Ton eines Musikstückes. Die vorletzte Szene in einem Film. Die vorletzte Seite in einem Buch. Wir leben im Vorletzten, im Vorläufigen – diese Welt ist vorläufig, ein Provisorium. Und vor allem: sie ist endlich.
Unser Leben hat ein Ende, damit beschäftigen wir uns nicht gern, häufig verdrängen wir das lieber. Aber spätestens, wenn wir am Grab eines lieben Menschen stehen, kommen wir daran nicht vorbei. Aber nicht nur unser Leben hat ein Ende, auch diese Welt hat ein Ende.
Astronomisch entspricht diese Aussage den aktuellen Theorien: Irgendwann wird die Sonne sich aufblähen und jegliches Leben auf der Erde unmöglich machen. Aber die Bibel lehrt uns noch etwas anderes: Jesus wird wiederkommen, am Ende der Zeit. Er wird alles umkrempeln,
nichts wird bleiben, wie es ist. Die Bibel denn das: „den Tag des Herrn“. Das klingt unwirklich, unglaubwürdig für unsere aufgeklärten Ohren. Aber es ist das klare Zeugnis der Bibel. Und auch in unserem Glaubensbekenntnis sprechen wir das: „Aufgestiegen in den
Himmel … von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Jesus kommt wieder; das wird das Ende dieser Welt sein, das Ende der Zeit, der Tag des Herrn. Die Gemeinde in Thessaloniki hat ganz unmittelbar in dieser Erwartung gelebt. Und darum geht es auch in dem Brief von Paulus an diese Gemeinde.

1.Thess.5,1-6:
1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch
von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

Ich möchte an dem Text entlang gehen und ein paar Gedanken weitergeben.
Der Tag des Herrn – wie wird das sein, wenn das Ende anbricht, wenn Jesus wiederkommt? Das war vermutlich eine Frage der Gemeinde. Paulus gibt in seinem Brief Antwort. Zunächst einmal: der Tag des Herrn kommt unerwartet – wie ein Dieb in der Nacht. Soweit so gut. Aber die nächsten Sätze lassen uns stutzen. Verderben, sie werden nicht entrinnen. Wie können wir das verstehen? Das ist ein wahrhaft unbequemes Thema. Aber es ist eine Realität, die an vielen Stellen bezeugt wird: der Tag des Herrn ist für manche kein schönes Ereignis. Das muss man sich noch nicht einmal als Strafe vorstellen. Wer hier nichts mit Gott zu tun haben möchte, wer sich gegen Gott entscheidet, dessen Entscheidung wird ernst genommen. Der wird auch in der zukünftigen Welt ohne Gott sein. Das wird heute von vielen weichgespült – es kommen sowieso alle in den Himmel. In der Bibel sehe ich eine andere Wirklichkeit. Der Tag des Herrn wird für manche kein schönes Ereignis sein.

Und wir? Das ist die logische nächste Frage nach diesen Überlegungen. Wie wird es uns ergehen am Tag des Herrn? Der Text gibt uns eine klare Antwort: 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
Wir sind Kinder des Tages, Kinder des Lichtes. Das ist die gute Nachricht hier in diesem Bibeltext. Wenn wir zu Jesus gehören, sind wir gerettet. Dann erwarten wir eine Auferstehung, ein Leben ohne Schmerzen, ohne Leiden. Ein Leben in vollkommener Gemeinschaft mit Gott.
Warum? Durch das, was Jesus für uns getan hat. Wir sind Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Was machen wir nun damit? Am Ende unseres Textes lesen wir:
So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern
sein.

Nicht schlafen, sondern wachen. Zunächst einmal ist es ganz wichtig: es geht nicht darum, uns die Rettung zu verdienen. Das wäre völlig falsch verstanden. Wir sind gerettet, durch das was Jesus getan hat. Schlafen / Wachen – das ist vielleicht ein gutes Bild. Wenn wir schlafen, dann sind unsere Augen geschlossen. Dann bekommen wir nicht mit, was um uns herum passiert. Im übertragenen Sinne ist das diese Haltung: das mit Gott interessiert mich nicht, die Kirche hat mir nichts zu sagen, dafür habe ich keine Zeit, andere Sachen sind mir wichtiger, darum kann ich mich auch später noch kümmern, wenn ich alt bin. Dann hat man die Augen geschlossen für die Realität des Glaubens, man bleibt im Vorletzten. Wenn wir wachen, beschäftigen wir uns mit Gott. Wir machen uns Gedanken dazu. Wir setzen uns mit Gott in Beziehung, vielleicht reiben und stören wir uns auch an ihm. Letztlich: wir lassen uns auf Gottes Gnade ein.
Wir wachen dort, wo der Glaube konkret wird und Gestalt gewinnt. Dort, wo wir die Bibel aufschlagen, Gottes Wort ernst nehmen, uns nach Gottes Maßstäben richten. Wo wir in Liebe mit anderen Menschen umgehen, vielleicht gerade mit den schwierigen. Wo wir die Wahrheit sagen, auch wenn es Nachteile für uns bringt. Wo wir etwas von unserem Geld abgeben an Menschen, denen es nicht so gut geht. Wo wir den Kontakt und die Nähe zu Gott pflegen.
„Wir leben im Vorletzten und glauben das Letzte.“
Der letzte Akkord eines Musikstückes. Die letzte Szene in einem Film. Die letzte Seite ineinem Buch.
Wir glauben an das Letztgültige, das was Bestand hat, das was trägt, das was ohne Ende ist. Dafür lasst uns wachen, dafür lasst uns empfänglich sein, dafür lasst uns die Augen offenhalten.
AMEN

Download Predigt pdf