Predigt von Sonntag, den 30.08.2020

Predigt am 30.8.20, 12. Sonntag n. Trinitatis über 1. Kor 3,9-17; Pastor L.-U. Kremer

Wo Gott wirkt, geschieht Veränderung. Das ist grob gesagt das Motto dieses Sonntags. Die Lesungen, die wir gehört haben, zeigen das. In der Epistel wurde von der Bekehrung des Paulus erzählt. Hier geschieht mit einem Menschen eine riesige Veränderung, und genau dieser Mensch sorgt dann seinerseits dafür, dass sich ganz viel ändert, nämlich dass sich die christliche Kirche in der damals bekannten Welt ausbreitet. Das Evangelium hat von einer Heilung erzählt. Jesus ändert damit nicht nur den Gesundheitszustand, sondern das gesamte Leben dieses Menschen. Und sorgt mit der Heilung dafür, dass seine Taten und seine Botschaft immer bekannter werden. Dabei ist interessant, dass es sich nicht um das Stärkermachen des schon Starken dreht. Sondern dass gerade Schwache ermächtigt und verändert werden.
Jesus ging es immer um das Reich Gottes, um Gottes Herrschaft in der Welt. Dass es beginnt, dass es wächst, dass es immer mehr Menschen erreicht, die daraufhin ihr Leben ändern. Jesus wandte sich zunächst an Gottes Volk, an Israel. Paulus dann hat die Botschaft in alle Welt gebracht. Es entstanden immer mehr christliche Gemeinden. Gottes Reich wächst. Wie ein Senfkorn, wie ein Sauerteig. Es beginnt ganz klein, ganz regional, und nach und nach wird es immer größer und weltumspannender.
Und heute? Es ist wahr, dass das Christentum weltweit gesehen immer noch wächst. In Europa allerdings werden die Kirchen kleiner. Von Wachstum nichts mehr zu spüren. Da kann man sich schon fragen: War‘s das jetzt? Lohnt sich der Einsatz für die Kirche überhaupt noch? Wie soll es, wie kann es weitergehen?
Paulus, der nun wirklich einen großen Anteil an der Ausbreitung des christlichen Glaubens hatte, ist nie davon ausgegangen, dass mit seiner Arbeit dann alles getan sei. Paulus war es wichtig, dass andere weiter arbeiten, weitere Gemeinden aufbauen, aber auch den Anfang, den Paulus gesetzt hat, in den bestehenden Gemeinden weiterführen. Im heutigen Predigttext aus dem ersten Korintherbrief geht es genau darum. Ich lese einen Abschnitt aus dem 3. Kapitel:
„Wir sind Gottes Mitarbeiter, ihr aber seid Gottes Ackerland und sein Bauwerk. Gott hat mir in seiner Gnade den Auftrag und die Fähigkeit gegeben, wie ein geschickter Bauleiter das Fundament zu legen. Doch andere bauen nun darauf weiter. Und jeder muss genau darauf achten, wie er diese Arbeit fortführt. Das Fundament, das bei euch gelegt wurde, ist Jesus Christus. Niemand kann ein anderes legen. Allerdings kann man mit den unterschiedlichsten Materialien weiterbauen. Manche verwenden Gold, Silber, kostbare Steine, andere nehmen Holz, Schilf oder Stroh. Doch an dem Tag, an dem Christus sein Urteil spricht, wird sich zeigen, womit jeder gebaut hat. Dann nämlich wird alles im Feuer auf seinen Wert geprüft, und es wird sichtbar, wessen Arbeit den Flammen standhält. Hat jemand fest und dauerhaft auf dem Fundament Christus weitergebaut, wird Gott ihn belohnen. Geht aber sein Werk in Flammen auf, wird er seinen Lohn verlieren. Er selbst wird zwar gerettet werden, aber nur mit knapper Not, so wie man jemanden aus dem Feuer reißt. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in eurer Mitte wohnt? Wer diesen Tempel zerstört, den wird Gott ins Verderben stürzen. Denn Gottes Tempel ist heilig, und dieser Tempel seid ihr!“
Paulus nimmt in diesem Kapitel darauf Bezug, dass nicht nur er die christliche Botschaft verbreitet, sondern auch andere. Zunächst geht es ihm besonders um Apollos, auch ein christlicher Lehrer, der nach der Gründung der Korinther Gemeinde durch Paulus die Arbeit dort erfolgreich weiterführt. Weil natürlich jeder einen etwas anderen Schwerpunkt setzt, bilden sich schnell Anhängergrüppchen des einen oder des anderen. Hier will Paulus klarmachen, dass es beiden trotzdem um die selbe Sache geht, nämlich um Jesus Christus. In den Zeilen, die wir eben gehört haben, geht es Paulus dann um weitere Menschen, die mit Gemeinde und Mission befasst sind.
Um zu verdeutlichen, was er meint, nimmt Paulus ein damals wie heute bekanntes Bild, das Bauwerk. Die christliche Gemeinde ist wie ein Bauwerk. Sie braucht einen festen Grund, und sie braucht Architekten, Baumeister und Arbeiter, damit sie entsteht und aufgebaut wird. In den letzten Sätzen wird Paulus noch konkreter: Die christliche Gemeinde ist nicht irgendein Bauwerk, sie ist der Tempel Gottes. Also das heilige Bauwerk der damaligen jüdischen Welt. „Gottes Tempel ist heilig, und dieser Tempel seid ihr!“ schreibt Paulus. Und zwar heilig deshalb, weil Gottes Geist in der Gemeinde wirkt. So ein Gebäude bedarf natürlich der äußersten Sorgfalt.
Aber zunächst verweist Paulus auf die Baugeschichte. Als allererstes kam das Fundament, ohne dieses würde das Gebäude in sich zusammensacken. Dieses Fundament, dieser Grund ist Jesus Christus. Ist all das, was Jesus war und was er gesagt und seinen Jüngern aufgetragen hat. Auf diesem Grund konnte der Bau dann errichtet werden. Angefangen hat, zumindest in Korinth, Paulus als Baumeister. Aber da er sich als Baumeister nicht nur für diese eine Gemeinde sah und dementsprechend nirgendwo lange blieb, haben andere seine Arbeit fortgeführt. In Korinth war es der eben schon genannte Apollos.
Damit weitergebaut werden kann, skizziert Paulus die Aufgabe: Alle, die daran beteiligt sind, müssen verantwortungsvoll mit der Aufgabe umgehen. Es geht immer darum, auf das eine Fundament, nämlich auf Christus aufzubauen. Und darum, das richtige Material zu verwenden, welches Bestand hat. Jeder, der dies tut, muss sich mit seiner Arbeit vor Gott verantworten. Dafür nimmt Paulus den Gerichtsgedanken auf.
Und schließlich nennt er auch jene, die die Gemeinde nicht aufbauen, sondern zerstören. Er glaubt fest daran, dass sie von Gott vernichtet werden, dass sie also ihre gerechte Strafe bekommen. Hier drückt sich seine Hoffnung auf eine endgültige Gerechtigkeit aus. Denn er sieht schon, dass auch vieles erfolglos bleibt oder auch Gemeinden wieder zerstreut und verunsichert wurden. Ohne dass die Menschen, die dieses zu verantworten hatten, vom Blitz getroffen oder sonstwie bestraft wurden. Wenn Gott Gott ist, so Paulus, dann wird er das im Gericht ahnden.
Wie ist das nun heute mit dem Bauwerk, mit der christlichen Kirche? Ich finde das Bild des Paulus auch für die heutige Zeit sehr treffend. Mir fiel als ein gutes Beispiel der Kölner Dom ein. Nicht dass ich nicht jede andere oder auch unsere Kirche nehmen könnte, aber am Kölner Dom wird es meiner Ansicht nach besonders deutlich.
Im Jahr 1248 hat man mit dem Bau des heutigen gotischen Doms begonnen. Die offizielle Fertigstellung wurde im Jahr 1880 gefeiert. Das heißt, über 600 Jahre lang wurde der Dom erbaut. Schon das ist ein passendes Bild für die weltweite Christenheit. Paulus und andere haben zwar begonnen, aber über viele Jahrhunderte hinweg wurde der christliche Glaube immer weiter verbreitet, und in einigen Gegenden geschieht das auch heute noch.
Ab dem Jahr 1880 galt der Dom als fertiggestellt. Die gewollte Größe war erreicht, alles, was ein Kirchengebäude ausmacht, war vorhanden. So einen Punkt könnten wir auch bei der christlichen Gemeinschaft in Europa sehen. Sie wächst nicht mehr weiter – im Gegenteil, sie schrumpft wieder. Der Bau ist also vollendet. Und die Gefahr vorhanden, dass aus dem Gebäude allmählich eine Ruine wird, wenn es nicht weiter gepflegt wird.
Das ist auch die Realität am Kölner Dom. Es gibt bis heute eine Dombauhütte, es gibt bis heute Dombaumeister, obwohl das Gebäude doch als fertig gilt. Und doch muss ständig daran gearbeitet werden, sind Reparaturen fällig, werden Details ausgetauscht, wird vieles auf den heutigen Stand gebracht. Wenn man den Dom genau betrachtet, wird man immer irgendwo ein Baugerüst finden. Dazu sagte einmal eine Dombaumeisterin: „Der Kölner Dom ohne Gerüst ist keine Wunschvorstellung, sondern eine Schreckensvorstellung. Es hieße nämlich, dass wir uns den Dom nicht mehr leisten könnten.“ Was für so ein Gebäude gilt, gilt genauso für den Tempel Gottes, die Gemeinde Christi. Es braucht ständig Baumeister und Arbeiter, damit die christliche Gemeinschaft nicht in sich zusammenfällt. Glaube ist nicht statisch, wenn einmal jemand zum Glauben gekommen ist, heißt das nicht, dass das nun der Endstand ist. Christlicher Glaube braucht die Gemeinschaft und braucht gegenseitige Vergewisserung. Dafür gibt es Pastoren und Diakone, aber viel wichtiger sind die vielen Ehrenamtlichen, die jeweils ihren Teil zur Gemeinde beitragen. Alle müssen sie darauf aufpassen, dass die Grundlage, also Jesus Christus, zu den Menschen kommt. So wie die Dombaumeister darauf aufpassen müssen, dass der Kölner Dom weiter eine christliche Kirche bleibt.
Blicken wir auf uns hier in Wahrenholz. Auch unsere Gemeinde kann nur bestehen, wenn wir das Fundament, die Verkündigung von Jesus Christus, nicht verlassen. Darum geht es. Und darum, wie wir Jesus Christus unter die Leute bringen. Wie wir den christlichen Glauben lebendig erhalten. Paulus hat geschrieben, es wird sich erweisen, wo jemand gut und wo jemand schlecht gebaut hat, welches Material er also verwendet hat. Und wenn wir zurückblicken, entdecken wir sicher Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie die „Baumeister“ sich das gewünscht haben. So haben wir zum Beispiel sehr auf moderne Gottesdienste gesetzt, weil wir meinten, damit mehr Leute zu erreichen und für die christliche Botschaft zu begeistern. Wenn ich ehrlich bin, ist das nicht eingetroffen. Am Anfang war die Neugier noch da, aber dann wurden es weniger Leute, die kamen, und mit Blick auf den Stand des Jahres 2019 können wir sagen, dass bei unseren alternativen Gottesdiensten wie MittenDrin, Gospelkirche oder dem Abendgottesdienst nicht mehr Menschen in die Kirche kommen als bei unseren traditionellen Gottesdiensten am Sonntagmorgen. Anderes dagegen bringt vielleicht mehr in Bewegung, als wir gedacht haben. Ein Beispiel dafür ist für mich die Aktion mit der Kirchenbank im vergangenen Jahr. Wir haben uns dadurch im Dorf ins Gespräch gebracht, die Leute kamen auf uns zu, es gab viel positive Rückmeldung. Ob das dann einst als Gold, Silber oder Edelmetall gilt, wird sich später zeigen.
Wichtig ist, dran zu bleiben und weiter zu bauen. Das gilt für mich als Pastor, für die anderen Mitarbeiter, für den Kirchenvorstand, aber auch alle anderen, die sich hier in unsere Gemeinde einbringen. Immer mit der Frage: Was ist dran und was geht gerade? Wie können wir hier und jetzt auf dem Fundament Jesus Christus weiterbauen? Was braucht der Tempel Gottes, unsere christliche Gemeinde? Und wie bleiben wir offen für Gottes Geist?
Gott setzt gerade auf das Schwache, hatte ich zu Beginn gesagt. Gott braucht keine Superhelden. Sondern Menschen wie uns, wie dich und mich. Amen.

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