Gottesdienst von Sonntag, den 26.07.2020

Gottesdienst am 26.07.2020, 7. Sonntag nach Trinitatis, Lektorin Ulrike Meyer

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserm Vater und dem Herrn Christus Jesus. Amen.

Predigttext 7.So. n. Trinitatis, Hebräer 13,1-3
1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Wir beten: Herr Jesus Christus! Lass den Glauben wachsen unter deinem Wort, und schaffe in uns reiche Frucht der Liebe. Stärke in uns die Hoffnung der Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Das Neue Testament versteht Gottesdienst als die Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als die Christusnachfolge im Alltag der Welt.“
„Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ Und das meint eben nicht die Veranstaltung am Sonntagvormittag, sondern einen umfassenden Lebensvollzug: „Denkt an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.“
Wir alle sind Menschen mit Bedürfnissen: Nach Nahrung, Schlaf und frischer Luft, Schutz und Sicherheit, nach Anerkennung, Erfolg und Liebe, nach Beziehungen, Freiheit, Bildung, Selbstverwirklichung und Glück. Menschen mit Grenzen und Möglichkeiten, Menschen, die darauf angewiesen sind, zu nehmen, aber die auch geben können. Gebt eure Leiber hin, eure ganze leibliche Existenz als ein Opfer, – das meint genau dies: Gottesdienst als die „Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als Christusnachfolge im Alltag der Welt“.
„Warum sollte jemand eigentlich zum Gottesdienst gehen?“ Warum sollte jemand die Mühe auf sich nehmen, aufzustehen und sich in die Kirche zu bewegen, – warum soll sich jemand das, was er für seinen Glauben braucht, nicht einfach virtuell im Internet oder sonstwie beschaffen? Die Antwort liegt im Hinweis auf die Leiblichkeit: Weil es um den ganzen Menschen geht, der Leib ist. Und um die Gemeinde, die Leib Christi ist, – und um mich, der ich ein Teil, ein Glied dieses Leibes bin. Christsein ist nicht ohne diese Leiblichkeit zu haben, und das hat ja auch was: Glaube ist kein Hirngespinst, keine Kopfgeburt, keine körperlose Idee, – sondern betrifft mich in meiner ganzen Existenz mit all meinen Bedürfnissen und Bezügen: „Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.“ Das ist – in ganz schlichten Worten – ein Bild von der Gemeinschaft der Heiligen, – vom geschwisterlichen Miteinander der Christen, das nicht von Egoismen und Abschottung geprägt ist – von einer „America first“- Haltung, oder einer „My Home ist my castle“- Mentalität, – sondern von Solidarität, die um die eigenen Bedürfnisse weiß und darauf achtet, – aber auch daran denkt, dass der Mensch neben mir auch solche Bedürfnisse hat und haben darf: „Wir haben einen Gott und Herrn, sind Glieder eines Leibes, drum diene deinem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich.“
Gottesdienst als die „Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als Christusnachfolge im Alltag der Welt“ – das wird dann plötzlich zu einer ziemlich herausfordernden Angelegenheit, die mit vielleicht 1½ Stunden am Sonntagvormittag bei weitem nicht erledigt ist. „Bleibt fest in der brüderlichen, in der geschwisterlichen Liebe.“ Das ist die Überschrift zu dem allen. Und knüpft an das Gebot Jesu: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt“ an.
“In der Gastfreundschaft, von der nun die Rede ist, wird das konkret – und mit einem ganz besonderen Hinweis verbunden: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Das erinnert an den Besuch der drei Männer (oder Engel) bei Abraham und Sara.
Gastfreundschaft ist im Orient eine heilige Ordnung – eine heilige Pflicht. Als die beiden Engel Lot besuchen, und die fürchterlichen Leute aus Sodom von ihm verlangen, dass er ihnen die Fremden ausliefert, bietet Lot ihnen, um sie zu schützen, als Ersatz seine Töchter an. Unfassbar für uns, aber es illustriert, welch hohen Rang dieses Gebot der Gastfreund-schaft hatte. Dabei nimmt Lot die Fremden nicht auf, weil sie Engel sind – das weiß er gar nicht. Für ihn sind es einfach zwei Reisende, denen er sein Haus als Herberge für die Nacht anbietet. Dass das sein ganzes Leben verändern – und ihn in der Folge vor allem retten wird, ahnt er da noch nicht. Seine Gastfreundschaft ist vollkommen uneigennützig und so soll es auch sein.
Doch schauen wir auf die momentane Lage, wie weit können wir uns erlauben zu gehen mit unserer Gastfreundschaft? Wer weiß denn bei den vielen Änderungen noch genau mit wie vielen Leuten er sich in der Öffentlichkeit – natürlich mit Abstand – draußen im Freien treffen darf. Und wie ist das, wenn Besuch zu mir nach Hause kommt? Zugegeben, jeder hat doch irgendwie gemischte Gefühle – sich anzustecken wäre fatal – aber ohne Kontakte waren wir doch schon lange genug, niemand hält das lange aus.
Und was macht das alles mit unserer Gemeinde? Gemeinsames Singen, jedenfalls hier in der Kirche, ist nach wie vor streng erboten und auch die Chöre sind bei den derzeitigen SeuchenSchutzBestimmungen nicht in der Lage zu üben, noch viel weniger ihr Können zu präsentieren.
Was wäre, wenn sich jetzt wieder Scharen von Flüchtlingen auf den Weg in Richtung Westeuropa machen würden? Die Lage in den Lagern ist meines Erachtens nicht hinzunehmen.
Keine ausreichende Hygiene, wenig medizinisches Personal und wie sieht es mit Testmöglichkeiten auf das Virus und damit verbundener Quarantäne bei überfüllten Lagern aus? Aber was sollen, was können wir tun? Wir müssen ja jetzt sehen, dass wir selbst aus der Krise heraus kommen, oder?
Von Gastfreiheit kann da wohl keine Rede sein.
Doch:
„Gastfrei zu sein vergesst nicht. Denkt an die Gefangenen oder die Flüchtlinge, als wärt ihr Mitgefangene und an die Misshandelten, weil ihr am Leib Christi lebt.“
Seid da für die, die euch um Hilfe bitten, auch wenn’s gerade nicht passt – und Mühe macht. Und, wie war das doch mit den Engeln? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Verfasser Ursprungstext: Pfr. St. Förster, Heidelbeg, 2018