Predigt für Donnerstag, den 21.05.2020, Himmelfahrt

Heute ohne Audiodatei, dafür mit vielen Bildern. Wie immer finden Sie aber am Ende der Seite die Möglichkeit, die Predigt als pdf-Datei herunterzuladen.

Himmelfahrt

Himmelfahrt Altar

Wir feiern Himmelfahrt – den Bibeltext dazu haben wir eben gehört. Wer kann damit noch etwas anfangen? Für heutige aufgeklärte Menschen ist diese Erzählung ein Unding, bestenfalls ein Märchen. Vermutlich ein Grund, warum nur wenige mit diesem kirchlichen Feiertag vertraut sind. Warum sie dafür lieber mit dem Bollerwagen ins Grüne rollen und nach und nach ins Blaue abdriften. Vatertag also. Wir Kirchenleute schimpfen ja immer darüber. Aber gibt es vielleicht doch Gemeinsamkeiten? In beiden Fällen geht es um Gemeinschaft, genauer gesagt um ein Gemeinschaftserlebnis. Für uns ist das der Gottesdienst unter freiem Himmel, für andere ist es das gemeinsame Spaß haben, auch in der freien Natur.
Himmelfahrt – der unmögliche Feiertag. Unmöglich auch deshalb, weil die Christen behaupten, dass sich hier Dinge verbinden, die eigentlich getrennt sind. Gott im Himmel und wir auf der Erde, und es geht ja auch ohne ihn. An Himmelfahrt aber werden Himmel und Erde ganz eng zusammen gedacht. Und das liegt an Jesus. Jesus, der uns zugesagt hat, immer bei uns zu sein, und doch plötzlich im Himmel verschwindet. Das passt doch nicht, oder? Wie geht das zusammen?
Für heute ist ein Text aus dem Johannesevangelium ausgewählt, der auf ähnliche Weise die verschiedenen Ebenen: Gott – Himmel – Mensch – Erde zusammenbringt. Es ist ein Ausschnitt aus dem Gebet, das Jesus kurz vor seiner Verhaftung spricht. Der Text ist nicht einfach, es ist eine sehr verklausulierte Sprache, und Johannes liebt es, die selben Dinge und Sachverhalte mindestens drei- viermal in anderen Worten zu wiederholen. Deshalb habe ich zwei Verse ausgewählt, die für mich das Zentrum dieses Abschnitts ausmachen. Ich lese aus dem 17. Kapitel:
„Ich habe ihnen“ – also den Gläubigen – „die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“
Da ist ganz viel drin. Ich nehme es mal auseinander. „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast“. Gottes Herrlichkeit, das ist etwas, das wir gar nicht fassen können, etwas, das uns komplett übersteigt. Jesus nun lässt etwas davon durchscheinen, lässt uns einen Eindruck von Gott selbst bekommen, ohne dass wir sofort vergehen. Diese Erfahrung Gottes bindet uns als Gläubige zusammen: „auf dass sie eins seien“. Alle erfahren wir durch Jesus etwas von diesem einen Gott, der eins mit Jesus ist, und dadurch werden wir zu einer Einheit, zu einer Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist nun kein Selbstzweck, sondern erfüllt eine Aufgabe: „ auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast“. Das heißt, unsere Einheit als Christen strahlt in die Welt hinaus. Und durch uns und unser Zusammenstehen wird Jesus für die Außenwelt sichtbar. Der Satz geht noch weiter: „dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“ Es wird also nicht nur Jesus selbst erkennbar, sondern durch Jesus erfahren die Menschen von der Liebe Gottes. Sie erfahren durch ihn, dass Gott sie liebt, und zwar wie den eigenen Sohn.
Was für mich an diesem Text deutlich wird, ist, dass Jesus das Bindeglied ist. Der Punkt, der alles zusammenbringt. So ist er zum einen das Bindeglied zwischen Gott und den Menschen. Es ist für die Menschen bis heute schwierig, sich einen Gott zu denken, der alles in den Händen hält. In Jesus kommen Gott und Mensch zusammen. In Jesus wird Gott für uns greifbar.

Jesus ist aber auch das Bindeglied zwischen den Menschen. Alle, die an ihn glauben, gehören zusammen, bilden eine Gemeinschaft. Und auch da fügt er Gegensätze zusammen, denn so treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Und schließlich, und damit sind wir bei Himmelfahrt, bindet Jesus Himmel und Erde zusammen. Im Johannesevangelium wird das besonders deutlich. Es wird dort zwar geschildert, wie er mit den Menschen lebt und mit ihnen umgeht. Und doch spricht aus seinen Worten immer schon die obere Ebene, der Himmel. Jesus wirkt bei Johannes die ganze Zeit ein Stück entrückt. Und auch sonst wirken die Zusage, dass er immer bei uns ist und die Tatsache, dass wir ihn bei Gott verorten, zusammen.
Eins sein. Das kommt im Text häufiger vor. Der Gedanke der Einheit ist zentral. Nur als Einheit kann die christliche Gemeinde bestehen. Dabei ist mit Einheit nicht gemeint, dass alle gleichgeschaltet sind. Dafür sind auch die Christen viel zu unterschiedlich. Die Einheit besteht eben in Jesus Christus. Im Anerkennen, dass er unser Herr ist. Daran entscheidet sich die christliche Gemeinschaft.
Und daran zeigt sich auch, wer diese Gemeinschaft zusammenruft. Nicht wir entscheiden, wer zur Kirche dazu gehört und wer nicht. Eine christliche Gemeinde ist kein Freundeskreis. Da geht es nicht um Sympathien und Abneigungen. Zusammen gehören wir, weil wir an Jesus Christus glauben. Ob wir uns mögen oder nicht. Und um die Einheit zu gewährleisten, bleibt uns nur das Gebet. Wir kommen zusammen, aber Gott allein bewirkt, dass wir zu einer Gemeinde werden.
Durch diese Gemeinde wirkt Gott in die Welt hinein. Auch hier ist das Stichwort Einheit entscheidend. Denn wenn wir untereinander zerstritten sind, wird uns keiner abnehmen, was wir ihm von Gottes Liebe erzählen. Gemeinsam geben wir ein Beispiel ab, wie es ist, von und mit seiner Liebe zu leben und sie weiterzugeben.
Eins sein, Einheit – ist das heute dran? Wo es doch immer besonders um den Einzelnen und seine Individualität geht. Ich glaube, es ist sehr wohl dran. Corona zeigt gerade deutlich die Grenzen des Individuums auf. Plötzlich ist es das Gebot der Stunde, auf den anderen zu achten und nicht mehr nur meinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Wir merken, dass wir zusammengehören und nur miteinander leben können.
Und das lässt sich noch ausweiten. Nicht nur Mensch gegen Mensch ist das Problem, sondern Mensch gegen Tier, Mensch gegen Umwelt und so weiter. Diese Vereinzelung und Zerrissenheit ist das Grundübel dieser Welt, behaupte ich. Nur der Blick auf die Zusammenhänge bringt uns weiter. Was ich vorhin gesagt habe, gilt auch für die gesamte Schöpfung: Nur zusammen können wir leben.
Heute ist Himmelfahrt. Der Tag, an dem Dinge zusammenkommen, die wir für getrennt halten. Das ist unsere Chance. Jesus hilft uns dabei, auf der Erde zu leben und den Himmel im Blick zu behalten. Als eine christliche Gemeinschaft, die sich nicht selbst genug ist, sondern für die anderen da ist. Als eine Gemeinschaft, die von der Liebe Gottes lebt und darauf vertraut, dass das Beste noch kommt. Himmel und Erde gehören zusammen.
Amen.

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