Predigt für Sonntag, den 22.03.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Posaunenchor „Ich lobe meinen Gott“, Aufnahme vom Bläserfestgottesdienst 2019

Predigt für den 22.03.2020 Sonntag Lätare

Liebe Leute,
was soll ich sagen? Wie soll ich Sie und euch anreden? „Liebe Gemeinde“ – welche Gemeinde rede oder schreibe ich überhaupt an? Ich sehe sie ja nicht. Oder: „Liebe Predigthörende und -lesende“??? Dann sind alle gleich raus.
Also bleibe ich bei: Liebe Leute!
Das hier macht schon deutlich, was gerade los ist. Alle Kirchen sind zu, alle Gottesdienste gestrichen. Ich darf mich also nicht ans Pult oder auf die Kanzel stellen und im gewohnten Setting meine Predigt halten. Das Gewohnte geht nicht mehr. Ich will aber trotzdem nicht stumm bleiben. Was bleibt von Kirche übrig, wenn sie gerade in Notzeiten nicht für die Leute da ist? Deshalb will ich es versuchen. Will Gott mit seinem Wort in den Mittelpunkt stellen. Will Gedanken teilen, Fragen stellen, eigene Gedanken anregen. Und will daran festhalten, dass Gott uns nicht allein lässt. Auch in dieser Situation nicht.

In Wahrenholz hätten wir heute einen Festgottesdienst zusammen mit unserem Posaunenchor gefeiert. Fröhlich und mit viel Musik. Eigentlich erstaunlich, sind wir doch mitten in der Passionszeit. Also in der Zeit, in der die Kirche besonders an das Leiden und Sterben von Jesus Christus denkt. Und dabei meist ziemlich traurig dreinschaut. Doch der Name dieses Sonntags heißt übersetzt: Freut euch! Er wird auch als kleines Osterfest bezeichnet. Er erinnert uns daran, dass trotz des Leids am Ende die Freude steht. Kirchlich gesprochen: Auf den Tod folgt die Auferstehung. Auf die Verzweiflung folgt die Hoffnung.
Und trotzdem: Geht das gerade, diese Aufforderung „Freut euch“? Ist das nicht zynisch? Ein Virus legt große Teile der Welt lahm, Menschen werden krank, manche sterben daran, das soziale Leben kommt zum Erliegen, unzählige Menschen müssen um ihre Existenz fürchten – und dann so eine Aufforderung? Dann könnten wir doch gleich zu einer anständigen Corona-Party einladen…
Nein, natürlich nicht! Und ja, es klingt schon komisch. Aber es ist dran. Gerade jetzt. Wir haben rein gar nichts davon, den Kopf komplett hängen zu lassen. Mutlosigkeit steckt nämlich auch an. Mir reicht aber die mögliche Ansteckung durch das Virus.
Freut euch! Diese Worte stammen aus dem Bibeltext zum heutigen Sonntag. Und den findest du im Buch des Propheten Jesaja, ganz hinten. Ich lese ihn in einer modernen Übersetzung:
„Freut euch mit Jerusalem! Jubelt über diese Stadt, alle, die ihr sie liebt! Früher habt ihr um sie getrauert, doch jetzt dürft ihr singen und jubeln vor Freude. Lasst euch von ihr trösten wie ein Kind an der Mutterbrust. Trinkt euch satt! Genießt die Pracht dieser Stadt! Denn ich, der HERR, sage euch: Frieden und Wohlstand werden Jerusalem überfluten wie ein großer Strom. Ich lasse den Reichtum der Völker hereinfließen wie einen nie versiegenden Bach. Und an dieser Fülle dürft ihr euch satt trinken.
In dieser Stadt werdet ihr euch wie Kinder fühlen, die ihre Mutter auf den Armen trägt, auf den Schoß nimmt und liebkost. Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind. Die neue Pracht Jerusalems lässt euch den Kummer vergessen. Wenn ihr das alles seht, werdet ihr wieder von Herzen fröhlich sein, und neue Lebenskraft wird in euch aufkeimen wie frisches Gras.«“
Da ist viel Freude drin, viel Trost und viel Mutter-Kind. Und bei dir vielleicht jede Menge Fragezeichen. Deshalb als allererstes: Worauf bezieht sich der Text? Was war da los damals? Israel lag in Trümmern. Jahrzehnte zuvor ist das Land von der damaligen Großmacht Babylon besiegt und unterjocht worden. Große Teile der Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. Die anderen mussten zusehen, wie sie überleben. Inzwischen hatte sich die Situation verändert und die Verschleppten waren zurückgekehrt.

Aber Jerusalem, die Hauptstadt, lag in Trümmern, und die beiden Teile der jüdischen Bevölkerung hatten sich durch die jahrzehntelange Trennung auseinandergelebt. So gab es viel Frust und Ärger. Und über all dem die Frage: Wie soll es weitergehen?
An dieser Stelle kommt der Prophet ins Spiel. Er spricht im Namen Gottes. Und er spricht der Bevölkerung Trost zu. Gerade im Blick auf die Stadt Jerusalem, die den Israeliten so wichtig war, und die doch so heruntergekommen war. Er ruft zur Freude auf, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Anlass dazu war: „Freut euch mit Jerusalem! Jubelt über diese Stadt, alle, die ihr sie liebt! Früher habt ihr um sie getrauert, doch jetzt dürft ihr singen und jubeln vor Freude.“ Das klang für die meisten damals sicher ziemlich schräg. Leckten doch alle noch ihre Wunden. Deshalb bringt der Prophet das Bild der Mutter ein. Schon die kleinsten Kinder haben Bedürfnisse. Und sie weinen, wenn diese nicht erfüllt werden. Wenn sie Hunger haben. Wenn sie müde sind. Wenn sie sich wehgetan haben. Doch zum Glück ist die Mutter da. Sie stillt ihre Kinder, sie wiegt sie in den Schlaf, und sie tröstet sie und sagt: Alles wird gut. Das hilft. Denn die Kinder vertrauen ihrer Mutter.
„Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind.“ Das sagt Gott zu den Israeliten. Er will, dass sie ihm vertrauen wie Kinder ihrer Mutter. Er will sie trösten, damit es ihnen wieder besser geht. Denn Verzweiflung und Aussichtslosigkeit lähmen. Damit würde es dem Land immer noch schlechter statt besser gehen. Die, die sich trösten lassen, können dagegen neu hoffen. Und Hoffnung macht lebendig und aktiv. Auch wenn es jetzt noch trist aussieht, auch wenn sie nicht wissen, wann die Besserung eintritt: Sie bleiben dran, lassen sich trösten und stärken, weil sie darauf vertrauen, dass Gott ihnen beisteht und hilft.
Soweit zum Text und seiner Situation. Und nun zu uns. Wir sind zwar nicht im Krieg. Und wir sind auch nicht ins Exil vertrieben worden. Aber wir erleben gerade eine Lage, wie sie die meisten von uns noch nie erlebt haben. Eine Lage, die nicht nur an unsere Gesundheit, sondern zunehmend auch an unsere Nerven geht. Schon jetzt erfahren wir eine extreme Einschränkung des sozialen Lebens. Und müssen befürchten, dass hier die Schrauben noch weiter angezogen werden – für den heutigen Tag ist eine Beratung der Bundeskanzlerin mit den Länderchefs vorgesehen, ob eine allgemeine Ausgangssperre in Deutschland eingeführt werden soll. Wir hören die ständig aktualisierten Meldungen über die Ausbreitung des Virus. Dieser rasante Anstieg macht Angst. Werde ich auch davon betroffen sein? Wie wird es mir gehen?
Gott spricht: „Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind.“ Ich glaube, diesen Trost kann ich gut gebrauchen. Und ich glaube, du auch. Wir brauchen jetzt etwas, an dem wir uns festhalten können. Etwas, das uns Mut macht, die Zeit durchzuhalten und auf bessere Zeiten zu hoffen. Dieses „Etwas“ ist für mich Gott. Nicht nur in unserem heutigen Text, sondern an vielen Stellen der Bibel erklingen Gottes Trostworte. Und immer wieder die Zusage, dass Gott ganz nah bei uns ist. Dass er uns wie eine Mutter zuflüstert: Alles wird gut.
Das heißt nicht, dass alles Leid plötzlich weg ist. Und es heißt schon gar nicht, dass wir Christen von der Corona-Krise gar nicht betroffen wären, weil wir ja an Gott glauben. Ich habe solche Aussagen schon gehört, und ich halte sie für äußerst gefährlich. Nein, wir alle sitzen im selben Boot. Aber was ich als Christ habe, ist die Hoffnung und das Vertrauen. Und wie ich vorhin schon gesagt habe: Hoffnung macht lebendig und aktiv. Also: Lass dich trösten, lass dich ermutigen. Und gib den Trost und den Mut weiter. So wie Gott für dich da ist, sei für die anderen da. Das geht, trotz sozialer Vereinzelung und möglicher Ausgangssperre.
Zum Schluss noch mal der Blick auf den heutigen Sonntag. So wie er mitten in der Leidenszeit darauf verweist, dass am Ende das Osterfest steht, darf ich vertrauen, dass mitten in der Krise doch das Ende absehbar ist. Dass Gott zu seinem Wort steht, wenn er sagt: Alles wird gut. Amen.

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