Gottesdienst zum Ostermontag, den 05.04.2021

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Liebe Gemeinde,

zünden Sie doch Ihre Osterkerze an und sprechen Sie laut die Worte:

Der Herr ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden.
Halleluja!

Diese Worte erklingen heute auf verschiedenste Weise. Gelesen von Menschen zu Hause vorm Fernseher oder dem Laptop, bei Fernseh- oder Onlinegottesdiensten. Sie erklingen in den Präsenzgottesdiensten und beim Lesen der Gottesdienste zum Mitnehmen. Heute wird mit den vertrauten Worten Gottesdienst gefeiert, aber auf viele verschiedene Arten.
Noch ein letztes Mal steht ein Bild des ökumenischen Jugendkreuzweges im Mittelpunkt. Es ist kein klassisches Osterbild. Kein leeres Grab, sondern ein leerer Tisch mit vielen freien Plätzen und im Hintergrund sieht der Betrachtende eine Abendmahlsszene. Die leeren Hocker laden den Betrachtenden ein, Platz zu nehmen.
Fühlst du dich eingeladen?

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Gebet:
Du Gott des Lebens,
du hast die Dunkelheit unserer Welt durchbrochen an jenem Ostermorgen. Du hast einen neuen Anfang geschenkt, als alle nur auf das Ende blickten. Versteinertes hast du ins Rollen gebracht, Erstarrtes in Bewegung. Lass dein Licht auch unseren Ostermorgen erleuchten. Schenke Mut, das Unglaubliche zu glauben, damit auch wir das Leben finden. Amen.

Ein Gespräch backstage:

Regie: Der Tisch ist leer. Wo früher die Freunde und Freundinnen mit Jesus gegessen haben, sind jetzt Plätze frei. Was meint ihr: Wie geht es jetzt weiter?
Dazu fällt mir eine Geschichte aus der Bibel ein:
Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein. Zur Stunde des Festmahls schickte er seinen Diener aus und ließ denen, die er eingeladen hatte, sagen: Kommt, alles ist bereit! Aber einer nach dem anderen entschuldigte sich. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen hierher! Nötige die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird. (Vgl. Lk 14,16–17, 21–23)

Person 1: Gott, der Eventplaner, der ein großes Festmahl gibt. Zu dem wir alle eingeladen sind. Er überlässt mir die Entscheidung.
Person 2: Aber die Tische bleiben leer. Die Eingeladenen können oder wollen nicht kommen. Das erinnert mich an das Frühjahr 2020. Vieles fiel aus, aber ehrlich, zu manchem wäre ich auch nicht hingegangen.
Person 1: Genau, und zu einigen Sachen habe ich einfach keine Lust. Aber: Gott bleibt beharrlich. Für ihn spielt es eine Rolle, wie du dich entscheidest. Er sagt nicht einfach ab, er gibt nicht einfach auf. Er will alle an einen Tisch bringen.
Person 2: Nachdenklich macht mich, dass die Armen und Ausgegrenzten Gottes Einladung eher annehmen. Vielleicht sind wir Menschen so: So lange es uns gut geht, sind wir ziemlich wählerisch. Seit dem Corona-Lockdown bin ich jedenfalls offener und dankbarer. Ich bin froh um jeden menschlichen Kontakt, um jedes Treffen!
Person 1: Das ist bei mir ähnlich. Oft merkt man erst, wie wichtig einem etwas ist, wenn es plötzlich fehlt.

Impuls

Und jetzt?
Jesus ist tot. Sein Leichnam wurde abgenommen und in ein Felsengrab gelegt. Später finden seine Anhänger es leer vor. Jesus ist fort. Auferstanden. Verwandelt und doch er selbst. So zeigt er sich noch einmal seinen Jüngern im kleinen Dorf Emmaus unweit von Jerusalem. Redet mit ihnen und isst mit ihnen gemeinsam. Als sie ihn erkennen, verschwindet Jesus vor ihren Augen. Auch die Jünger machen sich auf den Rückweg nach Jerusalem, um den anderen vom Auferstandenen zu erzählen.
Was bleibt ist ein leerer Holztisch mit freien Hockern drum herum. Wie auf dem Bild. Ein paar Krümel liegen noch auf der Tischplatte. Der Tisch und die Stühle sind bereit. Die nächsten Gäste können an ihm Platz nehmen, sich ausruhen, gemeinsam essen und plaudern. Wer mag das sein?
An Gottes Tisch sind Plätze frei. Jesus und die Jünger sind schon wieder fort. Die nächsten Gäste können kommen. Jeder, der mag, kann einfach Platz nehmen. Gott lädt alle ein. Jeder kann seine Einladung annehmen und sich mit an den großen langen Holztisch setzten. Trotz und vielleicht gerade wegen Corona. Vermutlich wären bei den aktuellen Bestimmungen die Plätze zeitlich begrenzt nutzbar. Ein festes Zeitfenster für den Besuch würde einen zu großen Andrang verhindern. Der Abstand zum Tischnachbarn würde immer 1,5 Meter betragen, und das Essen und Trinken hätten vermutlich alle Gäste vorsichtshalber selber mitgebracht.
Aber es wäre mal wieder eine Möglichkeit sich mit anderen Menschen zu unterhalten, zusammen zu essen, Gemeinschaft zu erleben. Etwas, dass gerade an diesem Osterfest wieder unendlich kostbar erscheint, wo Familien nicht zusammenkommen können und gemeinsame Essen ausfallen müssen.
Heute Morgen haben Sie sich mit an Gottes Tisch gesetzt. Mit dem Lesen dieses Gottesdienstes haben Sie Gottes Einladung angenommen. Gemeinsam mit vielen anderen Menschen, egal, ob in einem Gottesdienst in einer der Kirchen und Altenheime, in einem der vielen Onlineangebote oder im Schauen des Fernsehgottesdienstes. Gottes Einduldungen an uns sind vielfältig. Unsere Gemeinschaft in seinem Namen existiert durch alle Medien und Entfernungen hindurch. Der gemeinsame Glaube an Gott verbindet uns.
Gottes Einladung gilt auch über das Osterfest hinaus. Ein Platz am Tisch Gottes ist zu jederzeit frei. Setzten Sie sich doch immer mal wieder an seinen Tisch und verbringen Sie Zeit mit Gott und den anderen Gästen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

Auch zu diesem Bild gibt es ein Lied von den Autoren des Jugendkreuzweges. Sie können es einfach lesen oder sich online anhören und mitsingen unter: https://www.jugendkreuzweg-online.de/materialien/audioguide!

Gebet:

Guter Gott,
wir bitten Dich:
Für uns Menschen,
hilf uns, unseren Platz zu finden,
an Deinem Tisch
in dieser Welt.

Barmherziger Gott,
wir bitten Dich:
Für die Menschen,
denen das Nötigste zum Leben fehlt,
denen kein Mensch einen Platz
anbieten will.

Gütiger Gott,
wir bitten Dich:
Für alle, die hinter den Kulissen
für andere Menschen hart arbeiten,
und im Schatten bleiben
ohne Anerkennung oder gerechten Lohn.

Gnädiger Gott,
wir bitten Dich:
Für alle, die im Scheinwerferlicht stehen,
in der Politik und auf den Bühnen
des Lebens,
mit Macht und Einfluss.

Großer Gott,
führe Du die Regie
in unseren Köpfen und Herzen.
Das bitten wir Dich

Wir beten zu dir mit Worten, die Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen:

Gottes Segen behüte uns.
Gottes Geist leite uns.
Gottes Friede sei mit uns
und der ganzen Welt.

Amen.

Frohe Ostern wünscht Ihnen
Pastorin Nina Junghans

Meditation zum Ostersonntag, den 04.04.2021

Osterspaziergang 2021

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Das war nur ein Gerücht, liebe Ostergemeinde, das war nur ein Gerücht, dass Jesus auferstanden sei.
Die ersten Männer, die es aus Frauenmund hörten, konnten es nicht glauben. Originalton Bibel: „Es erschienen ihnen diese Worte als leeres Gerede, und sie glaubten den Frauen nicht.“ An dieser Stelle setzt der biblische Ostertext ein. „Zwei von ihnen gingen am selben Tag in ein Dorf, das von Jerusalem etwa zwei Weg-stunden entfernt ist und Emmaus heißt.“ Diese beiden gehen also weg. Weg von Jerusalem. Ich vermute, sie gehen nach Hause, zurück in ihre gewohnte Umgebung, in ihren Heimatort, in die alte Realität. Die neue – so scheint es – hat sich als Täuschung erwiesen. Die Armen – im Besitz des Reiches Gottes? Die Hungernden – satt? Die Weinenden lachen? Lk 6,20+21 Von wegen! Jesus, ihr „Prophet“, mit dem sie diese Hoffnungen verbunden hatten, wurde hingerichtet. Der große Traum: aus. Da bleibt nur übrig: Distanz gewinnen. „Mensch, ich muss erst mal Abstand davon gewinnen!“ Höre ich mich sagen – in weitaus weniger dramatischen Situationen meines eigenen Scheiterns. Unsere beiden Wanderer wollen Abstand gewinnen. Sie gehen weg aus Jerusalem. Das geht mit den Füßen schneller als mit der Seele. So schnell kommen sie nicht los – von IHM und von dieser Hinrichtung.
Wovon man nicht los kommt, davon muss man reden. „Und sie redeten miteinander über alle diese Geschichten. Als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da kam Jesus selbst dazu und ging mit ihnen.“

Sie redeten. Immerhin. Es gibt eine Niedergeschlagenheit, die stumm macht. Das scheint bei den beiden nicht so zu sein. Sie sind nicht so leer und ausgebrannt, dass es ihnen die Sprache verschlägt. Vielleicht reden sie auch wieder, weil der erste Schock vorüber ist. Und denken nach und kämpfen noch: mit sich, mit der enttäusch-Hoffnung. Ich denke, die beiden sind hin- und hergerissen. Weiter machen mit der Sache Jesu oder aufhören wie Petrus, der öffentlich erklärt hat, dreifach, mit Jesus nun aber auch gar nichts zu tun zu haben. „Mensch, ich weiß nicht, was du meinst.“ Lk 22. 60 Mitten in diesem Hin und Her schließt sich ihnen ein Wanderer an, der in die gleiche Richtung unterwegs ist. „Aber ihre Augen waren gehindert, ihn zu erkennen.“ Sie merken nicht, unsere beiden Wanderer, mit wem sie es zu tun haben. Sie können den nicht erkennen, der vor ihnen steht. Sie können einfach nicht. Es spulen sich, stell´ ich mir vor, immer wieder dieselben Bilder vor ihren Augen ab: die Rede auf dem Feld, der See und dann das Kreuz. Ihre Augen wurden „gehalten“ – übersetzt die Zürcher Bibel. Eine schöne Formulierung. Die Augen werden „gehalten“, und man merkt erst im Sommer, dass man den Frühling verpasst, die Vögel nicht gehört und das Grün nicht hat kommen sehen.
– Eingesperrt in eine verglaste Kiste aus Blech,
– in einer geheizten Wohnung, den großen Stein vor der Tür,
– vor einem farbigen Bildschirm, mit oder ohne Tastatur davor.
Meine Augen … gehalten, einen Menschen, der mit mir unterwegs ist, nicht wahrnehmen, ihn nicht erkennen können, seine Schönheit nicht, seine Wahrheit nicht. „Er sagte aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr unterwegs miteinander ver-handelt? Da blieben sie traurig stehen.“ Der Fremde scheint schier gar nichts mitbekommen zu haben! „Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete ihm: Bist du der einzige Fremde in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist? Und er sagte zu ihnen: Was denn? Sie aber antworteten ihm: Was mit Jesus von Nazareth geschehen ist, der ein großer Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsere Hohenpriester und führenden Männer zur Todes-strafe ausgeliefert und ans Kreuz gebracht haben. Wir aber hofften, er solle Israel er-lösen. Und über das alles lässt er schon den dritten Tag vergehen, seitdem das geschehen ist. Auch haben uns einige Frauen aus unserer Mitte erschreckt; die sind früh beim Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie hätten eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebt. Und einige von uns gingen hin zu Grab und fanden´s so, wie die Frauen gesagt haben; aber sie sahen ihn nicht.“ Man merkt´s den beiden an: sie möchten den Frauen, der Botschaft des Engels so gern glauben. Aber spricht nicht alles dagegen? Der „große Prophet“ ist nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen. Hingerichtet wurde er – als politischer Verbrecher wie Tausende andere auch von der damals weltbeherrschenden Militärmacht Rom in Zusammenarbeit mit den führenden Männern und Priestern des eigenen Landes.

Wem soll man vertrauen? Der realen Weltmacht Rom oder dem Wort des Engels, erzählt von einigen Frauen? „Und er sagte zu ihnen: Wie seid ihr doch so unverständig und wie ist euer Herz so träge, allem zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht Christus das alles erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing bei Mose an und allen Propheten Und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift über ihn gesagt war.“ Musste nicht der Christus dies leiden? Das entscheidende Wörtchen ist: „musste“. Hätte sie nicht auch ohne Folter und Tod abgehen können – die Gottesgeschichte, ohne Dornenkrone und Erstickungstod am Kreuz? Diese Revolution in der Religionsgeschichte, diese Revolution im Gott-Denken, die konnten die beiden Wanderer gar nicht verstehen. „Verstehen“ wir das denn? Unsere beiden haben den Auferstandenen gesehen und Christus doch nicht gesehen. Ihre eigenen Bilder haben sie gesehen. Dass ER Israel erlösen werde, hatten sie gehofft, von den Elendskrankheiten, von der Armut, vom Hunger, von der Besatzungsmacht. Sie haben ihn gesehen. IHN haben sie nicht gesehen. Ihn, den leidenden Gottessohn, „geplagt und von Gott geschlagen und gemartert …verwundet“, Jes 53,4 den konnten sie nicht erkennen. Vor drei Tagen am Kreuz nicht und jetzt nicht. Dass Gott seine feste Himmelsburg verlässt und weit, weit herunterkommt in Folterkeller und Intensivstation für Covid 19-Patienten, und an die Kreuze der Welt, dass da, wo Menschen ihre Niedrigkeit erleben, verletzt werden und fertig gemacht, ihrer Würde beraubt, dass da Gott zu suchen ist …, wer „versteht“ das schon? „Christ ist erstanden“ sagte der Engel den Frauen. Nicht vom Tod im Allgemeinen, von der Marter, von der Folter, von der Marter alle. Als Einspruch gegen den Lauf und das Leid der Welt, als Zuspruch für uns schmerzempfindliche, sterbliche Menschen.

„Und sie kamen näher an das Dorf, wo sie hingehen wollten. Und er tat so, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sagten: Bleib bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Denn es will Abend werden … Das war nicht der Abend, das war auch nicht die Fürsorge für den fremden Wanderer! Wir kennen diese „Behelfchen“. Hört mal, es ist schon so spät, bleibt doch bei uns! Ihr könnt hier übernachten, die Dunkelheit, der Regen, der Nebel! Wir wissen´s doch, wenn wir selber so reden. Es ist nicht der Nebel und nicht die Nacht. Wir wollen, dass unsere Gäste bleiben, weil wir sie als wohltuend empfinden. Es ist die Gegenwart des fremden Mitwanderers, die unsere beiden nicht missen möchten.
„Und er ging mit ihnen hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach´s und gab´s ihnen.“ Miteinander an einem Tisch sitzen und einer ist da, der austeilt, Brot austeilt, Wein austeilt, Zeit schenkt, sich verschenkt, da ist. Das kann schön sein. Und unsre beiden Wanderer erinnern sich an die Geste, an dieses Symbol … dankte … brach´s … und gab … . Sie erinnern sich an das Symbol, das sie von Jesus gelernt hatten:
Brot und Wein miteinander teilen. „Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen“. Da, bei Brot und Wein, erkennen sie ihn. Und er verschwindet mitten im Erkennen. Er verweilt nicht, dieser Augenblick, aber die beiden, die ihn erlebt haben, sie werden plötzlich wach und lebendig. Die Stimmung ändert sich schlagartig, der Tonfall überschlägt sich fast, sie gehen den Tag, die Wanderung noch einmal durch. Und es fällt ihnen wie Schuppen von den Au-gen. „Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns auf dem Wege redete und uns dabei die Schrift öffnete? Und sie brachen noch in derselben Stunde auf, kehrten nach Jerusalem zurück und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sagten: der Herr ist wirklich auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was unterwegs geschehen war und wie er von ihnen daran erkannt wurde, wie er das Brot brach.“ Wie also und wann und wo begegnen sie dem Christus, dem auferstandenen Jesus?
Wie? – Als Unbekanntem, als Gast, als Fremdem.
Wann? – Wenn sie es nicht erwarten, völlig überraschend.
Wo? – Da, wo geteilt wird: Erfahrungen – jenseits von Raum und Zeit, Brot – Leben die Fülle, Wein – vor Hoffnung betrunken, weinselig Grenzen der Phantasie über-schreiten – und Leid – die Tränen getrocknet bekommen, Seelenverwandtschaft spüren, Zeit geschenkt kriegen, gemeinsam aufstehen, auferstehen mitten im Leben.
Wie ein Abglanz, wie eine Vorwegnahme dessen, was einmal kommen wird, später dann, irgendwann einmal in einem Land jenseits von Raum und Zeit, dann, wenn das Leben die Fülle ist und es endlich nur noch gute Tage gibt.

Ostersegen 2021
Es segne dich Gott, und er behüte dich
auf dem Weg in die neue Welt nach Ostern.
Er lasse sein Angesicht ruhen auf dir
und sei dir gnädig.
Wie die Sonne jenes ersten Ostermorgens
lasse er sein Angesicht ruhen auf dir
und bereite dir seinen Frieden.
Amen.

 

Vielen Dank an Ralf Völke, Andrea Mischnick und Carla Müller-Hoffmann für das Einsingen der Lieder!

Meditation zu Karfreitag, den 02.04.2021

Karfreitagsmeditation

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Liebe Gemeinde in Wahrenholz!
Karfreitag 2021 ist anders als die Jahre zuvor. Wir gedenken des unschuldigen Leidens und Sterbens Jesu. Gleichzeitig gedenken wir all des Leides, das ein Virus über die Menschheit bringt. Und wir gedenken all der Greuel, die Menschen über Menschen bringen.
Wohl selten in der jüngeren Geschichte betet, fleht, schreit es in dir wie in mir: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich vergessen?“ Diese Gottverlassenheit Jesu inmitten der Gottlosigkeit der Welt!
All die Not und Verzweiflung, die Angst, das Leiden, die Toten und ihre Mörder!
Vieles von dem, was uns in diesen bitteren Tagen der Pandemie beschäftigt, finden wir auf dem Bild wieder, das Sie vor sich sehen. 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten, hat es der jüdische Künstler Marc Chagall geschaffen. Es führt uns das vor Augen, was uns in der Passionszeit besonders nahe kommt und uns bewegt: Da ist Jesus, der Gekreuzigte. Getötet auf die grausamste Weise. Er ist Jude – der geteilte Gebetsmantel um sein Hüfte weist ihn aus, und zugleich ist er der, den der Prophet den „Allerverachtetsten“ nennt, den „Unwertesten, voller Schmerzen und Krankheit. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“ (Jesaja 53, 2.3), so beschreibt es Jesaja. Und die Menschen unter dem Kreuz? Sie wenden den Blick ab. Schauen von Jesus weg, dem Gottverlassenen. Schauen in ihre Welt der Gottlosigkeit. Eine Synagoge brennt, angezündet von denen, denen kein Glaube, keine Religion heilig ist. Einer versucht Gottes Wort, die Thorarolle, zu retten. Menschen sterben für ihren Glauben, wagen es, Rückgrat zu zeigen, dem „Rad in die Speichen zu fallen“, wie Dietrich Bonhoeffer es von sich gesagt hat. Ein anderer Mann – im grünen Mantel – flieht. Er sieht nicht nach rechts, nicht nach links. Bücher brennen. Er hat sein Bündel auf dem Rücken und läuft davon. Nicht anders die Frau die ihr krankes (?), totes (?) Kind birgt. Es ist, als wollten diese Menschen sagen: „Mir ist der Glaube nicht mehr wichtig. Ich muss mein Leben retten, dabei hilft mir keiner.“ Mit geschlossenen Augen rennen sie los, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. – Ein Mann hat für sich eine andere Lösung gefunden. Er zieht sich mit dem Trost der Heiligen Schrift zurück. „Soll doch jeder sehen, wie er glücklich wird. Ich habe meine Antworten gefunden! Hauptsache, ich haben meinen Glauben!“ Der Mann am linken Bildrand mit der blauen Schürze blickt ratlos ins Leere. Achselzuckend stiehlt er sich davon. „Was kann ich alter Mann schon tun?“, scheint er zu sagen. „Was kann ein Einzelner schon ändern? Wir sind doch machtlos!“ Und wir sehen die Menschen im Boot – Juden damals, die fliehen vor deutschen Soldaten, Deutsche aus den Ostgebieten auf der Flucht vor sowjetischen Soldaten, Menschen heute auf der Flucht aus den Armutsgebieten Afrikas in der Hoffnung auf Europa. „Lampedusa“ das Rettungswort für die „Boatpeople“, heimatlos, haltlos, Treibgut der Geschichte, zum Untergehen verurteil.

Ein Dorf brennt, die Welt ist aus den Fugen. Menschen teilen die Beute oder beweinen das Leid. Gewalt zieht auf, Soldaten in Myanmar und fünfzig anderen Ländern dieses Gottesplaneten: Menschen sie alle, die die Worte „Hass“, „Kampf“, „Blut“ auf ihre Fahnen geschrieben haben. Faschismus, Kommunismus, Fundamentalismus, Kapitalismus, Nationalismus, Rassismus – die Fahne kann jede Farbe tragen. Wie viele Namen von Ländern und politischen Führern fallen Ihnen ein, wenn Sie Ihre Hände voller Klage über die Gottlosigkeit dieser Welt über dem Kopf zusammenschlagen? „Wie kann das nur geschehen?“, so fragt es in uns, während andere die Augen verschließen: „Es wird so schlimm schon nicht sein. Wahrscheinlich ist das alles gar nicht wahr!“ Auf digitalen Konferenzen diskutieren sie aus der Ferne das Unheil dieser Welt weg.
Wo, liebe Mitmenschen, sind wir auf diesem Bild? Wo stehen Sie? Wo stehe ich? Was von dem, was auf dem Bild zu sehen ist, haben Sie selber miterlebt?
Ach, wie viele haben Gewalt am eigenen Leibe kennen gelernt und Angst! Sie wissen, was Hunger ist. Sie wissen auch, es ist nicht leicht zu erkennen, was richtig ist und falsch, wenn alles drunter und drüber geht. Es ist nicht leicht, seinem Glauben, seinem Gewissen zu folgen, wenn es um Leben und Tod geht. Die Schuld erdrückt uns. Wo stehen wir – jetzt?
Wir möchten unsere Wut und Verzweiflung heraus schreien und unsere Trauer, denn des Menschen Tun ist gottlos geblieben. Wir möchten unsere Klage heraus schreien und unsere Zweifel: „Warum lässt Gott das geschehen?“ Und doch verstummen wir. Verstummen und schweigen. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen von Leid. Jeder von uns erlebt sein persönliches Golgatha der Einsamkeit, der Krankheit, des Todes.
Erfahrungen des Scheiterns prägen uns, wenn eine Ehe zerbricht, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, Selbstzweifel, wenn Kinder aus dem Haus gehen im Zorn, wenn das Leben anders verläuft als erhofft, Mutlosigkeit, wenn die lebensbedrohliche Erkrankung kommt. Wir kennen diese Momente der Gott-Verlassenheit, wo wir uns fragen: „Warum gerade ich?“ „Warum lässt Gott das zu?“ Wir kennen diese Not in unserem Herzen, die Jesus mit uns teilt, wenn er die Worte heraus schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir kennen die Sehnsucht in uns in solchen Stunden nach einem Trost, nach einer Hoffnung nach Licht.

Marc Chagall malt ein Licht. Als weißer Lichtschein fällt er von oben auf den Gekreuzigten her-ab und erhellt das Geschehen auf Golgatha. Dieses Licht zeigt: „Gott ist da. Er ist nicht fort. Er ist nicht abwesend. Die Welt ist wohl gottlos, aber sie ist nicht gottverlassen. Gott lässt das Leid zu, aber er leidet mit! Er stirbt mit. Er zweifelt mit. Er hält aus, was wir nicht aus auszuhalten können. Er läuft nicht weg. Er flieht nicht. Er ist da!“
Das Licht, das Chagall malt, fällt auch auf die Menschen. Sie haben sich abgewandt, doch das Licht holt sie ein. „Vater, vergib ihnen!“ betet Jesus am Kreuz.
„Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4.5)
Unter dem Kreuz finde ich Trost für meine verstörte Seele, Hoffnung für mein verwirktes Leben, Frieden für meine Todesnot. Unter dem Kreuz finde ich das Licht, das mich selbst zum Licht macht, dass mich befähigt, nicht allein die „Dunkelheit zu beklagen, sondern ein Licht anzuzünden“, wie es Alfred Delp gesagt hat. Der brennende Leuchter am Fuß des Kreuzes ist mir dafür ein Zeichen.
Wo also stehen wir? – Bei denen, die fliehen, bei denen, die wegschauen, gar bei denen, die nur ihr eigenes Lebens sehen? Wo möchte ich stehen?
Ich möchte unter dem Kreuz stehen. Ich möchte all das, was mich belastet und bedrückt und was ich nicht verstehe von dem, was damals geschah und was heute geschieht, unter das Kreuz tragen. Ich möchte Jesus bitten: „Nimm mir diese Last ab!“ Ich möchte auch das, was mich heute bewegt, zum Kreuz tragen: die Unkultur des Mobbings in unserer Gesellschaft, die sexuelle Ausbeutung, die menschengemachten Umweltkatastrophen und alles, wogegen ich mich machtlos und allein fühle. Ich möchte Jesus bitten: „Mache ein Ende aller Gewalt und allen Blutvergießens!“ Zuletzt möchte ich meine eigene Angst unter das Kreuz legen, meine Feigheit und Gleichgültigkeit, meinen Hochmut und alles, womit ich andere verletze und belaste und ihnen Unrecht tue. Ich möchte Jesus bitten: „Herr, vergib mir meine Schuld!“
Und dann möchte ich nur noch auf Jesus schauen und möchte das Licht sehen, das durch alles Dunkel scheint, dieses große „Dennoch“, dieses „Ich-bin-da!“, das Licht der Auferstehung.
Ich möchte mein Herz öffnen dafür,
ganz weit und zurück ins Leben gehen – mit einem Licht in der Hand.
Ich will es dorthin tragen, wo ich lebe,
zu dem Menschen, die bei mir sind.
In meinem Haus,
in meiner Straße,
in meinem Ort
soll Ostern werden.

Amen.

Vielen Dank an Rüdiger Vopel für die musikalische Untermalung.

Gottesdienst am Sonntag, den 28.03.2021

Biblische Rede zu Hebräer 12,1-3, Hans-Peter Hellmanzik

Liebe Gemeinde,

In Tagen wie diesen, grassiert das Wort „FRÜHJAHRSPUTZ“ – so eine Art kleine Renovierung.

Nun, auch ich lade ein zu einem Frühjahrsputz. Sagen wir einem Frühjahrsputz des Glaubens. Hätten wir bereits eine Leinwand und Beamer – und, wichtiger noch, genügend Zeit, dann würde ich Euch gern den Film „Die Stunde des Siegers“ zeigen: Oscargekrönt als bester Film 1982. Die Musik dazu stammt von Vangelis und wurde auch zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 gespielt.

Die Geschichte des Films beruht auf einer wahren Begebenheit während der Olympiade in Paris 1924. Hauptpersonen sind zwei britische Leichtathleten, die 1924 an den Olympischen Sommerspielen in Paris teilnehmen. Der Sprinter Harold Abrahams ist Jude und wird deswegen an seiner Universität, der University of Cambridge diskriminiert. Er will dagegen ankämpfen, indem er in seiner Spezialdisziplin, dem 100-Meter-Lauf, die Goldmedaille gewinnt. Der zweite Athlet ist der tiefgläubige schottische Christ Eric Liddell, der seine Kindheit als Sohn eines Missionar-Ehepaars in China verbracht hat. Dieser ist ebenfalls für den 100-Meter-Lauf nominiert, weigert sich aber daran teilzunehmen, weil die Vorläufe an einem Sonntag stattfinden. Sein Teamkollege Lord Lindsay überlässt ihm dafür seinen Startplatz beim 400-Meter-Lauf, bei dem sowohl die Vorläufe als auch das Finale jeweils auf einen Werktag terminiert sind.

Abrahams engagiert einen professionellen Trainer, Sam Mussabini, der an seiner Lauftechnik arbeitet. Für diese Maßnahme wird er von der Universitätsleitung von Cambridge kritisiert: Es sei unehrenhaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Abrahams vermutet hinter der Kritik Antisemitismus. Liddell wird unterdessen von seiner Familie vorgeworfen, der Laufvorbereitung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als Gott. Abrahams und Liddell gewinnen schließlich die Finalläufe über 100 Meter bzw. über 400 Meter und kehren erfolgreich mit ihren Goldmedaillen nach Großbritannien zurück.

Auch ich laufe gern seit Kindertagen. Laufen begeistert mich. Vielen ist das Laufen unheimlich wichtig. Gerade im Frühjahr kommt für viele von uns neben dem Frühjahrsputz auch das Laufen in der Natur wieder zum Vorschein. Laufen ist etwas, das die Menschen schon immer gemacht haben, auf allen Kontinenten, in jedem Alter.

Aber der Lauf ist auch sprichwörtlich für unser Leben.So sprechen wir von unserem „Lebenslauf“, wenn wir die Stationen unseres Lebens zusammentragen z.B. für eine Bewerbung. Und wenn es uns gut geht, dann sagen viele junge Leute heute nur „läuft!“

Und auch in Bezug auf den Glauben gebraucht die Bibel das Bild vom Laufen – genauer von einem Langstreckenlauf. Unsere Glaubenslaufstrecken sind dabei natürlich sehr verschieden. Bei dem einen gleichen sie einer ebenen Laufstrecke – alles läuft gut und leicht! „Läuft!“ Beim anderen gleicht die Laufstrecke des Glaubens eher einem steilen Bergpfad, der recht anstrengend und mühsam zu bewältigen ist.

Mit anderen Worten: Die eine wächst in einer christlichen Familie auf, und es fällt ihr ganz leicht zu glauben. Das Glauben an Jesus gehörte irgendwie schon immer dazu. Und der andere hatte schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht und hat mit manchem Zweifel zu kämpfen, bis er sich durchringt, Gott zu vertrauen.

Manche älteren Menschen sind enttäuscht und verbittert, wenn sie ihren Lebenslauf betrachten. Eine andere blickt dankbar zurück auf den Lauf des Lebens: so viel Gutes, das sie erfahren hat.

Ich spreche gerne mit Menschen, die so aus dem Schatzkästlein ihres Lebens plaudern.

Wer aber weiß nicht auch von den Durststrecken des Lebens zu erzählen, dieses ganz persönliche Leiden am Glauben: Wenn alles verloren scheint, was bisher getragen und gehalten hat. Wenn Unvergebenes mich niederdrückt oder ich mir selber im Wege stehe.

Manchmal „läufts“ eben nicht so rund – und manchmal rostet die Sache mit Gott auch regelrecht ein. Dann muss eine Art Renovierung her – eine Erneuerung. Dann braucht es neue Ideen, unverhoffte Zugänge. Kirche ist oft genug auch eine Art Akku-Ladestation, eine Tankstelle oder ein Futterplatz.

Da kommt unser heutiger Predigttext gerade recht, damit es wieder „läuft“. Ja, er spricht regelrecht von einem Lauf, den wir zu bewältigen haben. Und er enthält wichtige Tipps und Hinweise, wie sich unser Glauben immer wieder erneuern kann während dieses Laufes.

Hören wir also auf die „Lauftipps für Glaubens- ja und auch Coronamüde“:

Lesung Hebräer Kapitel 12, Verse 1- 3:

„Da wir nun so eine Wolke von Zeugen des Glaubens um uns haben, lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf beschwert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will. Mit Geduld und Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel laufen und durchhalten. Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Weil große Freude auf ihn wartete, erduldete Jesus den verachteten Tod am Kreuz. Jetzt hat er als Sieger den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen. Denkt daran, wie viel Hass und Anfeindung er von gottlosen Menschen ertragen musste, damit auch ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Ein sportlicher Text – mich beeindrucken diese Worte aus der Bibel, Tja, und sie erinnern mich an den Film, von dem ich vorhin erzählt habe. Wenn ich es richtig sehe, so haben wir es mit mit fünf wichtigen Lauftipps für den Lauf des Lebens und den Lauf des Glaubens zu tun.

1. Beginnen wir mit der WOLKE DER ZEUGEN

Was für ein schönes Bild: Die Wolke der Zeugen des Glaubens!

Im Hebräerbrief wird genau vor unserem Textabschnitt eine lange Liste von Zeugen des Glaubens genannt: Abraham und Jakob, Noah und Mose, Joseph und Rahab. Personen aus dem Alten Testament, die ihren Lebenslauf mit Gott gelaufen sind. Menschen, die schöne und schwere Zeiten erlebten und die ihre Erfahrungen mit dem Leben und mit unserem Gott gemacht haben. Und das Wichtigste: Wir wissen davon und dürfen von ihnen lernen, wenn wir ihre Geschichten in der Bibel lesen.

Und diese Liste der Zeugen dürfen und sollten wir noch ergänzen. Denn es gibt Personen des Neuen Testaments aber auch in der Kirchengeschichte bis heute, die Glaubenszeugen sind. Menschen, die wie wir zu Jesus Christus gehören und von deren Erfahrungen wir profitieren dürfen. Sie sind Zeugen von Gottes Wirken in der Welt.

Die Bibel spricht davon, dass sie ihren Lauf schon vollendet haben. Sie sind schon am Ziel. Sie sind uns vorausgegangen und wir können von diesen Vorbildern lernen ohne dass alles an ihnen vorbildlich ist.

Der bekannte Essener Pfarrer Wilhelm Busch hatte an der Wand seines Arbeitszimmers viele Bilder aufgehängt. Bilder von Christen, von denen er etwas gelernt hatte, die ihn inspiriert hatten. Da waren berühmte Theologen darunter und da hingen auch »normale Christen«, von denen er lernen durfte. Vorbilder und Wegbegleiter auf seinem Lebensweg, die er immer mal betrachtete, wenn er eine Predigt schrieb… oder sonst etwas tat.

Der erste Lauftipp lautet also:

Lerne von der Wolke der Zeugen – oder lass dich tragen von der Wolke derer, die schon lange vor dir mit ganzem Herzen auf Gott vertraut haben! Sie sind glaubwürdig, denn sie kennen Bergetappen und holprige Lebenspfade. Darum sind sie in der Lage, dich zu ermutigen, wenn Du mal schwach bist.

Lerne von Abraham, Mose, Petrus, Marta und Maria oder anderen Gläubigen! Ihre Glaubenserfahrungen ermutigen und trösten zugleich. Und zwar darum, weil auch in ihrem Leben nicht alles glatt lief. Aber sie haben die Hindernisse mit Gottes Hilfe überwunden. Und das können wir auch.

Der zweite Lauftipp: BALLAST ABWERFEN

„Lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf beschwert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will.“

Alles was uns in unserm Leben bedrückt und beschwert, dürfen wir ablegen: alle Sorge des Alltags, allen Stress der Arbeit, alle Krankheiten des Körpers und alle Leiden der Seele, ja selbst die Angst vor dem Tod. Wir sollten uns immer mal wieder fragen: Wo bremst es in meinem Lauf, weil ich an Gott – sprich an den Gesetzen des Lebens – und Menschen schuldig geworden bin?

Wo lebe ich unversöhnlich mit anderen Menschen?

Oder wo lasse ich mich von unguten Gewohnheiten und Süchten gefangen nehmen? Das alles ist unnötiger Ballast beim Laufen.

Der zweite Lauftipp lautet also:

Wirf unnötigen Ballast ab! Lauf nicht mit Lasten, die dir die nächsten Schritte schwer machen. Bei Gott – du kannst lernen, zu lassen, was dich nach unten zieht.

Der dritte Lauftipp: GEDULDIG DURCHHALTEN

„Mit Geduld und Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel laufen und durchhalten.“

Es gibt im Lauf des Lebens und des Glaubens immer auch Schwierigkeiten und Hindernisse, die nicht veränderbar sind, denen ich mich einfach stellen muss. Sie kommen auf mich zu – ob ich das will oder nicht. Irgendwann kommt bei Kilometer 35 der berühmte Mann mit dem Hammer – so erzählen es die Marathonläufer.

Dann heißt es durchbeißen und durchhalten. Auch als Christen brauchen wir einen langen Atem wie beim Marathon. Geduld zum Durchhalten. Der Hebräerbrief will ermutigen, auf dem Weg des Glaubens durchzuhalten – auch dann, wenn es hammerbeschwerlich wird.

Die Bibel ist da sehr realistisch: Glaubensleben ist kein Sonntagsspaziergang. In unserem Text wird das Glauben sogar als Kampf beschrieben. Nicht dass wir es suchten, aber es gehört zum Leben dazu und wir wollen und sollen durchhalten. So falsch ist der Satz der Kanzlerin nicht: „Wir schaffen das“. Ein richtiges Lauftraining eben. Inklusive Auszeiten wie diese heute Morgen. Nicht zu vergessen, vernünftige Ernährung. Die braucht es auch im geistigen Leben.

Lauftipp Nummer drei: GEDULDIG DURCHHALTEN

A propos Glaubensernährung Glaubenstraining? Fußballvereine wechseln bekanntlich alle Nasenlang ihren Trainer, wenns nicht läuft. Wir bleiben bei Jesus und seinem unnachahmlichen Reden von Gott! Ihm dürfen wir seinen Gott glauben!

Folglich lautet der Lauftipp Nummer vier: AUFSEHEN zu JESUS

„Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ In diesen Tagen der Passionszeit werden wir überdeutlich daran erinnert, wer die Grundlage gelegt hat für ein gelingendes Leben aus Glauben. Die Bibel hat da keinen Zweifel: Jesus wird der Anfänger und Vollender unseres Glaubens genannt.

Sie staunten ja auch nicht schlecht, wenn er davon sprach, dass Gott uns Leben in Fülle geben will. Der Priesterkaste gefiel das nicht, weil er ihre Einkommensgrundlage in Frage stellte. Und doch ließ er. Nicht davon ab, sogar Schmach, Widerspruch und Sterben auf sich zu nehmen. So wichtig war ihm sein Reden von einem zuvorkommenden Gott. Er ging sehr bewusst und entschieden diesem Schicksal entgegen. Er lief nicht davon, weil er das Ziel vor Augen hatte.

Wir dürfen Jesu Passion nicht als passiv erduldetes Leiden begreifen. Es war auch bewusste und gewollte Aktion Jesu. Er hat sich dem Lauf seines Lebens gestellt. Unser Predigttext erinnert uns:

„Denkt daran, wie viel Hass und Anfeindung er von gottlosen Menschen ertragen musste, damit auch ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

Jesus weiß also wie kein anderer, viel mehr als alle Vorbilder, was es heißt, den Lauf des Glaubens mit seinen Hindernissen zu meistern. Uns kann es helfen, auf unserem ganz persönlichen Weg hin zum Ziel unseres Lebens. „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“

Mit anderen Worten: „Kopf hoch! Schau nach oben zum Anfänger und Vollender deines Glaubens.“ Halte Blickkontakt zum „Glaubenslauftrainer“: „Ich will Dich mit meinen Augen leiten.“ (Psalm 32,8)

Ein fünfter und letzter Lauftipp: Das ZIEL DES GLAUBENS im Blick behalten: „Weil große Freude auf ihn wartete, erduldete Jesus den verachteten Tod am Kreuz. Jetzt hat er als Sieger den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen.“

Wenn man läuft braucht man ein klares Ziel. Wenn ich mir dieses Ziel nicht setze, schaffe ich es nicht, regelmäßig und konsequent laufen zu gehen.

Und wir inmitten der Jahrhundert-Pandemie? Aufsehen auf Jesus, was bedeutet das ganz konkret? Auf jeden Fall: Keine Kapitulation vor dem Virus. Kein Zögern, wohl aber gute Nerven. Und ebenso solidarisch wie im März vor einem Jahr mit unserem kirchlichen Balkonsingen und vielerlei anderen Mutmachgesten. Wer will schon kurz vor breiten Impferfolgen frustriert vor dem Erreger, dessen Namen wahrlich nicht mehr gehört werden kann, kapitulieren? Jetzt, wo wir so viele Alltage bereits bewältigt haben? Jetzt, wo Superkräfte für Ostern und danach so dringend nötig wären?

Darum lasst uns, wenn wir unseren Glauben renovieren lassen wollen

1. Bei der WOLKE DER ZEUGEN in die Schule gehen.

2. Ballast abwerfen.

3. Geduldig durchhalten.

4. Dabei stets das Ziel des Glaubens im Blick

Und vor allem

5. Aufsehen zu Jesus, mit dem alles begann und bei dem sich alles vollenden wird.

Zur Not, das glaube ich, wird uns der Anfänger und Vollender unseres Glaubens auch über die Ziellinie tragen.

AMEN.

(Es gilt das gesprochene Wort)

Gottesdienst am Sonntag, den 21.03.2021

Schriftlesung Hiob 19,11-27

11 Ja, Gottes Zorn ist gegen mich entbrannt, er behandelt mich als seinen Feind. 12 Vereint sind seine Truppen gegen mich herangerückt, sie haben einen Weg zu mir gebahnt und sich rings um mein Zelt aufgestellt. 13 Meine Familie hat Gott mir entfremdet; die Freunde wollen nichts mehr von mir wissen.

14 Meine Nachbarn haben sich zurückgezogen, alte Bekannte kennen mich nicht mehr. 15 Alle, die in meinem Hause Zuflucht fanden, betrachten mich als einen Fremden. Meine eigenen Mägde kennen mich nicht mehr! 16 Als ich einen Knecht rufen wollte, gab er keine Antwort. Anflehen musste ich ihn! 17 Meine Frau erträgt meinen stinkenden Atem nicht mehr; meine eigenen Geschwister ekeln sich vor mir!

18 Sogar Kinder lachen und spotten über mich; sobald sie mich sehen, fangen sie an zu tuscheln! 19 Meine engsten Freunde verabscheuen mich jetzt; sie, die mir am nächsten standen, lehnen mich ab! 20 Und ich? Ich bin nur noch Haut und Knochen, bin mit knapper Not dem Tod entkommen.

21 Barmherzigkeit! Habt Mitleid, meine Freunde! Gottes Hand hat mich geschlagen! 22 Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Habt ihr mich nicht schon genug gequält?

23-24 Ach, würden doch meine Worte in einer Inschrift festgehalten, in Stein gemeißelt und mit Blei noch ausgegossen, lesbar für alle Zeiten!

25 Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! 26 Auch wenn meine Haut in Fetzen an mir hängt und mein Leib zerfressen ist, werde ich doch Gott sehen! 27 Ja, ihn werde ich anschauen; mit eigenen Augen werde ich ihn sehen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen! (Hiob 19,11-27)

Biblische Rede, Hans-Peter Hellmanzik

Liebe Gemeinde!

Im Menschen steckt eine unstillbare Sehnsucht danach, erinnert zu werden, nicht vergessen zu werden. Diese Sehnsucht ist Ausdruck der Angst um die eigene Existenz, um das eigene Fortleben. Diese Sehnsucht spricht aus Todesanzeigen, wenn es immer wieder heißt, der Verstorbene lebe in der Erinnerung der Hinterbliebenen fort.

Doch was ist, so mag man fragen, wenn die Hinterbliebenen auch sterben? Wer von uns hat Erinnerungen an den eigenen Ururgroßvater? Und was ist mit den Menschen, an die sich keiner erinnert, weil sie anonym in den großen Katastrophen dieser Welt umgekommen sind?

Es ist begrüßenswert und bewundernswert, wenn Schriftsteller wie Walter Kempowski mit seinem „Echolot“ oder der italienische Philosoph Giorgio Agamben mit seinen Überlegungen über das „Archiv und die Zeugen“ sich darum bemühen, vergangene, verachtete, vergessene Lebensschicksale ans Licht zu holen.

Liest man die Bücher dieser Autoren, so entdeckt man in den Berichten aus den Konzentrationslagern und den Kriegsereignissen lauter Hiobsgestalten. Menschen werden beschrieben, die lebendig tot sind, die von niemandem mehr beachtet werden, die nur noch als Müll behandelt werden; Menschen, die abgestumpft sind, die nur noch vor sich hin vegetieren, die sich nicht mehr wehren. Wie von Hiob gilt auch von ihnen: sie haben nur noch das nackte Leben. Und doch sind sie Menschen und tragen Gottes Ebenbild.

Bei einigen der Autoren, die sich mit diesen Fragen der Erinnerung beschäftigen, findet sich auch der Hinweis darauf, dass bei der sogenannten Altersdemenz ganz ähnliche Symptome auftreten wie bei apathischen KZ-Häftlingen: Sie vergessen zusehends alles: ihre Vergangenheit, ihre Familie, ihre Freunde, das Essen, die Körperpflege. Für die Außenstehenden entsteht auch hier der Eindruck, der Mensch vegetiere nur noch vor sich hin.

Es mag sein, liebe Gemeinde, dass es dem Hiob, den wir in unserem Bibelabschnitt hören, so schlimm noch gar nicht geht. Immerhin erinnert er sich noch an das schöne Leben, das er hatte, bevor die Katastrophe hereinbrach. Immerhin kann er sich noch wehren gegen Gott und seine Freunde.

Aber dabei macht er die Erfahrung zunehmender Vereinsamung. Ja, er macht die Erfahrung, dass die anderen seine Klagen nicht mehr hören wollen. Seine Freunde wollen ihn nicht mehr kennen. Seine Hausgenossen ignorieren ihn einfach. Seine nächsten Angehörigen ekeln sich vor ihm, wenn sie ihm begegnen.

Sollte, ja, sollte ihn auch Gott vergessen haben? Ja, liebe Gemeinde, wie ist das mit den Pflegeheimbewohnern? Wie ist das mit den Menschen, die früher so aktiv waren und plötzlich Pflegefälle werden, so sehr, dass man es sogar riechen kann?

Gibt es Hoffnung für Hiob, Hoffnung für die lebendig Toten, Hoffnung gegen das Vergessen und gegen das Vergessenwerden? Die Tatsache, dass das Buch Hiob im Kanon der Bibel steht und damit allen Hoffnungslosen dieser Welt eine Stimme gibt, ist ein Hinweis darauf, dass es Hoffnung gibt. Doch wird diese Hoffnung wirklich tragen – oder wird sie nur ein billiger Trost sein?

Liebe Gemeinde! Die Hoffnung trägt, weil der Erlöser, von dem Hiob in seinem verzweifelten Glauben bekennt, er wisse, dass dieser lebe, weil dieser Erlöser Gott ist, denn nur Gott kann aus solchen Nöten erlösen, wie wir sie beschrieben haben.

Dieser Erlöser, der Goel, wie es Hebräisch heißt, und das meint: derjenige, der den Gefangenen freikauft, der als Anwalt des zum Tod Verurteilten auftritt, er ist bereits da. Dessen ist Hiob gewiss, auch wenn er das rettende Eingreifen dieses Erlösers noch nicht erfahren hat, wenn er noch mit Sehnsucht darauf wartet.

Aber der Erlöser war damals schon bei Hiob und hat ihn dann später tatsächlich auch von seiner irdischen Einsamkeit befreit. Doch dieser Erlöser ist ein Erlöser auch für die Menschen, die anders als Hiob endgültig im Vergessen zu versinken drohen.

Denn dieser Erlöser ist selber ein solcher Mensch geworden, eine Hiobsgestalt, einer, der lebendig tot war, einer, von dem die Mächtigen beschlossen hatten, sein Gedächtnis müsse ausgetilgt werden von der Erde, einer, von dem selbst die Frommen ihr Antlitz voller Ekel und Abscheu abwandten als er am Kreuz hing und verblutete.

Die Demenz, die Angstdemenz, hatte doch auch die Jünger Jesu schon ergriffen, als sie das schreckliche Geschehen der Passion miterleben mussten, als all die Verheißungen Jesu aus ihrem Gedächtnis wie ausradiert waren.

[Musikeinschub: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt: Die Priester]

Liebe Gemeinde! Die Erinnerung an Hiob und die Erinnerung an Jesus wäre längst erloschen, wenn es auf uns Menschen ankäme. Es gibt nur einen Grund, warum es für Hiob und alle Hiobsgestalten, für alle von Vergessenheit bedrohten Menschen, Hoffnung gibt.

Dieser Grund ist die Botschaft von der Auferweckung Jesu Christi von den Toten.

Die frühen Christen haben die Botschaft von der Auferstehung Christi als Eingriff Gottes in die gesamte Wirklichkeit empfunden.

Als eine Verwandlung der ganzen Wirklichkeit. Und sie haben gefolgert: Also können auch wir jetzt schon im Licht der Auferstehung leben. Christoph Blumhardt nennt denn uns Christen „Protestleute gegen den Tod“. Denn der Tod tritt nicht erst ein, wenn wir physisch sterben. Er regiert überall da, wo Kommunikation abbricht, Ungerechtigkeit herrscht, Hass und Schweigen das Leben vergiften.

Und es gibt eine Auferstehung vor dem Tod, wenn Menschen wach und lebendig miteinander und füreinander leben. Den ersten Christen hat ihre Umwelt abgespürt, dass sie unzerstörbares Leben bereits in sich trugen. „Ich lebe – und ihr sollt auch leben!“ hat Jesus gesagt. Das trifft und tröstet mich. Das verändert mein Leben vor dem Tod – und mobilisiert mein Hoffen über den Tod hinaus.

Der Dichter und Pfarrer Kurt Marti hat die Frage nach Tod und Auferstehung so beantwortet:

Ihr fragt

wie ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

wann ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

gibt’s

eine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

gibt’s

keine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ich weiß

nur

wonach ihr nicht fragt:

die auferstehung derer die leben

ich weiß

nur

wozu Er uns ruft:

zur auferstehung heute und jetzt

Kurt Marti, ihm glaube ich seinen Glauben.

Und Jesus: ihm glaube ich seinen Gott.

Wir brauchen dazu keine ausdrückliche Geografie des Jenseits.

„Die Evangelien können nicht genug dafür gerühmt werden, dass sie der Versuchung widerstanden haben, denen, die Jesus vom Tode wieder auferweckte und ihm, dem Auferstandenen selbst, Äußerungen über ein postmortales Jenseits in den Mund zu legen.“

Ein besonderer Liebesdienst in der Begleitung von trauernden Menschen besteht in der Ermutigung zum Protest: Kurt Marti, unbestechlicher Anwalt gegen die leichtfertige Rede angesichts des Todes erinnert in vielen seiner Texte daran, dass wir „Protestleute gegen den Tod“ (Christoph Blumhardt) sind. Und das ist in erster Linie gegen die gesagt, die uns weismachen wollen, dass der Tod „dem herrn unserem gott“ „gefallen“ hätte:

„dem herrn unserem gott

hat es ganz und gar nicht gefallen

dass einige von euch dachten

es habe ihm solches gefallen“

(Kurt Marti, Leichenreden, Nagel & Kimche, Zürich 2001, 27)

1. Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme, erst dann die Herrschaft der Herren, erst dann die Knechtschaft der Knechte vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.

2. Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, wenn hier die Herrschaft der Herren, wenn hier die Knechtschaft der Knechte so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.

3. Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns nun alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Elie Wiesel erzählt: „Bei einem Nachbarn des Rabbi Mosche Löb waren mehrere Kinder nacheinander im zarten Alter gestorben.

Die Mutter vertraut eines Tages ihren Kummer der Frau des Zaddiks an: ‚Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was er gegeben hat.‘

‚Du darfst nicht so reden‘, sagt die Frau des Zaddik‚ so darfst du nicht reden. Die Wege des Himmels sind unergründlich. Man muss lernen, sein Schicksal anzunehmen.‘

In diesem Augenblick erscheint Rabbi Mosche Löb auf der Türschwelle und sagt der unglücklichen Mutter: ‚Und ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht einfach annehmen!“

So wie Hiob im Kanon der Bibel, so steht unser Name und so ist unsere Lebensgeschichte aufbewahrt im Buch des Lebens wie in einem himmlischen Archiv. Und dieses Archiv stürzt niemals ein, wie es mit irdischen Archiven zuweilen passiert, sondern es steht fest in Ewigkeit.

Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“ (Jesaja 49,15.16)

Amen.

Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort

Gottesdienst am Sonntag, den 14.03.2021

Schriftlesung Johannes 12, 20 -24

„Es befanden sich auch einige Griechen unter denen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, um Gott anzubeten. Die gingen zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: » Herr, wir wollen Jesus sehen!« Philippus ging zu Andreas und sagte es ihm. Dann gingen die beiden zu Jesus und berichteten es ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: »Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird der Menschensohn in seiner Herrlichkeit sichtbar. Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Biblische Rede

Liebe Gemeinde!
Heute also die Griechen. Was ist bloß mit den Griechen los? So titelten die Tageszeitungen während der sogenannten Euro-Krise. Was ist bloß mit den Griechen los? – heute meine ich die Griechen zur Zeit Jesu. Sie sind zum Passahfest nach Jerusalem gereist und wollen nichts anderes als Jesus sehen.

Wahrscheinlich sind sie beruflich nach Judäa gekommen, wohnen wohl seit geraumer Zeit unter den jüdischen Einheimischen und sind auf deren Glauben aufmerksam geworden. Und mehr noch: sie scheinen Sympathie für den jüdischen Glauben entwickelt zu haben. Das gab es damals des öfteren. „Gottesfürchtige“ wurden solche Menschen genannt: Menschen, die den jüdischen Glauben nicht angenommen hatten, die aber durchaus mit ihm sympathisierten. Griechen kommen zu Jesus.
Dabei hätten sie es gar nicht nötig gehabt als Angehörige der wohl bedeutendsten Kulturnation der Antike. Und dennoch: Der jüdische Glaube übte auf die Menschen in der Antike eine große Faszination aus; war er doch so völlig anders. Statt zum Teil haarsträubender Göttergeschichten ein einziger Gott, den man nicht sehen konnte und auch nicht als Standbild sichtbar machen durfte. Kein Zeus, der sich in einen Stier verwandelt, um die schöne Europa entführen zu können. Sondern ein Gott, der sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten in die Freiheit geführt hatte. Das beeindruckte! Die Griechen, die zu Jesus kommen, sitzen beileibe nicht auf dem hohen Ross. Sie sind wissbegierig und sich nicht zu schade, noch etwas dazu zu lernen. Das war schon immer die Stärke dieses Volkes. Die Griechen gingen den Dingen auf den Grund. Die Vorsokratiker begründeten dereinst alles philosophische Denken und beeinflussen es bis heute. Pythagoras etwa gilt als Begründer der Euklidischen Zahlentheorie und als Entdecker der musikalischen Harmonielehre. Den „Satz des Pythagoras”, der eine Beziehung zwischen den Seitenlängen eines rechtwinkligen Dreiecks herstellt, lernt man bis heute in der Schule: Die Summe der quadrierten Katheten (a und b) ist gleich dem Quadrat der Hypotenuse (c).
Jetzt wollen die Griechen, die da zu Jesus kommen, dem auf dem Grund gehen, was er zu sagen hat. Sie wollen ihn sehen, heißt es. Das bedeutet: sie wollen ihn kennenlernen, alles von ihm wissen. Griechenland. Das Land, das der Welt die Demokratie geschenkt hat. Demokratie ist zusammen gesetzt aus „demos“, das Volk, und “kratia“, Herrschaft, also Herrschaft des Volkes. Die griechischen Heldensagen sind Weltkulturerbe: Odysseus, Herakles, Kampf um Troja. Ganze Archäologengenerationen suchten nach dem antiken Troja. “Götter, Gräber und Gelehrte“. Pflichtlektüre für alle am humanistischen Gymnasium.
Griechenland. Das Land der Sehnsucht. Urlaub, Sonne, blaues Meer, blendend weiß getünchte Häuser. Die Faszination, die Griechenland auf uns Deutsche seit den siebziger Jahren auslöste. Die ersten Griechenlandpioniere mit dem VW-Bus via Jugoslawien auf dem legendären Autoput: Endlich Griechenland!
Manchmal denke ich mir, dass Griechenland auch irgendwie das Opfer unserer Sehnsucht geworden ist. Oft wird gesagt: im Unterschied zu uns Deutschen würden die Griechen arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. Als wenn es so einfach wäre! Wer erinnert sich nicht an die von Griechenland ausgelöste Eurokrise? Die ist überstanden und die Griechenlandsehnsucht hat wieder zugenommen. Die TUI will an Ostern wieder Griechenland ansteuern…
Die Austro-Pop-Gruppe STS hat unserer Griechenland-Sehnsucht ein musikalisches Denkmal gesetzt. Und dabei das vermeintliche griechische Lebensgefühl ausgedrückt.

S.T.S – Irgendwann bleib i dann dort

Der letzte Sommer war sehr schön
I bin in irgendeiner Bucht g’leg’n
Die Sunn wie Feuer auf der Haut
Du riechst das Wasser und nix is laut
Irgendwo in Griechenland
Jede Menge weißer Sand
Auf mein‘ Rück’n nur dei Hand.
Nach zwei, drei Wochen hab i’s g’spürt
I hab das Lebensg’fühl dort inhaliert
Die Gedanken dreh’n si um
Was z’Haus wichtig war is jetzt ganz dumm
Du sitzt bei an Olivenbaum
Und du spielst di mit an Stein
Es is so anders als daheim.

Und dann wird der Song erschreckend entlarvend.

In uns’rer Hektometik-Welt
Dreht si‘ alles nur um Macht und Geld
Finanzamt und Banken steig’n mir drauf
Die Rechnung, die geht sowieso nie auf
Und irgendwann fragst di‘ wieso
Quäl i mich da so schrecklich ab
Und bin net längst schon weiß Gott wo.

Irgendwie kommt es mir vor, als wenn Griechenland unsere Sehnsüchte nach einem lockeren und unbeschwerten Leben übernommen hätte. Als wenn Griechenland so geworden ist, wie wir es gerne hätten. „Es is so anders als daheim.” Ich stelle mir die Austro-Band STS vor, wie sie singt mit Buddel Rotwein – in Griechenland trinkt man keinen Weizenkorn! – in der Hand und den Füßen im weißen Sand. Wie sie sich in ein Lebensgefühl hineinsingen, das wir seit Jahrzehnten so anziehend finden. Vergessen wir nicht! Was wären wir heute ohne Platon und Sokrates. Ohne Akropolis und Olympische Spiele. Was wären wir ohne die Weisheit der Stoiker? Ohne Aristoteles? Das Neue Testament ist nicht durch Zufall weder auf Aramäisch, der Muttersprache Jesu, noch auf Hebräisch aufgeschrieben worden, sondern auf Griechisch. In der Weltsprache der Philosophie und der Weisheit.
Und jetzt also fragen also Griechen nach Jesus, wollen ihn kennen lernen. Wollen erfahren, was es mit ihm und seiner Botschaft auf sich hat. Und als sie endlich zu ihm vorgedrungen waren, hat Jesus schwere Kost für sie parat: In der Sprache Luthers: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Das Bild vom in die Erde fallenden und dort sterbenden Weizenkorn war den Menschen der Antike geläufig und geheimnisvoll zugleich.
So geheimnisvoll wie die alte Sage, die jeder Philosophieschüler auswendig kannte. Ich meine die Sage vom indischen Herrscher Shihram seine Untertanen. Um den König intellektuell zu fordern, entwickelte der Brahmane Sissa das Schachspiel. Als Belohnung hatte Sissa einen Wunsch frei, und der war ebenso ein Beispiel für seine Klugheit wie für anschauliche Mathematik. Sissa wünschte sich Getreide – auf das erste Feld des Schachbretts sollte ein Korn, auf das zweite Feld die doppelte Menge, auf das dritte wiederum doppelt so viele und so fort gelegt werden. Der König schmunzelte zunächst über die vermeintliche Bescheidenheit des Brahmanen, aber er hatte wohl nicht nachgerechnet. Als sich König Shihram erkundigte, ob Sissa seine Belohnung auch bekommen habe, meldete der Vorsteher der Kornkammer, dass die erforderliche Menge an Getreidekörnern im ganzen Reich nicht aufzubringen war – nämlich 18.446.744.073.709.551.615 Weizenkörner, also etwa 18,5 Trillionen. Das ist eine Menge, die etwa dem Tausendfachen der weltweiten jährlichen Weizenproduktion entspricht und einen Kornspeicher von je 12 km Länge, Höhe und Breite füllen würde. Und das ist nur eines der vielen Welträtsel: Wie kann es zugehen, dass aus etwas, das man in der dunklen Erde begrub, Halme und Frucht hervorkamen? Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Sätze Jesu die Griechen erst recht zum Nachdenken gebracht haben, ihren Wissenschaftlergeist erst noch geweckt haben.
Und auch uns Heutigen geht es nicht anders. Auch wir fragen:
– Kann es sein, dass das Lebensgesetz vom Weizenkorn uns alle betrifft? Was für ein ungeheuer Ansatz!
– Kann es sein, dass etwas vergeht, um erneuert und um so großartiger wiederzukehren?
– Kann es sein, dass das Ende von etwas zugleich der Anfang von etwas Neuem ist? Nach Tränen das Lachen? Nach Niedergang der Aufstieg?
Der heutige Sonntag Lätare ist ein kleines Ostern mitten in der Passionszeit. Wir dürfen den Blick schon über Kreuz und Golgatha hinaus richten auf Ostern hin.
Was ist bloß mit den Griechen los! Sie kommen zu Jesus und der sagt – jetzt in der Sprache unserer Zeit: „Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Was für eine Botschaft! Jedem Ende wohnt bereits die Hoffnung auf einen Neuanfang inne. Diese Botschaft lassen wir uns heute gefallen. Aber nicht uns allein, sondern natürlich auch unseren Freunden, den Griechen.
Amen.

(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)

Gottesdienst am Sonntag, den 07.03.2021

Biblische Rede, Hans-Peter Hellmanzik, 07.03.2021

Schriftlesung Epheser 5, 1.2 + 8.9
5 1 Nehmt euch also Gott zum Vorbild!
Ihr seid doch seine Kinder,
denen er seine Liebe schenkt.
2 Und führt euer Leben so,
dass es ganz von der Liebe bestimmt ist.
Genauso hat auch Christus uns geliebt
und sein Leben für uns gegeben –
als Gabe und als Opfer,
das Gott gefällt wie wohlriechender Duft.

8 Denn früher wart ihr Teil der Dunkelheit.
Aber jetzt seid ihr Teil des Lichts,
denn ihr gehört zum Herrn.
Führt also euer Leben wie Menschen,
die zum Licht gehören!
9 – Denn das Licht bringt als Ertrag
lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. –

Liebe Gemeinde,
zu unserem heutigen Predigttext muss ich ein paar Bemerkungen vorausschicken: Der Brief gibt sich als Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus aus. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammt der Brief aber nicht von Paulus selbst. Vielmehr hat ein uns unbekannter Verehrer des Apostels den Brief zu einem deutlich späteren Zeitpunkt verfasst. Vergleichbares gilt für den Kolosserbrief und den 2. Thessalonicherbrief.
Schon Erasmus von Rotterdam, ein Zeitgenosse Martin Luthers, hatte die paulinische Autorschaft des Epheserbriefes in Frage gestellt. Man nennt das Phänomen Pseudepigrahie – ein Autor leiht sich die Identität eines anderen für das eigene Anliegen, in der Hoffnung, die Autorität des anderen für eigene Zwecke nutzbar machen zu können.
Gegen Paulus als Autor des Epheserbriefes spricht zum einen die vorausgesetzte Situation, zum zweiten der Sprachstil. Der Stil des Epheserbriefes wird in der Bibelwisssenschaft mit Adjektiven wie „schwerfällig, überladen und „schwülstig“ beschrieben. Der Autor des Epheserbriefes versteckt sich „hinter einer Wolke liturgischer Prosa“ – und das ist dem echten Paulus nie passiert.
Schließlich sind auch die theologischen Auffassungen des Epheserbriefes zwar an paulinische Formulierungen angelehnt, sie weichen in der Sache aber ganz deutlich von Paulus ab.

Prominentes Beispiel für diese Abweichung ist Epheser 5,22, wo es heißt: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau.“ Oder in Epheser 6,5: „Ihr Sklaven seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Herrn Christus“. – Solchen rückwärts gewandten Unfug hat der echte Paulus nie von sich gegeben. Paulus war voller Respekt vor den Frauen, das beweisen seine Grüße, die er in seinen Briefen an verschiedene Frauen übermittelt. In krassem Gegensatz zum Epheserbrief hat Paulus darauf gedrängt, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern, zwischen Freien und Sklaven in der Gemeinde seine Bedeutung verliert: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
Der echte Paulus steht für Freiheit, Gleichheit und Aufbruch, der Epheserbrief steht für Hierarchie, Sklaverei, Frauenunterdrückung und schwülstiges Kirchensprech. Besonders in der Ökumene erfreut sich der Epheserbrief großer Beliebtheit, weil er dort so manchem ins orthodox-restaurative Konzept passt.
Uns Pastorinnen und Pastoren ist durch die Liturgische Kommission aufgegeben, die Texte zu predigen, zu der heute der Abschnitt aus dem Epheserbrief stammt, den wir eben gehört haben.
Stellen wir uns also der Herausforderung! Aber tappen wir bitte nicht in die Moralfalle, die uns der Epheserbrief hier stellt.
Ich denke, wir alle wissen, dass die Kirche immer und immer wieder in diese Moralfalle getreten ist. 23 Folgen beinhaltet der Podcast im NDR. 23 Themen unter dem Titel „Mensch Margot!“
Wenn ich die Werbung zu diesem Podcast sehe, werde ich immer wieder an den Rücktritt von Margot Käßmann vom Ratsvorsitz der EKD und als Hannoversche Bischöfin denken. Das war am 24. Februar 2010. Warum ich ausgerechnet daran erinnert werde? Genau: wegen unseres heutigen Predigttextes. Klingt komisch, ist aber so.
Der Epheserbrief fordert: „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

Christen sollen sich Gott und seine Liebe zum Vorbild nehmen. In jeder Lebensäußerung sollen sie dem großen Vorbild entsprechen. Alles moralisch Anrüchige sollen sie meiden. Ganz und gar Licht sollen sie sein, ohne jede Finsternis, rein und zuchtvoll – und „schandbare, närrische oder lose Reden“ sollen sie auch unterlassen, so heißt es später in unserem Kapitel.

Der Epheserbrief verordnet Christinnen und Christen mithin moralische Perfektion, sie sollen Lichtgestalten an Reinheit, Liebe und Selbstlosigkeit sein, dazu humorfrei und asexuell. Immer wieder in der Geschichte hat dieses Bild des Christen als moralisch perfektioniertem Menschen Zuspruch gefunden.
Nicht nur das Mönchtum verdankt sich diesem Ideal. Im Pietismus wird die moralische Besserung unter dem Stichwort „Heiligung“ zum Leitgedanken der Bewegung. Der Methodismus sucht auf demselben Pfad nach der Perfektionierung des Christenmenschen. Stetiges Üben soll zum Ziel führen. Christinnen und Christen sollen die besseren Menschen sein – und wer unter uns wollte sich denn für das Gegenteil stark machen?
Natürlich ist es gut, wenn wir liebevoll und menschlich miteinander umgehen, wenn wir einander nicht missbrauchen oder durch lästerliche Reden einander ins Unglück stürzen. Wie sollte man für etwas anderes eintreten können?

Und doch ist es eine Falle. Es ist die Moralfalle und wie jede Falle ist sie gerade durch ihren verlockenden Reiz, ihre scheinbare Alternativlosigkeit so gefährlich. Das Gefährliche an diesem Anspruch ist: Man kann daran nur scheitern. Und weil man daran nicht scheitern will und weil Scheitern so peinlich ist, deshalb muss diese Scheitern vertuscht werden, deshalb muss eine Fassade aufgebaut werden, deshalb muss der Schein echter moralischer Perfektion aufrecht erhalten werden, weil man nur so den apostolischen und den eigenen Ansprüchen genügen kann.
Wozu solche falschen Heiligkeitsfassaden führen und was sie verdecken, das sehen wir in seiner finstersten Form an den derzeit aufgedeckten Missbrauchsfällen im katholischen wie im evangelischen Teil unserer Kirche.
Es ist ja verlockend und schön, mit dem Bild von der moralischen Perfektion echter Christen zu leben. Man wird dafür gelobt. Heute im Zeitalter der Massenmedien noch mehr als früher. Das immer noch hohe Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit rührt maßgeblich von der an sie gerichteten Erwartung her, dass es sich bei Christen und ganz besonders bei Geistlichen und Kirchenführern um bessere Menschen handelt. Und damit ist die Moralfalle fertig aufgestellt: Moralisches Handeln und christlicher Glaube werden in eins gesetzt und jeder moralische Missgriff eines öffentlich sichtbaren Christenmenschen wird zu einer Infragestellung auch des christlichen Glaubens. Für die Massenmedien ist solch ein moralischer Missgriff ein besonderer Glücksfall, denn das Interesse der Mediennutzer steigt mit der Fallhöhe und mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Eine Bischöfin mit 1,5 Promille und einer überfahrenen roten Ampel ist da schon ein ziemlicher Knaller. Den kann man sich nicht entgehen lassen.
Aber nochmal: Das Ganze ist eine Falle. Der christliche Glauben hat zwar Folgen für das menschliche Verhalten. Der Glaube verweist uns an unseren Nächsten und stellt dessen Wohlergehen an erste Stelle. Das ist Verpflichtung und Anspruch, das garantiert aber nicht den Erfolg und das Gelingen. Niemand anders als der große Apostel Paulus selbst hat das in jeder nur denkbaren Klarheit und Härte festgestellt.
Und jetzt biete ich als Kontrast zum Epheserpaulus den echten Paulus an, der nicht herumschwurbelt, sondern die Sache messerscharf erfasst: In seinem dritten Kapitel des Römerbriefes beschließt Paulus eine lange Passage über die Sündhaftigkeit von Juden und heidnischen Griechen so: Wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind, wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4); […] auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8).“
Kurz und bündig zusammengefasst: „Es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ (Römer 3,9-18, 22f)
Sie sind allesamt Sünder – das gilt für Juden und heidnische Griechen und Christinnen und Christen gleichermaßen. Alle ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollen. Alle leisten sich moralische Fehltritte, sind egoistisch und manchmal lüstern oder führen immer wieder Lästerreden. Oder nicht?
Ich lade Euch zu einem kurzen Test ein:
– Ich bitte einmal alle jene hier in der Kirche aufzustehen, die schon einmal mit dem Auto oder Fahrrad eine rote Ampel überfahren haben oder bei Rot über den Zebrastreifen gegangen sind – alle, die aufgestanden sind, bleiben bitte stehen. Und ich bemerke, auch ich gehöre zu den Aufgestandenen.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zu schnell gefahren und dabei geblitzt worden sind.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zu viel getrunken haben.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal über einen anderen Menschen gelästert haben.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zuerst an sich gedacht haben und nicht an den Nächsten und dessen Wohlergehen.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal einen unsittlichen Gedanken gedacht haben oder diesen Gedanken sogar nicht nur gedacht haben.
So – wer jetzt noch nicht steht, hat entweder einen Hüftschaden und ist entschuldigt, oder ist ein Heuchler oder ist gar in seiner Selbstwahrnehmung gestört.
Letztlich scheitern wir doch alle am Anspruch moralischer Perfektion und Paulus hat recht; es ist kein Unterschied: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“
Ich danke für die Teilnahme an diesem Test und bitte alle Sünderinnen und Sünder wieder Platz zu nehmen.

Halten wir fest, liebe Gemeinde: Glaube, Frömmigkeit, Gottvertrauen machen einen nicht zum besseren, zum moralischeren Menschen. Ansprüche der Öffentlichkeit, Ansprüche der Medien in dieser Hinsicht, sollte die Kirche – und das sind wir alle – frank und frei zurückweisen.
Kirche ist keine moralische Besserungsanstalt, sondern eine Einrichtung zur Pflege des aufgeklärten Glaubens. Es geht ums Gottvertrauen. Und die Pointe des aufgeklärten christlichen Glaubens ist die, dass Gott bei uns ist und zu uns hält, obwohl wir Sünder sind.
Der Original-Paulus schreibt zwar: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“, aber er fährt fort: sie werden doch „ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Römer 3,24)
Wem also gilt Gottes Gnade? Richtig: sie gilt gerade den Sündern, den moralisch nicht Perfekten, denen, die keine Lichtgestalten sind. Das ist der Kern der Lehre des Paulus, das ist der Kern des reformatorischen Glaubens und dieser Glaube zielt auf Befreiung, vor allem auch auf Befreiung von moralischer Selbst- und Fremdüberforderung.
Der Christenmensch – so Luther – ist Sünder und Gerechter zugleich. Er ist „simul justus et peccator“. Er ist Sünder ganz und gar wie alle anderen, aber er ist ein Sünder, der sich vor niemandem verstecken muss, weil Gott an seiner Seite steht und zu ihm hält. So betrachtet hätte ich mir gewünscht, dass die Bischöfin nicht zurückgetreten wäre, sondern in reformatorischer Freiheit stehen geblieben wäre, statt nun „Mensch Margot!“ zu mimen. Und ich hätte mir auch gewünscht, dass die Solidaritätsbekundungen des Rats der EKD und vieler Kirchenleitender damals nicht so schrecklich zaghaft daher gekommen wären.
Ich vermute, aus lauter Angst sind sie alle in die Moralfalle getappt, die ihnen die Medien und die sie sich vermutlich selbst gestellt haben. Ich kann das gut nachvollziehen. Mir würde es spontan natürlich ebenso gehen. Aber schaut euch einmal die Bibel an und überlegt, welche von den großen Gestalten der Bibel dann überhaupt vor diesem Tribunal der Moral bestehen könnte?

Das fängt an mit Noah, der mit seiner Familie wegen seiner herausragenden Frömmigkeit als einziger die Sintflut überlebt. Das erste, was er nach der Flut und einem Dankgebet tut, ist sich sinnlos zu betrinken. Er ist so betrunken, dass er sich nackt auszieht und nicht mehr weiß, was er tut. Seine Söhne müssen seine Blöße zudecken. Also gegen Noah sind 1,5 Promille eine Lächerlichkeit. Noah, der die Sintflut überlebt, würde vor dem moralischen Standgericht unserer Massenmedien jedenfalls nicht bestehen.
Nicht anders ist es mit Abraham. Voll religiösen Eifers will er seinen eigenen Sohn schlachten. Nur Gottes Eingreifen hält ihn davon ab. Und was Abraham in sexueller Hinsicht mit seinen verschiedenen Frauen und Mägden alles treibt, das ist nicht jugendfrei und ich werde es darum hier nicht ausbreiten. Steht aber in der Bibel.
Juda, einer der Stammväter des Volkes Israel, treibt es noch toller. Er betrinkt sich so, dass er mit seiner Schwiegertochter schläft und diese schwängert. Sie hatte es genau darauf angelegt gehabt.
Reden wir von König David. Ihm werden in der Bibel die meisten Psalmen zugeschrieben. David begeht Ehebruch mit der schönen Batseba und lässt zur Vertuschung des Skandals ihren Mann auf teuflische Art beseitigen. Moralisch ist das an Verwerflichkeit kaum zu überbieten und doch ist David zugleich der exemplarisch Fromme, der in der Not auf Gott vertraut. Jesus gilt als Nachkomme Davids. Wo bleibt da die Moral?
Paulus, der wirklich große Apostel, ist Christenverfolger und betreibt Menschenjagd. Angeblich war er an der Steinigung des Stephanus beteiligt. Später findet er zwar noch die Kurve zum christlichen Glauben, aber auch dann bleiben Temperament und Sprachkraft des Apostels von manchmal beklemmender Aggressivität. Das hat er mit Martin Luther gemeinsam.
Paulus zum moralischen Vorbild nehmen? Ich weiß nicht…
Nein, Nein und nochmals nein: Die Moral ist für den christlichen Glauben eine Falle. Wenn in der Bibel nur moralisch einwandfreie Figuren präsentiert würden, dann wäre das Buch leer.
Die Moral ist ein zu kleines Maß und ein total falscher Maßstab.

Fast alle großen Vorbilder des Glaubens hatten moralisch bedenkliche Seiten. Und vor diesem Hintergrund sind 1,5 Promille und das Überfahren einer roten Ampel eine Petitesse. Die ganze moralische Empörung darüber war pure Heuchelei.
Wenn Der seinerzeitige Rücktritt zum Maßstab gesetzt würde, dann könnte keiner mehr eine Kirche leiten, dann wären das Bundeskabinett, der Bundestag und unsere Landtage leergefegt, dann gäbe es keinen Friedensnobelpreis mehr – kennen Sie das sexuelle Sündenregister Martin Luther Kings? – Gewerkschaftsführer, Freiheitskämpfer, Menschen, die sich dem Unrecht widersetzen – ach, sie alle würden an der einen oder anderen Stelle durch den moralischen Rost fallen und müssten abtreten.
Und noch etwas: Ein Rücktritt, weil die Medien darauf gieren, verwischt auch den Unterschied zwischen Verfehlungen und echten Verbrechen. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und das Vertuschen dieser Taten durch die Leitungsverantwortlichen – das ist ein echter Skandal. Das sind schwere Verbrechen und hier müsste es zu Rücktritten kommen. Und außerdem muss für solche Fälle auch das Strafrecht verändert und müssen die Verjährungsfristen erheblich verlängert werden.
Liebe Gemeinde, wenn man die Welt wirklich ändern und verbessern will, dann sollte man nicht auf Moral setzen. Die dient meistens nur der eigenen Aufwertung und der Abwertung der anderen. Die Moral ist nicht der Weg zur Weltverbesserung.

Martin Luther war in dieser Hinsicht rigoros. Weil schon damals Klöster als Hort der Unzucht und des Missbrauchs galten und weil schon damals die zum Zölibat gezwungenen Geistlichen ihrer Triebe nicht Herr wurden, plädierte Luther für die Abschaffung von Klöstern und zölibatärer Geistlichkeit.
Es gibt Lebensformen, die in sich krankmachend sind, weil sie den Menschen moralisch überfordern und psychische Deformationen begünstigen – und deshalb muss man solche Lebens- und Denkformen beseitigen. Das hat Luther vor 500 Jahren erkannt. Es wäre gut, wenn sich diese Erkenntnis endlich auch in Bereich von Kirche durchsetzte, bevor noch mehr Menschen durch falsche Moralregeln deformiert werden und andere ins Unglück stürzen.
Der viel bessere Weg ist der Weg des Rechts: für alle gleich und für alle gültig. Deutliche Absprache. Klare Regeln: was ist erlaubt, was ist verboten?
Kontrolle der Einhaltung dieser Regeln durch staatliche Gewalt.
Halten wir also fest: Die Moral ist für den christlichen Glauben ein zu enges Korsett. Moralische Vorbildlichkeit zeichnet kaum einen der großen Glaubenshelden aus. Was diese Glaubenshelden groß gemacht hat, war ihr Gottvertrauen, das ihnen durch Scheitern und Krisen und Abgründe hindurch half.
Erbitten wir von Gott, dass er auch uns Kraft und aufgeklärtes Glauben schenkt. – Amen.

Gottesdienst am Sonntag, den 28.02.2021

Gottesdienst am 28.02.2021, Hans-Peter Hellmanzik

…Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des, der Himmel und Erde gemacht hat, der Wort und Treue hält ewiglich und der Niemals preisgibt ein Werk seiner Hände. Amen

Lesung Psalm 25 (Lesung durch KV abwechselnd)

KV 1

Zu dir, HERR, trage ich,

was mir auf der Seele brennt.

2 Mein Gott, auf dich vertraue ich!

Lass mich keine Enttäuschung erleben!

Sonst triumphieren meine Feinde über mich.

3 Es wird ja keiner enttäuscht, der auf dich hofft.

Enttäuscht wird nur, wer dich treulos verlässt.

4 Zeige mir die Wege, HERR, die du bestimmst!

Und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen!

5 Bringe mir bei, nach deiner Wahrheit zu leben!

Denn du bist es, Gott, der mir hilft!

Und so will ich auf dich hoffen den ganzen Tag!

6 Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, HERR!

Denn schon seit Urzeiten handelst du danach.

7 Aber an meine Vergehen sollst du nicht denken –

auch nicht an die Sünden aus meinen Jugendtagen!

Denk so an mich, wie es deiner Güte entspricht!

Du meinst es doch gut mit mir, HERR.

KV 2

Gut und gerecht ist der HERR.

Darum weist er den Sündern den Weg.

9 Er hilft den Unterdrückten dabei,

ihr Anliegen vor Gericht zu bringen.

Er lehrt die Unterdrückten seinen Weg.

10 Alle Wege, die der HERR bestimmt,

sind geprägt von Güte und Wahrheit.

So hilft er denen, die seinen Bund halten

und seine Vorschriften befolgen.

11 Bleib deinem Namen treu, HERR,

und vergib mir meine Schuld – sie ist so groß!

12 Und wie steht es mit dem Menschen,

der dem HERRN mit Ehrfurcht begegnet?

Ihm zeigt er den Weg, den er nehmen soll.

13 So wird er über Nacht sein Glück finden,

und seine Kinder werden das Land erben.

14 Der HERR zieht die Menschen ins Vertrauen,

die ihm mit Ehrfurcht begegnen.

Sein Bund dient dazu, sie zu unterweisen.

KV 1

Meine Augen blicken stets auf den HERRN.

Denn er selbst zieht meine Füße aus dem Netz.

16 Wende dich zu mir und hab Erbarmen mit mir!

Denn ich fühle mich einsam und unglücklich.

17 Befreie mich von der Angst,

die mir das Herz zusammenschnürt.

Führe mich aus meiner Bedrängnis!

18 Nimm mein Unglück und Leid von mir!

Schaff alle meine Sünden aus der Welt!

19 Sieh nur, wie zahlreich meine Feinde sind

und wie abgrundtief sie mich hassen!

20 Schütze mein Leben und rette mich!

Lass mich keine Enttäuschung erleben!

Denn bei dir suche ich Zuflucht.

21 Vorbildlich und ehrlich will ich leben.

Darum behüte mein Tun!

Denn auf dich hoffe ich.

EIN LIEBESLIED

Jesaja 5, 1 – 7

Hört! Ich will ein Lied singen, ein Lied von meinem besten Freund und seinem Weinberg: »Auf einem Hügel, sonnig und fruchtbar, lag das Grundstück meines Freundes. Dort wollte er einen Weinberg anlegen. Er grub den Boden um und räumte alle großen Steine fort. Die beste Rebensorte pflanzte er hinein. Er baute einen Wachturm mittendrin und meißelte einen Keltertrog aus dem Felsen. Wie freute er sich auf die erste Ernte, auf saftige und süße Trauben! Doch die Trauben waren klein und sauer! Urteilt selbst, ihr Leute von Jerusalem und Juda: Habe ich für meinen Weinberg nicht alles getan? Konnte ich nicht mit Recht eine reiche Ernte erwarten? Warum brachte er nur kleine, saure Trauben? Wisst ihr, was ich jetzt mit meinem Weinberg mache? Zaun und Schutzmauer reiße ich weg! Tiere sollen kommen und ihn kahl fressen, Ziegen und Schafe, sie sollen ihn zertrampeln! Nie mehr werde ich die Reben beschneiden, nie mehr den harten Boden mit der Hacke lockern; Dornen und Disteln sollen ungehindert wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu bringen. Soll der Weinberg doch vertrocknen!«
Dies ist eure Geschichte, ihr Israeliten. Ihr seid der Weinberg, und euer Besitzer ist der HERR, der allmächtige Gott. Ihr aus Israel und Juda, ihr seid die Pflanzung, auf deren Erträge er sich freute. Er wollte von euch gute Taten sehen, doch er sah nur Bluttaten; ihr habt nicht Recht gesprochen, sondern es gebrochen!

Liebe Gemeinde!
Das also soll ein Liebeslied sein? Kommt es nicht irgendwie hart und eisig daher, das Lied? Andrerseits erscheint es uns aber auch nicht wirklich fremd, oder? Denn da klingen durchaus vertraute und belastende Erfahrungen von uns allen in unseren Ohren, ja vielleicht sind es sogar Grunderfahrungen. Nicht nur der reifen Jahrgänge, durchaus auch die eines jungen Lebens.
Wie in einem Spiegel erkennen wir Verhaltensweisen und Erfahrungen, die wir selber als Kinder schon erlebt und gefürchtet haben, und die wir, so vermute ich, unseren eigenen Kindern, unseren Freunden, Arbeitskollegen, ja auch gerade den Menschen, die wir lieben, nicht ersparen, nämlich das bewährte Muster:
– Strafe durch Liebesentzug.
– Liebesentzug und Schweigen.
– Abbruch der Kommunikation.
– Aushebelung unserer Daseinssicherheit und unseres Selbstwertgefühls.
Ein typisches Prophetenwort.
Wir kennen solche eisigen Abwendungen, vielleicht sogar aus der eignen Kindheit. Dieses Chaos in der Seele, wenn du gnadenlos fallen gelassen wirst, weil du den Wünschen und Plänen deiner Eltern nicht entsprochen hast.
Und später im Erwachsenalter sehen wir so manche Szenen einer gescheiterten Ehe, wenn ehemals Liebende sich gnadenlos bekriegen, weil sie füreinander gestorben sind. Schwarze Pädagogik. Schwarze Logik. Tief in unserer Seele verankert. Leistung muss sich lohnen, so wirbt eine Partei unverdrossen.
Wir kennen diese Erfahrungen aber auch aus dem anderen Blickwinkel. Sagen wir Erfahrungen, die dem Liebesentzug vorausgehen, die Erfahrungen von Vergeblichkeit und vom Umsonst unserer Mühe, von Anstrengungen ohne Erfolg. Im Beruf, in den Beziehungen der Liebe, in der Erziehung unserer Kinder, in der Arbeit in und an der Kirche, in Gesellschaft und Politik – alles umsonst, alles vergeblich.
Lebensträume scheitern und lassen uns dann verbittert zurück. Ein Sohn, eine Tochter bricht ihre Ausbildung ab, Kinder finden sich im Leben nicht zurecht, obwohl wir alles für sie getan haben, der Freude an der gerade erwachten Liebe folgt ihr schneller Tod. Trotz allem, was man investiert hat, implodieren Freundschaften, und der Vorrat an Vertrauen reicht nicht. Alles, was wir an Liebeskraft, an Zeit, auch an Geld und Energie investiert haben – es war umsonst.
Ein bitteres Lied, dieses sogenannte „Weinberglied“. Neu ist lediglich, dass der Prophet es im Namen seines Gottes singt. Er wagt es, die Schmerzen des Umsonst aus der Perspektive Gottes aufzuzeigen. Als wollte er deutlich machen, nicht nur wir strafen mit dem Entzug unserer Liebe und der Preisgabe des Menschen, der unsere Zuwendung ausschlug, nicht nur wir pochen darauf, dass Leistung sich lohnen muss, sondern Gott selber tut es.
Kommt hier etwa eine Logik zum Tragen, die wir schon längst für überwunden glaubten? Ist diese Logik vielleicht sogar in die Schöpfung eingebaut, so dass es nicht nur menschlich allzu menschliches Verhalten ist, sondern sogar ein geistiges, ein schöpfungsgemäßes Grundgesetz des Lebens? Dann wäre es von Gott sogar so gewollt, dass, wer ihm nicht folgt, sich selber überlassen bleibt und dass Gott ihn schutzlos den Folgen seines Tuns und seiner Schuld preisgibt?
Verführerisch gnadenlos auch darum, weil ein solcher Text sich anbietet, die Schwierigkeiten unserer Kirche, den immensen Traditionsabbruch, unser dramatisches Kleinerwerden zu verstehen.
Steckt hier in den Worten des Propheten Jesaja in seinem Lied vom enttäuschten Bräutigam der Schlüssel zur Antwort auf unsere Fragen:
– Warum muss gerade unsere Generation so stark abbauen, einschränken, zurücknehmen, auflösen, umstrukturieren?
– Was haben wir falsch gemacht?
– Sind wir vielleicht nicht glaubwürdig genug, wie wir Kirche aufstellen?
– Sind wir etwa unglaubwürdige Zeugen des Evangeliums? Trifft uns daher Gottes reagierender Zorn?
– Hat Gott uns fallen gelassen und pflegt er seine Kirche nicht mehr?
Ich gestehe, dass ich in Situationen meines Lebens, in denen mich die Reue über Schuld, Fehlverhalten und Angst vor Folgen und Liebesentzug sowieso schon niederdrückte, diesen Eiseshauch als verdiente Reaktion Gottes geglaubt habe. Meine Schuld und als Folge auch der erbarmungslose Rückzug meines Gottes, das drohte mir dann den Boden unter den Füßen völlig wegzuziehen.
Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Dieses Wort der Heiligen Schrift zeigt uns einen anderen Gott als den sogenannten „lieben“. Hier redet kein gefühlloser, unwandelbarer, unberührbarer Gott, keiner, der unser Harmoniebedürfnis kosmisch befriedigt und die Projektion unserer Wünsche in die Allmacht Gottes darstellt. Der Gott dieses Weinbergliedes kennt Angst, Sorge, Verletzung, Wut und Enttäuschung, denn er ist einer, der Antwort haben will, der unser Schweigen, unseren Lebensunsinn nicht erträgt. Ein Gott, dessen Liebe enttäuscht wird und der darauf reagiert.
Denn in diesem Lied geht es eigentlich nur um die Liebe. Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die Liebe. Jesaja singt ein Liebeslied. Er singt vom Schmerz der Liebe, vom Schmerz der Liebe Gottes. Vielleicht ist es uns aus anderer Perspektive so vertraut, weil ja der Schmerz, die dunkle Seite der Liebe und ihrer Rätselhaftigkeit, auch uns vertraut ist.
Dieses Wort der Heiligen Schrift ist ein Liebeslied, sogar mit eindeutig erotischem Unterton. Der Prophet hat dieses Lied vermutlich bei einem ausgelassenen Fest, dem Laubhüttenfest, dem Fest des Erntedanks und der Erinnerung an Gottes erwählende Zuwendung gesungen. Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied, ist der Vergleich des Weinbergs mit einer Braut, mit einer geliebten Frau überhaupt, gewählt, und wenn einer in dieser Weise von seinem Weinberg singt, geht es um ein erotisches Verhältnis. Und so wie einem enttäuschten Bräutigam geht es Gott mit uns. Es singt von Gottes enttäuschter Liebe zu uns, aus der sein Zorn resultiert.
Und so führt trotz allem auch in diesem Lied der Schmerz Gottes über seine enttäuschte Liebe nicht zu Hass und Vergeltung.
Wie nahe kommt uns Gott, der Liebhaber des Lebens, dass er eingesteht: Auch ich kann hier nichts mehr tun. Selbst in seiner Enttäuschung bleibt er uns nahe.
Und so gibt es Phasen in unserem Leben, in denen wir vom Leben und von uns selber enttäuscht, uns selber überlassen sind, ganz auf uns selbst zurückgeworfen, wo wir nur noch uns selber haben. Dann warten wir vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen, berührt, herausgeholt zu werden aus unserer Menschen-, Welt- und Gottverschlossenheit. In hilf- und schutzloser Einsamkeit hören wir kein Wort und finden keinen Blick. Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben, auch zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion.
Und hier möchte ich den eigentlichen Schlüssel zum Lied von Gott, dem enttäuschten Liebhaber seiner Braut finden. Gott selber ist in das Gelingen seiner Liebe unendlich und unwiderruflich verliebt. Das nenne ich Gottespassion.
So dienen sein Zorn, seine Unterlassung von Zuwendung, seine Emotionen letztlich auch wieder nur dazu, den Bann der bitteren Erfolglosigkeit zu brechen. Gott geht selber unseren Passionsweg der Liebe, deren „Umsonst“ nicht endgültig ist, weil es für Gottes Gnade und Erbarmen kein Zu-spät und kein Aus und Vorbei gibt.
Jesus zeigt uns, dass Gottes Liebe ins Gelingen verliebt ist, dass er selber sich ins Leid der Welt begibt, damit der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht das letzte Wort haben.
Das Lied vom Schmerz und der Liebe Gottes wird weiter gesungen, auch in der Heiligen Schrift. Dort gibt es dann das Lied vom lieblichen Weinberg, den Gott Tag und Nacht behütet (Jesaja 27, 2-5). Und es gibt in der Parabel von den Arbeitern im Weinberg das Lied vom überraschend großzügigen und seine Liebe völlig unverdient und nicht berechnend austeilenden Gott (Matthäus 20, 1-15). Gott bleibt auch in seinem Zorn uns zugewandt, so berechtigt sein Zorn auch ist. Er bleibt der zuvorkommende, überlebende Gott, der gute Hirte unseres Lebens, das wahrlich nicht einfach ist in dieser immer rätselhafteren Welt.
Niemand hat das welt- und lebenserfahrener beschreiben können als Martin Luther. Seine Worte weisen den Weg aus dem Umsonst und der Angst zur dankbaren Freude an Gottes hilfreicher Nähe.
Luther sagt in Auslegung des Wortes aus dem Johannes-Evangelium vom guten Hirten Jesus: „Wenn du diesen Hirten kennst, so kannst du wider Teufel und Tod dich schützen und sagen: Ich habe ja leider Gottes Gebote nicht gehalten; aber ich krieche dieser lieben Henne, meinem lieben Herrn Christo, unter ihre Flügel und glaube, dass er ist mein lieber Hirte, Bischof und Mittler vor Gott, der mich deckt und schützt mit seiner Unschuld und schenkt mir seine Gerechtigkeit; denn was ich nicht gehalten habe, das hat er gehalten, ja, was ich gesündigt habe, das hat er mit seinem Blute bezahlt. Sintemal er ist nicht für sich, sondern für mich gestorben und auferstanden, wie er denn hier spricht: Er lasse sein Leben nicht für sich, sondern für die Schafe. Also bist du denn sicher, und muss dich der Teufel mit seiner Hölle zufrieden lassen; denn er wird freilich Christo nichts anhaben können, der ihn schon überwunden und dich, so du an ihn glaubst, schützt und erhält.“
Darauf lasst uns trauen!

Gottesdienst von Sonntag, den 21.02.2021

Predigt von Hans-Peter Hellmanzik, 21.02.2021

VERRAT

Evangelium nach Johannes 13, 21 – 30

Als Jesus das gesagt hatte,
war er im Innersten tief erschüttert.
Er erklärte ihnen: »Amen, amen, das sage ich euch:
Einer von euch wird mich verraten.«
Da sahen sich die Jünger ratlos an
und fragten sich: »Von wem spricht er?«
Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte,
lag bei Tisch an der Seite von Jesus.
Ihm gab Simon Petrus ein Zeichen.
Er sollte Jesus fragen, von wem er gesprochen hatte.
Der Jünger lehnte sich zurück zu Jesus und fragte ihn: »Herr, wer ist es?«
Jesus antwortete:» Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe.« Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.
Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm.
Da sagte Jesus zu ihm:» Was du tun willst, das tue bald!« Von den anderen am Tisch verstand keiner, warum Jesus das zu Judas sagte. Weil Judas die Kasse verwaltete, dachten einige, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: »Kauf ein, was wir für das Fest brauchen.«
Oder sie dachten: Jesus hat ihm aufgetragen, den Armen etwas zu geben.
Als Judas das Stück Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus.
Es war aber Nacht
.

Biblische Rede

Und wo genau besteht denn der „Verrat“ – was hat Judas überhaupt „verraten“?

Nach dem, was wir nach Aktenlage sagen können, kommt nur eines in Frage: Er hat der Miliz der Hohenpriester und den Römern den entscheidenden Wink gegeben, wann und wo sie Jesus ohne Aufsehen verhaften können.
Und er hat ihnen in der Dunkelheit im Garten signalisiert, welcher der Männer Jesus ist – indem er ihn ganz einfach begrüßte, wie es unter Freunden üblich ist.

Ob das nun ein richtiger Verrat ist, lassen wir mal dahingestellt sein. Früher oder später wäre der Moment doch gekommen, auch ohne die Mithilfe des Judas.
Und wegen des Geldes hat er es wohl nicht getan.
Er muss wohl einen anderen Grund gehabt haben. Aber welchen?

Nun sind wir aufs Kombinieren angewiesen.

Wie es aussieht, hat Judas von Jesus erwartet, was viele seiner Anhänger erwarteten: Sie hofften, Jesus würde eine Streitmacht sammeln, welche die Römer aus dem Land treibt.
Und dann würde er das alte Reich seiner Vorfahren David und Salomo restituieren und als dessen König herrschen.

Ein Missverständnis also? Nach allem, was wir wissen, wollte Jesus alles, nur keinen politischen Umsturz. Er sagt schließlich: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“

Nun könnte man schlussfolgern, dass Judas Jesus „ans Messer liefern“ wollte, als er verstand, dass Jesus etwas völlig anderes wollte als er.

Das wäre eine Möglichkeit.
Es käme aber auch die andere Möglichkeit in Frage: Judas hält Jesus für zu zögerlich und will ihn drängen, endlich ernst zu machen.
Denn wenn ein Verhaftungskommando anrückt, dann wird er doch wohl den Befehl geben, loszuschlagen.
Er wird sich doch nicht verhaften und fesseln lassen, wie ein lahmer Esel!

Und da sind wir dann an der Stelle, wo wir schlussfolgern müssen: So oder so – Judas hat einfach ein falsches Bild von Jesus.
Er meint, Jesus müsse als göttlicher Held auftreten, und die Welt müsse sich durch ihn grundlegend ändern.
Er kann sich nicht vorstellen, dass in Jesus Gottes Hilfe verborgen zu uns kommt, mitten in unsere alte Welt, ohne dass wir es zunächst wahrnehmen können.

Bingo! Genau das ist es. Und uns bleibt nur zu vertrauen, dass die Sache Gottes nicht offensichtlich ist, nicht nachweislich, sondern verborgen, kryptisch. Uns bleibt nur das Vertrauen auf eine Zusage.

Ich weiß, liebe Gemeinde, damit haben wir die Judas-Frage nicht vollständig abgehandelt. Es bleiben Fragen. Etwa die: Wer ist Judas Iskariot wirklich???

Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns einig sind, wenn ich sage: Judas, das bist du und ich!
Jeder und jede von uns ist Judas.
Wir können auch sagen: Judas wohnt in dir und mir und in einem jeden von uns.
Vergiss nicht, wir lesen bei Johannes: „Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“
Jeder der Zwölf hält es für möglich, dass er es sein könnte!

Weil wir hier alle irgendwie gleich sind!
Weil wir nicht wirklich damit zurechtkommen, dass Gott sich uns entzieht und sich verbirgt. „Deus absconditus“, der verborgene Gott, das ist im Denken von Nikolaus von Kues, von Blaise Pascal, von Johannes Calvin und Martin Luther von zentraler Bedeutung.

Der verborgene Gott, das ist gleichzusetzen mit dem Weltgeheimnis schlechthin.

Wir würden es nicht überleben, so ist die Botschaft der Bibel, wenn er sich offen zeigen würde. Wir würden zusammen mit der gesamten Welt augenblicklich zu Asche zerfallen.
Deswegen verbirgt er sich in Leben und Sterben Jesu.

Ja, ich weiß, an diesem, „Versteckspiel“ kann man regelrechtverzweifeln und zerbrechen.
„Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.“ So textet Schalom Ben Chorin in seinem Lied „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und grünt…“

Soviel Leid und Elend, soviel Hunger und Verzweiflung, soviel Brutalität und Ungerechtigkeit…

Und der Himmel schweigt dazu!

Und nun also noch Corona – die Jahrhundertpandemie.

Weiß Gott das?
Weiß er, dass man sich wünscht, er würde endlich einmal offen auftreten – und belohnen und bestrafen?
Weiß er, dass man dafür sogar einen Verrat begehen würde?
Einen Verrat an diesem Versteckspiel, das er mit uns treibt – durch Jesus?

Ja, ich glaube er weiß es.
Das kann ich sagen und verantworten.
So weit gehe ich.
Aber ich glaube auch, Gott wird das Versteckspiel erst an jenem Tag beenden, wenn wir „nichts mehr fragen“ werden.

Wann das sein wird?

Nicht diesseits der Todesgrenze.

Und nun nehmen wir einmal an, es ist so, wie wir das bis hierher entwickelt haben: Kann Judas dann verdammt sein?
Ich meine, wir wären es dann ja auch. Haben wir nicht festgehalten: Judas, das sind wir, du und ich.

Ja, das habe ich gesagt.
Aber wie kommst du darauf, dass Judas verdammt sei?

Heißt es nicht in bei Matthäus an genau dieser Stelle: „Weh dem Menschen, durch welchen der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“

Und auch in unserem Johannesevangelium heißt es: „Als er den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn.“

Was also fangen wir damit an?
Es hilft alles nichts, liebe Gemeinde, hier merken wir, welche Theologie einem Text wie diesem zugrunde liegt. Wir müssen nicht glauben, dass das die Worte Jesu sind. Oder dass es in seinem Sinn wäre. Es ist eine spätere Deutung, die ins Evangelium eingetragen wurde.

Tief verborgen in diesem Text können wir erfahren, dass Jesus dem Judas schon die Tür aufgemacht hat, dass er zurückkehren kann.

Er wird diese Sache mit Judas noch in Ordnung bringen. Und die Sache mit dir und mir.

„Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.“

Hört sich an wie eine Abendmahlsszene.

Und genau das ist es auch. Das Abendmahl ist immerhin . . .

. . . Vergebung der Sünde, Feier der neuen Schöpfung und Gemeinschaft.

Und für uns heißt das: Wenn wir das Abendmahl feiern und glauben, dass er in Brot und Wein zu uns kommt, dann können wir uns darauf verlassen: Wir sind schon schon in der Gottesgemeinschaft.

Wir müssen also nur die Hand aufhalten und den Mund aufmachen?

Nur das. Damit ist alles getan.

Gottesdienst am Sonntag, den 14.02.2021

Gottesdienst zum Mitnehmen
Estomihi – 14.02.2021

Liebe Gemeinde,
schön, Sie auch heute wieder auf diese schriftliche Weise begrüßen zu dürfen. Normalerweise machen die Blumenläden heute am Valentinstag, dem Tag der Liebe oder Verliebten, große Umsätze. Ob das unter den diesjährigen Bedingungen auch so ist, bleibt abzuwarten. Vermutlich fallen die Umsätze deutlich kleiner aus. Zumindest die Straßen dürften für die gekühlten Blumentransporte aus den Niederlanden inzwischen frei sein. Auch heute im Gottesdienst spielt die Liebe eine wichtige Rolle. Lassen Sie sich überraschen, was der Prophet Jesaja dazu zu sagen hat.

Gebet:
Guter Gott, in deinem Sohn bist du in unsere Welt gekommen. Du hast mit Menschenaugen in die Welt geschaut, hast mit uns gelacht und geweint. Du hast uns vorgelebt, was Nächstenliebe ist. Lass uns deine Liebe bewahren und an unsere Mitmenschen weitergeben. Lass unsere Taten füreinander von Herzen kommen und voller Freude sein. Darum bitten wir dich, du Quell des Lebens und der Liebe. Amen.

Lesung Jesaja 58,1-9:
Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen? «Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Impuls
Liebe Gemeinde, beim Lesen von Beiträgen auf Instagram letzte Woche stieß ich auf Werbung aus der Autostadt Wolfsburg. Die Restaurants dort boten ein edles Valentinsmenü für 2 Personen an. Das Menü würde von den Restaurants fast fertig gekocht werden und muss zu Hause dann nur noch für ein paar Minuten in den Ofen. Nach einigen letzten Handgriffen wäre das Essen dann fertig. Essen wie im Restaurant nur für zu Hause. Nur muss man es leider in der Autostadt abholen. Durch den Lockdown ist am heutigen Valentinstag vieles anders. Restaurants haben zu und können nur außer Haus liefern. Auch Blumensträuße in den Blumenläden gibt es nur nach Vorbestellung und kontaktloser Übergabe. Geschäfte für kleine Geschenke haben auch nicht auf. Nur die Pralinenpackung aus dem Supermarkt, die geht auch jetzt. Valentinstag, der Tag für Verliebte. Und was machen alle anderen? Unsere skandinavischen Nachbarn feiern diesen Tag etwas anders. In Finnland heißt der 14. Februar „Ystävänpäivä“, also einfach „Freundschaftstag“ und in Schweden „Alla hjartans dag“, „Allerherzenstag“ mit der Betonung auf »aller“. Dort beschenken sich nicht nur die Liebenden, sondern man verschickt Grüße an all die Menschen, denen man sich verbunden fühlt. Freundschaftstag, Allerherzenstag oder eben Valentinstag, dieser Tag kann Erwartungen an einen stellen. Das Zeichen der Liebe zur Pflicht werden. Die Erwartungen des Partners, der Partnerin wollen erfüllt werden. Taten aus Pflichtgefühl machen dabei jedoch weder froh noch glücklich. Das lässt sich bei Astrid Lindgren in „Die Kinder aus Bullerbü“ nachlesen:
„Als wir im Herbst wieder mit der Schule angefangen hatten“, sagte die Lehrerin eines Tages, „wir sollten uns immer bemühen, andere Menschen glücklich zu machen. Niemals aber sollte man etwas tun, wovon Menschen unglücklich werden könnten.“ Die achtjährige Lisa und ihre Freundin Inga wollen sofort loslegen. Das Schlimme war nur, sie wussten nicht genau, wie sie es anstellen sollten. Sie probieren es den ganzen Tag lang. Den gebrechlichen Großvater etwa nötigen sie zu einem Spaziergang, aber glücklich ist er erst, als er danach endlich friedlich im Bett liegen darf. Das Hausmädchen ist froh, wenn die Kinder aus dem Weg sind. Auch die Mutter will sich nicht helfen lassen. Die Mädchen scheitern mit allen Bemühungen, Menschen zu beglücken, und fragen noch einmal nach. Die Lehrerin sagte, „es sei oft so wenig dazu nötig. Man könne einem alten Menschen, der einsam und krank sei, ein Lied vorsingen, oder einem, der niemals Blumen bekäme, einen schönen Strauß bringen, oder mit jemandem, der sich einsam und verlassen fühlte, freundlich sprechen.“ Die beiden Mädchen besuchen also eine kranke Frau und singen so lange, bis diese aus dem Bett und dem Haus in den Garten flüchtet. Sie pflücken einen großen Strauß Heidekraut für den Knecht und finden die Blumen später auf dem Dunghaufen wieder. Niemand möchte etwas von ihren unerwünschten Wohltaten wissen. Enttäuscht beschließen beide: „Jetzt ist endgültig Schluss damit. Ich will keinen Menschen mehr glücklich machen!“ Und dann tun sie es doch – in dem Moment, in dem sie nicht mehr darüber nachdenken und aus Liebe ihr Liebstes hergeben. Als sie erfahren, dass eine Klassenkameradin für lange Zeit krank ist, schenkt ihr die eine ihre schönste Puppe und die andere ihr Lieblingsbuch. Wie staunen sie, als sie spüren, dass sie selbst in diesem Moment sich beschenkt und beglückt fühlen. Guten Taten aus Liebe, aus dem Herzen heraus machen alle glücklich. Den Beschenkten und einen selbst. Auch der Prophet Jesaja versucht Israel diese Tatsache deutlich zu machen. Er nutzt dafür das Thema „Fasten“. Wer faste und seine Untergebenen knechte und sich zanke, mache es falsch. An so einem Fasten habe Gott keinen Gefallen. Auch Gott hat Gefallen an Taten der Liebe. Denn „heißt es nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen“, sagt der Prophet Jesaja. Auch Gott wünscht sich keine halbherzigen Taten aus Pflichtgefühl. Er möchte Taten, die von Herzen kommen, wie jeder Beschenkte. Dieser Gedanke verbindet für mich den heutigen Valentinstag mit dem Predigttext und der kommenden Passionszeit. Es geht bei allem um Taten, die von Herzen kommen. Es geht nicht um Geschenke oder einem Fasten aus Pflichtgefühl heraus. Beides macht nicht glücklich. Es geht um Taten, die von Herzen kommen. Einem Handeln, das es auch wirklich ernst meint. Versuchen Sie sich doch heute oder in der kommenden Passionszeit mal an so einer Tat von Herzen. Ich werde meinem Mann jetzt mal für eine halbe Stunde unseren Sohn abnehmen, damit er in Ruhe einen Kaffee trinken kann. Eine kleine Alltagsfreude für ihn. Mögen auch Sie heute oder in den kommenden Tagen mit einer Herzenstat beschenkt werden. Amen.

Fürbittengebet
Du Gott der Barmherzigkeit, deine Liebe richtet uns auf und eint.
Deine Liebe heilt die Wunden der Welt.

Wir bitten dich: Sei barmherzig, ermutige und schütze mit deiner Liebe alle, die in Not sind.
Behüte die Obdachlosen und Flüchtlinge in der Kälte.
Hilf denen, die wegen der Pandemie ihre Arbeit verloren haben oder in Kurzarbeit sind.

Wir bitten dich: Sei barmherzig, mahne mit deiner Liebe die Mächtigen.
Lass sie ihre Verantwortung erkennen.
Stärke sie in ihrem Bemühen gut abzuwägen und kluge Endscheidungen für uns alle zu treffen.

Wir bitten dich: Sei barmherzig und hülle ein in deine Liebe unsere Kranken, die Sterbenden und Trauernden;
und hülle ein in deine Liebe alle, die zu uns gehören und uns lieb sind.
Du bist die Liebe, dir vertrauen wir uns durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn an.

Wir beten, wie Jesus es uns beigebracht hat:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segen:
Gott segne und behüte uns. Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Nina Junghans.

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