Predigt für Sonntag, den 05.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Heute ein Lied der hannoveraner Sängerin Josi „Die Sonne hat gewonnen“

Predigt für den 05.04.2020 Sonntag Palmarum

Liebe Leute,
Vorweg eine kleine Anmerkung: Da ich die vergangene Woche Urlaub hatte, habe ich die Predigt schon vorher geschrieben und aufgenommen. Falls also etwas nicht ganz aktuell sein sollte, bitte ich dich, darüber hinwegzusehen.
Das ist nun der dritte Sonntag nach Coronazählung. Zwei Wochen Ausgangsbeschränkungen liegen schon hinter uns. Wie geht es dir gerade? Bist du bist jetzt gesund geblieben? Gehörst du zur Risikogruppe? Bist du inzwischen unter denen, die in Quarantäne sein müssen? Oder bist du sogar erkrankt? Und wie geht es dir seelisch? Zuversichtlich – verunsichert – ängstlich – verzweifelt? Die ganze Bandbreite ist möglich.
Der heutige Sonntag heißt Palmsonntag. Deshalb, weil heute daran gedacht wird, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem eingezogen ist. Um den Einzug so feierlich wie möglich zu machen, wurden Palmzweige auf den Weg gestreut. Daher der Name. Mit diesem Weg, den Jesus da eingeschlagen hat, beginnt die Karwoche. Die Woche, die den Karfreitag als Zielpunkt hat, an dem Jesus am Kreuz gestorben ist. Ein Weg mit einem klaren Ziel also. Und ein Weg mit einer klaren Zeitbegrenzung. Die, die dabei waren, mussten einen bestimmten Standpunkt einnehmen. Viele haben beim Einzug gejubelt, so berichtet die Bibel. Aber genauso viele haben Tage später den Tod Jesu am Kreuz gefordert. Nicht wenige sind also umgefallen.
Seine Freunde sind Jesus gefolgt. Aber auch sie haben es letztendlich nicht geschafft, Jesus bis zum Schluss die Treue zu halten. Wo haben sie gestanden, woran haben sie sich gehalten? Auch heute gibt es wieder einen Bibeltext, zu dem ich meine Gedanken äußern möchte. Der steht im Markusevangelium im 14. Kapitel. Zeitlich gesehen spielt die dort erzählte Geschichte ein paar Tage nach dem Einzug nach Jerusalem.

Ich lese sie einmal vor:
„Jesus war in Betanien zu Gast bei Simon, der früher einmal aussätzig gewesen war. Während der Mahlzeit kam eine Frau herein. In ihren Händen hielt sie ein Fläschchen mit reinem, kostbarem Nardenöl. Sie öffnete das Gefäß und salbte mit dem Öl den Kopf von Jesus. Darüber regten sich einige Gäste auf: »Das ist ja die reinste Verschwendung! Dieses Öl ist mindestens 300 Silberstücke wert. Man hätte es lieber verkaufen und das Geld den Armen geben sollen!« So machten sie der Frau heftige Vorwürfe. Aber Jesus sagte: »Lasst sie in Ruhe! Warum macht ihr der Frau Schwierigkeiten? Sie hat etwas Gutes für mich getan. Arme, die eure Hilfe nötig haben, wird es immer geben. Ihnen könnt ihr helfen, sooft ihr wollt. Ich dagegen bin nicht mehr lange bei euch. Diese Frau hat getan, was sie konnte: Mit diesem Salböl hat sie meinen Körper für mein Begräbnis vorbereitet. Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo Gottes rettende Botschaft verkündet wird, wird man auch von dieser Frau sprechen und von dem, was sie getan hat.«“

Das ist eine seltsame Geschichte. Ich schlage vor, wir steigen mal in die Szene ein. Gehen wir in das Haus, in das Jesus eingekehrt ist. Was siehst du, was hörst du, was riechst du? Ich stelle mir Kerzenlicht vor, es flackert, ist gerade so hell, dass ich die Anwesenden sehen kann. Ich höre Stimmengemurmel, angeregte Gespräche über dies und das. Und es riecht verführerisch nach den zubereiteten Speisen. Jesus liegt am Tisch, wie übrigens alle liegen. Plötzlich kommt eine Frau herein. Wer ist das, wer hat die hineingelassen? Sie hat etwas in der Hand und geht direkt auf Jesus zu. Der nicht im Geringsten alarmiert erscheint. Sie öffnet ein Fläschchen und gießt Jesus Salböl auf den Kopf. Was macht die da? Der Duft des Öls erfüllt den ganzen Raum, Nasen werden gereckt.
Jetzt kommt Bewegung in die anderen Gäste. Das Stimmengewirr wird lauter. Einige Sätze kann ich deutlich vernehmen. Wisst ihr eigentlich, was das für ein teures Zeug ist? Was soll Jesus damit? Das ist die Höhe, reine Verschwendung! Was hätten wir mit dem Wert des Öls alle sinnvolles anfangen können. Unglaublich!
Und Jesus? Der bleibt ruhig, lässt es geschehen. Bleibt liegen, als die Frau das Öl einmassiert.
Dann wendet er sich an die anderen. Und verteidigt die Frau. Das war genau zu diesem Zeitpunkt richtig. Denn ich weiß, worauf ich zugehe, und das weiß diese Frau anscheinend auch. Schön, dass ihr so vernünftig denkt. Na klar, Geld kann man sicher viel sinnvoller einsetzen. Aber habt ihr eigentlich überlegt, was jetzt gerade in diesem Moment dran ist?
Wir gehen wieder raus aus der Szene. Wenn ich mir das so recht überlege, haben auf ihre Art alle recht, oder? Das war richtig teuer. Das wäre ungefähr so, als wenn jemand nach dem Traugottesdienst die Braut statt mit Blütenblättern mit echten Safranfäden bewerfen würde, und zwar händeweise. Verschwendung pur. Da ist es nur vernünftig zu überlegen, was man mit dem Gegenwert alles hätte machen können. Das Geld spenden, um die Armen zu unterstützen. Heutige diakonische Einrichtungen würden sich bei diesem Betrag die Hände reiben. Almosen geben hieß das damals und war eine religiöse Pflicht. Ein religiöse Pflicht waren aber auch die sogenannten Guten Werke. Dazu gehörte unter anderem die Sorge um die Toten. Und in diesen Bereich fällt die Salbung hinein, da sind sich alle einig. Jesus deutet die Handlung der Frau als vorgezogene Totensalbung. Und er betont den Kritikern gegenüber den Zeitpunkt: Arme zu unterstützen ist immer möglich, diese Tat aber ist nur jetzt möglich, denn sein Tod am Kreuz steht unmittelbar bevor.

Meinung gegen Meinung. Standpunkte, die sich nicht vereinen lassen. Eine Entscheidung ist nötig. Wo stehe ich, wo stehst du? Was meinst du, was will Gott von uns in einer solchen Situation? Was ist jetzt dran?
Damit sind wir direkt bei heute. Fragen, wie geschaffen für die heutige Zeit. Im Moment müssen in Bezug auf die Corona-Krise ständig Entscheidungen gefällt werden, muss immer abgewägt werden, was Priorität hat, denn zu tun gibt es unglaublich viel. Für mich stellt sich hier die Frage nach dem Weg des Glaubens. Wir vollziehen in der Karwoche den Weg nach, den Jesus bis ans Kreuz gegangen ist. Wir Christen, so behaupte ich, wollen mit Jesus gehen. Nicht ans Kreuz, aber durch unser Leben, in dem wir auch manches Kreuz tragen müssen. Und auf diesem Weg stehen Entscheidungen an, immer wieder. Gerade was unsere Haltung und was unser Handeln angeht.
Ich sage es mal so: Ein Christ soll fromm sein, soll für andere beten, soll Gemeinschaft mit anderen Christen pflegen, soll sich in der Kirchengemeinde aktiv einbringen, soll anderen Menschen den christlichen Glauben nahebringen, soll sich um Bedürftige kümmern, soll sich selbst hintenan stellen, soll für Frieden sorgen, soll Gottes Schöpfung bewahren – ich höre hier einfach mal auf. Du merkst schon: super – wie soll das denn gehen? Und am besten alles gleichzeitig… Also muss ich, musst du dich entscheiden. Entscheiden für bestimmte Dinge, die dir wichtig sind, um damit andere Dinge, die genauso wichtig wären, eben nicht zu tun. In der Hoffnung, dass sich darum andere kümmern, oder dass das eben später dran ist. In unserer Geschichte war der Zeitfaktor wichtig – viel Zeit gemeinsam mit Jesus blieb nicht mehr. Dieser Faktor ist entscheidend. Was ist jetzt gerade dran? In dieser Zeit, an diesem Tag, in dieser Minute? In den Gottesdienst gehen kannst du gerade nicht. Diese Entscheidung ist dir abgenommen. Was machst du stattdessen? Wie pflegst du die christliche Gemeinschaft? Es gibt genug Möglichkeiten über die Netzwerke. Oder entscheidest du, in dieser sozialen Ausnahmesituation dir eine Art Einkehr zu gönnen, also die stille Beschäftigung mit Bibel und Gebet? Oder angenommen, du kannst gerade nicht zur Arbeit gehen. Wie nutzt du die Zeit?
Siehst du sie als Atempause für dich und deine Familie, oder entscheidest du, für andere unterwegs zu sein und zum Beispiel Einkaufsdienste zu machen? Du merkst schon: Von mir wirst du keine Anweisung bekommen, was für dich jetzt dran ist. Und auch die Bibel ist hier sehr uneindeutig. In unserer Geschichte betont Jesus die Wichtigkeit dieser vorgezogenen Totensalbung, an einer anderen Stelle sagt er: Lasst die Toten ihre Toten bestatten und kümmert euch um das Reich Gottes! Die Entscheidung liegt bei dir und mir. Der Weg mit und zu Gott ist eben kein festgelegter, sondern sehr vielfältig. Allein das Ziel ist klar.
Vielleicht halten wir es am ehesten mit dem Kirchenvater Augustinus, der gesagt hat: Liebe – und dann tu, was du willst. Amen.

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Predigt für Sonntag, den 29.03.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Gospelchor „Herr, ich steh vor dir“

Predigt für den 29.03.2020 Sonntag Judika

Liebe Leute,
oder auch: Liebe Frau, lieber Mann, lieber Mensch – wo auch immer du bist und dies hier hörst
oder liest. Wie geht es dir gerade? Und was machst du gerade? Hast du dich mit der Situation
abgefunden? Kannst du das Beste daraus machen? Oder fällt dir langsam die Decke auf den
Kopf?
Viele Möglichkeiten haben wir ja nicht unbedingt. Am besten zuhause bleiben, nur die nötigen
Gänge oder Fahrten machen, mit nicht mehr als einem weiteren Menschen zusammenkommen. Und keiner weiß so genau, wie lange das noch geht. Und ob nicht staatlicherseits doch noch einer draufgesetzt wird und wir eine komplette Ausgangssperre kriegen.
Umso wichtiger ist es, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Welche Möglichkeiten nutzt
du gerade? WhatsApp oder Skype? Andere soziale Netzwerke? Oder läuft gerade das gute alte Telefon heiß? Und wie hältst du dich in Bewegung? Kommst du raus? Je länger dieser Ausnahmezustand andauert, desto wichtiger ist es, dass wir aktiv bleiben. Äußerlich, aber auch innerlich.
Letzte Woche habe ich von Trost gesprochen, den wir brauchen und den wir uns schenken lassen dürfen. Heute geht es eher darum, was wir tun können. Keine Angst, du wirst jetzt hier von mir keine allgemeinen Verhaltensregeln und keine guten Ratschläge hören. Die kommen zur Genüge von anderen Stellen. Ich will lieber einen Blick darauf werfen, was jetzt für uns als Christen wichtig ist, was uns helfen kann, uns gegenseitig nicht aus dem Blick zu verlieren.
Der Bibelvers für den heutigen Sonntag lautet: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Was heißt das? Und was soll das? Mit Menschensohn ist Jesus Christus gemeint. Und es geht um seine Stellung. Das Oben und Unten war damals noch viel klarer als heute: Die Götter ganz oben, dann die Mächtigen unter den Menschen und so weiter. Unter der Annahme, dass Jesus Gottes Sohn ist, war dieser Satz echt provokativ. Gottes Sohn stellt sich nach ganz unten.
Jesus ist für die Menschen da, er gibt sich ganz hin. Schließlich am Kreuz, aber auch schon vorher in seinem Leben. Soll heißen, dass bei Jesus und somit auch bei den Christen oben und unten nicht gilt. Das Motto: Sein Leben für die anderen hingeben.
In die gleiche Richtung geht der Bibelabschnitt, der für die Predigt heute vorgeschlagen ist. Er stammt aus dem Brief an die Hebräer. Als er geschrieben wurde, gehörten staatlich angeordnete Verfolgungen schon zum Alltag der Christen dazu. Das erklärt den Tonfall. Hören wir einmal rein:
„Jesus ist außerhalb der Stadt gestorben, um durch sein Blut das Volk von aller Schuld zu reinigen. Also lasst uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen. Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.“
Diese Sätze stehen im letzten Kapitel des Briefs. Dort hat der Verfasser gute Ratschläge an die Adressaten zusammengetragen. Tut dies, tut jenes nicht, denkt an Folgendes. Das war damals üblich. Im größeren Abschnitt, in dem unsere Sätze stehen, werden die Gläubigen ermahnt, nicht weiter dem alten Kult und den alten Traditionen zu folgen. Damit waren die jüdischen Traditionen gemeint. Durch Jesus Christus ist alles neu geworden, das ist die zentrale Aussage des Hebräerbriefs. Und das betrifft dann eben auch unser Verhalten. Ich will einmal genauer hinschauen. Zunächst: „Jesus ist außerhalb der Stadt gestorben, um durch sein Blut das Volk von aller Schuld zu reinigen.“ Natürlich geht es hier um den Kreuzestod und seine Bedeutung. Kurz gesagt: Jesus hat das für uns alle getan. Aber die Betonung liegt auf dem „außerhalb der Stadt“. Draußen! Außerhalb der klaren Begrenzungen, der klaren Ordnungen, außerhalb des festen Gefüges. Und daran schließt der nächste Satz an:
„Also lasst uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen.“ Wie gesagt – die Erfahrung, als Christen selbst Ausgestoßene und Verfolgte zu sein, klingt hier mit. Stichwort Schande. Entscheidend ist nun, dass sie aktiv nach draußen gehen sollen. Wiederum raus aus den festen Strukturen. Raus aus dem Tempel, raus aus der Heiligen Stadt, als die Jerusalem galt. Zu Jesus gehen heißt hier, ihm in seinem Beispiel nachzufolgen. So wie er vorbehaltlos zu den Menschen gegangen ist, sollen sie das auch tun, gerade außerhalb der schützenden Mauern und klaren Grenzen.
Die Begründung folgt im nächsten Satz: „Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.“ Heißt: Wir gehören hier nicht hin. Auf der Erde kann es keine heilige Stadt für uns geben. Kein „My home is my castle“ oder „Alles meins“. Wir sind uns bewusst, dass das Leben auf der Erde nur ein Durchgang ist.
Denn nichts ist ewig beständig. Dem gegenübergesetzt wird das Bild von der zukünftigen Stadt.
Ein Bild für die Heimat, auf die wir alle zugehen. Das, so ist die Folgerung im Hebräerbrief, macht uns frei. Frei von allen Besitzansprüchen und von allen Einengungen. Damit sind wir frei für etwas. Nämlich dafür, wie Jesus für alle anderen da zu sein. Frei dafür, auf Gott zu vertrauen und Nächstenliebe zu üben.
Rausgehen! Eine interessante Aufforderung in Zeiten von Corona… Aber beim zweiten Hinhören passt es für mich genau. Vorher haben wir uns in der Kirche zum Gottesdienst getroffen. Ist zwar offiziell eine öffentliche Veranstaltung, aber ehrlich betrachtet nur etwas für den Inner Circle. Nämlich für einen sehr kleinen Kreis, der in der Kirche quasi zuhause ist. Wir sind also eigentlich immer drin geblieben. Jetzt sind die Kirchen zu, und wir müssen raus. Obwohl wir wörtlich genommen kaum noch rauskommen.
Ich finde, das ist die Gelegenheit. Unser Text sagt: „Lasst uns zu Christus vor das Lager hinausgehen.“ Also alles Überkommene, allen alten Kult hinter uns lassen. Oder zumindest gründlich hinterfragen. Denn davon gibt es in der Kirche nun wirklich genug. Die ehrwürdigen Gebäude, die in kultureller Hinsicht ein echter Schatz sind, die aber mit dem Leben der heutigen Menschen so gar nichts mehr zu tun haben. Unsere Gottesdienstformen, die noch zwei Prozent der Menschen ansprechen. Selbst unsere Sprache verstehen viele nicht mehr, die christlichen Begriffe sind schon lange nicht mehr selbsterklärend.
Rausgehen. Wir haben in Wahrenholz im letzten Jahr eine Kirchenbank ins Freie geholt und sind mit ihr zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten aufgetaucht. Vorm Supermarkt, am Schreibwarenladen, beim Hoffest. Auf der Bank klebte das Schild „Was glaubst du?“. Und dann haben wir gewartet, ob Leute mit uns ins Gespräch kommen wollen. Das ist passiert.
Ich glaube, das könnte ein richtiger Weg sein. Dort hingehen, wo die Menschen sind. Mit ihnen
ins Gespräch kommen. Ihre Fragen und Sorgen hören und ernstnehmen. Und Gott ins Gespräch bringen. Und zwar so, dass es möglichst jeder verstehen kann. Ich versuche das hier gerade. Kommt das bei dir an? Ganz wichtig finde ich, dass dies nicht einfach wieder eine weitere Aktion wird. Kirche geht jetzt raus. Und irgendwann bleibt sie halt wieder drin. Sondern dass es zur Grundhaltung wird. Dass wir den letzten Vers aus unserem Text dazu als Leitmarke nehmen: „Auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.“ Wir sind unterwegs. Alle, ausnahmslos. Kein Mensch ist auf der Erde fest angekommen, alle müssen wieder gehen. Wir Christen freuen uns auf das Ziel. Doch der Weg liegt noch vor uns. Als Kirche sind wir im besten Fall Wegbegleiter. Oder unnötiger Ballast.
Rausgehen – in der derzeitigen Lage ist das im wörtlichen Sinn schwierig, das hatte ich ja schon erwähnt. Und doch gibt es viele Möglichkeiten. Meine Predigt im Internet ist eine davon. Live-Streaming von Gottesdiensten, Seelsorgetelefone, Einkaufsdienste – von den Kirchengemeinden aus wird jetzt viel angeboten. Vielleicht hast du ja auch eine Idee. Vielleicht kennst du jemanden, der gerade dringend ein Gespräch nötig hat. Vielleicht gibt es Leute, mit denen du gerne wieder ins Gespräch kommen möchtest. Vielleicht hast du Fragen, die auch anderen weiterhelfen. Und vielleicht eine Idee, wie Kirche jetzt sein kann und soll. Ich bin gespannt auf deine Rückmeldung.
Amen.

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Predigt für Sonntag, den 22.03.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Posaunenchor „Ich lobe meinen Gott“, Aufnahme vom Bläserfestgottesdienst 2019

Predigt für den 22.03.2020 Sonntag Lätare

Liebe Leute,
was soll ich sagen? Wie soll ich Sie und euch anreden? „Liebe Gemeinde“ – welche Gemeinde rede oder schreibe ich überhaupt an? Ich sehe sie ja nicht. Oder: „Liebe Predigthörende und -lesende“??? Dann sind alle gleich raus.
Also bleibe ich bei: Liebe Leute!
Das hier macht schon deutlich, was gerade los ist. Alle Kirchen sind zu, alle Gottesdienste gestrichen. Ich darf mich also nicht ans Pult oder auf die Kanzel stellen und im gewohnten Setting meine Predigt halten. Das Gewohnte geht nicht mehr. Ich will aber trotzdem nicht stumm bleiben. Was bleibt von Kirche übrig, wenn sie gerade in Notzeiten nicht für die Leute da ist? Deshalb will ich es versuchen. Will Gott mit seinem Wort in den Mittelpunkt stellen. Will Gedanken teilen, Fragen stellen, eigene Gedanken anregen. Und will daran festhalten, dass Gott uns nicht allein lässt. Auch in dieser Situation nicht.

In Wahrenholz hätten wir heute einen Festgottesdienst zusammen mit unserem Posaunenchor gefeiert. Fröhlich und mit viel Musik. Eigentlich erstaunlich, sind wir doch mitten in der Passionszeit. Also in der Zeit, in der die Kirche besonders an das Leiden und Sterben von Jesus Christus denkt. Und dabei meist ziemlich traurig dreinschaut. Doch der Name dieses Sonntags heißt übersetzt: Freut euch! Er wird auch als kleines Osterfest bezeichnet. Er erinnert uns daran, dass trotz des Leids am Ende die Freude steht. Kirchlich gesprochen: Auf den Tod folgt die Auferstehung. Auf die Verzweiflung folgt die Hoffnung.
Und trotzdem: Geht das gerade, diese Aufforderung „Freut euch“? Ist das nicht zynisch? Ein Virus legt große Teile der Welt lahm, Menschen werden krank, manche sterben daran, das soziale Leben kommt zum Erliegen, unzählige Menschen müssen um ihre Existenz fürchten – und dann so eine Aufforderung? Dann könnten wir doch gleich zu einer anständigen Corona-Party einladen…
Nein, natürlich nicht! Und ja, es klingt schon komisch. Aber es ist dran. Gerade jetzt. Wir haben rein gar nichts davon, den Kopf komplett hängen zu lassen. Mutlosigkeit steckt nämlich auch an. Mir reicht aber die mögliche Ansteckung durch das Virus.
Freut euch! Diese Worte stammen aus dem Bibeltext zum heutigen Sonntag. Und den findest du im Buch des Propheten Jesaja, ganz hinten. Ich lese ihn in einer modernen Übersetzung:
„Freut euch mit Jerusalem! Jubelt über diese Stadt, alle, die ihr sie liebt! Früher habt ihr um sie getrauert, doch jetzt dürft ihr singen und jubeln vor Freude. Lasst euch von ihr trösten wie ein Kind an der Mutterbrust. Trinkt euch satt! Genießt die Pracht dieser Stadt! Denn ich, der HERR, sage euch: Frieden und Wohlstand werden Jerusalem überfluten wie ein großer Strom. Ich lasse den Reichtum der Völker hereinfließen wie einen nie versiegenden Bach. Und an dieser Fülle dürft ihr euch satt trinken.
In dieser Stadt werdet ihr euch wie Kinder fühlen, die ihre Mutter auf den Armen trägt, auf den Schoß nimmt und liebkost. Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind. Die neue Pracht Jerusalems lässt euch den Kummer vergessen. Wenn ihr das alles seht, werdet ihr wieder von Herzen fröhlich sein, und neue Lebenskraft wird in euch aufkeimen wie frisches Gras.«“
Da ist viel Freude drin, viel Trost und viel Mutter-Kind. Und bei dir vielleicht jede Menge Fragezeichen. Deshalb als allererstes: Worauf bezieht sich der Text? Was war da los damals? Israel lag in Trümmern. Jahrzehnte zuvor ist das Land von der damaligen Großmacht Babylon besiegt und unterjocht worden. Große Teile der Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. Die anderen mussten zusehen, wie sie überleben. Inzwischen hatte sich die Situation verändert und die Verschleppten waren zurückgekehrt.

Aber Jerusalem, die Hauptstadt, lag in Trümmern, und die beiden Teile der jüdischen Bevölkerung hatten sich durch die jahrzehntelange Trennung auseinandergelebt. So gab es viel Frust und Ärger. Und über all dem die Frage: Wie soll es weitergehen?
An dieser Stelle kommt der Prophet ins Spiel. Er spricht im Namen Gottes. Und er spricht der Bevölkerung Trost zu. Gerade im Blick auf die Stadt Jerusalem, die den Israeliten so wichtig war, und die doch so heruntergekommen war. Er ruft zur Freude auf, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Anlass dazu war: „Freut euch mit Jerusalem! Jubelt über diese Stadt, alle, die ihr sie liebt! Früher habt ihr um sie getrauert, doch jetzt dürft ihr singen und jubeln vor Freude.“ Das klang für die meisten damals sicher ziemlich schräg. Leckten doch alle noch ihre Wunden. Deshalb bringt der Prophet das Bild der Mutter ein. Schon die kleinsten Kinder haben Bedürfnisse. Und sie weinen, wenn diese nicht erfüllt werden. Wenn sie Hunger haben. Wenn sie müde sind. Wenn sie sich wehgetan haben. Doch zum Glück ist die Mutter da. Sie stillt ihre Kinder, sie wiegt sie in den Schlaf, und sie tröstet sie und sagt: Alles wird gut. Das hilft. Denn die Kinder vertrauen ihrer Mutter.
„Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind.“ Das sagt Gott zu den Israeliten. Er will, dass sie ihm vertrauen wie Kinder ihrer Mutter. Er will sie trösten, damit es ihnen wieder besser geht. Denn Verzweiflung und Aussichtslosigkeit lähmen. Damit würde es dem Land immer noch schlechter statt besser gehen. Die, die sich trösten lassen, können dagegen neu hoffen. Und Hoffnung macht lebendig und aktiv. Auch wenn es jetzt noch trist aussieht, auch wenn sie nicht wissen, wann die Besserung eintritt: Sie bleiben dran, lassen sich trösten und stärken, weil sie darauf vertrauen, dass Gott ihnen beisteht und hilft.
Soweit zum Text und seiner Situation. Und nun zu uns. Wir sind zwar nicht im Krieg. Und wir sind auch nicht ins Exil vertrieben worden. Aber wir erleben gerade eine Lage, wie sie die meisten von uns noch nie erlebt haben. Eine Lage, die nicht nur an unsere Gesundheit, sondern zunehmend auch an unsere Nerven geht. Schon jetzt erfahren wir eine extreme Einschränkung des sozialen Lebens. Und müssen befürchten, dass hier die Schrauben noch weiter angezogen werden – für den heutigen Tag ist eine Beratung der Bundeskanzlerin mit den Länderchefs vorgesehen, ob eine allgemeine Ausgangssperre in Deutschland eingeführt werden soll. Wir hören die ständig aktualisierten Meldungen über die Ausbreitung des Virus. Dieser rasante Anstieg macht Angst. Werde ich auch davon betroffen sein? Wie wird es mir gehen?
Gott spricht: „Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind.“ Ich glaube, diesen Trost kann ich gut gebrauchen. Und ich glaube, du auch. Wir brauchen jetzt etwas, an dem wir uns festhalten können. Etwas, das uns Mut macht, die Zeit durchzuhalten und auf bessere Zeiten zu hoffen. Dieses „Etwas“ ist für mich Gott. Nicht nur in unserem heutigen Text, sondern an vielen Stellen der Bibel erklingen Gottes Trostworte. Und immer wieder die Zusage, dass Gott ganz nah bei uns ist. Dass er uns wie eine Mutter zuflüstert: Alles wird gut.
Das heißt nicht, dass alles Leid plötzlich weg ist. Und es heißt schon gar nicht, dass wir Christen von der Corona-Krise gar nicht betroffen wären, weil wir ja an Gott glauben. Ich habe solche Aussagen schon gehört, und ich halte sie für äußerst gefährlich. Nein, wir alle sitzen im selben Boot. Aber was ich als Christ habe, ist die Hoffnung und das Vertrauen. Und wie ich vorhin schon gesagt habe: Hoffnung macht lebendig und aktiv. Also: Lass dich trösten, lass dich ermutigen. Und gib den Trost und den Mut weiter. So wie Gott für dich da ist, sei für die anderen da. Das geht, trotz sozialer Vereinzelung und möglicher Ausgangssperre.
Zum Schluss noch mal der Blick auf den heutigen Sonntag. So wie er mitten in der Leidenszeit darauf verweist, dass am Ende das Osterfest steht, darf ich vertrauen, dass mitten in der Krise doch das Ende absehbar ist. Dass Gott zu seinem Wort steht, wenn er sagt: Alles wird gut. Amen.

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