Meditation zu Karfreitag, den 02.04.2021

Karfreitagsmeditation

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Liebe Gemeinde in Wahrenholz!
Karfreitag 2021 ist anders als die Jahre zuvor. Wir gedenken des unschuldigen Leidens und Sterbens Jesu. Gleichzeitig gedenken wir all des Leides, das ein Virus über die Menschheit bringt. Und wir gedenken all der Greuel, die Menschen über Menschen bringen.
Wohl selten in der jüngeren Geschichte betet, fleht, schreit es in dir wie in mir: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich vergessen?“ Diese Gottverlassenheit Jesu inmitten der Gottlosigkeit der Welt!
All die Not und Verzweiflung, die Angst, das Leiden, die Toten und ihre Mörder!
Vieles von dem, was uns in diesen bitteren Tagen der Pandemie beschäftigt, finden wir auf dem Bild wieder, das Sie vor sich sehen. 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten, hat es der jüdische Künstler Marc Chagall geschaffen. Es führt uns das vor Augen, was uns in der Passionszeit besonders nahe kommt und uns bewegt: Da ist Jesus, der Gekreuzigte. Getötet auf die grausamste Weise. Er ist Jude – der geteilte Gebetsmantel um sein Hüfte weist ihn aus, und zugleich ist er der, den der Prophet den „Allerverachtetsten“ nennt, den „Unwertesten, voller Schmerzen und Krankheit. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“ (Jesaja 53, 2.3), so beschreibt es Jesaja. Und die Menschen unter dem Kreuz? Sie wenden den Blick ab. Schauen von Jesus weg, dem Gottverlassenen. Schauen in ihre Welt der Gottlosigkeit. Eine Synagoge brennt, angezündet von denen, denen kein Glaube, keine Religion heilig ist. Einer versucht Gottes Wort, die Thorarolle, zu retten. Menschen sterben für ihren Glauben, wagen es, Rückgrat zu zeigen, dem „Rad in die Speichen zu fallen“, wie Dietrich Bonhoeffer es von sich gesagt hat. Ein anderer Mann – im grünen Mantel – flieht. Er sieht nicht nach rechts, nicht nach links. Bücher brennen. Er hat sein Bündel auf dem Rücken und läuft davon. Nicht anders die Frau die ihr krankes (?), totes (?) Kind birgt. Es ist, als wollten diese Menschen sagen: „Mir ist der Glaube nicht mehr wichtig. Ich muss mein Leben retten, dabei hilft mir keiner.“ Mit geschlossenen Augen rennen sie los, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. – Ein Mann hat für sich eine andere Lösung gefunden. Er zieht sich mit dem Trost der Heiligen Schrift zurück. „Soll doch jeder sehen, wie er glücklich wird. Ich habe meine Antworten gefunden! Hauptsache, ich haben meinen Glauben!“ Der Mann am linken Bildrand mit der blauen Schürze blickt ratlos ins Leere. Achselzuckend stiehlt er sich davon. „Was kann ich alter Mann schon tun?“, scheint er zu sagen. „Was kann ein Einzelner schon ändern? Wir sind doch machtlos!“ Und wir sehen die Menschen im Boot – Juden damals, die fliehen vor deutschen Soldaten, Deutsche aus den Ostgebieten auf der Flucht vor sowjetischen Soldaten, Menschen heute auf der Flucht aus den Armutsgebieten Afrikas in der Hoffnung auf Europa. „Lampedusa“ das Rettungswort für die „Boatpeople“, heimatlos, haltlos, Treibgut der Geschichte, zum Untergehen verurteil.

Ein Dorf brennt, die Welt ist aus den Fugen. Menschen teilen die Beute oder beweinen das Leid. Gewalt zieht auf, Soldaten in Myanmar und fünfzig anderen Ländern dieses Gottesplaneten: Menschen sie alle, die die Worte „Hass“, „Kampf“, „Blut“ auf ihre Fahnen geschrieben haben. Faschismus, Kommunismus, Fundamentalismus, Kapitalismus, Nationalismus, Rassismus – die Fahne kann jede Farbe tragen. Wie viele Namen von Ländern und politischen Führern fallen Ihnen ein, wenn Sie Ihre Hände voller Klage über die Gottlosigkeit dieser Welt über dem Kopf zusammenschlagen? „Wie kann das nur geschehen?“, so fragt es in uns, während andere die Augen verschließen: „Es wird so schlimm schon nicht sein. Wahrscheinlich ist das alles gar nicht wahr!“ Auf digitalen Konferenzen diskutieren sie aus der Ferne das Unheil dieser Welt weg.
Wo, liebe Mitmenschen, sind wir auf diesem Bild? Wo stehen Sie? Wo stehe ich? Was von dem, was auf dem Bild zu sehen ist, haben Sie selber miterlebt?
Ach, wie viele haben Gewalt am eigenen Leibe kennen gelernt und Angst! Sie wissen, was Hunger ist. Sie wissen auch, es ist nicht leicht zu erkennen, was richtig ist und falsch, wenn alles drunter und drüber geht. Es ist nicht leicht, seinem Glauben, seinem Gewissen zu folgen, wenn es um Leben und Tod geht. Die Schuld erdrückt uns. Wo stehen wir – jetzt?
Wir möchten unsere Wut und Verzweiflung heraus schreien und unsere Trauer, denn des Menschen Tun ist gottlos geblieben. Wir möchten unsere Klage heraus schreien und unsere Zweifel: „Warum lässt Gott das geschehen?“ Und doch verstummen wir. Verstummen und schweigen. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen von Leid. Jeder von uns erlebt sein persönliches Golgatha der Einsamkeit, der Krankheit, des Todes.
Erfahrungen des Scheiterns prägen uns, wenn eine Ehe zerbricht, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, Selbstzweifel, wenn Kinder aus dem Haus gehen im Zorn, wenn das Leben anders verläuft als erhofft, Mutlosigkeit, wenn die lebensbedrohliche Erkrankung kommt. Wir kennen diese Momente der Gott-Verlassenheit, wo wir uns fragen: „Warum gerade ich?“ „Warum lässt Gott das zu?“ Wir kennen diese Not in unserem Herzen, die Jesus mit uns teilt, wenn er die Worte heraus schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir kennen die Sehnsucht in uns in solchen Stunden nach einem Trost, nach einer Hoffnung nach Licht.

Marc Chagall malt ein Licht. Als weißer Lichtschein fällt er von oben auf den Gekreuzigten her-ab und erhellt das Geschehen auf Golgatha. Dieses Licht zeigt: „Gott ist da. Er ist nicht fort. Er ist nicht abwesend. Die Welt ist wohl gottlos, aber sie ist nicht gottverlassen. Gott lässt das Leid zu, aber er leidet mit! Er stirbt mit. Er zweifelt mit. Er hält aus, was wir nicht aus auszuhalten können. Er läuft nicht weg. Er flieht nicht. Er ist da!“
Das Licht, das Chagall malt, fällt auch auf die Menschen. Sie haben sich abgewandt, doch das Licht holt sie ein. „Vater, vergib ihnen!“ betet Jesus am Kreuz.
„Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4.5)
Unter dem Kreuz finde ich Trost für meine verstörte Seele, Hoffnung für mein verwirktes Leben, Frieden für meine Todesnot. Unter dem Kreuz finde ich das Licht, das mich selbst zum Licht macht, dass mich befähigt, nicht allein die „Dunkelheit zu beklagen, sondern ein Licht anzuzünden“, wie es Alfred Delp gesagt hat. Der brennende Leuchter am Fuß des Kreuzes ist mir dafür ein Zeichen.
Wo also stehen wir? – Bei denen, die fliehen, bei denen, die wegschauen, gar bei denen, die nur ihr eigenes Lebens sehen? Wo möchte ich stehen?
Ich möchte unter dem Kreuz stehen. Ich möchte all das, was mich belastet und bedrückt und was ich nicht verstehe von dem, was damals geschah und was heute geschieht, unter das Kreuz tragen. Ich möchte Jesus bitten: „Nimm mir diese Last ab!“ Ich möchte auch das, was mich heute bewegt, zum Kreuz tragen: die Unkultur des Mobbings in unserer Gesellschaft, die sexuelle Ausbeutung, die menschengemachten Umweltkatastrophen und alles, wogegen ich mich machtlos und allein fühle. Ich möchte Jesus bitten: „Mache ein Ende aller Gewalt und allen Blutvergießens!“ Zuletzt möchte ich meine eigene Angst unter das Kreuz legen, meine Feigheit und Gleichgültigkeit, meinen Hochmut und alles, womit ich andere verletze und belaste und ihnen Unrecht tue. Ich möchte Jesus bitten: „Herr, vergib mir meine Schuld!“
Und dann möchte ich nur noch auf Jesus schauen und möchte das Licht sehen, das durch alles Dunkel scheint, dieses große „Dennoch“, dieses „Ich-bin-da!“, das Licht der Auferstehung.
Ich möchte mein Herz öffnen dafür,
ganz weit und zurück ins Leben gehen – mit einem Licht in der Hand.
Ich will es dorthin tragen, wo ich lebe,
zu dem Menschen, die bei mir sind.
In meinem Haus,
in meiner Straße,
in meinem Ort
soll Ostern werden.

Amen.

Vielen Dank an Rüdiger Vopel für die musikalische Untermalung.