Gottesdienst am Sonntag, den 21.03.2021

Schriftlesung Hiob 19,11-27

11 Ja, Gottes Zorn ist gegen mich entbrannt, er behandelt mich als seinen Feind. 12 Vereint sind seine Truppen gegen mich herangerückt, sie haben einen Weg zu mir gebahnt und sich rings um mein Zelt aufgestellt. 13 Meine Familie hat Gott mir entfremdet; die Freunde wollen nichts mehr von mir wissen.

14 Meine Nachbarn haben sich zurückgezogen, alte Bekannte kennen mich nicht mehr. 15 Alle, die in meinem Hause Zuflucht fanden, betrachten mich als einen Fremden. Meine eigenen Mägde kennen mich nicht mehr! 16 Als ich einen Knecht rufen wollte, gab er keine Antwort. Anflehen musste ich ihn! 17 Meine Frau erträgt meinen stinkenden Atem nicht mehr; meine eigenen Geschwister ekeln sich vor mir!

18 Sogar Kinder lachen und spotten über mich; sobald sie mich sehen, fangen sie an zu tuscheln! 19 Meine engsten Freunde verabscheuen mich jetzt; sie, die mir am nächsten standen, lehnen mich ab! 20 Und ich? Ich bin nur noch Haut und Knochen, bin mit knapper Not dem Tod entkommen.

21 Barmherzigkeit! Habt Mitleid, meine Freunde! Gottes Hand hat mich geschlagen! 22 Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Habt ihr mich nicht schon genug gequält?

23-24 Ach, würden doch meine Worte in einer Inschrift festgehalten, in Stein gemeißelt und mit Blei noch ausgegossen, lesbar für alle Zeiten!

25 Doch eines weiß ich: Mein Erlöser lebt; auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort! 26 Auch wenn meine Haut in Fetzen an mir hängt und mein Leib zerfressen ist, werde ich doch Gott sehen! 27 Ja, ihn werde ich anschauen; mit eigenen Augen werde ich ihn sehen, aber nicht als Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen! (Hiob 19,11-27)

Biblische Rede, Hans-Peter Hellmanzik

Liebe Gemeinde!

Im Menschen steckt eine unstillbare Sehnsucht danach, erinnert zu werden, nicht vergessen zu werden. Diese Sehnsucht ist Ausdruck der Angst um die eigene Existenz, um das eigene Fortleben. Diese Sehnsucht spricht aus Todesanzeigen, wenn es immer wieder heißt, der Verstorbene lebe in der Erinnerung der Hinterbliebenen fort.

Doch was ist, so mag man fragen, wenn die Hinterbliebenen auch sterben? Wer von uns hat Erinnerungen an den eigenen Ururgroßvater? Und was ist mit den Menschen, an die sich keiner erinnert, weil sie anonym in den großen Katastrophen dieser Welt umgekommen sind?

Es ist begrüßenswert und bewundernswert, wenn Schriftsteller wie Walter Kempowski mit seinem „Echolot“ oder der italienische Philosoph Giorgio Agamben mit seinen Überlegungen über das „Archiv und die Zeugen“ sich darum bemühen, vergangene, verachtete, vergessene Lebensschicksale ans Licht zu holen.

Liest man die Bücher dieser Autoren, so entdeckt man in den Berichten aus den Konzentrationslagern und den Kriegsereignissen lauter Hiobsgestalten. Menschen werden beschrieben, die lebendig tot sind, die von niemandem mehr beachtet werden, die nur noch als Müll behandelt werden; Menschen, die abgestumpft sind, die nur noch vor sich hin vegetieren, die sich nicht mehr wehren. Wie von Hiob gilt auch von ihnen: sie haben nur noch das nackte Leben. Und doch sind sie Menschen und tragen Gottes Ebenbild.

Bei einigen der Autoren, die sich mit diesen Fragen der Erinnerung beschäftigen, findet sich auch der Hinweis darauf, dass bei der sogenannten Altersdemenz ganz ähnliche Symptome auftreten wie bei apathischen KZ-Häftlingen: Sie vergessen zusehends alles: ihre Vergangenheit, ihre Familie, ihre Freunde, das Essen, die Körperpflege. Für die Außenstehenden entsteht auch hier der Eindruck, der Mensch vegetiere nur noch vor sich hin.

Es mag sein, liebe Gemeinde, dass es dem Hiob, den wir in unserem Bibelabschnitt hören, so schlimm noch gar nicht geht. Immerhin erinnert er sich noch an das schöne Leben, das er hatte, bevor die Katastrophe hereinbrach. Immerhin kann er sich noch wehren gegen Gott und seine Freunde.

Aber dabei macht er die Erfahrung zunehmender Vereinsamung. Ja, er macht die Erfahrung, dass die anderen seine Klagen nicht mehr hören wollen. Seine Freunde wollen ihn nicht mehr kennen. Seine Hausgenossen ignorieren ihn einfach. Seine nächsten Angehörigen ekeln sich vor ihm, wenn sie ihm begegnen.

Sollte, ja, sollte ihn auch Gott vergessen haben? Ja, liebe Gemeinde, wie ist das mit den Pflegeheimbewohnern? Wie ist das mit den Menschen, die früher so aktiv waren und plötzlich Pflegefälle werden, so sehr, dass man es sogar riechen kann?

Gibt es Hoffnung für Hiob, Hoffnung für die lebendig Toten, Hoffnung gegen das Vergessen und gegen das Vergessenwerden? Die Tatsache, dass das Buch Hiob im Kanon der Bibel steht und damit allen Hoffnungslosen dieser Welt eine Stimme gibt, ist ein Hinweis darauf, dass es Hoffnung gibt. Doch wird diese Hoffnung wirklich tragen – oder wird sie nur ein billiger Trost sein?

Liebe Gemeinde! Die Hoffnung trägt, weil der Erlöser, von dem Hiob in seinem verzweifelten Glauben bekennt, er wisse, dass dieser lebe, weil dieser Erlöser Gott ist, denn nur Gott kann aus solchen Nöten erlösen, wie wir sie beschrieben haben.

Dieser Erlöser, der Goel, wie es Hebräisch heißt, und das meint: derjenige, der den Gefangenen freikauft, der als Anwalt des zum Tod Verurteilten auftritt, er ist bereits da. Dessen ist Hiob gewiss, auch wenn er das rettende Eingreifen dieses Erlösers noch nicht erfahren hat, wenn er noch mit Sehnsucht darauf wartet.

Aber der Erlöser war damals schon bei Hiob und hat ihn dann später tatsächlich auch von seiner irdischen Einsamkeit befreit. Doch dieser Erlöser ist ein Erlöser auch für die Menschen, die anders als Hiob endgültig im Vergessen zu versinken drohen.

Denn dieser Erlöser ist selber ein solcher Mensch geworden, eine Hiobsgestalt, einer, der lebendig tot war, einer, von dem die Mächtigen beschlossen hatten, sein Gedächtnis müsse ausgetilgt werden von der Erde, einer, von dem selbst die Frommen ihr Antlitz voller Ekel und Abscheu abwandten als er am Kreuz hing und verblutete.

Die Demenz, die Angstdemenz, hatte doch auch die Jünger Jesu schon ergriffen, als sie das schreckliche Geschehen der Passion miterleben mussten, als all die Verheißungen Jesu aus ihrem Gedächtnis wie ausradiert waren.

[Musikeinschub: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt: Die Priester]

Liebe Gemeinde! Die Erinnerung an Hiob und die Erinnerung an Jesus wäre längst erloschen, wenn es auf uns Menschen ankäme. Es gibt nur einen Grund, warum es für Hiob und alle Hiobsgestalten, für alle von Vergessenheit bedrohten Menschen, Hoffnung gibt.

Dieser Grund ist die Botschaft von der Auferweckung Jesu Christi von den Toten.

Die frühen Christen haben die Botschaft von der Auferstehung Christi als Eingriff Gottes in die gesamte Wirklichkeit empfunden.

Als eine Verwandlung der ganzen Wirklichkeit. Und sie haben gefolgert: Also können auch wir jetzt schon im Licht der Auferstehung leben. Christoph Blumhardt nennt denn uns Christen „Protestleute gegen den Tod“. Denn der Tod tritt nicht erst ein, wenn wir physisch sterben. Er regiert überall da, wo Kommunikation abbricht, Ungerechtigkeit herrscht, Hass und Schweigen das Leben vergiften.

Und es gibt eine Auferstehung vor dem Tod, wenn Menschen wach und lebendig miteinander und füreinander leben. Den ersten Christen hat ihre Umwelt abgespürt, dass sie unzerstörbares Leben bereits in sich trugen. „Ich lebe – und ihr sollt auch leben!“ hat Jesus gesagt. Das trifft und tröstet mich. Das verändert mein Leben vor dem Tod – und mobilisiert mein Hoffen über den Tod hinaus.

Der Dichter und Pfarrer Kurt Marti hat die Frage nach Tod und Auferstehung so beantwortet:

Ihr fragt

wie ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

wann ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

gibt’s

eine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt

gibt’s

keine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ich weiß

nur

wonach ihr nicht fragt:

die auferstehung derer die leben

ich weiß

nur

wozu Er uns ruft:

zur auferstehung heute und jetzt

Kurt Marti, ihm glaube ich seinen Glauben.

Und Jesus: ihm glaube ich seinen Gott.

Wir brauchen dazu keine ausdrückliche Geografie des Jenseits.

„Die Evangelien können nicht genug dafür gerühmt werden, dass sie der Versuchung widerstanden haben, denen, die Jesus vom Tode wieder auferweckte und ihm, dem Auferstandenen selbst, Äußerungen über ein postmortales Jenseits in den Mund zu legen.“

Ein besonderer Liebesdienst in der Begleitung von trauernden Menschen besteht in der Ermutigung zum Protest: Kurt Marti, unbestechlicher Anwalt gegen die leichtfertige Rede angesichts des Todes erinnert in vielen seiner Texte daran, dass wir „Protestleute gegen den Tod“ (Christoph Blumhardt) sind. Und das ist in erster Linie gegen die gesagt, die uns weismachen wollen, dass der Tod „dem herrn unserem gott“ „gefallen“ hätte:

„dem herrn unserem gott

hat es ganz und gar nicht gefallen

dass einige von euch dachten

es habe ihm solches gefallen“

(Kurt Marti, Leichenreden, Nagel & Kimche, Zürich 2001, 27)

1. Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme, erst dann die Herrschaft der Herren, erst dann die Knechtschaft der Knechte vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.

2. Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, wenn hier die Herrschaft der Herren, wenn hier die Knechtschaft der Knechte so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.

3. Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns nun alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Elie Wiesel erzählt: „Bei einem Nachbarn des Rabbi Mosche Löb waren mehrere Kinder nacheinander im zarten Alter gestorben.

Die Mutter vertraut eines Tages ihren Kummer der Frau des Zaddiks an: ‚Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was er gegeben hat.‘

‚Du darfst nicht so reden‘, sagt die Frau des Zaddik‚ so darfst du nicht reden. Die Wege des Himmels sind unergründlich. Man muss lernen, sein Schicksal anzunehmen.‘

In diesem Augenblick erscheint Rabbi Mosche Löb auf der Türschwelle und sagt der unglücklichen Mutter: ‚Und ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht einfach annehmen!“

So wie Hiob im Kanon der Bibel, so steht unser Name und so ist unsere Lebensgeschichte aufbewahrt im Buch des Lebens wie in einem himmlischen Archiv. Und dieses Archiv stürzt niemals ein, wie es mit irdischen Archiven zuweilen passiert, sondern es steht fest in Ewigkeit.

Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“ (Jesaja 49,15.16)

Amen.

Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort