Gottesdienst am Sonntag, den 14.03.2021

Schriftlesung Johannes 12, 20 -24

„Es befanden sich auch einige Griechen unter denen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, um Gott anzubeten. Die gingen zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: » Herr, wir wollen Jesus sehen!« Philippus ging zu Andreas und sagte es ihm. Dann gingen die beiden zu Jesus und berichteten es ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: »Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird der Menschensohn in seiner Herrlichkeit sichtbar. Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Biblische Rede

Liebe Gemeinde!
Heute also die Griechen. Was ist bloß mit den Griechen los? So titelten die Tageszeitungen während der sogenannten Euro-Krise. Was ist bloß mit den Griechen los? – heute meine ich die Griechen zur Zeit Jesu. Sie sind zum Passahfest nach Jerusalem gereist und wollen nichts anderes als Jesus sehen.

Wahrscheinlich sind sie beruflich nach Judäa gekommen, wohnen wohl seit geraumer Zeit unter den jüdischen Einheimischen und sind auf deren Glauben aufmerksam geworden. Und mehr noch: sie scheinen Sympathie für den jüdischen Glauben entwickelt zu haben. Das gab es damals des öfteren. „Gottesfürchtige“ wurden solche Menschen genannt: Menschen, die den jüdischen Glauben nicht angenommen hatten, die aber durchaus mit ihm sympathisierten. Griechen kommen zu Jesus.
Dabei hätten sie es gar nicht nötig gehabt als Angehörige der wohl bedeutendsten Kulturnation der Antike. Und dennoch: Der jüdische Glaube übte auf die Menschen in der Antike eine große Faszination aus; war er doch so völlig anders. Statt zum Teil haarsträubender Göttergeschichten ein einziger Gott, den man nicht sehen konnte und auch nicht als Standbild sichtbar machen durfte. Kein Zeus, der sich in einen Stier verwandelt, um die schöne Europa entführen zu können. Sondern ein Gott, der sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten in die Freiheit geführt hatte. Das beeindruckte! Die Griechen, die zu Jesus kommen, sitzen beileibe nicht auf dem hohen Ross. Sie sind wissbegierig und sich nicht zu schade, noch etwas dazu zu lernen. Das war schon immer die Stärke dieses Volkes. Die Griechen gingen den Dingen auf den Grund. Die Vorsokratiker begründeten dereinst alles philosophische Denken und beeinflussen es bis heute. Pythagoras etwa gilt als Begründer der Euklidischen Zahlentheorie und als Entdecker der musikalischen Harmonielehre. Den „Satz des Pythagoras”, der eine Beziehung zwischen den Seitenlängen eines rechtwinkligen Dreiecks herstellt, lernt man bis heute in der Schule: Die Summe der quadrierten Katheten (a und b) ist gleich dem Quadrat der Hypotenuse (c).
Jetzt wollen die Griechen, die da zu Jesus kommen, dem auf dem Grund gehen, was er zu sagen hat. Sie wollen ihn sehen, heißt es. Das bedeutet: sie wollen ihn kennenlernen, alles von ihm wissen. Griechenland. Das Land, das der Welt die Demokratie geschenkt hat. Demokratie ist zusammen gesetzt aus „demos“, das Volk, und “kratia“, Herrschaft, also Herrschaft des Volkes. Die griechischen Heldensagen sind Weltkulturerbe: Odysseus, Herakles, Kampf um Troja. Ganze Archäologengenerationen suchten nach dem antiken Troja. “Götter, Gräber und Gelehrte“. Pflichtlektüre für alle am humanistischen Gymnasium.
Griechenland. Das Land der Sehnsucht. Urlaub, Sonne, blaues Meer, blendend weiß getünchte Häuser. Die Faszination, die Griechenland auf uns Deutsche seit den siebziger Jahren auslöste. Die ersten Griechenlandpioniere mit dem VW-Bus via Jugoslawien auf dem legendären Autoput: Endlich Griechenland!
Manchmal denke ich mir, dass Griechenland auch irgendwie das Opfer unserer Sehnsucht geworden ist. Oft wird gesagt: im Unterschied zu uns Deutschen würden die Griechen arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. Als wenn es so einfach wäre! Wer erinnert sich nicht an die von Griechenland ausgelöste Eurokrise? Die ist überstanden und die Griechenlandsehnsucht hat wieder zugenommen. Die TUI will an Ostern wieder Griechenland ansteuern…
Die Austro-Pop-Gruppe STS hat unserer Griechenland-Sehnsucht ein musikalisches Denkmal gesetzt. Und dabei das vermeintliche griechische Lebensgefühl ausgedrückt.

S.T.S – Irgendwann bleib i dann dort

Der letzte Sommer war sehr schön
I bin in irgendeiner Bucht g’leg’n
Die Sunn wie Feuer auf der Haut
Du riechst das Wasser und nix is laut
Irgendwo in Griechenland
Jede Menge weißer Sand
Auf mein‘ Rück’n nur dei Hand.
Nach zwei, drei Wochen hab i’s g’spürt
I hab das Lebensg’fühl dort inhaliert
Die Gedanken dreh’n si um
Was z’Haus wichtig war is jetzt ganz dumm
Du sitzt bei an Olivenbaum
Und du spielst di mit an Stein
Es is so anders als daheim.

Und dann wird der Song erschreckend entlarvend.

In uns’rer Hektometik-Welt
Dreht si‘ alles nur um Macht und Geld
Finanzamt und Banken steig’n mir drauf
Die Rechnung, die geht sowieso nie auf
Und irgendwann fragst di‘ wieso
Quäl i mich da so schrecklich ab
Und bin net längst schon weiß Gott wo.

Irgendwie kommt es mir vor, als wenn Griechenland unsere Sehnsüchte nach einem lockeren und unbeschwerten Leben übernommen hätte. Als wenn Griechenland so geworden ist, wie wir es gerne hätten. „Es is so anders als daheim.” Ich stelle mir die Austro-Band STS vor, wie sie singt mit Buddel Rotwein – in Griechenland trinkt man keinen Weizenkorn! – in der Hand und den Füßen im weißen Sand. Wie sie sich in ein Lebensgefühl hineinsingen, das wir seit Jahrzehnten so anziehend finden. Vergessen wir nicht! Was wären wir heute ohne Platon und Sokrates. Ohne Akropolis und Olympische Spiele. Was wären wir ohne die Weisheit der Stoiker? Ohne Aristoteles? Das Neue Testament ist nicht durch Zufall weder auf Aramäisch, der Muttersprache Jesu, noch auf Hebräisch aufgeschrieben worden, sondern auf Griechisch. In der Weltsprache der Philosophie und der Weisheit.
Und jetzt also fragen also Griechen nach Jesus, wollen ihn kennen lernen. Wollen erfahren, was es mit ihm und seiner Botschaft auf sich hat. Und als sie endlich zu ihm vorgedrungen waren, hat Jesus schwere Kost für sie parat: In der Sprache Luthers: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Das Bild vom in die Erde fallenden und dort sterbenden Weizenkorn war den Menschen der Antike geläufig und geheimnisvoll zugleich.
So geheimnisvoll wie die alte Sage, die jeder Philosophieschüler auswendig kannte. Ich meine die Sage vom indischen Herrscher Shihram seine Untertanen. Um den König intellektuell zu fordern, entwickelte der Brahmane Sissa das Schachspiel. Als Belohnung hatte Sissa einen Wunsch frei, und der war ebenso ein Beispiel für seine Klugheit wie für anschauliche Mathematik. Sissa wünschte sich Getreide – auf das erste Feld des Schachbretts sollte ein Korn, auf das zweite Feld die doppelte Menge, auf das dritte wiederum doppelt so viele und so fort gelegt werden. Der König schmunzelte zunächst über die vermeintliche Bescheidenheit des Brahmanen, aber er hatte wohl nicht nachgerechnet. Als sich König Shihram erkundigte, ob Sissa seine Belohnung auch bekommen habe, meldete der Vorsteher der Kornkammer, dass die erforderliche Menge an Getreidekörnern im ganzen Reich nicht aufzubringen war – nämlich 18.446.744.073.709.551.615 Weizenkörner, also etwa 18,5 Trillionen. Das ist eine Menge, die etwa dem Tausendfachen der weltweiten jährlichen Weizenproduktion entspricht und einen Kornspeicher von je 12 km Länge, Höhe und Breite füllen würde. Und das ist nur eines der vielen Welträtsel: Wie kann es zugehen, dass aus etwas, das man in der dunklen Erde begrub, Halme und Frucht hervorkamen? Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Sätze Jesu die Griechen erst recht zum Nachdenken gebracht haben, ihren Wissenschaftlergeist erst noch geweckt haben.
Und auch uns Heutigen geht es nicht anders. Auch wir fragen:
– Kann es sein, dass das Lebensgesetz vom Weizenkorn uns alle betrifft? Was für ein ungeheuer Ansatz!
– Kann es sein, dass etwas vergeht, um erneuert und um so großartiger wiederzukehren?
– Kann es sein, dass das Ende von etwas zugleich der Anfang von etwas Neuem ist? Nach Tränen das Lachen? Nach Niedergang der Aufstieg?
Der heutige Sonntag Lätare ist ein kleines Ostern mitten in der Passionszeit. Wir dürfen den Blick schon über Kreuz und Golgatha hinaus richten auf Ostern hin.
Was ist bloß mit den Griechen los! Sie kommen zu Jesus und der sagt – jetzt in der Sprache unserer Zeit: „Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Was für eine Botschaft! Jedem Ende wohnt bereits die Hoffnung auf einen Neuanfang inne. Diese Botschaft lassen wir uns heute gefallen. Aber nicht uns allein, sondern natürlich auch unseren Freunden, den Griechen.
Amen.

(Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.)