Gottesdienst am Sonntag, den 07.03.2021

Biblische Rede, Hans-Peter Hellmanzik, 07.03.2021

Schriftlesung Epheser 5, 1.2 + 8.9
5 1 Nehmt euch also Gott zum Vorbild!
Ihr seid doch seine Kinder,
denen er seine Liebe schenkt.
2 Und führt euer Leben so,
dass es ganz von der Liebe bestimmt ist.
Genauso hat auch Christus uns geliebt
und sein Leben für uns gegeben –
als Gabe und als Opfer,
das Gott gefällt wie wohlriechender Duft.

8 Denn früher wart ihr Teil der Dunkelheit.
Aber jetzt seid ihr Teil des Lichts,
denn ihr gehört zum Herrn.
Führt also euer Leben wie Menschen,
die zum Licht gehören!
9 – Denn das Licht bringt als Ertrag
lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. –

Liebe Gemeinde,
zu unserem heutigen Predigttext muss ich ein paar Bemerkungen vorausschicken: Der Brief gibt sich als Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus aus. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammt der Brief aber nicht von Paulus selbst. Vielmehr hat ein uns unbekannter Verehrer des Apostels den Brief zu einem deutlich späteren Zeitpunkt verfasst. Vergleichbares gilt für den Kolosserbrief und den 2. Thessalonicherbrief.
Schon Erasmus von Rotterdam, ein Zeitgenosse Martin Luthers, hatte die paulinische Autorschaft des Epheserbriefes in Frage gestellt. Man nennt das Phänomen Pseudepigrahie – ein Autor leiht sich die Identität eines anderen für das eigene Anliegen, in der Hoffnung, die Autorität des anderen für eigene Zwecke nutzbar machen zu können.
Gegen Paulus als Autor des Epheserbriefes spricht zum einen die vorausgesetzte Situation, zum zweiten der Sprachstil. Der Stil des Epheserbriefes wird in der Bibelwisssenschaft mit Adjektiven wie „schwerfällig, überladen und „schwülstig“ beschrieben. Der Autor des Epheserbriefes versteckt sich „hinter einer Wolke liturgischer Prosa“ – und das ist dem echten Paulus nie passiert.
Schließlich sind auch die theologischen Auffassungen des Epheserbriefes zwar an paulinische Formulierungen angelehnt, sie weichen in der Sache aber ganz deutlich von Paulus ab.

Prominentes Beispiel für diese Abweichung ist Epheser 5,22, wo es heißt: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau.“ Oder in Epheser 6,5: „Ihr Sklaven seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Herrn Christus“. – Solchen rückwärts gewandten Unfug hat der echte Paulus nie von sich gegeben. Paulus war voller Respekt vor den Frauen, das beweisen seine Grüße, die er in seinen Briefen an verschiedene Frauen übermittelt. In krassem Gegensatz zum Epheserbrief hat Paulus darauf gedrängt, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern, zwischen Freien und Sklaven in der Gemeinde seine Bedeutung verliert: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
Der echte Paulus steht für Freiheit, Gleichheit und Aufbruch, der Epheserbrief steht für Hierarchie, Sklaverei, Frauenunterdrückung und schwülstiges Kirchensprech. Besonders in der Ökumene erfreut sich der Epheserbrief großer Beliebtheit, weil er dort so manchem ins orthodox-restaurative Konzept passt.
Uns Pastorinnen und Pastoren ist durch die Liturgische Kommission aufgegeben, die Texte zu predigen, zu der heute der Abschnitt aus dem Epheserbrief stammt, den wir eben gehört haben.
Stellen wir uns also der Herausforderung! Aber tappen wir bitte nicht in die Moralfalle, die uns der Epheserbrief hier stellt.
Ich denke, wir alle wissen, dass die Kirche immer und immer wieder in diese Moralfalle getreten ist. 23 Folgen beinhaltet der Podcast im NDR. 23 Themen unter dem Titel „Mensch Margot!“
Wenn ich die Werbung zu diesem Podcast sehe, werde ich immer wieder an den Rücktritt von Margot Käßmann vom Ratsvorsitz der EKD und als Hannoversche Bischöfin denken. Das war am 24. Februar 2010. Warum ich ausgerechnet daran erinnert werde? Genau: wegen unseres heutigen Predigttextes. Klingt komisch, ist aber so.
Der Epheserbrief fordert: „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

Christen sollen sich Gott und seine Liebe zum Vorbild nehmen. In jeder Lebensäußerung sollen sie dem großen Vorbild entsprechen. Alles moralisch Anrüchige sollen sie meiden. Ganz und gar Licht sollen sie sein, ohne jede Finsternis, rein und zuchtvoll – und „schandbare, närrische oder lose Reden“ sollen sie auch unterlassen, so heißt es später in unserem Kapitel.

Der Epheserbrief verordnet Christinnen und Christen mithin moralische Perfektion, sie sollen Lichtgestalten an Reinheit, Liebe und Selbstlosigkeit sein, dazu humorfrei und asexuell. Immer wieder in der Geschichte hat dieses Bild des Christen als moralisch perfektioniertem Menschen Zuspruch gefunden.
Nicht nur das Mönchtum verdankt sich diesem Ideal. Im Pietismus wird die moralische Besserung unter dem Stichwort „Heiligung“ zum Leitgedanken der Bewegung. Der Methodismus sucht auf demselben Pfad nach der Perfektionierung des Christenmenschen. Stetiges Üben soll zum Ziel führen. Christinnen und Christen sollen die besseren Menschen sein – und wer unter uns wollte sich denn für das Gegenteil stark machen?
Natürlich ist es gut, wenn wir liebevoll und menschlich miteinander umgehen, wenn wir einander nicht missbrauchen oder durch lästerliche Reden einander ins Unglück stürzen. Wie sollte man für etwas anderes eintreten können?

Und doch ist es eine Falle. Es ist die Moralfalle und wie jede Falle ist sie gerade durch ihren verlockenden Reiz, ihre scheinbare Alternativlosigkeit so gefährlich. Das Gefährliche an diesem Anspruch ist: Man kann daran nur scheitern. Und weil man daran nicht scheitern will und weil Scheitern so peinlich ist, deshalb muss diese Scheitern vertuscht werden, deshalb muss eine Fassade aufgebaut werden, deshalb muss der Schein echter moralischer Perfektion aufrecht erhalten werden, weil man nur so den apostolischen und den eigenen Ansprüchen genügen kann.
Wozu solche falschen Heiligkeitsfassaden führen und was sie verdecken, das sehen wir in seiner finstersten Form an den derzeit aufgedeckten Missbrauchsfällen im katholischen wie im evangelischen Teil unserer Kirche.
Es ist ja verlockend und schön, mit dem Bild von der moralischen Perfektion echter Christen zu leben. Man wird dafür gelobt. Heute im Zeitalter der Massenmedien noch mehr als früher. Das immer noch hohe Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit rührt maßgeblich von der an sie gerichteten Erwartung her, dass es sich bei Christen und ganz besonders bei Geistlichen und Kirchenführern um bessere Menschen handelt. Und damit ist die Moralfalle fertig aufgestellt: Moralisches Handeln und christlicher Glaube werden in eins gesetzt und jeder moralische Missgriff eines öffentlich sichtbaren Christenmenschen wird zu einer Infragestellung auch des christlichen Glaubens. Für die Massenmedien ist solch ein moralischer Missgriff ein besonderer Glücksfall, denn das Interesse der Mediennutzer steigt mit der Fallhöhe und mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Eine Bischöfin mit 1,5 Promille und einer überfahrenen roten Ampel ist da schon ein ziemlicher Knaller. Den kann man sich nicht entgehen lassen.
Aber nochmal: Das Ganze ist eine Falle. Der christliche Glauben hat zwar Folgen für das menschliche Verhalten. Der Glaube verweist uns an unseren Nächsten und stellt dessen Wohlergehen an erste Stelle. Das ist Verpflichtung und Anspruch, das garantiert aber nicht den Erfolg und das Gelingen. Niemand anders als der große Apostel Paulus selbst hat das in jeder nur denkbaren Klarheit und Härte festgestellt.
Und jetzt biete ich als Kontrast zum Epheserpaulus den echten Paulus an, der nicht herumschwurbelt, sondern die Sache messerscharf erfasst: In seinem dritten Kapitel des Römerbriefes beschließt Paulus eine lange Passage über die Sündhaftigkeit von Juden und heidnischen Griechen so: Wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind, wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4); […] auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8).“
Kurz und bündig zusammengefasst: „Es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ (Römer 3,9-18, 22f)
Sie sind allesamt Sünder – das gilt für Juden und heidnische Griechen und Christinnen und Christen gleichermaßen. Alle ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollen. Alle leisten sich moralische Fehltritte, sind egoistisch und manchmal lüstern oder führen immer wieder Lästerreden. Oder nicht?
Ich lade Euch zu einem kurzen Test ein:
– Ich bitte einmal alle jene hier in der Kirche aufzustehen, die schon einmal mit dem Auto oder Fahrrad eine rote Ampel überfahren haben oder bei Rot über den Zebrastreifen gegangen sind – alle, die aufgestanden sind, bleiben bitte stehen. Und ich bemerke, auch ich gehöre zu den Aufgestandenen.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zu schnell gefahren und dabei geblitzt worden sind.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zu viel getrunken haben.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal über einen anderen Menschen gelästert haben.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal zuerst an sich gedacht haben und nicht an den Nächsten und dessen Wohlergehen.
– Jetzt stehen bitte zusätzlich noch die auf, die schon einmal einen unsittlichen Gedanken gedacht haben oder diesen Gedanken sogar nicht nur gedacht haben.
So – wer jetzt noch nicht steht, hat entweder einen Hüftschaden und ist entschuldigt, oder ist ein Heuchler oder ist gar in seiner Selbstwahrnehmung gestört.
Letztlich scheitern wir doch alle am Anspruch moralischer Perfektion und Paulus hat recht; es ist kein Unterschied: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“
Ich danke für die Teilnahme an diesem Test und bitte alle Sünderinnen und Sünder wieder Platz zu nehmen.

Halten wir fest, liebe Gemeinde: Glaube, Frömmigkeit, Gottvertrauen machen einen nicht zum besseren, zum moralischeren Menschen. Ansprüche der Öffentlichkeit, Ansprüche der Medien in dieser Hinsicht, sollte die Kirche – und das sind wir alle – frank und frei zurückweisen.
Kirche ist keine moralische Besserungsanstalt, sondern eine Einrichtung zur Pflege des aufgeklärten Glaubens. Es geht ums Gottvertrauen. Und die Pointe des aufgeklärten christlichen Glaubens ist die, dass Gott bei uns ist und zu uns hält, obwohl wir Sünder sind.
Der Original-Paulus schreibt zwar: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“, aber er fährt fort: sie werden doch „ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Römer 3,24)
Wem also gilt Gottes Gnade? Richtig: sie gilt gerade den Sündern, den moralisch nicht Perfekten, denen, die keine Lichtgestalten sind. Das ist der Kern der Lehre des Paulus, das ist der Kern des reformatorischen Glaubens und dieser Glaube zielt auf Befreiung, vor allem auch auf Befreiung von moralischer Selbst- und Fremdüberforderung.
Der Christenmensch – so Luther – ist Sünder und Gerechter zugleich. Er ist „simul justus et peccator“. Er ist Sünder ganz und gar wie alle anderen, aber er ist ein Sünder, der sich vor niemandem verstecken muss, weil Gott an seiner Seite steht und zu ihm hält. So betrachtet hätte ich mir gewünscht, dass die Bischöfin nicht zurückgetreten wäre, sondern in reformatorischer Freiheit stehen geblieben wäre, statt nun „Mensch Margot!“ zu mimen. Und ich hätte mir auch gewünscht, dass die Solidaritätsbekundungen des Rats der EKD und vieler Kirchenleitender damals nicht so schrecklich zaghaft daher gekommen wären.
Ich vermute, aus lauter Angst sind sie alle in die Moralfalle getappt, die ihnen die Medien und die sie sich vermutlich selbst gestellt haben. Ich kann das gut nachvollziehen. Mir würde es spontan natürlich ebenso gehen. Aber schaut euch einmal die Bibel an und überlegt, welche von den großen Gestalten der Bibel dann überhaupt vor diesem Tribunal der Moral bestehen könnte?

Das fängt an mit Noah, der mit seiner Familie wegen seiner herausragenden Frömmigkeit als einziger die Sintflut überlebt. Das erste, was er nach der Flut und einem Dankgebet tut, ist sich sinnlos zu betrinken. Er ist so betrunken, dass er sich nackt auszieht und nicht mehr weiß, was er tut. Seine Söhne müssen seine Blöße zudecken. Also gegen Noah sind 1,5 Promille eine Lächerlichkeit. Noah, der die Sintflut überlebt, würde vor dem moralischen Standgericht unserer Massenmedien jedenfalls nicht bestehen.
Nicht anders ist es mit Abraham. Voll religiösen Eifers will er seinen eigenen Sohn schlachten. Nur Gottes Eingreifen hält ihn davon ab. Und was Abraham in sexueller Hinsicht mit seinen verschiedenen Frauen und Mägden alles treibt, das ist nicht jugendfrei und ich werde es darum hier nicht ausbreiten. Steht aber in der Bibel.
Juda, einer der Stammväter des Volkes Israel, treibt es noch toller. Er betrinkt sich so, dass er mit seiner Schwiegertochter schläft und diese schwängert. Sie hatte es genau darauf angelegt gehabt.
Reden wir von König David. Ihm werden in der Bibel die meisten Psalmen zugeschrieben. David begeht Ehebruch mit der schönen Batseba und lässt zur Vertuschung des Skandals ihren Mann auf teuflische Art beseitigen. Moralisch ist das an Verwerflichkeit kaum zu überbieten und doch ist David zugleich der exemplarisch Fromme, der in der Not auf Gott vertraut. Jesus gilt als Nachkomme Davids. Wo bleibt da die Moral?
Paulus, der wirklich große Apostel, ist Christenverfolger und betreibt Menschenjagd. Angeblich war er an der Steinigung des Stephanus beteiligt. Später findet er zwar noch die Kurve zum christlichen Glauben, aber auch dann bleiben Temperament und Sprachkraft des Apostels von manchmal beklemmender Aggressivität. Das hat er mit Martin Luther gemeinsam.
Paulus zum moralischen Vorbild nehmen? Ich weiß nicht…
Nein, Nein und nochmals nein: Die Moral ist für den christlichen Glauben eine Falle. Wenn in der Bibel nur moralisch einwandfreie Figuren präsentiert würden, dann wäre das Buch leer.
Die Moral ist ein zu kleines Maß und ein total falscher Maßstab.

Fast alle großen Vorbilder des Glaubens hatten moralisch bedenkliche Seiten. Und vor diesem Hintergrund sind 1,5 Promille und das Überfahren einer roten Ampel eine Petitesse. Die ganze moralische Empörung darüber war pure Heuchelei.
Wenn Der seinerzeitige Rücktritt zum Maßstab gesetzt würde, dann könnte keiner mehr eine Kirche leiten, dann wären das Bundeskabinett, der Bundestag und unsere Landtage leergefegt, dann gäbe es keinen Friedensnobelpreis mehr – kennen Sie das sexuelle Sündenregister Martin Luther Kings? – Gewerkschaftsführer, Freiheitskämpfer, Menschen, die sich dem Unrecht widersetzen – ach, sie alle würden an der einen oder anderen Stelle durch den moralischen Rost fallen und müssten abtreten.
Und noch etwas: Ein Rücktritt, weil die Medien darauf gieren, verwischt auch den Unterschied zwischen Verfehlungen und echten Verbrechen. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und das Vertuschen dieser Taten durch die Leitungsverantwortlichen – das ist ein echter Skandal. Das sind schwere Verbrechen und hier müsste es zu Rücktritten kommen. Und außerdem muss für solche Fälle auch das Strafrecht verändert und müssen die Verjährungsfristen erheblich verlängert werden.
Liebe Gemeinde, wenn man die Welt wirklich ändern und verbessern will, dann sollte man nicht auf Moral setzen. Die dient meistens nur der eigenen Aufwertung und der Abwertung der anderen. Die Moral ist nicht der Weg zur Weltverbesserung.

Martin Luther war in dieser Hinsicht rigoros. Weil schon damals Klöster als Hort der Unzucht und des Missbrauchs galten und weil schon damals die zum Zölibat gezwungenen Geistlichen ihrer Triebe nicht Herr wurden, plädierte Luther für die Abschaffung von Klöstern und zölibatärer Geistlichkeit.
Es gibt Lebensformen, die in sich krankmachend sind, weil sie den Menschen moralisch überfordern und psychische Deformationen begünstigen – und deshalb muss man solche Lebens- und Denkformen beseitigen. Das hat Luther vor 500 Jahren erkannt. Es wäre gut, wenn sich diese Erkenntnis endlich auch in Bereich von Kirche durchsetzte, bevor noch mehr Menschen durch falsche Moralregeln deformiert werden und andere ins Unglück stürzen.
Der viel bessere Weg ist der Weg des Rechts: für alle gleich und für alle gültig. Deutliche Absprache. Klare Regeln: was ist erlaubt, was ist verboten?
Kontrolle der Einhaltung dieser Regeln durch staatliche Gewalt.
Halten wir also fest: Die Moral ist für den christlichen Glauben ein zu enges Korsett. Moralische Vorbildlichkeit zeichnet kaum einen der großen Glaubenshelden aus. Was diese Glaubenshelden groß gemacht hat, war ihr Gottvertrauen, das ihnen durch Scheitern und Krisen und Abgründe hindurch half.
Erbitten wir von Gott, dass er auch uns Kraft und aufgeklärtes Glauben schenkt. – Amen.