Gottesdienst am Sonntag, den 28.02.2021

Gottesdienst am 28.02.2021, Hans-Peter Hellmanzik

…Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des, der Himmel und Erde gemacht hat, der Wort und Treue hält ewiglich und der Niemals preisgibt ein Werk seiner Hände. Amen

Lesung Psalm 25 (Lesung durch KV abwechselnd)

KV 1

Zu dir, HERR, trage ich,

was mir auf der Seele brennt.

2 Mein Gott, auf dich vertraue ich!

Lass mich keine Enttäuschung erleben!

Sonst triumphieren meine Feinde über mich.

3 Es wird ja keiner enttäuscht, der auf dich hofft.

Enttäuscht wird nur, wer dich treulos verlässt.

4 Zeige mir die Wege, HERR, die du bestimmst!

Und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen!

5 Bringe mir bei, nach deiner Wahrheit zu leben!

Denn du bist es, Gott, der mir hilft!

Und so will ich auf dich hoffen den ganzen Tag!

6 Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, HERR!

Denn schon seit Urzeiten handelst du danach.

7 Aber an meine Vergehen sollst du nicht denken –

auch nicht an die Sünden aus meinen Jugendtagen!

Denk so an mich, wie es deiner Güte entspricht!

Du meinst es doch gut mit mir, HERR.

KV 2

Gut und gerecht ist der HERR.

Darum weist er den Sündern den Weg.

9 Er hilft den Unterdrückten dabei,

ihr Anliegen vor Gericht zu bringen.

Er lehrt die Unterdrückten seinen Weg.

10 Alle Wege, die der HERR bestimmt,

sind geprägt von Güte und Wahrheit.

So hilft er denen, die seinen Bund halten

und seine Vorschriften befolgen.

11 Bleib deinem Namen treu, HERR,

und vergib mir meine Schuld – sie ist so groß!

12 Und wie steht es mit dem Menschen,

der dem HERRN mit Ehrfurcht begegnet?

Ihm zeigt er den Weg, den er nehmen soll.

13 So wird er über Nacht sein Glück finden,

und seine Kinder werden das Land erben.

14 Der HERR zieht die Menschen ins Vertrauen,

die ihm mit Ehrfurcht begegnen.

Sein Bund dient dazu, sie zu unterweisen.

KV 1

Meine Augen blicken stets auf den HERRN.

Denn er selbst zieht meine Füße aus dem Netz.

16 Wende dich zu mir und hab Erbarmen mit mir!

Denn ich fühle mich einsam und unglücklich.

17 Befreie mich von der Angst,

die mir das Herz zusammenschnürt.

Führe mich aus meiner Bedrängnis!

18 Nimm mein Unglück und Leid von mir!

Schaff alle meine Sünden aus der Welt!

19 Sieh nur, wie zahlreich meine Feinde sind

und wie abgrundtief sie mich hassen!

20 Schütze mein Leben und rette mich!

Lass mich keine Enttäuschung erleben!

Denn bei dir suche ich Zuflucht.

21 Vorbildlich und ehrlich will ich leben.

Darum behüte mein Tun!

Denn auf dich hoffe ich.

EIN LIEBESLIED

Jesaja 5, 1 – 7

Hört! Ich will ein Lied singen, ein Lied von meinem besten Freund und seinem Weinberg: »Auf einem Hügel, sonnig und fruchtbar, lag das Grundstück meines Freundes. Dort wollte er einen Weinberg anlegen. Er grub den Boden um und räumte alle großen Steine fort. Die beste Rebensorte pflanzte er hinein. Er baute einen Wachturm mittendrin und meißelte einen Keltertrog aus dem Felsen. Wie freute er sich auf die erste Ernte, auf saftige und süße Trauben! Doch die Trauben waren klein und sauer! Urteilt selbst, ihr Leute von Jerusalem und Juda: Habe ich für meinen Weinberg nicht alles getan? Konnte ich nicht mit Recht eine reiche Ernte erwarten? Warum brachte er nur kleine, saure Trauben? Wisst ihr, was ich jetzt mit meinem Weinberg mache? Zaun und Schutzmauer reiße ich weg! Tiere sollen kommen und ihn kahl fressen, Ziegen und Schafe, sie sollen ihn zertrampeln! Nie mehr werde ich die Reben beschneiden, nie mehr den harten Boden mit der Hacke lockern; Dornen und Disteln sollen ungehindert wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu bringen. Soll der Weinberg doch vertrocknen!«
Dies ist eure Geschichte, ihr Israeliten. Ihr seid der Weinberg, und euer Besitzer ist der HERR, der allmächtige Gott. Ihr aus Israel und Juda, ihr seid die Pflanzung, auf deren Erträge er sich freute. Er wollte von euch gute Taten sehen, doch er sah nur Bluttaten; ihr habt nicht Recht gesprochen, sondern es gebrochen!

Liebe Gemeinde!
Das also soll ein Liebeslied sein? Kommt es nicht irgendwie hart und eisig daher, das Lied? Andrerseits erscheint es uns aber auch nicht wirklich fremd, oder? Denn da klingen durchaus vertraute und belastende Erfahrungen von uns allen in unseren Ohren, ja vielleicht sind es sogar Grunderfahrungen. Nicht nur der reifen Jahrgänge, durchaus auch die eines jungen Lebens.
Wie in einem Spiegel erkennen wir Verhaltensweisen und Erfahrungen, die wir selber als Kinder schon erlebt und gefürchtet haben, und die wir, so vermute ich, unseren eigenen Kindern, unseren Freunden, Arbeitskollegen, ja auch gerade den Menschen, die wir lieben, nicht ersparen, nämlich das bewährte Muster:
– Strafe durch Liebesentzug.
– Liebesentzug und Schweigen.
– Abbruch der Kommunikation.
– Aushebelung unserer Daseinssicherheit und unseres Selbstwertgefühls.
Ein typisches Prophetenwort.
Wir kennen solche eisigen Abwendungen, vielleicht sogar aus der eignen Kindheit. Dieses Chaos in der Seele, wenn du gnadenlos fallen gelassen wirst, weil du den Wünschen und Plänen deiner Eltern nicht entsprochen hast.
Und später im Erwachsenalter sehen wir so manche Szenen einer gescheiterten Ehe, wenn ehemals Liebende sich gnadenlos bekriegen, weil sie füreinander gestorben sind. Schwarze Pädagogik. Schwarze Logik. Tief in unserer Seele verankert. Leistung muss sich lohnen, so wirbt eine Partei unverdrossen.
Wir kennen diese Erfahrungen aber auch aus dem anderen Blickwinkel. Sagen wir Erfahrungen, die dem Liebesentzug vorausgehen, die Erfahrungen von Vergeblichkeit und vom Umsonst unserer Mühe, von Anstrengungen ohne Erfolg. Im Beruf, in den Beziehungen der Liebe, in der Erziehung unserer Kinder, in der Arbeit in und an der Kirche, in Gesellschaft und Politik – alles umsonst, alles vergeblich.
Lebensträume scheitern und lassen uns dann verbittert zurück. Ein Sohn, eine Tochter bricht ihre Ausbildung ab, Kinder finden sich im Leben nicht zurecht, obwohl wir alles für sie getan haben, der Freude an der gerade erwachten Liebe folgt ihr schneller Tod. Trotz allem, was man investiert hat, implodieren Freundschaften, und der Vorrat an Vertrauen reicht nicht. Alles, was wir an Liebeskraft, an Zeit, auch an Geld und Energie investiert haben – es war umsonst.
Ein bitteres Lied, dieses sogenannte „Weinberglied“. Neu ist lediglich, dass der Prophet es im Namen seines Gottes singt. Er wagt es, die Schmerzen des Umsonst aus der Perspektive Gottes aufzuzeigen. Als wollte er deutlich machen, nicht nur wir strafen mit dem Entzug unserer Liebe und der Preisgabe des Menschen, der unsere Zuwendung ausschlug, nicht nur wir pochen darauf, dass Leistung sich lohnen muss, sondern Gott selber tut es.
Kommt hier etwa eine Logik zum Tragen, die wir schon längst für überwunden glaubten? Ist diese Logik vielleicht sogar in die Schöpfung eingebaut, so dass es nicht nur menschlich allzu menschliches Verhalten ist, sondern sogar ein geistiges, ein schöpfungsgemäßes Grundgesetz des Lebens? Dann wäre es von Gott sogar so gewollt, dass, wer ihm nicht folgt, sich selber überlassen bleibt und dass Gott ihn schutzlos den Folgen seines Tuns und seiner Schuld preisgibt?
Verführerisch gnadenlos auch darum, weil ein solcher Text sich anbietet, die Schwierigkeiten unserer Kirche, den immensen Traditionsabbruch, unser dramatisches Kleinerwerden zu verstehen.
Steckt hier in den Worten des Propheten Jesaja in seinem Lied vom enttäuschten Bräutigam der Schlüssel zur Antwort auf unsere Fragen:
– Warum muss gerade unsere Generation so stark abbauen, einschränken, zurücknehmen, auflösen, umstrukturieren?
– Was haben wir falsch gemacht?
– Sind wir vielleicht nicht glaubwürdig genug, wie wir Kirche aufstellen?
– Sind wir etwa unglaubwürdige Zeugen des Evangeliums? Trifft uns daher Gottes reagierender Zorn?
– Hat Gott uns fallen gelassen und pflegt er seine Kirche nicht mehr?
Ich gestehe, dass ich in Situationen meines Lebens, in denen mich die Reue über Schuld, Fehlverhalten und Angst vor Folgen und Liebesentzug sowieso schon niederdrückte, diesen Eiseshauch als verdiente Reaktion Gottes geglaubt habe. Meine Schuld und als Folge auch der erbarmungslose Rückzug meines Gottes, das drohte mir dann den Boden unter den Füßen völlig wegzuziehen.
Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Dieses Wort der Heiligen Schrift zeigt uns einen anderen Gott als den sogenannten „lieben“. Hier redet kein gefühlloser, unwandelbarer, unberührbarer Gott, keiner, der unser Harmoniebedürfnis kosmisch befriedigt und die Projektion unserer Wünsche in die Allmacht Gottes darstellt. Der Gott dieses Weinbergliedes kennt Angst, Sorge, Verletzung, Wut und Enttäuschung, denn er ist einer, der Antwort haben will, der unser Schweigen, unseren Lebensunsinn nicht erträgt. Ein Gott, dessen Liebe enttäuscht wird und der darauf reagiert.
Denn in diesem Lied geht es eigentlich nur um die Liebe. Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die Liebe. Jesaja singt ein Liebeslied. Er singt vom Schmerz der Liebe, vom Schmerz der Liebe Gottes. Vielleicht ist es uns aus anderer Perspektive so vertraut, weil ja der Schmerz, die dunkle Seite der Liebe und ihrer Rätselhaftigkeit, auch uns vertraut ist.
Dieses Wort der Heiligen Schrift ist ein Liebeslied, sogar mit eindeutig erotischem Unterton. Der Prophet hat dieses Lied vermutlich bei einem ausgelassenen Fest, dem Laubhüttenfest, dem Fest des Erntedanks und der Erinnerung an Gottes erwählende Zuwendung gesungen. Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied, ist der Vergleich des Weinbergs mit einer Braut, mit einer geliebten Frau überhaupt, gewählt, und wenn einer in dieser Weise von seinem Weinberg singt, geht es um ein erotisches Verhältnis. Und so wie einem enttäuschten Bräutigam geht es Gott mit uns. Es singt von Gottes enttäuschter Liebe zu uns, aus der sein Zorn resultiert.
Und so führt trotz allem auch in diesem Lied der Schmerz Gottes über seine enttäuschte Liebe nicht zu Hass und Vergeltung.
Wie nahe kommt uns Gott, der Liebhaber des Lebens, dass er eingesteht: Auch ich kann hier nichts mehr tun. Selbst in seiner Enttäuschung bleibt er uns nahe.
Und so gibt es Phasen in unserem Leben, in denen wir vom Leben und von uns selber enttäuscht, uns selber überlassen sind, ganz auf uns selbst zurückgeworfen, wo wir nur noch uns selber haben. Dann warten wir vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen, berührt, herausgeholt zu werden aus unserer Menschen-, Welt- und Gottverschlossenheit. In hilf- und schutzloser Einsamkeit hören wir kein Wort und finden keinen Blick. Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben, auch zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion.
Und hier möchte ich den eigentlichen Schlüssel zum Lied von Gott, dem enttäuschten Liebhaber seiner Braut finden. Gott selber ist in das Gelingen seiner Liebe unendlich und unwiderruflich verliebt. Das nenne ich Gottespassion.
So dienen sein Zorn, seine Unterlassung von Zuwendung, seine Emotionen letztlich auch wieder nur dazu, den Bann der bitteren Erfolglosigkeit zu brechen. Gott geht selber unseren Passionsweg der Liebe, deren „Umsonst“ nicht endgültig ist, weil es für Gottes Gnade und Erbarmen kein Zu-spät und kein Aus und Vorbei gibt.
Jesus zeigt uns, dass Gottes Liebe ins Gelingen verliebt ist, dass er selber sich ins Leid der Welt begibt, damit der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht das letzte Wort haben.
Das Lied vom Schmerz und der Liebe Gottes wird weiter gesungen, auch in der Heiligen Schrift. Dort gibt es dann das Lied vom lieblichen Weinberg, den Gott Tag und Nacht behütet (Jesaja 27, 2-5). Und es gibt in der Parabel von den Arbeitern im Weinberg das Lied vom überraschend großzügigen und seine Liebe völlig unverdient und nicht berechnend austeilenden Gott (Matthäus 20, 1-15). Gott bleibt auch in seinem Zorn uns zugewandt, so berechtigt sein Zorn auch ist. Er bleibt der zuvorkommende, überlebende Gott, der gute Hirte unseres Lebens, das wahrlich nicht einfach ist in dieser immer rätselhafteren Welt.
Niemand hat das welt- und lebenserfahrener beschreiben können als Martin Luther. Seine Worte weisen den Weg aus dem Umsonst und der Angst zur dankbaren Freude an Gottes hilfreicher Nähe.
Luther sagt in Auslegung des Wortes aus dem Johannes-Evangelium vom guten Hirten Jesus: „Wenn du diesen Hirten kennst, so kannst du wider Teufel und Tod dich schützen und sagen: Ich habe ja leider Gottes Gebote nicht gehalten; aber ich krieche dieser lieben Henne, meinem lieben Herrn Christo, unter ihre Flügel und glaube, dass er ist mein lieber Hirte, Bischof und Mittler vor Gott, der mich deckt und schützt mit seiner Unschuld und schenkt mir seine Gerechtigkeit; denn was ich nicht gehalten habe, das hat er gehalten, ja, was ich gesündigt habe, das hat er mit seinem Blute bezahlt. Sintemal er ist nicht für sich, sondern für mich gestorben und auferstanden, wie er denn hier spricht: Er lasse sein Leben nicht für sich, sondern für die Schafe. Also bist du denn sicher, und muss dich der Teufel mit seiner Hölle zufrieden lassen; denn er wird freilich Christo nichts anhaben können, der ihn schon überwunden und dich, so du an ihn glaubst, schützt und erhält.“
Darauf lasst uns trauen!