Gottesdienst von Sonntag, den 21.02.2021

Predigt von Hans-Peter Hellmanzik, 21.02.2021

VERRAT

Evangelium nach Johannes 13, 21 – 30

Als Jesus das gesagt hatte,
war er im Innersten tief erschüttert.
Er erklärte ihnen: »Amen, amen, das sage ich euch:
Einer von euch wird mich verraten.«
Da sahen sich die Jünger ratlos an
und fragten sich: »Von wem spricht er?«
Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte,
lag bei Tisch an der Seite von Jesus.
Ihm gab Simon Petrus ein Zeichen.
Er sollte Jesus fragen, von wem er gesprochen hatte.
Der Jünger lehnte sich zurück zu Jesus und fragte ihn: »Herr, wer ist es?«
Jesus antwortete:» Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe.« Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.
Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm.
Da sagte Jesus zu ihm:» Was du tun willst, das tue bald!« Von den anderen am Tisch verstand keiner, warum Jesus das zu Judas sagte. Weil Judas die Kasse verwaltete, dachten einige, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: »Kauf ein, was wir für das Fest brauchen.«
Oder sie dachten: Jesus hat ihm aufgetragen, den Armen etwas zu geben.
Als Judas das Stück Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus.
Es war aber Nacht
.

Biblische Rede

Und wo genau besteht denn der „Verrat“ – was hat Judas überhaupt „verraten“?

Nach dem, was wir nach Aktenlage sagen können, kommt nur eines in Frage: Er hat der Miliz der Hohenpriester und den Römern den entscheidenden Wink gegeben, wann und wo sie Jesus ohne Aufsehen verhaften können.
Und er hat ihnen in der Dunkelheit im Garten signalisiert, welcher der Männer Jesus ist – indem er ihn ganz einfach begrüßte, wie es unter Freunden üblich ist.

Ob das nun ein richtiger Verrat ist, lassen wir mal dahingestellt sein. Früher oder später wäre der Moment doch gekommen, auch ohne die Mithilfe des Judas.
Und wegen des Geldes hat er es wohl nicht getan.
Er muss wohl einen anderen Grund gehabt haben. Aber welchen?

Nun sind wir aufs Kombinieren angewiesen.

Wie es aussieht, hat Judas von Jesus erwartet, was viele seiner Anhänger erwarteten: Sie hofften, Jesus würde eine Streitmacht sammeln, welche die Römer aus dem Land treibt.
Und dann würde er das alte Reich seiner Vorfahren David und Salomo restituieren und als dessen König herrschen.

Ein Missverständnis also? Nach allem, was wir wissen, wollte Jesus alles, nur keinen politischen Umsturz. Er sagt schließlich: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“

Nun könnte man schlussfolgern, dass Judas Jesus „ans Messer liefern“ wollte, als er verstand, dass Jesus etwas völlig anderes wollte als er.

Das wäre eine Möglichkeit.
Es käme aber auch die andere Möglichkeit in Frage: Judas hält Jesus für zu zögerlich und will ihn drängen, endlich ernst zu machen.
Denn wenn ein Verhaftungskommando anrückt, dann wird er doch wohl den Befehl geben, loszuschlagen.
Er wird sich doch nicht verhaften und fesseln lassen, wie ein lahmer Esel!

Und da sind wir dann an der Stelle, wo wir schlussfolgern müssen: So oder so – Judas hat einfach ein falsches Bild von Jesus.
Er meint, Jesus müsse als göttlicher Held auftreten, und die Welt müsse sich durch ihn grundlegend ändern.
Er kann sich nicht vorstellen, dass in Jesus Gottes Hilfe verborgen zu uns kommt, mitten in unsere alte Welt, ohne dass wir es zunächst wahrnehmen können.

Bingo! Genau das ist es. Und uns bleibt nur zu vertrauen, dass die Sache Gottes nicht offensichtlich ist, nicht nachweislich, sondern verborgen, kryptisch. Uns bleibt nur das Vertrauen auf eine Zusage.

Ich weiß, liebe Gemeinde, damit haben wir die Judas-Frage nicht vollständig abgehandelt. Es bleiben Fragen. Etwa die: Wer ist Judas Iskariot wirklich???

Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns einig sind, wenn ich sage: Judas, das bist du und ich!
Jeder und jede von uns ist Judas.
Wir können auch sagen: Judas wohnt in dir und mir und in einem jeden von uns.
Vergiss nicht, wir lesen bei Johannes: „Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“
Jeder der Zwölf hält es für möglich, dass er es sein könnte!

Weil wir hier alle irgendwie gleich sind!
Weil wir nicht wirklich damit zurechtkommen, dass Gott sich uns entzieht und sich verbirgt. „Deus absconditus“, der verborgene Gott, das ist im Denken von Nikolaus von Kues, von Blaise Pascal, von Johannes Calvin und Martin Luther von zentraler Bedeutung.

Der verborgene Gott, das ist gleichzusetzen mit dem Weltgeheimnis schlechthin.

Wir würden es nicht überleben, so ist die Botschaft der Bibel, wenn er sich offen zeigen würde. Wir würden zusammen mit der gesamten Welt augenblicklich zu Asche zerfallen.
Deswegen verbirgt er sich in Leben und Sterben Jesu.

Ja, ich weiß, an diesem, „Versteckspiel“ kann man regelrechtverzweifeln und zerbrechen.
„Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.“ So textet Schalom Ben Chorin in seinem Lied „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und grünt…“

Soviel Leid und Elend, soviel Hunger und Verzweiflung, soviel Brutalität und Ungerechtigkeit…

Und der Himmel schweigt dazu!

Und nun also noch Corona – die Jahrhundertpandemie.

Weiß Gott das?
Weiß er, dass man sich wünscht, er würde endlich einmal offen auftreten – und belohnen und bestrafen?
Weiß er, dass man dafür sogar einen Verrat begehen würde?
Einen Verrat an diesem Versteckspiel, das er mit uns treibt – durch Jesus?

Ja, ich glaube er weiß es.
Das kann ich sagen und verantworten.
So weit gehe ich.
Aber ich glaube auch, Gott wird das Versteckspiel erst an jenem Tag beenden, wenn wir „nichts mehr fragen“ werden.

Wann das sein wird?

Nicht diesseits der Todesgrenze.

Und nun nehmen wir einmal an, es ist so, wie wir das bis hierher entwickelt haben: Kann Judas dann verdammt sein?
Ich meine, wir wären es dann ja auch. Haben wir nicht festgehalten: Judas, das sind wir, du und ich.

Ja, das habe ich gesagt.
Aber wie kommst du darauf, dass Judas verdammt sei?

Heißt es nicht in bei Matthäus an genau dieser Stelle: „Weh dem Menschen, durch welchen der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“

Und auch in unserem Johannesevangelium heißt es: „Als er den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn.“

Was also fangen wir damit an?
Es hilft alles nichts, liebe Gemeinde, hier merken wir, welche Theologie einem Text wie diesem zugrunde liegt. Wir müssen nicht glauben, dass das die Worte Jesu sind. Oder dass es in seinem Sinn wäre. Es ist eine spätere Deutung, die ins Evangelium eingetragen wurde.

Tief verborgen in diesem Text können wir erfahren, dass Jesus dem Judas schon die Tür aufgemacht hat, dass er zurückkehren kann.

Er wird diese Sache mit Judas noch in Ordnung bringen. Und die Sache mit dir und mir.

„Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.“

Hört sich an wie eine Abendmahlsszene.

Und genau das ist es auch. Das Abendmahl ist immerhin . . .

. . . Vergebung der Sünde, Feier der neuen Schöpfung und Gemeinschaft.

Und für uns heißt das: Wenn wir das Abendmahl feiern und glauben, dass er in Brot und Wein zu uns kommt, dann können wir uns darauf verlassen: Wir sind schon schon in der Gottesgemeinschaft.

Wir müssen also nur die Hand aufhalten und den Mund aufmachen?

Nur das. Damit ist alles getan.