Gottesdienst am Neujahrstag, 01.01.2021

Gottesdienst zum Neujahrstag 2021
Wie gewohnt finden Sie die Predigt am Ende der Seite zum Herunterladen und Ausdrucken und als Auslage im Küsterhaus.

Zu einem Taufgespräch bin ich verabredet. Ich stehe vor der Tür und drücke den Klingelknopf. Wenig später öffnet ein – wie ich später erfahre – Dreijähriger – die Tür. Mustert mich kurz, dreht sich um, läuft zu seiner Mutter, die mich weiter hinten im Flur erwartet, umklammert ein Bein und versteckt sein Gesicht in einem Rockzipfel. Beruhigend legt sie ihre Hand auf seinen Kopf: „Das ist doch Herr Berndt! Der wird deine Schwester taufen. Du brauchst keine Angst zu haben!“
Es dauert eine Weile, bis er mir vorsichtig sein Gesicht zuwendet. Aus seinen Augen spricht Unsicherheit: „Wie soll ich dem begegnen, den ich gar nicht kenne?“ Ein Arm reckt sich zu seiner Mutter hoch. Er sucht Halt.

Ich kann mich gut in ihn hineinversetzen. In einer Zeit, der ich längst entwachsen bin, habe ich auch so auf Fremde, Fremdes, Neues, Unbekanntes reagiert. Ein paar Fotos aus Kindertagen erzählen bis heute davon. Da habe ich mich in Arme geflüchtet von Menschen, die mir Halt und Schutz boten: Mutter, Vater, die älteren Geschwister, all jene, hinter die ich mich, wenn es sein musste, verstecken konnte.
„Hab‘ keine Angst, fürchte dich nicht“ – das musste dann nicht einmal gesagt werden. Es verstand sich in dieser Geste des Haltens und Gehalten werden von selbst.

Und ich konnte mich ja auch unsichtbar machen damals. Nur die Augen fest zu drücken oder den Blick abwenden. Dann sah ich nicht mehr das, was mir Angst machte. Und ich bildete mir ein, dass mir nichts und niemand etwas anhaben kann.
Eine Methode, die mitunter auch Erwachsene praktizieren, wenn sie nicht wahr haben wollen, was wahr ist.

Wie anders Jesaja. „Fürchte dich nicht!“ So lesen wir im Jesaja -Buch (Kap. 43, 1). Jesaja sagt es nicht zu Kindern. Das „Fürchte dich nicht!“ taugt eben nicht nur zum Taufspruch. Er sagt es Menschen, die um die Unabwägbarkeiten des Lebens wissen: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht überfluten soll; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen.“ (Jes. 43, 2).
Sehr drastisch spricht der Prophet von der Gefährdung des Lebens. Und ich verstehe: ich komme um Situationen, die beängstigend, ja lebensbedrohend sind, nicht herum. Mein Leben, jedes Leben ist immer auch gefährdetes Leben.
Wir – von jung bis alt – haben das in den letzten Monaten erfahren, wie seit Jahrzehnten nicht mehr in unserem Land.

Jesaja verschließt vor solchen Gefährdungen die Augen nicht. Er sagt nicht: „Es wird dir nichts geschehen!“ Aber er sagt: ‚In allem, was dir geschehen wird, wirst du gehalten und getragen!‘
Vertrauen möchte Jesaja wecken, Zutrauen zu dem, dem wir unser Leben verdanken.

Manchmal tue ich mich schwer mit solchem Vertrauen. Möchte mich lieber als der sehen, der sein Leben fest im Griff hat. Möchte mich sehen als der, an den sich andere anlehnen können. Und doch bleibe ich angewiesen auf den, von dem ich im 23.Psalm lese: „Dein Stecken und Stab trösten mich!“ Das heißt: Du, Gott, hast Mittel und Möglichkeiten, mir Halt zu geben, mich zu halten, auch wenn mein Weg durch Ungewissheiten, Enttäuschungen, Krankheiten führt.

Das ist nicht viel angesichts weltweiter und ganz naheliegender Sorgen, Fragen und Ängste. Und es ist nicht immer genug, wenn einem ‚das Wasser bis zum Hals steht‘.

Aber: nicht anders kann ich meinen Weg gehen: gewiss und ermutigt durch die Zusage: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir!“ (Psalm 23, 4).

Mit dieser Zusage können wir uns getrost auf den Weg machen durch das neue Jahr.


Sup. i.R. – Wittingen

Fürbitte

Das alte Jahr ist gegangen, ein neues hat begonnen.

Wir bringen dir, Gott, unseren Dank
für alles, was unser Leben reich macht:
unsere Gesundheit,
die Geborgenheit in unserer Familie,
die Zuneigung und Begleitung von Menschen,
denen wir am Herzen liegen
unsere Erfolge und das Gelingen.
die Sicherheit und den Frieden in unserem Land.

Wir denken auch an das, was uns traurig und das Herz schwer macht:
Krankheit und Not,
den Verlust eines geliebten Menschen,
Fehler, die wir gemacht haben
Enttäuschungen die uns bereitet wurden
unsere Gedankenlosigkeit im Umgang mit anderen,
unsere Angst und unsere Zweifel angesichts all dessen, was unser Leben und die Welt bedroht.

Wir bringen dir, Gott, unsere Wünsche und unsere Bitten für das neue Jahr:
lass uns die nicht aus den Augen verlieren, die unsere Hilfe brauchen
lass uns für die das Wort ergreifen, die sprachlos geworden sind angesichts all dessen, was sie zu tragen und zu ertragen haben.
Bestärke uns in unserem Vertrauen zu dir.
Erfülle uns mit allem, was in deinem Sinn ist und uns und anderen zum Leben hilft.
Sei uns nahe auf Schritt und Tritt.
Bleibe an unserer Seite an allen Tagen und auf allen Wegen dieses neuen Jahres.
Amen

Und so segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

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