Gottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2020

Predigt für den 1. Weihnachtsfeiertag 2020, Pastor Moritz Junghans

Liebe Gemeinde,
das Weihnachtsfest 2020 wird wohl vielen von uns in Erinnerung bleiben. Lange war es ein Datum, mit dem sich viel Hoffnung verbunden hat. Und sogar von der Regierung beschlossen war es: An Weihnachten soll es von den Maßnahmen, die uns sonst teilweise sehr belasten, Lockerungen geben, Treffen von mehr Personen aus mehr Haushalten. Eine Art Lichtblick, Belohnung vielleicht für die Einschnitte, die es in den Monaten zuvor gab.
Diese Gedanken hören sich heute an, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Jetzt sitzen Sie zu Hause. Oder bei der Familie, aber eben nur im kleinen Kreis. Seit ein paar Tagen ist klar: Weihnachten ist nicht nur anders, als sonst, sondern gerade hier bei uns im Landkreis Gifhorn ist die Lage um Weihnachten herum besonders schlimm. Aus Sicht derer, die sich um die öffentliche Gesundheit sorgen ist Weihnachten längst kein Lichtblick mehr, sondern Teil des Problems.

Für manch einen scheint es im Moment vielleicht, als gäbe es nicht mehr viel Grund zur Hoffnung. Ja, das Impfen geht irgendwann los, erste Prognosen gehen davon aus, dass ab Sommer nächsten Jahres die Lage besser wird. Aber das ist noch eine ganz schön lange Zeit. Wer angesichts dieser Aussichten im Moment etwas den Kopf hängen lässt, dem kann man nicht vorwerfen, dass er Schwarzmaler ist. Im Moment fällt es manchmal schwer, noch Hoffnung zu haben.
Aber trotz allem: Es ist immer noch Weihnachten. Gerade jetzt, in diesem Moment, heute! Und für uns Christinnen und Christen ist Weihnachten mehr als nur ein Risiko, weil da normalerweise viele Menschen zusammenkommen. Weihnachten steht für Hoffnung, Weihnachten hat etwas mit Licht zu tun, das stärker ist, als alle Dunkelheit. Etwas mit… Ja, womit eigentlich genau?

Der Predigttext von heute hilft, wenn man der Fragen nachgehen möchte, wie genau Weihnachten eigentlich bei uns wirken kann. Dazu muss man aber einen recht langen Anlauf nehmen. Den beginnen wir mit dem Predigttext selbst. Er steht im Buch des Propheten Jesaja im 52. Kapitel.

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten,
der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt,
der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!
Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander;
denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems;
denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker,
dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. (Jes 52,7-10)

Ein unglaublich positiver Text in dieser Zeit. Schon nach dem ersten Lesen sind mir viele Schlagwörter im Kopf geblieben. Friede, Heil und Jubel. Trost vom Herrn, gar von Erlösung ist die Rede. Lauter positive Dinge, eine wahre Freudenbotschaft.
Wie sich die Menschen, an die diese Worte gerichtet waren, wohl gefühlt haben?

Die Antwort ist leicht: Die Menschen, an die diese Worte gerichtet waren – waren müde und traurig. Andere waren vermutlich nicht mal mehr das, sie waren einfach leer und hoffnungslos. Haben auf nichts anderes mehr hoffen können, als das, was unmittelbar vor ihren Augen war. Und das war nicht viel. Denn Empfänger dieser Worte waren nicht etwa Menschen, die mit festem Blick auf eine gute Zukunft schauten, sondern Menschen, denen ihre Vergangenheit verloren zu gehen drohte.
Es war die zweite oder dritte Generation der Israeliten, die im babylonischen Exil lebten. Von denen, die das Leben im eigenen Land noch erlebt hatten, waren vermutlich die meisten bereits gestorben. Es folgten Generationen, die in Babylon geboren wurden. Die Klage über den Verlust des eigenen Landes und des Tempels verstummte langsam. Denn zu fern waren die Gedanken daran. Bei vielen dürfte nichts als Enttäuschung geblieben sein.

Ganz so schlimm ist die Lage für uns, die wir in diesem Jahr Weihnachten feiern, nicht. Das ist schon mal gut. Aber ein bisschen vergleichbar ist es doch. Die Menschen im Exil hatten keinen vernünftigen Grund auf eine Besserung der Lage zu hoffen. Was sie vor Augen hatten, bot ihnen wenig Grund zu Optimismus.
Was wir hier im Moment betreiben, ist nur Schadensbegrenzung. Wir kämpfen gegen die Ausbreitung einer Krankheit, die sich weiter ausbreiten wird. Langsamer hoffentlich, doch es wird weitergehen. Auch morgen werden sich wieder Menschen anstecken und, so grausam es klingt, auch morgen werden wieder Menschen sterben.
Den Hoffnungslosen in Babylon wird etwas vor Augen geführt, was wie aus einer anderen Welt klingt. Heil und Frieden für Menschen, die als Fremde in einem fremden Land leben. Die Rückkehr in das eigene Land für Leute, die das nur noch aus Erzählungen kennen. Schlicht unrealistisch muss es für die Menschen geklungen haben. Wie eine andere Wirklichkeit, die mit der Wirklichkeit, die vor Augen ist, nicht viel zu tun haben kann.
Und – denkt dran, es ist immer noch Weihnachten – uns wird etwas ebenso Merkwürdiges verheißen. Das, was an Weihnachten gefeiert wird, ist im Kern etwas merkwürdiges. Wir haben die Geschichte vom Kind in der Krippe schon oft gehört, als Christinnen und Christen glauben wir, dass das, was da passiert ist, wichtig und besonders war – das alles ändert aber nichts daran, dass es eine Merkwürdigkeit ist, die da erzählt wird. Etwas, was nicht in die Wirklichkeit damals gepasst hat und auch heute nicht so recht in unsere Wirklichkeit passen will. Etwas, was mit der Wirklichkeit, die wir aktuell vor Augen haben, nicht vereinbar zu seien scheint.

Weihnachten ist das Fest, an dem beginnt, was ich eine ganze Kette von Merkwürdigkeiten beschreiben würde. Gott kommt auf die Welt, später wirkt Gott in einem Menschen mitten unter den Menschen. Gott geht dahin, wo Ausgrenzung herrscht, berührt Menschen, die eigentlich schon jeder abgeschrieben hatte. Unsere Überlieferung, unser Glaube ist voll von diesen Geschichten. Das Kirchenjahr ist voll davon. Zum christlichen Glauben gehört es dazu, Gott zuzutrauen, dass er Dinge auch ganz anders machen kann, als wir sie uns vorstellen können.
Dieses Jahr an Weihnachten wird mir das besonders deutlich. Wenn ich vom Engel höre, der ruft „Fürchtet euch nicht!“. Er ruft das jedes Jahr, doch in diesem Jahr merke ich: Es läuft dem entgegen, was ich im Moment vor Augen habe. Wenn ich von Frieden auf Erden höre und mir überlege, wo eigentlich überall Unfriede herrscht. Und, wenn ich aus all dem schließe, dass Gott diese Welt liebt, dass wir in einer von Gott geliebten Welt leben und selbst Geliebte sind.
Dann merke ich: All das steht, mal mehr, mal weniger, im Widerspruch zu dem, was ich erlebe. Und es ist genau dieser Widerspruch, den ich brauche. Weil er es ist, der die Welt verändert. Durch den Widerspruch wird nicht auf ein mal alles gut. Aber er hält die Sehnsucht wach, er hält den Kopf oben und den leisen Zweifel im Kopf wach. Es könnte doch sein, dass all das so ist. Und wenn selbst der Kopf schon diesen Zweifel zulässt, wie viel mehr schafft es das Herz dann erst, dass doch die ganze Zeit zum Festhalten an der Hoffnung bereit war?

Weihnachten stellt uns vor Augen, dass es anders sein kann, als es ist. Ein Grund mehr, gerade in diesem Jahr zu hören, was uns gesagt wird. Fürchtet euch nicht. Ich verkündige euch große Freude! Amen.

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