Predigt von Sonntag, den 27.09.2020

Predigt am 27.9.20, 16. Sonntag n. Trinitatis über 2. Tim 1,7-10 – P. Lars-Uwe Kremer

„Es gibt viel zu tun – packen wirs an!“ Kennen Sie diesen alten Werbespruch noch? War damals in aller Munde. Ausgerechnet von einem Mineralölkonzern… Es gibt viel zu tun. Passt exakt in unsere Zeit. Vorgestern fand nach langer Coronapause ein globaler Klimastreik statt. Die Fakten werden immer erdrückender. Inzwischen geht man davon aus, dass der Permafrostboden in der Tundra nicht mehr zu retten ist. Dadurch lösen sich gewaltige Mengen von Methan, durch das dann die Erderwärmung noch schneller vorangetrieben wird. Nur ein Beispiel von vielen. Klingt alles nicht gut. Und doch habe ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen, sei es die Regierungen oder die Wirtschaftsführer eher eine Variation des Esso-Spruchs verinnerlicht haben: Es gibt viel zu tun – warten wirs ab. Es ist zum Verzweifeln.
Wie verhalten wir uns dazu? Wir als Christen hier in Wahrenholz? Also wir Menschen ohne Einfluss in die höchsten Sphären? Eine Möglichkeit ist, das Ganze schulterzuckend zur Kenntnis zu nehmen. So nach dem Motto: ich habe da doch gar keinen Einfluss, und es ist ohnehin schon zu spät, also was solls. Das ist die Vogelstrauss-Taktik. Oder man stellt sich auf die Seite der Leugner und behauptet, das stimmt doch alles nicht, der Klimawandel ist doch nur eine Erfindung der Mächtigen, um uns zu verunsichern. Das ist noch schlimmer, finde ich. Und bei den Christen finden wir durchaus die Haltung: Was geht uns das alles an? Wir sind doch nicht von dieser Welt, es geht in erster Linie um unser Seelenheil. Da kann uns das Irdische getrost gestohlen bleiben. Ihr hört schon, meine Meinung ist das auf jeden Fall nicht.
Wenn wir in die Bibel schauen, war es schon immer ein großes Anliegen, wie Christen sich verhalten sollen. Und zwar in allen Lebensbereichen. Von Anfang an haben die Christen um das Verhältnis zur Welt gerungen. Gerade in den letzten fünfzig Jahren haben sich die großen Kirchen eindeutig positioniert: Die Welt ist Gottes Schöpfung, und die gilt es zu bewahren und zu schützen.
Wie verhalte ich mich, was hat das für Konsequenzen, und woher nehme ich die Kraft? Antworten darauf bekommen wir unter anderem in einem Abschnitt aus dem zweiten Brief an Timotheus, der unser heutiger Predigttext ist. Ich lese Sätze aus dem ersten Kapitel:
„Der Geist, den Gott uns gegeben hat, macht uns nicht zaghaft, sondern er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit. Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen. Halte weiter zu mir, obwohl ich jetzt für ihn im Gefängnis bin. Sei auch du bereit, für die rettende Botschaft zu leiden. Gott wird dir die Kraft dazu geben. Er hat uns gerettet und uns dazu berufen, ganz zu ihm zu gehören. Nicht etwa, weil wir das verdient hätten, sondern aus Gnade und freiem Entschluss. Denn schon vor allen Zeiten war es Gottes Plan, uns in seinem Sohn Jesus Christus seine erbarmende Liebe zu schenken. Das ist jetzt Wirklichkeit geworden, denn unser Retter Jesus Christus ist gekommen. Und so lautet die rettende Botschaft: Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht.“
Von seiner Selbstaussage her richtet sich der Brief direkt an Timotheus, einen Mitarbeiter des Paulus. Tatsächlich ist die Zielgruppe die christliche Gemeinschaft im 2. Jahrhundert, die Ermüdungserscheinungen zeigte. Die Erwartung, dass Jesus Christus jeden Moment wiederkommen würde, war nicht erfüllt worden. Was bringt dann die christliche Botschaft noch, wird sich der eine oder andere gefragt haben. Der Schreiber des Briefes macht hier Mut dranzubleiben. Er erinnert an den Glaubensinhalt, weist darauf hin, was Gott den Glaubenden an Gaben schenkt und fordert auf, allen Widrigkeiten zum Trotz auszuhalten und beim Evangelium zu bleiben.
Es gibt viel zu tun – packen wirs an. Genau dazu wird Timotheus, an den der Brief gerichtet sein soll, aufgerufen: „Schäm dich also nicht, dich in aller Öffentlichkeit zu unserem Herrn Jesus Christus zu bekennen. Halte weiter zu mir, obwohl ich jetzt für ihn im Gefängnis bin.
Sei auch du bereit, für die rettende Botschaft zu leiden.“ Eintreten für das, was wichtig ist. Auch wenn es weh tut. Paulus ist dafür mehrfach im Gefängnis gewesen. Andere auch. Die Zeiten waren nicht günstig für die wachsende christliche Kirche. Die Verfolgungen nahmen zu. Umso wichtiger, dass immer mehr Menschen von der rettenden Botschaft erfuhren. Und dafür brauchte es eben Menschen wie Paulus oder Timotheus, die nicht verzagen sondern weitermachen.
Warum konnten sie das? Darauf weist der erste Satz in unserem Abschnitt hin: „Der Geist, den Gott uns gegeben hat, macht uns nicht zaghaft, sondern er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ Wir sind nicht allein. Und auch nicht mittellos. Gott schenkt seinen Geist. Das ist seit Pfingsten bekannt. Der Briefschreiber erinnert nun daran, was der Geist in den Menschen bewirkt. Er macht uns nicht zaghaft. Bei Luther heißt es: Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben. Den gibt es nämlich ansonsten reichlich und gratis. Damals durch die Verfolgungen, heute durch alles, was an Meldungen so auftaucht. Jemand hat gesagt, dass wir eine durch und durch angstgesteuerte Gesellschaft sind. Gottes Geist hält dagegen. Er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit. Kraft, um durchzuhalten, um eben nicht zu verzagen. Liebe, um bei allen Anstrengungen und Aktionen nicht die Mitmenschen aus dem Blick zu verlieren, denn um die geht es ja. Und Besonnenheit – das heutige Wort dafür ist Gelassenheit. Ja, die Devise gilt: Es gibt viel zu tun. Aber sich da reinzustürzen und mehr oder weniger kopflos zu handeln, hilft auch nicht. Gottes Geist ermöglicht uns den Überblick. Wir sollen handeln, aber bedacht und umsichtig.
Schließlich bezieht sich der Text darauf, was die Grundlage des ganzen Handeln sein muss. Stichwort Ostern. Vergiss das nicht, sagt der Verfasser. „Und so lautet die rettende Botschaft: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht.“ Sieg über Tod und Dunkelheit. Gottes Liebe setzt sich durch. Seine Gnade gilt allen Menschen. Das ist die Osterbotschaft. Auch heute, mitten im Herbst. Auf dieser Botschaft bauen wir auf. Darauf steht alles Handeln und Verkündigen in der christlichen Kirche.
Im Text geht es um die Ausbreitung des Evangeliums. Das war das vorherrschende Motiv der damaligen Christenheit. Auch wir sind dazu aufgerufen. Doch unser Handeln bezieht sich auch auf anderes, ich hatte es vorhin schon genannt. Der Klimawandel ist eines der drängendsten Probleme. Fridays for Future macht wieder mobil. Wie passt nun das, was wir im Text lesen, mit der heutigen Situation zusammen?
Natürlich ist alles eine Entscheidungsfrage. Wer für ein durch und durch vergeistigtes Christentum einsteht, den wird das nicht anfechten. Die meisten sehen das allerdings anders. Ich fasse kurz zusammen, warum ich diese Zeilen für durch und durch aktuell und handlungsleitend halte:
1) Grundlegend ist Gottes Liebe für diese Welt und alles, was auf ihr lebt. Das schließt uns Menschen mit ein, aber das andere Leben nicht aus. Der Geist der Liebe setzt hier an. Ihm kann es nicht egal sein, wenn auf Kosten der Menschen anderes Leben zerstört und vernichtet wird.
2) Auch das Reich Gottes, das Jesus verkündet hat, schließt die ganze Schöpfung mit ein – die Bibel berichtet davon.
3) An Ostern geht es um Sündenvergebung und Rettung für die Welt. Das schließt eine Veränderung der davon betroffenen Menschen ein.
Befreiung von Sünden wird ja erst wirksam, wenn der Mensch sich dementsprechend verändert und sich zum Guten wendet. Und sein Handeln danach ausrichtet. Genau so kommt Gottes Liebe in die Welt.
Es gibt viel zu tun – packen wirs an. Wir Christen dürfen und sollen uns engagieren. Uns darf nicht egal sein, dass unser Planet zugrunde gerichtet wird. In der Schöpfungsgeschichte steht am Schluss: „Schließlich betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte, und es war sehr gut!“ Das muss uns leiten. Was Gott geschaffen hat, soll der Mensch nicht zerstören. Weil es um seine Schöpfung geht, sind wir Christen aufgerufen, konsequent dafür einzutreten. Ob beim eigenen Lebensstil, ob auf Demos oder ob in Verantwortungsposition. Wir dürfen nicht schweigen, auch wenn uns das Gegenwind oder Nachteile einbringt.
Und das andere ist: Wir können das, weil Gott uns Kraft, Liebe und Besonnenheit schenkt. Gott lässt uns nicht allein im Kampf für seine Schöpfung, er gibt uns die die Ausrüstung, die wir dazu brauchen. Also packen wirs an!
Amen.

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