Predigt von Sonntag, den 30.08.2020

Predigt am 30.8.20, 12. Sonntag n. Trinitatis über 1. Kor 3,9-17; Pastor L.-U. Kremer

Wo Gott wirkt, geschieht Veränderung. Das ist grob gesagt das Motto dieses Sonntags. Die Lesungen, die wir gehört haben, zeigen das. In der Epistel wurde von der Bekehrung des Paulus erzählt. Hier geschieht mit einem Menschen eine riesige Veränderung, und genau dieser Mensch sorgt dann seinerseits dafür, dass sich ganz viel ändert, nämlich dass sich die christliche Kirche in der damals bekannten Welt ausbreitet. Das Evangelium hat von einer Heilung erzählt. Jesus ändert damit nicht nur den Gesundheitszustand, sondern das gesamte Leben dieses Menschen. Und sorgt mit der Heilung dafür, dass seine Taten und seine Botschaft immer bekannter werden. Dabei ist interessant, dass es sich nicht um das Stärkermachen des schon Starken dreht. Sondern dass gerade Schwache ermächtigt und verändert werden.
Jesus ging es immer um das Reich Gottes, um Gottes Herrschaft in der Welt. Dass es beginnt, dass es wächst, dass es immer mehr Menschen erreicht, die daraufhin ihr Leben ändern. Jesus wandte sich zunächst an Gottes Volk, an Israel. Paulus dann hat die Botschaft in alle Welt gebracht. Es entstanden immer mehr christliche Gemeinden. Gottes Reich wächst. Wie ein Senfkorn, wie ein Sauerteig. Es beginnt ganz klein, ganz regional, und nach und nach wird es immer größer und weltumspannender.
Und heute? Es ist wahr, dass das Christentum weltweit gesehen immer noch wächst. In Europa allerdings werden die Kirchen kleiner. Von Wachstum nichts mehr zu spüren. Da kann man sich schon fragen: War‘s das jetzt? Lohnt sich der Einsatz für die Kirche überhaupt noch? Wie soll es, wie kann es weitergehen?
Paulus, der nun wirklich einen großen Anteil an der Ausbreitung des christlichen Glaubens hatte, ist nie davon ausgegangen, dass mit seiner Arbeit dann alles getan sei. Paulus war es wichtig, dass andere weiter arbeiten, weitere Gemeinden aufbauen, aber auch den Anfang, den Paulus gesetzt hat, in den bestehenden Gemeinden weiterführen. Im heutigen Predigttext aus dem ersten Korintherbrief geht es genau darum. Ich lese einen Abschnitt aus dem 3. Kapitel:
„Wir sind Gottes Mitarbeiter, ihr aber seid Gottes Ackerland und sein Bauwerk. Gott hat mir in seiner Gnade den Auftrag und die Fähigkeit gegeben, wie ein geschickter Bauleiter das Fundament zu legen. Doch andere bauen nun darauf weiter. Und jeder muss genau darauf achten, wie er diese Arbeit fortführt. Das Fundament, das bei euch gelegt wurde, ist Jesus Christus. Niemand kann ein anderes legen. Allerdings kann man mit den unterschiedlichsten Materialien weiterbauen. Manche verwenden Gold, Silber, kostbare Steine, andere nehmen Holz, Schilf oder Stroh. Doch an dem Tag, an dem Christus sein Urteil spricht, wird sich zeigen, womit jeder gebaut hat. Dann nämlich wird alles im Feuer auf seinen Wert geprüft, und es wird sichtbar, wessen Arbeit den Flammen standhält. Hat jemand fest und dauerhaft auf dem Fundament Christus weitergebaut, wird Gott ihn belohnen. Geht aber sein Werk in Flammen auf, wird er seinen Lohn verlieren. Er selbst wird zwar gerettet werden, aber nur mit knapper Not, so wie man jemanden aus dem Feuer reißt. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in eurer Mitte wohnt? Wer diesen Tempel zerstört, den wird Gott ins Verderben stürzen. Denn Gottes Tempel ist heilig, und dieser Tempel seid ihr!“
Paulus nimmt in diesem Kapitel darauf Bezug, dass nicht nur er die christliche Botschaft verbreitet, sondern auch andere. Zunächst geht es ihm besonders um Apollos, auch ein christlicher Lehrer, der nach der Gründung der Korinther Gemeinde durch Paulus die Arbeit dort erfolgreich weiterführt. Weil natürlich jeder einen etwas anderen Schwerpunkt setzt, bilden sich schnell Anhängergrüppchen des einen oder des anderen. Hier will Paulus klarmachen, dass es beiden trotzdem um die selbe Sache geht, nämlich um Jesus Christus. In den Zeilen, die wir eben gehört haben, geht es Paulus dann um weitere Menschen, die mit Gemeinde und Mission befasst sind.
Um zu verdeutlichen, was er meint, nimmt Paulus ein damals wie heute bekanntes Bild, das Bauwerk. Die christliche Gemeinde ist wie ein Bauwerk. Sie braucht einen festen Grund, und sie braucht Architekten, Baumeister und Arbeiter, damit sie entsteht und aufgebaut wird. In den letzten Sätzen wird Paulus noch konkreter: Die christliche Gemeinde ist nicht irgendein Bauwerk, sie ist der Tempel Gottes. Also das heilige Bauwerk der damaligen jüdischen Welt. „Gottes Tempel ist heilig, und dieser Tempel seid ihr!“ schreibt Paulus. Und zwar heilig deshalb, weil Gottes Geist in der Gemeinde wirkt. So ein Gebäude bedarf natürlich der äußersten Sorgfalt.
Aber zunächst verweist Paulus auf die Baugeschichte. Als allererstes kam das Fundament, ohne dieses würde das Gebäude in sich zusammensacken. Dieses Fundament, dieser Grund ist Jesus Christus. Ist all das, was Jesus war und was er gesagt und seinen Jüngern aufgetragen hat. Auf diesem Grund konnte der Bau dann errichtet werden. Angefangen hat, zumindest in Korinth, Paulus als Baumeister. Aber da er sich als Baumeister nicht nur für diese eine Gemeinde sah und dementsprechend nirgendwo lange blieb, haben andere seine Arbeit fortgeführt. In Korinth war es der eben schon genannte Apollos.
Damit weitergebaut werden kann, skizziert Paulus die Aufgabe: Alle, die daran beteiligt sind, müssen verantwortungsvoll mit der Aufgabe umgehen. Es geht immer darum, auf das eine Fundament, nämlich auf Christus aufzubauen. Und darum, das richtige Material zu verwenden, welches Bestand hat. Jeder, der dies tut, muss sich mit seiner Arbeit vor Gott verantworten. Dafür nimmt Paulus den Gerichtsgedanken auf.
Und schließlich nennt er auch jene, die die Gemeinde nicht aufbauen, sondern zerstören. Er glaubt fest daran, dass sie von Gott vernichtet werden, dass sie also ihre gerechte Strafe bekommen. Hier drückt sich seine Hoffnung auf eine endgültige Gerechtigkeit aus. Denn er sieht schon, dass auch vieles erfolglos bleibt oder auch Gemeinden wieder zerstreut und verunsichert wurden. Ohne dass die Menschen, die dieses zu verantworten hatten, vom Blitz getroffen oder sonstwie bestraft wurden. Wenn Gott Gott ist, so Paulus, dann wird er das im Gericht ahnden.
Wie ist das nun heute mit dem Bauwerk, mit der christlichen Kirche? Ich finde das Bild des Paulus auch für die heutige Zeit sehr treffend. Mir fiel als ein gutes Beispiel der Kölner Dom ein. Nicht dass ich nicht jede andere oder auch unsere Kirche nehmen könnte, aber am Kölner Dom wird es meiner Ansicht nach besonders deutlich.
Im Jahr 1248 hat man mit dem Bau des heutigen gotischen Doms begonnen. Die offizielle Fertigstellung wurde im Jahr 1880 gefeiert. Das heißt, über 600 Jahre lang wurde der Dom erbaut. Schon das ist ein passendes Bild für die weltweite Christenheit. Paulus und andere haben zwar begonnen, aber über viele Jahrhunderte hinweg wurde der christliche Glaube immer weiter verbreitet, und in einigen Gegenden geschieht das auch heute noch.
Ab dem Jahr 1880 galt der Dom als fertiggestellt. Die gewollte Größe war erreicht, alles, was ein Kirchengebäude ausmacht, war vorhanden. So einen Punkt könnten wir auch bei der christlichen Gemeinschaft in Europa sehen. Sie wächst nicht mehr weiter – im Gegenteil, sie schrumpft wieder. Der Bau ist also vollendet. Und die Gefahr vorhanden, dass aus dem Gebäude allmählich eine Ruine wird, wenn es nicht weiter gepflegt wird.
Das ist auch die Realität am Kölner Dom. Es gibt bis heute eine Dombauhütte, es gibt bis heute Dombaumeister, obwohl das Gebäude doch als fertig gilt. Und doch muss ständig daran gearbeitet werden, sind Reparaturen fällig, werden Details ausgetauscht, wird vieles auf den heutigen Stand gebracht. Wenn man den Dom genau betrachtet, wird man immer irgendwo ein Baugerüst finden. Dazu sagte einmal eine Dombaumeisterin: „Der Kölner Dom ohne Gerüst ist keine Wunschvorstellung, sondern eine Schreckensvorstellung. Es hieße nämlich, dass wir uns den Dom nicht mehr leisten könnten.“ Was für so ein Gebäude gilt, gilt genauso für den Tempel Gottes, die Gemeinde Christi. Es braucht ständig Baumeister und Arbeiter, damit die christliche Gemeinschaft nicht in sich zusammenfällt. Glaube ist nicht statisch, wenn einmal jemand zum Glauben gekommen ist, heißt das nicht, dass das nun der Endstand ist. Christlicher Glaube braucht die Gemeinschaft und braucht gegenseitige Vergewisserung. Dafür gibt es Pastoren und Diakone, aber viel wichtiger sind die vielen Ehrenamtlichen, die jeweils ihren Teil zur Gemeinde beitragen. Alle müssen sie darauf aufpassen, dass die Grundlage, also Jesus Christus, zu den Menschen kommt. So wie die Dombaumeister darauf aufpassen müssen, dass der Kölner Dom weiter eine christliche Kirche bleibt.
Blicken wir auf uns hier in Wahrenholz. Auch unsere Gemeinde kann nur bestehen, wenn wir das Fundament, die Verkündigung von Jesus Christus, nicht verlassen. Darum geht es. Und darum, wie wir Jesus Christus unter die Leute bringen. Wie wir den christlichen Glauben lebendig erhalten. Paulus hat geschrieben, es wird sich erweisen, wo jemand gut und wo jemand schlecht gebaut hat, welches Material er also verwendet hat. Und wenn wir zurückblicken, entdecken wir sicher Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie die „Baumeister“ sich das gewünscht haben. So haben wir zum Beispiel sehr auf moderne Gottesdienste gesetzt, weil wir meinten, damit mehr Leute zu erreichen und für die christliche Botschaft zu begeistern. Wenn ich ehrlich bin, ist das nicht eingetroffen. Am Anfang war die Neugier noch da, aber dann wurden es weniger Leute, die kamen, und mit Blick auf den Stand des Jahres 2019 können wir sagen, dass bei unseren alternativen Gottesdiensten wie MittenDrin, Gospelkirche oder dem Abendgottesdienst nicht mehr Menschen in die Kirche kommen als bei unseren traditionellen Gottesdiensten am Sonntagmorgen. Anderes dagegen bringt vielleicht mehr in Bewegung, als wir gedacht haben. Ein Beispiel dafür ist für mich die Aktion mit der Kirchenbank im vergangenen Jahr. Wir haben uns dadurch im Dorf ins Gespräch gebracht, die Leute kamen auf uns zu, es gab viel positive Rückmeldung. Ob das dann einst als Gold, Silber oder Edelmetall gilt, wird sich später zeigen.
Wichtig ist, dran zu bleiben und weiter zu bauen. Das gilt für mich als Pastor, für die anderen Mitarbeiter, für den Kirchenvorstand, aber auch alle anderen, die sich hier in unsere Gemeinde einbringen. Immer mit der Frage: Was ist dran und was geht gerade? Wie können wir hier und jetzt auf dem Fundament Jesus Christus weiterbauen? Was braucht der Tempel Gottes, unsere christliche Gemeinde? Und wie bleiben wir offen für Gottes Geist?
Gott setzt gerade auf das Schwache, hatte ich zu Beginn gesagt. Gott braucht keine Superhelden. Sondern Menschen wie uns, wie dich und mich. Amen.

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Predigt von Sonntag, den 23.08.2020

Predigt am 23.8.20, 11. Sonntag n. Trinitatis über Lk 18,9-14 – P. Lars-Uwe Kremer

„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Der Wochenspruch gibt das Thema vor – wir haben ihn vorhin ja schon gehört. Für mich schließt sich gleich die Frage an: Was ist mit diesen beiden Begriffen eigentlich gemeint? Was ist Hochmut, und was ist Demut? Und im Hinterkopf klingt mit: Was ist falsch, und was ist richtig? Wie verhalte ich mich angemessen?
Diese Frage bestimmt auch das Evangelium, das wir gerade gehört haben. Das Gleichnis von den beiden Betern im Tempel. Ich lese es noch einmal in einer anderen Fassung:
„Jesus erzählte einigen, die überzeugt waren, gerecht zu sein, und die anderen verachteten, das folgende Gleichnis: Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete, in sich gekehrt, so: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ganz abseits und wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging befreit in sein Haus zurück, jener nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
Eigentlich ist doch hier alles klar, oder? Wer sich richtig verhalten hat und wer falsch, wer der Gute und wer der Böse ist. Ein Kommentator schreibt zu diesem Text: „Die Parabel des Lukas leuchtet sofort ein. Darin liegt seine Tücke.“ Auf seine Weise hat das Eugen Roth im Gedicht „der Salto“ beschrieben:
Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob!, rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!
Na, haben Sie sich, habt ihr euch eventuell ertappt gefühlt? Das ist bei dieser Geschichte nämlich genau das Problem: In dem Moment, wo wir uns in die Geschichte selbst einordnen, sind wir schon in die Falle gerutscht. Denn wir blicken dann genauso auf den Pharisäer herab, wie dieser auf den Zolleinnehmer herabblickt.
Das Verzwickte ist, dass das ja vollkommen menschlich ist. Wir vergleichen. Und zwar alles und jeden. Wir vergleichen Preise, Urlaubsziele, Versicherungen – kurz alles, was zum täglichen Leben dazugehört. Daran ist nichts auszusetzen. Aber wir vergleichen nicht nur Sachen, sondern auch ständig uns mit anderen Menschen. Das geht bei den Kindern schon los. Wer kann am weitesten spucken? Wer ist am mutigsten? Wer hat die meisten Freundinnen oder Freunde? Sport zum Beispiel funktioniert nur im Vergleich, darum geht es dort die ganze Zeit.
Schwierig wird es dann, wenn der Vergleich in Bereiche einzieht, die persönlich sind. Wo es um den Menschen als Ganzes geht. Wie im Bereich des Glaubens. Die Kirche ist hier nicht unschuldig. Ihre gesamte Geschichte hindurch wurden wieder und wieder Menschen abgewertet, weil sie nicht den richtigen Glauben hatten. Ketzer wurden verbrannt, ganze Menschengruppen ausgestoßen, Völker gewaltsam missioniert. Immer war klar, was richtig und was falsch war, welcher Glaube der angemessene und welcher abzulehnen ist. Die, die das vertreten haben, hätten sich immer sofort beim Zöllner verortet und waren doch nichts anderes als dieser Pharisäer. Und indem ich das sage, gerate ich natürlich auch gleich in die Gefahr.
Die entscheidende Frage ist doch: Wie können wir diese fiese Falle vermeiden und trotzdem den Unterschied markieren, den für uns Gottes Reich und unser Verhältnis zu ihm ausmacht?
Ich will noch einmal genauer auf die beiden Betenden blicken. Jesus nennt zum einen den Pharisäer. Dieser gehörte also zu denen, die sehr fromm waren und sehr darum bemüht, dass sie und alle anderen die göttlichen Gesetze möglichst genau befolgen.
Letztlich ist aber egal, zu welcher Gruppe er gehört. Es geht darum, wie sein Verhältnis zu Gott bestimmt ist. Wir können erkennen, dass er sich im Vergleich zu anderen Menschen bewertet. Er geht von sich aus und zählt auf, was er alles richtig macht. Und nennt dann die, die das seiner Meinung nach nicht tun. Für ihn ist also klar, wie Glaube auszusehen hat – nämlich so, wie er ihn lebt. Das Gebet zu Gott ist also eher eine Selbstbestätigung als ein echtes Gespräch. Er ist angekommen, schon längst. Das Gebet und der Dialog mit Gott ändern für ihn nichts. Seinen Glauben und sein Leben würde ich als statisch bezeichnen.
Als zweite Person nennt Jesus einen Zolleinnehmer. Er gehört zu denen, die vom ersten Beter verachtet werden. Er gehört zu denen, die bei den meisten Menschen damals unbeliebt waren, weil sie mit den Besatzern kollaborierten und im Ruf standen, gerne und viel in die eigene Tasche zu wirtschaften. Der geht nun auch in den Tempel, aber traut sich gar nicht nah heran. Er hat die Nähe Gottes gesucht, merkt hier aber, dass er vor diesem Gott gar nicht bestehen kann. Er ist im Tiefsten erschüttert. Und merkt vermutlich, dass er nicht so weitermachen kann wie vorher. Sein Gebet bewirkt bei ihm eine große Veränderung. Er ist nicht etwa angekommen, sondern hat sich gerade erst auf den Weg gemacht. Die Suche der Nähe Gottes im Tempel ist der Beginn seiner Suche im Glauben. Gebet ist bei ihm eine echte Herausforderung, eine wirkliche Ansprache durch Gott. Ganz anders als bei dem Erstgenannten bewegt sich hier ganz viel.
Unter diesem Blickwinkel nähern wir uns nun noch einmal den Begriffen Hochmut und Demut. Es sind Begriffe, die das Gottesverhältnis charakterisieren. Das Verhältnis zwischen mir als einzelnem Menschen und Gott. Wie weit lasse ich mich auf diesen Gott ein?
Und wie weit lasse ich hier andere außen vor? An dieser Stelle geht es nämlich nur um mich und was Glaube bei mir bewirkt. Nehme ich Gott als Gott ernst? Lasse ich mich durch ihn wirklich anfragen? Bin ich bereit, mein Leben und Verhalten unter dem Blickwinkel Gottes zu betrachten? Das wäre das, was die Bibel mit Demut bezeichnet. In meinen Worten: Im Glauben unterwegs sein, auf der Suche sein und bleiben, nicht in die Gefahr geraten, sich angekommen zu wähnen.
Wenn uns das gelingt, verändert sich auch der Blick auf die Anderen. Dann messen wir sie nicht an dem, was wir für richtig halten. Denn wir sind ja selbst weiterhin auf der Suche nach diesem Richtigen. Aus dem menschlichen Blick, der ständig am Vergleichen ist, wird der Blick Gottes, der nicht wertet, sondern liebevoll auf den Menschen blickt. Wenn wir uns im Glauben von Gott anfragen lassen und merken, dass die Veränderung uns weiterbringt, dann wünschen wir das auch für unsere Mitmenschen. Und vielleicht gerade auch für die, die meinen, angekommen zu sein. Dass sie sich auch darauf einlassen können, sich von Gott anfragen zu lassen. Dass sie Positionen hinterfragen und in Bewegung geraten. Aber wir wünschen das nicht, weil wir uns auf diesem Gebiet für besser halten. Sondern weil wir ganz vielen Menschen wünschen, dass sie durch den Glauben in Bewegung gebracht werden. Damit wir gemeinsam auf dem Weg zum Reich Gottes unterwegs sein können. Damit wir aus der Statik und dem Verharren in die Bewegung geraten.
Wo ich schon einmal ein Gedicht bemüht habe, will ich mit gereimten Versen eines Kollegen enden:
„So bleibt am Ende vom Gedicht:
Vergleichen tu’ doch besser nicht!
Für das, was gut in Deinem Leben,
da kannst Du Gott Dein Danke geben.
Und Dein Versagen, Deine Schuld
leg’ einfach ab in seine Huld!
Nur dass Du keinesfalls vergisst:
Dass Du beim Beten ehrlich bist!
Mehr noch als Du, ganz ohne Fragen,
will Gott die GANZE Wahrheit tragen.
Von Gott geliebt – das sollte reichen.
Du musst Dich dann nicht mehr vergleichen.“1
Amen.

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Gottesdienst von Sonntag, den 26.07.2020

Gottesdienst am 26.07.2020, 7. Sonntag nach Trinitatis, Lektorin Ulrike Meyer

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserm Vater und dem Herrn Christus Jesus. Amen.

Predigttext 7.So. n. Trinitatis, Hebräer 13,1-3
1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Wir beten: Herr Jesus Christus! Lass den Glauben wachsen unter deinem Wort, und schaffe in uns reiche Frucht der Liebe. Stärke in uns die Hoffnung der Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Das Neue Testament versteht Gottesdienst als die Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als die Christusnachfolge im Alltag der Welt.“
„Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ Und das meint eben nicht die Veranstaltung am Sonntagvormittag, sondern einen umfassenden Lebensvollzug: „Denkt an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.“
Wir alle sind Menschen mit Bedürfnissen: Nach Nahrung, Schlaf und frischer Luft, Schutz und Sicherheit, nach Anerkennung, Erfolg und Liebe, nach Beziehungen, Freiheit, Bildung, Selbstverwirklichung und Glück. Menschen mit Grenzen und Möglichkeiten, Menschen, die darauf angewiesen sind, zu nehmen, aber die auch geben können. Gebt eure Leiber hin, eure ganze leibliche Existenz als ein Opfer, – das meint genau dies: Gottesdienst als die „Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als Christusnachfolge im Alltag der Welt“.
„Warum sollte jemand eigentlich zum Gottesdienst gehen?“ Warum sollte jemand die Mühe auf sich nehmen, aufzustehen und sich in die Kirche zu bewegen, – warum soll sich jemand das, was er für seinen Glauben braucht, nicht einfach virtuell im Internet oder sonstwie beschaffen? Die Antwort liegt im Hinweis auf die Leiblichkeit: Weil es um den ganzen Menschen geht, der Leib ist. Und um die Gemeinde, die Leib Christi ist, – und um mich, der ich ein Teil, ein Glied dieses Leibes bin. Christsein ist nicht ohne diese Leiblichkeit zu haben, und das hat ja auch was: Glaube ist kein Hirngespinst, keine Kopfgeburt, keine körperlose Idee, – sondern betrifft mich in meiner ganzen Existenz mit all meinen Bedürfnissen und Bezügen: „Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.“ Das ist – in ganz schlichten Worten – ein Bild von der Gemeinschaft der Heiligen, – vom geschwisterlichen Miteinander der Christen, das nicht von Egoismen und Abschottung geprägt ist – von einer „America first“- Haltung, oder einer „My Home ist my castle“- Mentalität, – sondern von Solidarität, die um die eigenen Bedürfnisse weiß und darauf achtet, – aber auch daran denkt, dass der Mensch neben mir auch solche Bedürfnisse hat und haben darf: „Wir haben einen Gott und Herrn, sind Glieder eines Leibes, drum diene deinem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich.“
Gottesdienst als die „Gesamthaltung eines Lebens, das Gott gehorsam sein will, als Christusnachfolge im Alltag der Welt“ – das wird dann plötzlich zu einer ziemlich herausfordernden Angelegenheit, die mit vielleicht 1½ Stunden am Sonntagvormittag bei weitem nicht erledigt ist. „Bleibt fest in der brüderlichen, in der geschwisterlichen Liebe.“ Das ist die Überschrift zu dem allen. Und knüpft an das Gebot Jesu: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt“ an.
“In der Gastfreundschaft, von der nun die Rede ist, wird das konkret – und mit einem ganz besonderen Hinweis verbunden: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Das erinnert an den Besuch der drei Männer (oder Engel) bei Abraham und Sara.
Gastfreundschaft ist im Orient eine heilige Ordnung – eine heilige Pflicht. Als die beiden Engel Lot besuchen, und die fürchterlichen Leute aus Sodom von ihm verlangen, dass er ihnen die Fremden ausliefert, bietet Lot ihnen, um sie zu schützen, als Ersatz seine Töchter an. Unfassbar für uns, aber es illustriert, welch hohen Rang dieses Gebot der Gastfreund-schaft hatte. Dabei nimmt Lot die Fremden nicht auf, weil sie Engel sind – das weiß er gar nicht. Für ihn sind es einfach zwei Reisende, denen er sein Haus als Herberge für die Nacht anbietet. Dass das sein ganzes Leben verändern – und ihn in der Folge vor allem retten wird, ahnt er da noch nicht. Seine Gastfreundschaft ist vollkommen uneigennützig und so soll es auch sein.
Doch schauen wir auf die momentane Lage, wie weit können wir uns erlauben zu gehen mit unserer Gastfreundschaft? Wer weiß denn bei den vielen Änderungen noch genau mit wie vielen Leuten er sich in der Öffentlichkeit – natürlich mit Abstand – draußen im Freien treffen darf. Und wie ist das, wenn Besuch zu mir nach Hause kommt? Zugegeben, jeder hat doch irgendwie gemischte Gefühle – sich anzustecken wäre fatal – aber ohne Kontakte waren wir doch schon lange genug, niemand hält das lange aus.
Und was macht das alles mit unserer Gemeinde? Gemeinsames Singen, jedenfalls hier in der Kirche, ist nach wie vor streng erboten und auch die Chöre sind bei den derzeitigen SeuchenSchutzBestimmungen nicht in der Lage zu üben, noch viel weniger ihr Können zu präsentieren.
Was wäre, wenn sich jetzt wieder Scharen von Flüchtlingen auf den Weg in Richtung Westeuropa machen würden? Die Lage in den Lagern ist meines Erachtens nicht hinzunehmen.
Keine ausreichende Hygiene, wenig medizinisches Personal und wie sieht es mit Testmöglichkeiten auf das Virus und damit verbundener Quarantäne bei überfüllten Lagern aus? Aber was sollen, was können wir tun? Wir müssen ja jetzt sehen, dass wir selbst aus der Krise heraus kommen, oder?
Von Gastfreiheit kann da wohl keine Rede sein.
Doch:
„Gastfrei zu sein vergesst nicht. Denkt an die Gefangenen oder die Flüchtlinge, als wärt ihr Mitgefangene und an die Misshandelten, weil ihr am Leib Christi lebt.“
Seid da für die, die euch um Hilfe bitten, auch wenn’s gerade nicht passt – und Mühe macht. Und, wie war das doch mit den Engeln? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Verfasser Ursprungstext: Pfr. St. Förster, Heidelbeg, 2018