Gottesdienst von Sonntag, dem 28.06.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder nach dem Gottesdienst als Ausdruck mit nach Hause nehmen. Die Ausdrucke liegen außerdem weiterhin im Vorraum des Küsterhauses aus.

Gottesdienst am 21.06.2020, 3. Sonntag nach Trinitatis

Die letzten beiden Sonntage habe ich jeweils mit einer Frage begonnen. Hier ist die nächste: Worauf hoffen wir?
Es passt für mich gut in die Reihe der Sonntage, die nach dem Trinitatisfest begonnen haben und ganz schlicht gezählt werden. Denn jeder dieser Sonntage hat ein spezielles Thema. Alle Themen drehen sich um christlichen Glauben und christliches Leben, so auch heute. Und weil nie etwas so einfach ist, wie es scheint, habe ich dazu jeweils eine Leitfrage vorweg gestellt. Heute also: Worauf hoffen wir?
Hoffnung ist etwas ganz Entscheidendes. Nicht nur bei uns als Christen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist so ein geprägter und geflügelter Satz. Jeder Mensch hofft irgendetwas. Was hoffst du? Manchmal sind es kleine Dinge, wie „ich hoffe, dass morgen das Wetter schön ist“. Manchmal sind es nur von außen betrachtet kleine Dinge, wenn jemand hofft, dass er beim Arztbesuch von keiner ernsthaften Diagnose erfährt. Und manchmal sind es auch große Dinge: „Ich hoffe, dass die Coronapandemie abflaut und keine zweite Welle entsteht“ oder „Ich hoffe, dass die Menschheit noch die Kurve kriegt und alle Anstrengungen darauf hin leitet, dass die Klimakrise bezwungen werden kann“. Hoffnung kann eben auch bestehen, obwohl es nicht danach aussieht – wie beim letztgenannten Beispiel.
Was ist also Hoffnung? Ich glaube, so etwas wie der Lebenswille. Wer keine Hoffnung mehr hat, gibt auf. Hoffnung hält uns aufrecht, trotz allem, was uns umgibt. Worauf hoffen wir?
Den Predigttext für heute aus dem Alten Testament stelle ich auch unter das Thema Hoffnung, denn er spricht in eine trostlose Situation hinein. Ich lese die letzten Sätze aus dem Michabuch im 7. Kapitel:
„Herr, wo ist ein Gott wie du? Du vergibst denen, die von deinem Volk übrig geblieben sind, und verzeihst ihnen ihre Schuld. Du bleibst nicht für immer zornig, denn du liebst es, gnädig zu sein! Ja, der Herr wird wieder Erbarmen mit uns haben und unsere Schuld auslöschen. Er wirft alle unsere Sünden ins tiefste Meer. Herr, du wirst uns, den Nachkommen von Abraham und Jakob, deine Treue und Gnade erweisen, wie du es einst unseren Vorfahren geschworen hast.“
Erst einmal ein Blick darauf, wo hinein diese Sätze gesprochen wurden. Den Propheten Micha bezeichnen wir eigentlich als Gerichtspropheten, der dem Volk Unheil angesagt hat, weil es sich nicht an Gottes Regeln gehalten hat. Nun ist das Michabuch nicht in einem Guss entstanden, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Der Schluss des Buches, also die Sätze, die wir eben gehört haben, ist so etwas wie ein Kommentar zu dem Vorhergehenden. Inzwischen ist das eingetreten, was Micha vorhergesagt hat, die Menschen leben in einem verwüsteten Land. Der Prophet glaubt aber nicht an einen düsteren Schicksalsgott, dem nach der Verhängung des Urteils alles egal wäre. Und so spricht er Gott, seine Landsleute und die Leser des Buches gleichzeitig an und wirbt für den Gott, der Gnade walten lässt, weil er seinem Volk die Treue geschworen hat.
Worum geht es nun in unserem Abschnitt? Wichtige Stichworte sind Vergebung und Gnade. Gott ist nicht ein Gott des Zorns, sondern der Gnade, so formuliert es der Prophet. Gott verzeiht die Schuld, und er bleibt treu und erweist Gnade. Erst einmal ist das sehr nahe an dem, was wir vorhin im Evangelium gehört haben. Das so bekannte Gleichnis vom Vater und den beiden Söhnen. Auch dort sieht der Vater nicht auf das, was der jüngere falsch gemacht hat, sondern bleibt ihm als Vater treu und nimmt ihn wieder auf. Der Vater, das wisst ihr alle, steht im Gleichnis für Gott, unseren Vater. Wenn wir aber genauer hinschauen, handelt Gott dort trotzdem ganz anders, als er uns in den Sätzen des Micha entgegenkommt. Während im Evangelium Gott als der geduldig Wartende und sanftmütige Vater erscheint, der sogar den Zorn des Älteren aushält und ihn auf seine Liebe zu beiden Söhnen hinweist, ist der Gott, den Micha beschreibt, äußerst leidenschaftlich. Wir können das durchaus als Zornesausbruch ansehen, wenn Gott wie ein Wilder auf der Schuld herumtrampelt, wie es im Original heißt, und die Sünden nimmt und bis in die äußerste Tiefe des Meeres schleudert. Da ist Druck hinter.
Aber es ist eben kein Zorn gegen die Menschen, sondern gegen das, was seine Menschen von ihm trennt. Gott streitet für und um seine Menschen.
Und noch etwas fällt mir bei diesen Zeilen im Vergleich zum neutestamentlichen Gleichnis auf. Während Jesus dort eine Aussage über Gott macht: So ist Gott zu euch, nämlich wie ein liebender Vater – sind für mich die Zeilen des Micha eher eine Beschwörung: Du bleibst nicht immer zornig! – Du wirst wieder Erbarmen mit uns haben! – du wirst uns deine Treue und Gnade erweisen! Das sind Dinge, die die Leute im Umfeld Michas gerade nicht erlebten. Wie gesagt, es ging ihnen ziemlich schlecht. Und Micha wohl auch. Und so hält er sich an das, was er aus den Schriften herausliest, und was er von Gott erfahren hat. Er erinnert geradezu Gott an das, was der seinem Volk zugesagt hat. Gott, wie war das mit den Zusagen gegenüber Abraham und Jakob? Also sei bitte auch so! Was hinter diesen Zeilen damit aufscheint, ist Hoffnung. Eben diese Hoffnung, die bestehen bleibt, obwohl die Wirklichkeit gar nicht danach aussieht. Micha hält sich an der Hoffnung auf einen gnädigen und vergebenden Gott fest. Gott wird so sein, auch wenn wir unsere Zeit gerade anders erleben, so scheint er zu sagen. Das heißt, Micha wünscht sich auch seinen Gott als einen, der leidenschaftlich für seine Menschen streitet.
Ich nehme noch eine andere Bibelstelle mit hinein, nämlich den Wochenspruch. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Ich habe ihn am Anfang des Gottesdienstes schon genannt. Auch das Wort Verloren klingt den Gottesdienst über mit. Das Gleichnis aus dem Evangelium wird gern mit „Der verlorene Sohn“ überschrieben. Hier klingen also Menschen an, die sich verloren haben. Die den Bezug zum Vater verloren haben und sich in Beziehungen hineingeben, die nicht gut für sie sind, ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen. Verlorene können Einzelne sein, aber auch ganze Menschengruppen. Verloren sind zum Beispiel die, die unter Kriegszuständen leben müssen. Verloren sind die, die keine Hoffnung mehr haben. Verloren sind auch die, die keine Stimme haben, die nicht gehört werden. Verloren sind also schließlich ebenfalls die, die die Worte des Micha gehört haben, an die diese Worte gerichtet waren.
Das bringt mich zur Frage, wie wir mit den Sätzen umgehen. Dürfen wir uns Verlorene nennen, sind wir gemeint, wenn gegen den Augenschein gehofft und angepredigt wird? Uns geht es durchschnittlich gesehen gut. Aber wie ist das mit der immer noch aktuellen Situation? Die meisten von uns sind nicht unmittelbar betroffen, doch die Pandemie stellt trotzdem für alle eine Bedrohung dar. Und eine noch viel größere Bedrohung ist der fortschreitende Klimawandel, auch wenn wir den manchmal gar nicht auf dem Schirm haben. Auch würde ich bei dem Stichwort Verloren nicht nur von den verlorenen Menschen sprechen wollen, sondern auch von dem Verlorenen in uns. Von dem, was uns runter zieht, was uns beschwert, was uns fertig macht. Von dem, was uns von Gott trennt, weil wir uns von vielen Sachen nicht trennen können, auch von schlechten Eigenschaften nicht. Von dem, wo wir Aussetzer haben, wo wir nicht mehr nachdenken.
Auch wir brauchen den, der das Verlorene sucht. Auch wir brauchen den, der unsere schwarzen Anteile niedertrampelt und wegwirft. Auch wir brauchen den, an dem wir uns festhalten können, weil er uns und unseren Vorfahren seine Treue und Gnade zugesagt hat. Auch wir brauchen den, auf den wir vertrauen können, obwohl alles um uns herum gar nicht nach Hoffnung, sondern nach Verzweiflung aussieht.
Worauf hoffen wir? Ich würde sagen: Darauf, dass Gott letztlich alles zum Guten führen wird. Dass er mich nicht fallen lässt, sondern in meinem Leben an meiner Seite bleibt. Darauf, dass er meine verlorenen Anteile aufspürt und sich darum kümmert, dass ich ohne sie leben kann. Dass er uns alle, seine ganze Schöpfung in seinen Händen hält. Und so dürfen wir uns an ihn wenden und ihn darauf festnageln, wie Micha es getan hat: „Herr, du wirst uns deine Treue und Gnade erweisen, wie du es einst unseren Vorfahren geschworen hast.“
Amen.

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