Predigt von Sonntag, den 21.06.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder nach dem Gottesdienst als Ausdruck mit nach Hause nehmen. Die Ausdrucke liegen außerdem weiterhin im Vorraum des Küsterhauses aus.

Gottesdienst am 21.06.2020, 2. Sonntag nach Trinitatis

Wohin gehen wir? Schon am letzten Sonntag habe ich mit einer Frage begonnen, nämlich: Wie leben wir? Heute also: Wohin gehen wir? Angelehnt an den Spruch: Wer weiß, wo das alles noch hinführt… Die Frage können wir in der aktuellen Situation schon stellen. Auch wenn bei uns das Virus zur Zeit zurückgeht – an anderen Orten der Welt geht es heftig weiter. Und auch bei uns ist ja eine zweite Welle nicht ausgeschlossen. Wohin führt das alles? Was steht uns noch bevor? Die Frage können wir genauso auf die Entwicklung des Klimas beziehen. Der Wandel hat längst begonnen, die Warnzeichen werden immer deutlicher, und doch tun die meisten Staaten immer noch so, als ob sie das alles nichts angehe. Wohin gehen wir?
Die Frage können wir auch allgemein stellen: Wohin gehen wir, wohin gehst du, wohin gehe ich? Was ist dir wichtig? Was hast du für ein Ziel? Worauf gehst du zu? Das betrifft jeden, glaube ich. Diese Frage gehört sicherlich zum Menschsein dazu. Meist beschreiben wir das Leben als einen Weg, das Wort Lebensweg ist überaus gebräuchlich. Das heißt, in unserem Leben sind wir unterwegs. Aber wohin?
Der heutige Sonntag spricht eine Einladung aus: Kommt her zu mir, spricht Jesus. Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus davon erzählt, dass jemand zu einem Festessen einlädt, aber die Geladenen sich alle entschuldigen. Da lädt er andere ein, und die ursprünglich Eingeladenen müssen draußen bleiben. Jesus benutzt dies als ein Bild für Gott. Der uns alle einlädt, aber nicht alle kommen. Wir sind eingeladen, aber die Entscheidung liegt bei uns. Wohin gehen wir?
Der Wochenspruch formuliert ebenfalls eine Einladung – wir haben ihn am Anfang schon gehört. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Jesus lädt ein, zu ihm zu kommen. Dieser Vers stammt aus dem Predigttext für heute. Ich lese den Abschnitt aus Matthäus 11 in einer modernen Fassung:
„Jesus betete: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast. Ja, Vater, das war dein Wille, so hat es dir gefallen. Mein Vater hat mir alle Macht gegeben. Nur der Vater kennt den Sohn. Und nur der Sohn kennt den Vater und jeder, dem der Sohn ihn offenbaren will. Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab. Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.«“
Jesus tut hier drei Dinge. Zunächst spricht er Gott direkt an und preist ihn. Dann spricht er von sich im Verhältnis zu seinem Vater, gibt an, mit welcher Vollmacht er spricht. Und schließlich spricht Jesus eine Einladung aus: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“ Schauen wir uns diesen Vers einmal genauer an.
Kommt her zu mir. Jesus will, dass wir zu ihm kommen. Interessant, wo er doch sonst immer selbst zu den Menschen hingegangen ist. Er lädt also zu sich ein. Und meint damit sicherlich nicht einen Ort, sondern seine Nähe. Hier spricht also deutlich der Auferstandene mit, der gesagt hat: Siehe, ich bin bei euch. Jesus will mit uns Gemeinschaft haben. Aber er will auch, dass wir dies selbst entscheiden, uns also eigenständig zu ihm auf den Weg machen.
Als nächstes folgt das Wort „alle“. Jesus, der im Auftrag Gottes spricht, unterscheidet nicht, er wendet sich allen Menschen zu. Jeder kann zu ihm kommen. Für jeden steht die Tür offen. Die Entscheidung, wer das dann tatsächlich alles ist, trifft nicht Jesus, sondern der angesprochene Mensch selbst. Da sind wir wieder in der Nähe der Geschichte aus der Lesung, wo auch die Menschen entscheiden und nicht Gott. Angesprochen sind sie alle.
Dann spricht er sie als die an, „die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet!“ Die Lutherübersetzung benutzt die bildliche Wendung „die ihr mühselig und beladen seid“. Gemeint waren damals die Lasten, die die religiösen Autoritäten den Menschen auferlegt hatten. Das Halten jeglicher Gesetze, die ständige Überwachung, ob das auch geschieht. Jesus ging es in allem um Gott, darin war er sich mit seinen Gegnern, den Schriftgelehrten und Pharisäern einig. Aber er betrachtete deren Vorgaben als den falschen Weg, näher zu Gott zu kommen.
Die Leute hatten nur die vielen Vorschriften und Regeln vor Augen, nicht mehr den liebenden Vater, von dem Jesus so sehr überzeugt war. Mit religiösen Lasten mühen wir uns heute kaum noch ab. Das heißt aber nicht, dass wir keine hätten. Dazu komme ich gleich noch.
Schließlich sagt uns Jesus in seinem Einladungsruf, was er mit uns vorhat: „Ich werde euch Ruhe geben“. Andere Übersetzungen formulieren hier: Ich nehme euch eure Lasten ab. Jesus will nicht, dass wir uns abmühen wie in einem Hamsterrad. Er bietet uns eine einfacheren Weg zu Gott an. Die Wendung „Ruhe geben“ weckt Sehnsüchte. Raus aus dem Trott. Kein Stress mehr, kein Druck mehr. Nicht mehr tun müssen, sondern höchstens tun wollen. Jesus weiß, dass Gott ihn und uns liebt, und so bietet er Zuflucht. Pause machen.
„Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet!“ Welche Lasten tragen wir? Da fällt euch sicherlich ganz viel ein. Da sind zum einen Ängste. Die Angst vor dem Virus gehört auf jeden Fall dazu – etwas, das sich unbemerkt einschleicht und größte Kreise zieht. Da kann man schon Angst kriegen. Auch die Angst vor dem Klimawandel ist so etwas. Wie leben wir in zehn Jahren? Wie wird es meinen Kindern gehen? Gibt es noch eine Rettung? Ein weitere Last ist der Druck, den wir uns im Alltag machen und auch der, der uns gemacht wird. Anforderungen durch den Arbeitgeber. Gesellschaftliche Anerkennung. Innere Ansprüche an sich selbst. Diese Form der Last hat schon manchen zu Boden gedrückt. Auch aus- oder unausgesprochene Verhaltensregeln können belasten. Da fällt euch hier in Wahrenholz sicherlich einiges ein.
Was bietet Jesus uns nun? Er will uns die Lasten abnehmen, beziehungsweise er will uns Ruhe geben. Macht er dann alles? Den Job, die gesellschaftlichen Verpflichtungen und so weiter? Sicher nicht. Es ist mehr ein Erleichtern, das Jesus uns anbietet. Bei Luther heißt es im nächsten Vers: „Nehmt auf euch mein Joch“. Da war ich doch zunächst verwirrt. Er will uns die Last abnehmen und legt uns ein Joch auf? Als Kind habe ich immer ein Joch vor Augen gehabt, dass zwei Ochsen getragen haben, um den Pflug zu ziehen. Nicht dass ich schon so alt bin oder überhaupt von Landwirtschaft Ahnung gehabt hätte. Das waren Bilder, die sich mir eingeprägt haben, vielleicht aus meiner Kinderbibel. Und dann dachte ich: So ein Joch soll ich jetzt tragen? Das ist ja noch schwerer.
Aber man lernt ja dazu. Ein Joch ist nämlich dazu dagewesen, die Lasten, die es zu tragen galt, besser zu verteilen und so dem Träger zu erleichtern. Jesus sagt also, dass es mit seiner Hilfe leichter ist, unsere Lebenslasten zu tragen. Die, die wir nicht brauchen, nimmt er uns ab, und die anderen trägt er mit.
Apropos Lernen: Jesus fordert uns gleichzeitig auf, von ihm zu lernen. Nämlich seine Art, mit dem Leben umzugehen. Er sagt: „ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab.“ Was also lernen wir? Zum Beispiel seine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Vater, zu unserem Gott. Lernt, Vertrauen zu haben. Schon das erleichtert euch vieles, sagt Jesus. Damit lernen wir gleichzeitig eine Sorglosigkeit für das Alltägliche. Macht euch nicht immer so einen Kopf! Gott sorgt schon für euch. Wir lernen, frei zu werden für andere. Nehmt euch selbst nicht so wichtig, achtet aufeinander, im anderen Menschen begegne ich selbst euch. So sollen wir einen Blick für das Wesentliche bekommen. Der Blick auf das, was Gott mit uns vorhat.
Wohin gehen wir, hatte ich gefragt. Am besten zu Gott und zu Jesus, so müsste hier die Antwort lauten. Denn wir sind unterwegs, ob wir wollen oder nicht. Aber wir können uns aussuchen, ob wir alle Last selber tragen wollen oder ob wir zu jemandem gehen, der uns einen Gutteil davon abnimmt. Ob wir uns selbst mit unseren Zukunftsängsten herumschlagen, oder ob wir sie Gott anvertrauen und in seine Hände legen. Der Weg hin zu Gott gibt uns das Ziel vor, wir müssen nicht ziellos umherirren. Und wenn die Wegstrecke zu anstrengend wird, biegen wir ab und folgen der Einladung Jesu: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“
Amen.

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