Predigt für Sonntag, den 14.06.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder an den bekannten Stellen als Ausdruck mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst am 14.06.2020, 1. Sonntag nach Trinitatis

Wie leben wir? – Warum diese Frage? Leben tun wir doch ohnehin, das ergibt sich schon irgendwie. Ich stelle sie trotzdem: Wie leben wir? Das ist nämlich nicht zwangsläufig oder egal. Die Corona-Krise hat das ans Tageslicht gebracht. Die vielen Selbstverständlichkeiten, die wir vorher einfach mitgenommen haben, waren auf einmal nicht mehr möglich. Ungezwungenes Shoppen, Café-Besuch, Partys. Das stellte uns plötzlich vor die Frage, was wir denn jetzt mit der uns gegebenen Zeit anfangen? Und wo wir die Prioritäten setzen.
Und ich glaube, es geht hier nicht nur um Vorlieben und konkrete Dinge. Es geht um eine generelle Lebenshaltung – auch das hat Corona gezeigt: Leben wir nur auf uns bezogen, sind die Menschen um uns herum nur unausweichliches und manchmal ärgerliches Beiwerk auf unserem Weg der Selbstverwirklichung? Oder leben wir bewusst miteinander, stellen wir uns auch mal zurück, weil es für unsere Mitmenschen wichtig ist? Ich nenne nur Mindestabstand und Mundschutzpflicht…
Jetzt die Frage noch einmal spezieller gestellt: Wie leben wir als Christen? Gibt es Unterschiede zu anderen Menschen? Wenn ja, warum? Und wenn nicht, was zeichnet uns dann als Christen aus? Eine Sache kann ich schon mal vorwegstellen: Wie wir leben und wie wir uns verhalten, sollte immer in Gottes Wort gegründet sein. Die zehn Gebote, die Worte Jesu und vieles mehr. Doch wie lebt es sich damit konkret? Lebt der Mönch genauso wie der christliche Manager? Was ist christliches Leben? Reicht es, sich mit einer Bibel in der Hand vor eine katholische Kirche zu stellen, während hunderte von Leuten extra dafür mit Tränengas und Knüppeln vertrieben werden? Oder ist da noch mehr?
Schon die Epistel für heute, die wir vorhin gehört haben, hat deutliche Worte gefunden: „Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner.“ Der Predigttext für heute wird noch deutlicher. Er liefert ein sehr konkretes Beispiel dafür, wie Christen miteinander leben können. Ich lese einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte im 4. Kapitel:
„Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam. Mit großer Überzeugungskraft berichteten die Apostel von der Auferstehung des Herrn Jesus, und alle erlebten Gottes Güte. Keiner der Gläubigen musste Not leiden. Denn wenn es an irgendetwas fehlte, war jeder gerne bereit, Häuser oder Äcker zu verkaufen und das Geld den Aposteln zu übergeben. Die verteilten es an die Bedürftigen. Josef, ein Levit aus Zypern, gehörte auch zu denen, die ihr Hab und Gut zur Verfügung stellten. Die Apostel nannten ihn Barnabas, das heißt übersetzt: »der anderen Mut macht«. Er verkaufte seinen Acker und überreichte das Geld den Aposteln.“
„Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele.“ Wow! Sehen wir uns eine normale Kirchengemeinde an, stellen wir fest, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Aber schauen wir einmal genauer hin. Es geht um die Anfänge der christlichen Gemeinde. Lukas beschreibt speziell die christliche Gemeinschaft in Jerusalem. Und zwar in der allerersten Zeit. Da gehört die Begeisterung des Anfangs zweifelsohne dazu. Sie alle waren Teil von etwas ganz Neuem, sie waren erfüllt von Gottes Wort und dem, was wir den Heiligen Geist nennen. Und noch standen die großen Konflikte mit der jüdischen Gemeinschaft bevor, sie konnten relativ unbehindert ihr neues Leben gestalten.
Was war das für ein Leben? Sie lebten gemeinsam, aber nicht etwa zusammen. Von einer Art Kommune kann also nicht die Rede sein. Weiterhin lebten sie jeweils in ihren eigenen Häusern. Aber sie trafen sich regelmäßig, um zu beten und miteinander Abendmahl zu feiern – davon wird im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet. Wir sprechen also nicht von einer Hausgemeinschaft, wohl aber von einer Gütergemeinschaft. „Alles gehörte ihnen gemeinsam“. Wie sah das konkret aus? Ich glaube nicht, dass sie alle Dinge und Besitztümer durchgetauscht haben. Oder es eine Enteignung gab und alles an einer zentralen Stelle gelagert wurde. Eher so, dass, wenn jemand ein bestimmtes Haushaltsgerät brauchte und ein anderer dieses besaß, dieses ihm zur Verfügung gestellt wurde. Du musst nach Gifhorn, hast aber gerade kein Auto zur Verfügung. Also gebe ich dir mein Auto, weil ich es im Moment nicht brauche. Ein flexibler Umgang mit den Dingen, die vorhanden waren. Das war das eine.
Das andere war der Umgang mit Geld und größerem Besitz. Schon die erste Gemeinde in Jerusalem war eine bunte Mischung von Menschen aus allen Schichten. Da gab es Menschen, die irgendwie zusehen mussten, wie sie den nächsten Tag überleben, als auch Leute, denen es wirtschaftlich außerordentlich gut ging. Der entscheidende Unterschied zu allen anderen Bewohnern Jerusalems war nun, dass sie nicht darauf achteten, was sie selber hatten. Sondern dass sie besonders darauf schauten, was jeder aus ihrer Gemeinschaft zum Leben benötigte. Also wurde, wenn jemand unterstützt werden musste, auch mal ein Grundstück verkauft, oder von denen, die mehrere Häuser besaßen auch solch ein Gebäude veräußert. Alles zum Wohl der Gemeinschaft.
Entscheidend war bei dieser Gütergemeinschaft, dass alles freiwillig geschah. Keiner, der etwas besaß, musste das abgeben. Keiner, der mehrere Häuser hatte, musste diese verkaufen. Getragen waren sie alle von der Nächstenliebe, die Jesus gepredigt hatte. Von seinem kritischen Blick auf den Besitz. Von der Erkenntnis, dass sie im Glauben an den Herrn zusammengehörten. Damit wurde Privatbesitz zweitrangig, das Wohl der Gemeinschaft stand im Vordergrund.
Ein Blick auf den Anfang des Christentums. Und heute? Wer lebt noch so? Geht das überhaupt noch? Ja, es geht tatsächlich. In den Klöstern schaut man auf eine lange Tradition gemeinsamen Besitzes zurück. Und auch in den evangelischen Kirchen gibt es Lebensgemeinschaften, die bewusst ihren Besitz teilen. Es gibt Kommunitäten, die ähnlich wie ein Kloster funktionieren. Und es gibt auch außerhalb von Kirche immer wieder Projekte gemeinsamen Lebens. Seien es die Kommunen, zum Beispiel im Wendland. Oder Formen solidarischer Landwirtschaft, wo ein bäuerlicher Betrieb von einer Gemeinschaft von Haushalten getragen wird, die einen regelmäßigen Jahresbeitrag zahlen und dafür dieses Jahr lang mit Lebensmitteln versorgt werden. Also nicht nach dem Motto: Soviel ich kann, sondern: soviel du brauchst.
Aber das sind Einzelne. In den „normalen“ Kirchengemeinden sind wir davon weit entfernt. Dieser Bibeltext und auch viele andere fordern uns heraus. Sie stellen uns immer wieder die Frage: Wie leben wir? Wie sollen wir als Christen leben, und wie können wir leben? Gerade in der heutigen Zeit, die so sehr vom Kapitalismus durchzogen ist wie noch keine andere. Wo es zum Standard gehört, mindestens ein Auto vor der Tür stehen zu haben, und möglichst vom hiesigen Arbeitgeber der gesamten Region.
Wie leben wir? Die Leitschnur für uns Christen ist und bleibt das Evangelium. Die Worte Jesu, der gesagt hat: Ihr sollte keine Schätze auf der Erde sammeln. Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott dienen und euch dem Besitz hingeben. Oder nehmen wir die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg, die Jesus erzählt hat. Wo der Weinbergbesitzer die Arbeiter nicht nach ihrer Leistung bezahlt hat sondern nach dem, was sie brauchen. Dass also nicht der Vergleich und das Nebeneinander zählen, sondern das Miteinander. Jedem das, was er braucht. Und schließlich ist da das Gebot, dass ich gefühlt jeden Sonntag wiederhole: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben mit all deiner Kraft. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn wir das ernst nehmen, wird unser Leben anders aussehen.
Nein, vermutlich können wir in unserer Kirchengemeinde nicht alle wie in einer großen Lebensgemeinschaft leben. Aber wir können damit anfangen, zuerst auf das Miteinander zu achten. Was brauchst du gerade? Wir können anfangen, solidarisch zu sein. Und wenn es gelingt, ist dies ein eigenes Lebensprinzip. Dann huldigen wir nicht mehr dem Kapitalismus. Dann ist das Anhäufen von eigenem Besitz nicht mehr wichtig. Übrigens hört das Miteinander leben, das Aufeinander achten, nicht bei den Menschen auf.
Auch Tiere sind kein Besitz, sondern gehören in die Gemeinschaft mit hinein. Auch die Natur ist nicht dafür da, dass wir sie auslaugen, sondern sie gehört sich selbst. Wir dürfen sie höchstens nutzen.
Vorschreiben kann und will ich nichts. Deshalb ende ich mit der Anfangsfrage und bitte euch, diese mitzunehmen: Wie leben wir?
Amen.

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