Gottesdienst am Sonntag, den 24.05.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder an den bekannten Stellen als Ausdruck mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst am 24.05.2020, Sonntag Exaudi

Teil 1 (Begrüßung, Orgelvorspiel, Psalmgebet, Eingangsliturgie, Lesung, Credo, Orgel)

Teil 2 (Predigt)

Teil 3 (Orgel, Abkündigungen, Fürbitten, Vater unser, Segen, Orgelnachspiel)

 

Vor drei Tagen haben wir Himmelfahrt gefeiert. Nächste Woche liegt das Pfingstfest an. Der heutige Sonntag steht dazwischen. Nicht nur zeitlich zwischen den beiden Festen, sondern auch zwischen dem, was wir an diesen Festen feiern. Jesus ist in den Himmel aufgenommen worden, weg von seinen Jüngern. Dafür hat er ihnen Gottes Geist angesagt. Der kommt aber erst zu Pfingsten. Wir befinden uns nach der Kirchenjahreszeit also in einer Lücke. Und der Blick geht nach vorn. Denn im Moment passiert nichts, aber wir erwarten es.

So ist auch der Name des Sonntags zu verstehen. Exaudi: Höre mich an. Er stammt aus Psalm 27, den wir vorhin gebetet haben: Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Es ist ein dringendes Flehen, was da ertönt. Die Bitte, die Situation zu verändern. Sieh an, wie es mir geht! So geht es nicht weiter. Tu was!

Kirchlich gesehen klingt hier die Bitte um den Heiligen Geist an, der ja das erste Mal zu Pfingsten über die Glaubenden kam. Der Ruf passt aber genauso gut in die heutige Zeit. Gott, hör mich an. Und sieh dir an, was hier und auf der ganzen Welt passiert. Das mit dem Virus ist nicht gut, so jedenfalls kann es nicht bleiben. Die Geduld der Menschen geht langsam zu Ende. Tu was!

Und doch befinden wir uns mitten drin in dieser angespannten Lage. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Wie leben wir mit den Einschränkungen und mit der latenten Bedrohung, die ja noch lange nicht vom Tisch ist? Lassen wir uns von den möglichen Szenarien verunsichern, leben wir quasi auf den Untergang zu? Oder Sehen wir Licht am Ende des Tunnels? Wie leben wir? Ich finde, die Frage stellt sich auch generell. Wie leben wir, und woraufhin?

Der Blick nach vorn. Der Predigttext für heute stellt diesen Blick ins Zentrum. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch Jeremia. Der Prophet hat, bevor die Katastrophe kam, das Volk immer gewarnt, Jeremia gehört zu den sogenannten Gerichtspropheten. Er hat ihnen gesagt, was passieren wird, und so ist es ja dann auch gekommen. Nun lebt er inmitten seiner Leute in einer bedrückenden Situation, Stadt und Land sind zerstört und die Leute völlig demoralisiert. Hier hinein spricht er ihnen Hoffnung zu. Ich lese den Abschnitt aus dem 31. Kapitel:

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt!“

Es kommt die Zeit – der Prophet sagt seinen Mitmenschen etwas an, was noch nicht da ist. Aber er sagt nicht: Es könnte sein, vielleicht ist es möglich. Sondern er behauptet: So wird es sein. Ein gewisser Blick in die Zukunft.

Es geht da um ein anderes Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Das Wort dafür in diesem Text ist Bund. Für uns durchaus missverständlich, kann mit Bund doch vieles gemeint sein. Das hebräische Originalwort könnte man am ehesten mit Selbstverpflichtung umschreiben. Eigentlich gilt das für beide Vertragspartner. Hier aber, besonders beim neuen Bund geht es um die Selbstverpflichtung Gottes. Gott hebt sein Volk auf eine andere Ebene, nachdem sie früher nicht in der Lage waren, sich daran zu halten.

An dieser Stelle finde ich es wichtig, genau hinzusehen. Unterscheiden müssen wir zwischen dem Bund, also dem Vertragsschluss, und dem Inhalt dieses Bundes. Der hier Gottes Gesetz genannt wird. Und das, so erfahren wir, bleibt. Es geht nicht um neue Regeln. Sondern darum, wie sie an den Mann und die Frau gebracht werden. Gott hat festgestellt, dass es wenig bringt, seinem Volk etwas vorzulegen. Das erreicht vielleicht deren Verstand, aber lange noch nicht die Handlungsebene. Das konnte ja nur schiefgehen. Also stellt er es diesmal anders an. Er schreibt ihnen seine Gebote nicht auf Steintafeln, sondern direkt ins Herz. So dass Gottes Wille und das Handeln der Menschen im Einklang sind.
Dass
die Menschen von sich aus so leben, wie Gott es sich wünscht und wie es gut für die Menschen ist. Und dann muss keiner dem anderen mehr sagen, was er zu tun hat. Denn alle wissen, was dran ist.

Um das zu ermöglichen, schenkt Gott seinem Volk einen völligen Neuanfang. Alles, was vorher schiefgelaufen ist, zählt jetzt nicht mehr. Es ist die Stunde Null, alles auf Anfang.

Es wird sein. Mich erinnert diese Ansage sehr an das, was Jesus seinen Mitmenschen erzählt hat. Seine Ankündigungen des Gottesreiches. Wo auch das Verhältnis zwischen Gott und Menschen ein anderes, ein besseres sein wird. Wo es keinen Streit und kein Leid mehr gibt. Wo die Liebe das bestimmende Element ist zwischen Gott und den Menschen. Auch Jesus hat gesagt: Alles wird gut. So wird es sein.

Aber wir stellen fest: So ist es noch nicht. All das Tolle, das kommen soll – bis jetzt ist es reine Ansage. Die Realität spiegelt davon nichts wider. So ging es den Menschen zu Zeiten Jeremias, so ging es den Mitmenschen Jesu, und so geht es uns heute. Nicht nur mit der Welt um uns herum, sondern auch mit uns selbst. Wie heißt das bekannte Zitat: Zwei Seelen schlagen, ach in meiner Brust. Die Zerrissenheit ist Programm. Wir hören also die hehren Worte – aber was tun wir damit? Wie gehen wir damit um?

Jesus hat oft von der anbrechenden Zukunft gesprochen. Aber an einer Stelle sagt er etwas Spannendes: „Gottes Reich kann man nicht sehen wie ein irdisches Reich. Niemand wird sagen können: ›Hier ist es!‹ oder ›Dort ist es!‹ Denn Gottes Reich ist schon jetzt da – mitten unter euch.“ Das heißt: Der Neuanfang, auf den wir warten, passiert schon jetzt, wenn auch oft im Verborgenen.

Deshalb ist meine Überlegung: Warum nicht jetzt schon so leben, als ob das Neue begonnen hätte? Natürlich immer noch unter den Vorzeichen dieser Welt und mit unseren eigenen Abgründen. Aber trotzdem: Leben als ob – wie könnte das gehen?

Ehrlich gesagt ist Christsein vom Grund her genau das. Wir leben immer auf Hoffnung. Wir hören die Verheißungen der Bibel und vertrauen, dass Gott es wahrmachen wird. Und gleichzeitig leben wir auf dieser Erde, wo lange nicht alles so ist, wie es sein soll. Wir sind unterwegs zu Neuem und gleichzeitig aufgerufen, das Leben hier auf der Erde zu gestalten. Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Leben als ob. Mit Gottes Wort im Herzen. Durchdrungen von seiner Liebe. Das ist das erste. Klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn natürlich ist der alte Schweinehund noch da. Und doch kannst du dich öffnen. Kannst dich der Liebe Gottes hingeben, und die wird dich verändern. Lass sie zu, und du wirst das Richtige tun. Eins meiner Lieblingszitate ist ein Ausspruch vom Kirchenvater Augustin: Liebe – und dann tu, was du willst. Wenn deine Liebe nicht selbstbezogen ist, sondern von Gott herkommt, dann lebst du schon als ob.

Der zweite Punkt ist der Neuanfang. Gott sagt: „Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden.“ Leben als ob heißt hier wirklich glauben, dass meine Schuld nicht mehr zählt. Ich finde diesen Punkt echt schwer. Immer wieder fallen mir Dinge ein, die ich falsch gemacht habe, wo ich nicht genügt habe, wo ich etwas versäumt habe. Aber all das ist vergeben, die Last hat Gott von meinen und deinen Schultern genommen. Du darfst befreit leben.

Der dritte Punkt ist das Zusammenleben auf einer Ebene. „Sie werden mein Volk sein. Niemand muss dann den anderen noch belehren.“ Auch das sagt Jeremia an. Und im neuen Testament klingt das immer wieder durch. Nehmt einer den anderen an. Schafe einer Herde. Konkret heißt das: Nicht darauf schauen, ob ich häufiger im Gottesdienst bin als mein Nachbar. Nicht den anderen erzählen, wie sie richtig zu glauben haben. Sondern darauf vertrauen, dass Gott uns seine Liebe in unser Herz gelegt hat.

Wie können wir leben? Leben unter den Bedingungen dieser Welt heißt im Moment, mit den notwendigen Beschränkungen zu leben. So tun, als ob es all das nicht gäbe, ist kein Leben als ob, sondern kollektiver Selbstmord. Und doch: Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Es ist inmitten dieser Beschränkungen der hoffnungsvolle Blick nach oben und nach vorn. Das Vertrauen darauf, dass Gott das Richtige für uns plant. Dass er uns durch diese Zeit hindurchführt. Und uns seinen Geist schenkt, der uns leitet in unserem Tun und Leben.

Amen.

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