Gottesdienst am Sonntag, den 17.05.2020

Diese Woche fand zum ersten Mal wieder ein Gottesdienst in unserer Kirche statt. Deshalb gibt es für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie die Predigt hier lesen und herunterladen oder an den bekannten Stellen als Ausdruck mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst am 17.05.2020, Sonntag Rogate

Teil 1 (Glocken, Begrüßung, Orgelvorspiel)

Teil 2 (Psalmgebet, Eingangsliturgie, Lesung, Credo, Orgel)

Teil 3 (Predigt)

Teil 4 (Orgel, Abkündigungen, Fürbitten, Vater unser, Segen, Orgelnachspiel)

Es ist schön, hier wieder stehen zu können. Es ist schön, euch und Sie zu sehen, aller Auflagen zum Trotz. Zwei Monate lang konnten wir keinen Gottesdienst zusammen feiern – ich glaube nicht, dass irgendjemand von euch das früher schon einmal erlebt hat. Nun kommen wir wieder zusammen – auch wenn die Auflagen hoch sind. Ein Stück mehr christliche Gemeinschaft.
Der heutige Sonntag trägt den Namen Rogate – betet! Damit ist das Thema vorgegeben. Während es vor zwei Wochen um das Lob Gottes ging und letzte Woche ausdrücklich das Singen im Vordergrund stand, dreht es sich heute ums Gebet. Und während ich letzte Woche fast verzweifelt bin, dass ich über das Singen zu predigen hatte, obwohl gerade das im Moment nicht möglich ist, bin ich heute deutlich erleichtert. Beten, und eben auch das gemeinsame Gebet, geht. Nach langen Wochen der gottesdienstlichen Enthaltsamkeit tut es gut, die anderen Stimmen zu hören.
Vielleicht ist dieser Einschnitt, den wir erlebt haben, auch für das Thema Gebet gar nicht schlecht. Denn ich behaupte mal, dass vorher für den einen oder die andere das Sprechen des Vater-unsers leicht zum mechanischen Mitsprechen werden konnte, ohne sich über den Inhalt groß Gedanken zu machen. Auch die anderen Gebetsformen im Gottesdienst stehen immer in Gefahr, zum bloßen inhaltsleeren Ritual zu werden. Also bietet sich nach der langen Pause eine günstige Gelegenheit, grundsätzlich über das Gebet nachzudenken. Was ist das eigentlich, Gebet? Wie beten wir, wann tun wir das, und warum? Und schließlich müssen wir uns die Frage gefallen lassen: Was bringt das Gebet? Ist es nicht letztlich nur ein Sprechen gegen die Wand?
Das Thema Gebet ist in der Bibel zentral, ganz klar. Denn das Gebet ist eben die einzige Möglichkeit, mit Gott in Kontakt zu treten. So ist das Buch der Psalmen eine ganze Sammlung der unterschiedlichsten Gebete. Und im Neuen Testament erleben wir Jesus als intensiven Beter. Er war so in dauerndem Gespräch mit seinem Vater, und er hat die Menschen um ihn herum aufgefordert, es ihm gleich zu tun. Dabei war Jesus wichtig, dass wir nicht irgendwie beten. Es gibt von ihm eine richtige Anleitung dazu, und die lese ich nun aus dem Matthäusevangelium im 6. Kapitel:
„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
Diese Worte Jesu finden wir in der sogenannten Bergpredigt, die Matthäus aufgeschrieben hat. Hier wendet sich Jesus an all die, die ihm zuhören wollen. Und er sagt ihnen, was wichtig ist. Wie sie sich verhalten sollen, wenn sie so wie Jesus auf das kommende Reich Gottes warten und aktiv zugehen. Dort spricht er viele Bereiche der Lebensführung an, und so eben auch das Gebet. Es ist dort vollkommen klar, dass Jesus seinen Anhängern nicht erst erklären muss, was ein Gebet ist, denn alle Welt betet, egal zu welchen Göttern. Das Gebet war und ist schon immer der Kontakt zur überirdischen Welt. So geht es Jesus nicht darum, ob man überhaupt beten soll, sondern wie.
Darum kümmert er sich in den ersten Sätzen unseres Abschnitts. Er stellt klar: Gebet ist kein Schaulaufen. Es geht nicht darum, in einen religiösen Wettbewerb zu treten. Matthäus hatte hier das öffentliche jüdische Gebet vor Augen, und wie auch an anderen Stellen seines Evangeliums befindet er sich in starker Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden, die damals sehr aktuell war. Wir könnten hier sagen, das betrifft uns doch gar nicht. Wer heute irgendwo öffentlich betet, wird meist ignoriert, und vielleicht noch ausgelacht. Aber ich habe es selbst erlebt und immer wieder davon erfahren, wie sich gerade in Freikirchen Menschen im spontanen Gebet überbieten und wie dort Messlatten angelegt werden. Das gibt es also durchaus noch. Jesus sagt dagegen: Gott hört dich, egal wo du bist. Deshalb kannst du auch zu Hause beten, oder stumm, ohne Worte auszusprechen. Gebet ist eine Sache zwischen dir und Gott, und kein Vergleichsgegenstand zwischen Menschen.
Außerdem spricht Jesus die Art und Weise an, wie Menschen beten. Kurz gesagt: Gott weiß sowieso schon, was du sagen willst und was du brauchst. Das musst du ihm nicht erst erklären. Und als Beispiel schiebt Jesus dann das Gebet nach, das zum Grund- und Kerngebet aller Christen auf der Welt geworden ist. So wie es hier eingeleitet wird, stellt es Jesus als Mustergebet vor: Wenn ihr euch an dieses Muster haltet, macht ihr nichts falsch. Dies enthält alles, was euch in eurem Verhältnis zu Gott betrifft. Mehr Worte bedarf es nicht.
Interessant finde ich, dass aus der Anleitung und dem Muster, wie wir zu Gott beten können, das ultimative Standardgebet geworden ist. Vielleicht, weil die Menschen schnell Angst hatten, doch irgendetwas falsch zu machen. Aber warum auch nicht, hier ist ja alles drin.
Schauen wir einmal rein. Hier fällt auf, dass sich die ersten Bitten gar nicht um meine eigenen Bedürfnisse drehen. Erst geht es um Gott. Nämlich darum, dass er ernstgenommen werde, dass sich sein Wirkungsbereich ausbreite und alle Welt nach seinem Willen lebe, also mich eingeschlossen. Wenn ich das ernsthaft bete, verringere ich die Gefahr, dass ich auch im Gebet nur um mich selbst kreise. Denn ich drücke den Wunsch aus, dass Gott groß werde, weil ich meinem Vater voll und ganz vertraue.
Und dann kann es auch um mich und die Menschen um mich herum gehen. Die Bitte, dass mein Überleben für diesen Tag gesichert sei – im Bewusstsein, dass genau diese Bitte noch unzählige Menschen auf der Welt mit vollem Ernst beten müssen, kann ich mit meinem überzogenen Lebensstandard nur ganz still werden und mich dafür einsetzen, dass alle Menschen leben können. Genauso lebenswichtig und zentral für das ganze Gebet ist die Bitte um Vergebung. Denn sie schließt ein, dass ich mich auf den anderen zubewege. Nur so wird Gottes Reich Wirklichkeit, deshalb betont Jesus das noch einmal im Anschluss an seinen Gebetsvorschlag. Und schließlich geht es um die Auseinandersetzung mit dem Bösen in der Welt – wir rechnen damit, aber eben auch mit der Macht Gottes.
Hier ist wirklich alles drin, was wir brauchen. Das Gebet durchdringt alle Lebensbereiche. So sollen wir beten, sagt Jesus. Mir wird daran klar, dass uns Jesus nicht einzelne Vorschriften fürs Gebet vorlegt. Sondern dass das Eigentliche die innere Haltung ist, mit der wir beten. Wir bringen unser gesamtes Leben und Dasein im Gebet vor Gott. Wir drücken aus: Mein Leben ist nicht meine Privatsache. Mein Leben gibt es nur in Beziehung zu Gott, von dem es herkommt und zu dem es zurückkehrt. Ich lasse ihn in alle Bereiche hinein.
Dementsprechend ist der Einwand, im Gebet ins Leere zu sprechen, unerheblich. Denn ich rechne mit Gott in allen Dingen – schon dadurch wirkt sich mein Gebet auf mich aus. Und es schafft Verbindung zu allen, die auch beten. Mich gibt es nicht allein, sondern nur in der Gemeinschaft der Christen. Das Schöne ist: Diese Gemeinschaft besteht, ob wir uns nun treffen dürfen oder nicht. Ob wir allein im stillen Kämmerlein beten oder heute morgen hier zusammen in unserer Kirche. Auch wenn unsere Gemeinschaft so wieder ein Stück greifbarer wird.
Amen.

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