Predigt für Sonntag, den 10.05.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

J.S. Bach: Motet BWV 225 ‚Singet dem Herrn‘
Vocalconsort Berlin o.l.v. Daniel Reuss

Predigt für den 10.05.2020 Sonntag Kantate

Wenn die Stille die Freude übertönt – so lautet die Headline der Evangelischen Zeitung für heute.

Liebe Leute,
wir feiern heute den Sonntag Kantate. Kantate heißt: Singt! – und bezieht sich auf Psalm 98, wo es heißt: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Singen ist also das Programm für diesen Sonntag nach Ostern. In diesem Jahr läuft die Aufforderung gegen die Wand, weil wir aus Infektionsschutzgründen gar nicht singen dürfen. Auch wenn wir in Wahrenholz in einer Woche mit den Gottesdienst in der Kirche wieder anfangen – die Gemeinde bleibt stumm, jedenfalls was das Singen angeht. „Wenn die Stille die Freude übertönt“…
Ich könnte meine Predigt auch so überschreiben: Von der Unmöglichkeit, heute über Kantate zu predigen. Denn so sehr ich mich auf das gemeinsame und fröhliche Singen beziehe, – und um nichts anderes geht es heute – desto zynischer mag das klingen. Doch auf der anderen Seite: Es fällt immer das stärker auf, was wir gerade nicht haben oder können. Und es wird dann umso deutlicher, was daran so wichtig ist. Also ist so eine Zeit, wo Chöre und Gemeinden schweigen müssen, vielleicht gerade eine gute Zeit, über das Singen nachzudenken. Gehen wir es an.

Im Predigttext, den ich für heute ausgewählt habe, spielt der Gesang eine zentrale Rolle. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch der Apostelgeschichte. Hauptpersonen sind der Apostel Paulus und sein Mitstreiter Silas, und diese sind unterwegs, um neue christliche Gemeinden zu gründen. In der Stadt Philippi haben sie schon eine einflussreiche Frau mit der christlichen Botschaft erreicht und danach eine Sklavin von einem Dämon befreit. Das führt aber längst nicht nur zu Freude, sondern am Ende auch dazu, dass die beiden ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen werden. Und hier setzt unser Text ein:
„Nachdem Paulus und Silas so misshandelt worden waren, warf man sie ins Gefängnis und gab dem Aufseher die Anweisung, die Gefangenen besonders scharf zu bewachen. Also sperrte er sie in die sicherste Zelle und schloss zusätzlich ihre Füße in einen Holzblock ein. Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas. Sie lobten Gott mit Liedern, und die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich bebte die Erde so heftig, dass das ganze Gefängnis bis in die Grundmauern erschüttert wurde; alle Türen sprangen auf, und die Ketten der Gefangenen fielen ab. Aus dem Schlaf gerissen sah der Gefängnisaufseher, dass die Zellentüren offen standen. Voller Schrecken zog er sein Schwert und wollte sich töten, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen. »Tu das nicht!«, rief da Paulus laut. »Wir sind alle hier.« Der Gefängnisaufseher ließ sich ein Licht geben und stürzte in die Zelle, wo er sich zitternd vor Paulus und Silas niederwarf. Dann führte er die beiden hinaus und fragte sie: »Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?« »Glaube an den Herrn Jesus, dann werden du und alle, die in deinem Haus leben, gerettet«, erwiderten Paulus und Silas. Sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus die rettende Botschaft Gottes. Der Gefängnisaufseher kümmerte sich noch in derselben Stunde um Paulus und Silas, er reinigte ihre Wunden und ließ sich mit allen, die zu ihm gehörten, umgehend taufen. Dann führte er sie hinauf in sein Haus und bewirtete sie. Er freute sich zusammen mit allen, die bei ihm lebten, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatten.“

Wie an vielen Stellen der Bibel geht es auch hier nicht darum, einen exakten historischen Bericht vorzulegen, sondern eine zentrale Aussage für den christlichen Glauben deutlich zu machen. Paulus und Silas scheinen in einer aussichtslosen Lage zu sein. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen und stimmen Loblieder an. Sie preisen nicht ihre Situation, sondern Gott – ihrer aktuellen Lage zum Trotz. Und das ruft das machtvolle Handeln Gottes herbei. Alle Gefangenen werden befreit, aber sie fliehen nicht. Hier rückt der Aufseher in den Blick. Nach einem fast tödlichen Schreck gerät der in Fassungslosigkeit, und lässt sich dann auf das ihm gesagte Wort ein. Am Ende der Geschichte gibt es wieder ein paar Christen mehr, und das passt zu dem, was der Zweck aller Missionsreisen des Paulus ist, nämlich die Ausbreitung der guten Botschaft und des christlichen Glaubens.
Das Schlüsselereignis in unserer Begebenheit ist aber das Singen. Ich weiß nicht, ob mir in einer ähnlichen Lage nach Singen zumute wäre. Paulus und Silas tun das – und zwar in der, wenn auch beschränkten, Öffentlichkeit des Gefängnisses. Sie singen laut und deutlich und haben Zuhörer. Wieso singen, und wieso gerade in dieser Situation?
Ich werfe mal einen Blick auf einige wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung des Singens. Körperlich bewirkt das tiefe Ein- und Ausatmen, dass der Blutdruck sinkt, der Puls langsamer wird und sich die Muskulatur entspannt. Auch wird der Stoffwechsel angeregt, die Durchblutung wird effektiver und die Konzentrationsfähigkeit steigt. Schließlich werden unter anderem Endorphine ausgeschüttet, die das Glücksgefühl steigern. Weiter wird gesagt, dass das Singen in der Konzentration auf das Erlernen von Liedern pure Ablenkung von den Problemen des Alltags ist und so eine stressfreie Zone darstellt. Es verändert den Gemütszustand in eine positive Richtung. Und es stärkt die Zusammengehörigkeit in der Gruppe, hat also auch eine deutliche soziale Funktion. Darüber hinaus können mit Gesang Inhalte besser transportiert werden – Liedtexte lernen wir leichter und schneller als rein sprachliche Kernsätze.
Zurück ins Gefängnis. Paulus und Silas nutzen die positiven körperlichen Eigenschaften des Singens, um sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie verlassen bildlich gesprochen die Niederungen des Gefängnisses und wenden sich nach oben, zu Gott hin. Die Wirkung auf die anderen Gefangenen: Sie hören ein klares Bekenntnis zu Gott in gesungener Form, und sie fühlen sich in die Gemeinschaft von Paulus und Silas mit hineingenommen. Alle zusammen erleben sich durch den Gesang befreit, wenn auch nicht im wörtlichen Sinn, dann doch psychisch. In der Geschichte folgt ja dann noch der Paukenschlag der körperlichen Befreiung durch das Erdbeben.

Die Moral von der Geschicht‘: Singen befreit. Und damit sind wir bei dir und bei mir. Wie du vielleicht weißt, singe ich gerne und bin selbst auch Chorleiter, habe also reichliche Erfahrungen mit dem Gesang. Ich merke immer wieder, dass das Singen mich verändert, und zwar im positiven Sinn. Ich lasse mich hineinnehmen in den Klang und in die Gemeinschaft mit den anderen Sängern, und in diesem Moment kann ich sagen: Das ist Glück! Ich merke, wie ich Belastendes einfach loslasse, wie ich hier Befreiung erlebe. Und ich fühle mich nach dem Singen gestärkt.
Singen verändert auch die Menschen um mich herum. Wenn wir gemeinsam singen, spüren wir eine Verbundenheit, eine gemeinsame Basis. Denn wir sind zwar einzelne, unterschiedliche Menschen, aber wir tragen gemeinsam dazu bei, dass ein Gesamtklang entsteht. Aus der Verschiedenheit in die Einheit. Wir werden von unseren eigenen Grenzen und Abschottungen befreit und können so eine echte Gemeinschaft bilden.
Außerdem verändert das Singen auch mein Verhältnis zu Gott. Der Kopf trägt ja oft Zweifel mit sich herum, ob das, an das ich glaube, denn wirklich auch stimmt. Wenn ich singe, spüre ich plötzlich eine Verbindung nach oben. Ich merke, wie ich frei werde und wie ich dadurch Gottes Nähe erfahre.
So – und nun? Singen geht gerade nicht, jedenfalls nicht gemeinsam. Nachdem ich dieses Loblied auf das Singen gesungen habe… Ich muss zugeben, dass ich bei dem Sammeln meiner Gedanken für diese Predigt einer Verzweiflung schon ziemlich nahe kam. Wie löse ich bloß dieses Dilemma, das wir gerade erleben?
Der Psalm zum Sonntag hat mir mir hier geholfen. Zunächst wird dort aufgefordert zu singen – und nicht nur das, sondern auch zu musizieren, auch das zur Ehre unseres Gottes. Solange es nicht Blasinstrumente sind, geht das ja gerade. Entscheidender finde ich noch die Verse danach, wo das Meer, der Erdkreis, die Ströme und die Berge aufgefordert werden, Gott zu loben. Ich höre hier: Nicht nur wir sind zum Lob Gottes aufgefordert, sondern mit uns die ganze Schöpfung. Und das ist keine typisch biblische Übertreibung. Geh einfach mal raus in den Garten und setz dich still hin. Das Konzert allein der Vögel ist wirklich beeindruckend. Dazu kommt das Rauschen der Bäume im Wind, das Plätschern der Bäche oder auch an der Küste die Brandung des Meeres. Wenn wir glauben, dass all dies von Gott geschaffen wurde, dann können wir ein ständiges Gotteslob erleben, in das wir uns hineingeben dürfen.
Mich hineingeben, auch wenn ich nicht Laut gebe – das geht und das erhebt auch. Zum Beispiel mit der Motette „Singt dem Herrn ein neues Lied“ von Johann Sebastian Bach, die ich als eine der schönsten Vertonungen des heutigen Psalms empfinde. Sie steht neben der Predigt auf unserer Homepage.
Nach all dem würde ich die Überschrift in der Evangelischen Zeitung gerne umformen: Wenn die Freude auch in der Stille tönt. Denn die möchte ich mir nicht nehmen lassen, diese Freude am Gesang und an der Musik. Wir bleiben dran am Lob Gottes – und das wird umso mächtiger, wenn wir wieder gemeinsam singen können. Ich freu mich drauf!
Amen.

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