Predigt für Sonntag, den 03.05.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

„Ich kann nicht schweigen“ – Gospelchor

Predigt für den 03.05.2020 Sonntag Jubilate

Liebe Leute,
noch eine Predigt aus dem „Off“. So langsam habe ich mich daran gewöhnt, Predigten ohne Gemeinde zu halten. Denn die „Gemeinde“ ist ja trotzdem da, ich merke das immer wieder an den Rückmeldungen auf meine Predigten. Darüber freue ich mich! Inzwischen deutet sich die Möglichkeit an, demnächst wieder unter bestimmten Bedingungen Gottesdienste feiern zu dürfen. An dieser Form – elektronisch und gedruckt – will ich aber bis auf Weiteres festhalten.
Der heutige Sonntag heißt Jubilate. Das bedeutet so viel wie: „Jubelt und lobt den Herren!“ Er gehört in die Reihe der fröhlichen Sonntage nach Ostern. Wir werden aufgefordert, Gott zu loben. Ein solches Loblied singt der Gospelchor, es ist neben der Predigt auf der Homepage zu finden. Doch wie ist das mit dem Jubeln und Loben in der derzeitigen Lage? Kannst du jubeln? Oder bleibt dir das Lob doch eher im Halse stecken?
Fröhliche Lieder und Gotteslob sind Kennzeichen der Christen. Wenn Glaubende zusammenkommen, singen sie gemeinsam zur Ehre Gottes. Das ist eines von mehreren Dingen, an denen man einen Christen erkennen kann. Dieses Kennzeichen fällt zur Zeit weg, wir dürfen schlicht nicht singen. Für mich fast unerträglich. Und auch sonst sind wir in unserem Auftreten und Erkennbarwerden gerade sehr eingeschränkt. Es stellt sich mir die Frage: Wie können wir uns als Christen in der jetzigen Situation zeigen, wie können wir uns verhalten?
Am letzten Sonntag stand das Bild des guten Hirten im Zentrum. Ein Hirte – eine Herde. Es ging um die Zusammengehörigkeit, untereinander, aber auch mit Jesus Christus als dem Hirten. Auch in unserem heutigen Text wird die Verbundenheit mit Christus ausgedrückt. Es ist ein weiterer Text aus dem Johannesevangelium, und wie auch beim letzten Mal ein sogenanntes „Ich-bin-Wort“. Ich lese den Abschnitt aus dem 15. Kapitel:
Jesus spricht: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Alle Reben am Weinstock, die keine Trauben tragen, schneidet er ab. Aber die Frucht tragenden Reben beschneidet er sorgfältig, damit sie noch mehr Frucht bringen. Ihr seid schon gute Reben, weil ihr meine Botschaft gehört habt. Bleibt fest mit mir verbunden, und ich werde ebenso mit euch verbunden bleiben! Denn eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Früchte tragen, sondern nur, wenn sie am Weinstock hängt. Ebenso werdet auch ihr nur Frucht bringen, wenn ihr mit mir verbunden bleibt. Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, der trägt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts ausrichten. Wer ohne mich lebt, wird wie eine unfruchtbare Rebe abgeschnitten und weggeworfen. Die verdorrten Reben werden gesammelt, ins Feuer geworfen und verbrannt. Wenn ihr aber fest mit mir verbunden bleibt und euch meine Worte zu Herzen nehmt, dürft ihr von Gott erbitten, was ihr wollt; ihr werdet es erhalten. Wenn ihr viel Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters sichtbar.“
Wieder bringt Jesus ein Bild aus dem alltäglichen Leben in Israel in der damaligen Zeit. Der Weinanbau. Ich weiß gar nicht, ob sich bei den Weinanbaumethoden seitdem so viel getan hat. Natürlich sind moderne Maschinen dazugekommen, aber sonst? Allerdings merke ich, dass mir das Bild trotzdem nicht so geläufig ist – in Norddeutschland gibt es eben keine Weinberge.
Was ich weiß: Ein Weinstock muss gut gepflegt werden, damit er trägt. Das erfordert viel Sorgfalt. Um diese Sorgfalt geht es hier. Gott als der Weinbauer, der sich sehr um seinen Weinberg bemüht. Jesus Christus als der Weinstock, der damit die Mitte darstellt. Und die einzelnen Christen sind die vielen Reben.
Das Bild drückt zunächst die enge Verbundenheit aus. Als Hirte ist Christus unser Beschützer, als Weinstock ist er unsere Kraftquelle. Ohne ihn können wir als Christen nichts tun. Verbunden damit ist deshalb die Mahnung, an Christus dranzubleiben. Nur so wirken wir dann auch nach außen.
Das Bild des Weinstocks bringt für mich eine Besonderheit mit sich, die im Bild des Hirten und seiner Herde so nicht enthalten ist. Eigentlich muss man sagen, dass Jesus hier das Bild etwas überstrapaziert. Denn die Aufteilung in Weinstock und Reben lässt sich biologisch schlecht nachvollziehen. Die Reben, also die einzelnen Zweige und Äste, sind Teile des Weinstocks. Klar, dass Jesus damit die überaus enge Verbundenheit betont. Es drückt sich hier damit aber noch etwas anderes aus: So wie die Reben, wenn sie vom Weinstock getrennt sind, vertrocknen und absterben, so lebt auch der Weinstock nur mit seinen Reben. Das Bild legt also nahe, dass wir gegenseitig abhängig sind. Keiner kann ohne den Anderen: So wie wir Jesus Christus als Kraftquelle brauchen, braucht er uns, um in Erscheinung zu treten und wirksam zu werden.
Der Weinstock ist dann wirksam, wenn er Früchte trägt. Und die trägt er an seinen Reben. Wichtig ist, dass die Früchte nicht zum Selbstzweck da sind. Die kommen anderen zugute. Übertragen: Jesus wird also an uns sichtbar. Und er wirkt, wenn wir christlich leben und handeln. Und zwar so, dass andere etwas davon haben, wie die Weinbeeren eben.
Können wir das etwas deutlicher kriegen? Vielleicht durch ein Lied, das ich sehr mag. Es stammt von einem sehr bekannten Gospelmusiker, Kirk Franklin. In seinem Song „The last Jesus“ nimmt er das auf, was im Bild vom Weinstock drinsteckt.

I may be the only Jesus they see – ich könnte der einzige Jesus sein, den sie, also die anderen, sehen. Jesus kann nur durch mich und dich deutlich werden – der Weinstock vermittelt sich allein durch seine Reben.
Dieser Satz ist Teil des Kehrverses im Lied. In dem sehr klar wird, dass sich an unserem Verhalten den anderen gegenüber entscheidet, ob wir wirklich Frucht bringen, ob Jesus durch uns wirken kann. Und dass sich das nicht in frommen Worten erschöpft. Kirk Franklin entlarvt in diesem Song sehr viele Christen, die sich für fromm halten. „We‘re shouting, we‘re dancing, but can the world see a change?“ Wir jubeln und wir tanzen, aber bewirkt das eine Veränderung in der Welt? Oder auch: Es ist viel einfacher, wenn ich sage, dass die Hilfe von Gott schon kommen wird, als zu erkennen, dass genau ich diese Hilfe für den Anderen gewesen wäre. Dass ich sage: ich liebe Jesus, aber die anderen können das nicht erkennen, jedenfalls nicht an meinem Verhalten.
In die Kirche gehen und Loblieder singen, und zu Hause beten ist gut, keine Frage. Aber es reicht nicht. Jedenfalls nicht, wenn wir die Reben am Weinstock Christi sind. „Tell me, what‘s the use, if they can‘t see Jesus in you and me?“ Sag mir, was bringt das alles, also unser christliches Gebaren, wenn die anderen nicht in dir und mir Jesus selbst erkennen können? Und Kirk Franklin fragt weiter: „Bin ich zu sehr auf mich selbst bezogen, um zu merken, dass Jesus die Liebe, die die Menschen brauchen, in mich hineingegeben hat?“ Als wenn die Liebe ein Selbstzweck wäre.
Egal ob Bibeltext oder Lied, eins wird deutlich: die enge Verbundenheit zwischen Christus und den Christen. Um es mal ganz platt zu sagen: Wir sind Jesus. Durch uns wird Jesus in der Welt sichtbar. Nur durch uns, also durch die, die ihm nachfolgen. Indem sie von ihm erzählen und indem sie so handeln, wie Jesus handeln würde: Liebe Gott von ganzem Herzen und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist eine große Verantwortung. Und es stellt uns immer wieder vor die Frage: Was soll ich jetzt in diesem Moment tun und was sollte ich lieber lassen? Dafür gibt es keine Standardantwort. Vor einigen Jahren haben viele jugendliche Christen Armbänder getragen, auf denen vier Buchstaben zu lesen waren: WWJD – What Would Jesus Do? Was würde Jesus tun? Sie wollten sich dadurch in ihrem Alltag jedes Mal erinnern lassen, nicht gedankenlos, sondern im Sinn von Jesus zu handeln. Auch so wird Jesus Christus sichtbar und greifbar für die Welt.
Damit bin ich wieder am Anfang. Erkennbarwerden als Christ in Zeiten von Corona. Wie stelle ich, wie stellst du das an? Wie du schon gemerkt hast, kann ich dir darauf keine allgemeingültige Antwort geben. Höchstens die Gegenfrage: Was würde Jesus tun? Wie kannst du dich den anderen gegenüber so verhalten, dass sie in dir Jesus selbst erkennen können? Die Antworten darauf werden vollkommen unterschiedlich ausfallen. Hingehen und Umarmen geht gerade nicht. Aber viele andere Arten der Zuwendung schon.
Und hier liegt auch die Verbindung zum Thema des Sonntags: Jubilate. Im letzten Satz unseres Abschnitts sagt Jesus: „Wenn ihr viel Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters sichtbar.“ Also gerade in dieser engen Verbundenheit wird Gott, der Vater, für andere deutlich. Wenn wir im Sinn Jesu leben und handeln, verweisen wir auf Gott und loben ihn. Auch ohne Singen.
Amen.

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