Vorgemerkt

Tagesfahrt der Senioren in den Sanddorn-Garten am 9. September
In diesem Jahr ist eine Fahrt zum Sanddorngarten in Petzow bei Werder geplant.
Mehr auf S. 22  im aktuellen Gemeindebrief.


Osteraktion „Club der gelben Socken“
Was sich unsere Diakonin über Ostern für die Kinder unserer Gemeinde ausgedacht hat. Wenn Sie die Ergebnisse einmal näher in Augenschein nehmen wollen, machen Sie einen Spaziergang zur Kirche und staunen Sie!
Es lohnt sich!
Mehr auf S. 30 und 31 im aktuellen Gemeindebrief.


Gottesdienst am Sonntag, den 24.05.2020

Aktuell finden wieder Gottesdienste – wenn auch in verkürzter Form – in unserer Kirche statt. Für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, gibt es heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie zusätzlich die Predigt hier lesen und herunterladen oder an den bekannten Stellen als Ausdruck mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst am 24.05.2020, Sonntag Exaudi

Teil 1 (Begrüßung, Orgelvorspiel, Psalmgebet, Eingangsliturgie, Lesung, Credo, Orgel)

Teil 2 (Predigt)

Teil 3 (Orgel, Abkündigungen, Fürbitten, Vater unser, Segen, Orgelnachspiel)

 

Vor drei Tagen haben wir Himmelfahrt gefeiert. Nächste Woche liegt das Pfingstfest an. Der heutige Sonntag steht dazwischen. Nicht nur zeitlich zwischen den beiden Festen, sondern auch zwischen dem, was wir an diesen Festen feiern. Jesus ist in den Himmel aufgenommen worden, weg von seinen Jüngern. Dafür hat er ihnen Gottes Geist angesagt. Der kommt aber erst zu Pfingsten. Wir befinden uns nach der Kirchenjahreszeit also in einer Lücke. Und der Blick geht nach vorn. Denn im Moment passiert nichts, aber wir erwarten es.

So ist auch der Name des Sonntags zu verstehen. Exaudi: Höre mich an. Er stammt aus Psalm 27, den wir vorhin gebetet haben: Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Es ist ein dringendes Flehen, was da ertönt. Die Bitte, die Situation zu verändern. Sieh an, wie es mir geht! So geht es nicht weiter. Tu was!

Kirchlich gesehen klingt hier die Bitte um den Heiligen Geist an, der ja das erste Mal zu Pfingsten über die Glaubenden kam. Der Ruf passt aber genauso gut in die heutige Zeit. Gott, hör mich an. Und sieh dir an, was hier und auf der ganzen Welt passiert. Das mit dem Virus ist nicht gut, so jedenfalls kann es nicht bleiben. Die Geduld der Menschen geht langsam zu Ende. Tu was!

Und doch befinden wir uns mitten drin in dieser angespannten Lage. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Wie leben wir mit den Einschränkungen und mit der latenten Bedrohung, die ja noch lange nicht vom Tisch ist? Lassen wir uns von den möglichen Szenarien verunsichern, leben wir quasi auf den Untergang zu? Oder Sehen wir Licht am Ende des Tunnels? Wie leben wir? Ich finde, die Frage stellt sich auch generell. Wie leben wir, und woraufhin?

Der Blick nach vorn. Der Predigttext für heute stellt diesen Blick ins Zentrum. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch Jeremia. Der Prophet hat, bevor die Katastrophe kam, das Volk immer gewarnt, Jeremia gehört zu den sogenannten Gerichtspropheten. Er hat ihnen gesagt, was passieren wird, und so ist es ja dann auch gekommen. Nun lebt er inmitten seiner Leute in einer bedrückenden Situation, Stadt und Land sind zerstört und die Leute völlig demoralisiert. Hier hinein spricht er ihnen Hoffnung zu. Ich lese den Abschnitt aus dem 31. Kapitel:

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt!“

Es kommt die Zeit – der Prophet sagt seinen Mitmenschen etwas an, was noch nicht da ist. Aber er sagt nicht: Es könnte sein, vielleicht ist es möglich. Sondern er behauptet: So wird es sein. Ein gewisser Blick in die Zukunft.

Es geht da um ein anderes Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Das Wort dafür in diesem Text ist Bund. Für uns durchaus missverständlich, kann mit Bund doch vieles gemeint sein. Das hebräische Originalwort könnte man am ehesten mit Selbstverpflichtung umschreiben. Eigentlich gilt das für beide Vertragspartner. Hier aber, besonders beim neuen Bund geht es um die Selbstverpflichtung Gottes. Gott hebt sein Volk auf eine andere Ebene, nachdem sie früher nicht in der Lage waren, sich daran zu halten.

An dieser Stelle finde ich es wichtig, genau hinzusehen. Unterscheiden müssen wir zwischen dem Bund, also dem Vertragsschluss, und dem Inhalt dieses Bundes. Der hier Gottes Gesetz genannt wird. Und das, so erfahren wir, bleibt. Es geht nicht um neue Regeln. Sondern darum, wie sie an den Mann und die Frau gebracht werden. Gott hat festgestellt, dass es wenig bringt, seinem Volk etwas vorzulegen. Das erreicht vielleicht deren Verstand, aber lange noch nicht die Handlungsebene. Das konnte ja nur schiefgehen. Also stellt er es diesmal anders an. Er schreibt ihnen seine Gebote nicht auf Steintafeln, sondern direkt ins Herz. So dass Gottes Wille und das Handeln der Menschen im Einklang sind.
Dass
die Menschen von sich aus so leben, wie Gott es sich wünscht und wie es gut für die Menschen ist. Und dann muss keiner dem anderen mehr sagen, was er zu tun hat. Denn alle wissen, was dran ist.

Um das zu ermöglichen, schenkt Gott seinem Volk einen völligen Neuanfang. Alles, was vorher schiefgelaufen ist, zählt jetzt nicht mehr. Es ist die Stunde Null, alles auf Anfang.

Es wird sein. Mich erinnert diese Ansage sehr an das, was Jesus seinen Mitmenschen erzählt hat. Seine Ankündigungen des Gottesreiches. Wo auch das Verhältnis zwischen Gott und Menschen ein anderes, ein besseres sein wird. Wo es keinen Streit und kein Leid mehr gibt. Wo die Liebe das bestimmende Element ist zwischen Gott und den Menschen. Auch Jesus hat gesagt: Alles wird gut. So wird es sein.

Aber wir stellen fest: So ist es noch nicht. All das Tolle, das kommen soll – bis jetzt ist es reine Ansage. Die Realität spiegelt davon nichts wider. So ging es den Menschen zu Zeiten Jeremias, so ging es den Mitmenschen Jesu, und so geht es uns heute. Nicht nur mit der Welt um uns herum, sondern auch mit uns selbst. Wie heißt das bekannte Zitat: Zwei Seelen schlagen, ach in meiner Brust. Die Zerrissenheit ist Programm. Wir hören also die hehren Worte – aber was tun wir damit? Wie gehen wir damit um?

Jesus hat oft von der anbrechenden Zukunft gesprochen. Aber an einer Stelle sagt er etwas Spannendes: „Gottes Reich kann man nicht sehen wie ein irdisches Reich. Niemand wird sagen können: ›Hier ist es!‹ oder ›Dort ist es!‹ Denn Gottes Reich ist schon jetzt da – mitten unter euch.“ Das heißt: Der Neuanfang, auf den wir warten, passiert schon jetzt, wenn auch oft im Verborgenen.

Deshalb ist meine Überlegung: Warum nicht jetzt schon so leben, als ob das Neue begonnen hätte? Natürlich immer noch unter den Vorzeichen dieser Welt und mit unseren eigenen Abgründen. Aber trotzdem: Leben als ob – wie könnte das gehen?

Ehrlich gesagt ist Christsein vom Grund her genau das. Wir leben immer auf Hoffnung. Wir hören die Verheißungen der Bibel und vertrauen, dass Gott es wahrmachen wird. Und gleichzeitig leben wir auf dieser Erde, wo lange nicht alles so ist, wie es sein soll. Wir sind unterwegs zu Neuem und gleichzeitig aufgerufen, das Leben hier auf der Erde zu gestalten. Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Leben als ob. Mit Gottes Wort im Herzen. Durchdrungen von seiner Liebe. Das ist das erste. Klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn natürlich ist der alte Schweinehund noch da. Und doch kannst du dich öffnen. Kannst dich der Liebe Gottes hingeben, und die wird dich verändern. Lass sie zu, und du wirst das Richtige tun. Eins meiner Lieblingszitate ist ein Ausspruch vom Kirchenvater Augustin: Liebe – und dann tu, was du willst. Wenn deine Liebe nicht selbstbezogen ist, sondern von Gott herkommt, dann lebst du schon als ob.

Der zweite Punkt ist der Neuanfang. Gott sagt: „Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden.“ Leben als ob heißt hier wirklich glauben, dass meine Schuld nicht mehr zählt. Ich finde diesen Punkt echt schwer. Immer wieder fallen mir Dinge ein, die ich falsch gemacht habe, wo ich nicht genügt habe, wo ich etwas versäumt habe. Aber all das ist vergeben, die Last hat Gott von meinen und deinen Schultern genommen. Du darfst befreit leben.

Der dritte Punkt ist das Zusammenleben auf einer Ebene. „Sie werden mein Volk sein. Niemand muss dann den anderen noch belehren.“ Auch das sagt Jeremia an. Und im neuen Testament klingt das immer wieder durch. Nehmt einer den anderen an. Schafe einer Herde. Konkret heißt das: Nicht darauf schauen, ob ich häufiger im Gottesdienst bin als mein Nachbar. Nicht den anderen erzählen, wie sie richtig zu glauben haben. Sondern darauf vertrauen, dass Gott uns seine Liebe in unser Herz gelegt hat.

Wie können wir leben? Leben unter den Bedingungen dieser Welt heißt im Moment, mit den notwendigen Beschränkungen zu leben. So tun, als ob es all das nicht gäbe, ist kein Leben als ob, sondern kollektiver Selbstmord. Und doch: Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Es ist inmitten dieser Beschränkungen der hoffnungsvolle Blick nach oben und nach vorn. Das Vertrauen darauf, dass Gott das Richtige für uns plant. Dass er uns durch diese Zeit hindurchführt. Und uns seinen Geist schenkt, der uns leitet in unserem Tun und Leben.

Amen.

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Predigt für Donnerstag, den 21.05.2020, Himmelfahrt

Heute ohne Audiodatei, dafür mit vielen Bildern. Wie immer finden Sie aber am Ende der Seite die Möglichkeit, die Predigt als pdf-Datei herunterzuladen.

Himmelfahrt

Himmelfahrt Altar

Wir feiern Himmelfahrt – den Bibeltext dazu haben wir eben gehört. Wer kann damit noch etwas anfangen? Für heutige aufgeklärte Menschen ist diese Erzählung ein Unding, bestenfalls ein Märchen. Vermutlich ein Grund, warum nur wenige mit diesem kirchlichen Feiertag vertraut sind. Warum sie dafür lieber mit dem Bollerwagen ins Grüne rollen und nach und nach ins Blaue abdriften. Vatertag also. Wir Kirchenleute schimpfen ja immer darüber. Aber gibt es vielleicht doch Gemeinsamkeiten? In beiden Fällen geht es um Gemeinschaft, genauer gesagt um ein Gemeinschaftserlebnis. Für uns ist das der Gottesdienst unter freiem Himmel, für andere ist es das gemeinsame Spaß haben, auch in der freien Natur.
Himmelfahrt – der unmögliche Feiertag. Unmöglich auch deshalb, weil die Christen behaupten, dass sich hier Dinge verbinden, die eigentlich getrennt sind. Gott im Himmel und wir auf der Erde, und es geht ja auch ohne ihn. An Himmelfahrt aber werden Himmel und Erde ganz eng zusammen gedacht. Und das liegt an Jesus. Jesus, der uns zugesagt hat, immer bei uns zu sein, und doch plötzlich im Himmel verschwindet. Das passt doch nicht, oder? Wie geht das zusammen?
Für heute ist ein Text aus dem Johannesevangelium ausgewählt, der auf ähnliche Weise die verschiedenen Ebenen: Gott – Himmel – Mensch – Erde zusammenbringt. Es ist ein Ausschnitt aus dem Gebet, das Jesus kurz vor seiner Verhaftung spricht. Der Text ist nicht einfach, es ist eine sehr verklausulierte Sprache, und Johannes liebt es, die selben Dinge und Sachverhalte mindestens drei- viermal in anderen Worten zu wiederholen. Deshalb habe ich zwei Verse ausgewählt, die für mich das Zentrum dieses Abschnitts ausmachen. Ich lese aus dem 17. Kapitel:
„Ich habe ihnen“ – also den Gläubigen – „die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“
Da ist ganz viel drin. Ich nehme es mal auseinander. „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast“. Gottes Herrlichkeit, das ist etwas, das wir gar nicht fassen können, etwas, das uns komplett übersteigt. Jesus nun lässt etwas davon durchscheinen, lässt uns einen Eindruck von Gott selbst bekommen, ohne dass wir sofort vergehen. Diese Erfahrung Gottes bindet uns als Gläubige zusammen: „auf dass sie eins seien“. Alle erfahren wir durch Jesus etwas von diesem einen Gott, der eins mit Jesus ist, und dadurch werden wir zu einer Einheit, zu einer Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist nun kein Selbstzweck, sondern erfüllt eine Aufgabe: „ auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast“. Das heißt, unsere Einheit als Christen strahlt in die Welt hinaus. Und durch uns und unser Zusammenstehen wird Jesus für die Außenwelt sichtbar. Der Satz geht noch weiter: „dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“ Es wird also nicht nur Jesus selbst erkennbar, sondern durch Jesus erfahren die Menschen von der Liebe Gottes. Sie erfahren durch ihn, dass Gott sie liebt, und zwar wie den eigenen Sohn.
Was für mich an diesem Text deutlich wird, ist, dass Jesus das Bindeglied ist. Der Punkt, der alles zusammenbringt. So ist er zum einen das Bindeglied zwischen Gott und den Menschen. Es ist für die Menschen bis heute schwierig, sich einen Gott zu denken, der alles in den Händen hält. In Jesus kommen Gott und Mensch zusammen. In Jesus wird Gott für uns greifbar.

Jesus ist aber auch das Bindeglied zwischen den Menschen. Alle, die an ihn glauben, gehören zusammen, bilden eine Gemeinschaft. Und auch da fügt er Gegensätze zusammen, denn so treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Und schließlich, und damit sind wir bei Himmelfahrt, bindet Jesus Himmel und Erde zusammen. Im Johannesevangelium wird das besonders deutlich. Es wird dort zwar geschildert, wie er mit den Menschen lebt und mit ihnen umgeht. Und doch spricht aus seinen Worten immer schon die obere Ebene, der Himmel. Jesus wirkt bei Johannes die ganze Zeit ein Stück entrückt. Und auch sonst wirken die Zusage, dass er immer bei uns ist und die Tatsache, dass wir ihn bei Gott verorten, zusammen.
Eins sein. Das kommt im Text häufiger vor. Der Gedanke der Einheit ist zentral. Nur als Einheit kann die christliche Gemeinde bestehen. Dabei ist mit Einheit nicht gemeint, dass alle gleichgeschaltet sind. Dafür sind auch die Christen viel zu unterschiedlich. Die Einheit besteht eben in Jesus Christus. Im Anerkennen, dass er unser Herr ist. Daran entscheidet sich die christliche Gemeinschaft.
Und daran zeigt sich auch, wer diese Gemeinschaft zusammenruft. Nicht wir entscheiden, wer zur Kirche dazu gehört und wer nicht. Eine christliche Gemeinde ist kein Freundeskreis. Da geht es nicht um Sympathien und Abneigungen. Zusammen gehören wir, weil wir an Jesus Christus glauben. Ob wir uns mögen oder nicht. Und um die Einheit zu gewährleisten, bleibt uns nur das Gebet. Wir kommen zusammen, aber Gott allein bewirkt, dass wir zu einer Gemeinde werden.
Durch diese Gemeinde wirkt Gott in die Welt hinein. Auch hier ist das Stichwort Einheit entscheidend. Denn wenn wir untereinander zerstritten sind, wird uns keiner abnehmen, was wir ihm von Gottes Liebe erzählen. Gemeinsam geben wir ein Beispiel ab, wie es ist, von und mit seiner Liebe zu leben und sie weiterzugeben.
Eins sein, Einheit – ist das heute dran? Wo es doch immer besonders um den Einzelnen und seine Individualität geht. Ich glaube, es ist sehr wohl dran. Corona zeigt gerade deutlich die Grenzen des Individuums auf. Plötzlich ist es das Gebot der Stunde, auf den anderen zu achten und nicht mehr nur meinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Wir merken, dass wir zusammengehören und nur miteinander leben können.
Und das lässt sich noch ausweiten. Nicht nur Mensch gegen Mensch ist das Problem, sondern Mensch gegen Tier, Mensch gegen Umwelt und so weiter. Diese Vereinzelung und Zerrissenheit ist das Grundübel dieser Welt, behaupte ich. Nur der Blick auf die Zusammenhänge bringt uns weiter. Was ich vorhin gesagt habe, gilt auch für die gesamte Schöpfung: Nur zusammen können wir leben.
Heute ist Himmelfahrt. Der Tag, an dem Dinge zusammenkommen, die wir für getrennt halten. Das ist unsere Chance. Jesus hilft uns dabei, auf der Erde zu leben und den Himmel im Blick zu behalten. Als eine christliche Gemeinschaft, die sich nicht selbst genug ist, sondern für die anderen da ist. Als eine Gemeinschaft, die von der Liebe Gottes lebt und darauf vertraut, dass das Beste noch kommt. Himmel und Erde gehören zusammen.
Amen.

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Gottesdienst am Sonntag, den 17.05.2020

Diese Woche fand zum ersten Mal wieder ein Gottesdienst in unserer Kirche statt. Deshalb gibt es für die Menschen, die nicht anwesend sein konnten oder wollten, heute nicht nur die Predigt, sondern den gesamten Gottesdienst als Audiodatei.
Wie gewohnt können Sie die Predigt hier lesen und herunterladen oder an den bekannten Stellen als Ausdruck mit nach Hause nehmen.

Gottesdienst am 17.05.2020, Sonntag Rogate

Teil 1 (Glocken, Begrüßung, Orgelvorspiel)

Teil 2 (Psalmgebet, Eingangsliturgie, Lesung, Credo, Orgel)

Teil 3 (Predigt)

Teil 4 (Orgel, Abkündigungen, Fürbitten, Vater unser, Segen, Orgelnachspiel)

Es ist schön, hier wieder stehen zu können. Es ist schön, euch und Sie zu sehen, aller Auflagen zum Trotz. Zwei Monate lang konnten wir keinen Gottesdienst zusammen feiern – ich glaube nicht, dass irgendjemand von euch das früher schon einmal erlebt hat. Nun kommen wir wieder zusammen – auch wenn die Auflagen hoch sind. Ein Stück mehr christliche Gemeinschaft.
Der heutige Sonntag trägt den Namen Rogate – betet! Damit ist das Thema vorgegeben. Während es vor zwei Wochen um das Lob Gottes ging und letzte Woche ausdrücklich das Singen im Vordergrund stand, dreht es sich heute ums Gebet. Und während ich letzte Woche fast verzweifelt bin, dass ich über das Singen zu predigen hatte, obwohl gerade das im Moment nicht möglich ist, bin ich heute deutlich erleichtert. Beten, und eben auch das gemeinsame Gebet, geht. Nach langen Wochen der gottesdienstlichen Enthaltsamkeit tut es gut, die anderen Stimmen zu hören.
Vielleicht ist dieser Einschnitt, den wir erlebt haben, auch für das Thema Gebet gar nicht schlecht. Denn ich behaupte mal, dass vorher für den einen oder die andere das Sprechen des Vater-unsers leicht zum mechanischen Mitsprechen werden konnte, ohne sich über den Inhalt groß Gedanken zu machen. Auch die anderen Gebetsformen im Gottesdienst stehen immer in Gefahr, zum bloßen inhaltsleeren Ritual zu werden. Also bietet sich nach der langen Pause eine günstige Gelegenheit, grundsätzlich über das Gebet nachzudenken. Was ist das eigentlich, Gebet? Wie beten wir, wann tun wir das, und warum? Und schließlich müssen wir uns die Frage gefallen lassen: Was bringt das Gebet? Ist es nicht letztlich nur ein Sprechen gegen die Wand?
Das Thema Gebet ist in der Bibel zentral, ganz klar. Denn das Gebet ist eben die einzige Möglichkeit, mit Gott in Kontakt zu treten. So ist das Buch der Psalmen eine ganze Sammlung der unterschiedlichsten Gebete. Und im Neuen Testament erleben wir Jesus als intensiven Beter. Er war so in dauerndem Gespräch mit seinem Vater, und er hat die Menschen um ihn herum aufgefordert, es ihm gleich zu tun. Dabei war Jesus wichtig, dass wir nicht irgendwie beten. Es gibt von ihm eine richtige Anleitung dazu, und die lese ich nun aus dem Matthäusevangelium im 6. Kapitel:
„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
Diese Worte Jesu finden wir in der sogenannten Bergpredigt, die Matthäus aufgeschrieben hat. Hier wendet sich Jesus an all die, die ihm zuhören wollen. Und er sagt ihnen, was wichtig ist. Wie sie sich verhalten sollen, wenn sie so wie Jesus auf das kommende Reich Gottes warten und aktiv zugehen. Dort spricht er viele Bereiche der Lebensführung an, und so eben auch das Gebet. Es ist dort vollkommen klar, dass Jesus seinen Anhängern nicht erst erklären muss, was ein Gebet ist, denn alle Welt betet, egal zu welchen Göttern. Das Gebet war und ist schon immer der Kontakt zur überirdischen Welt. So geht es Jesus nicht darum, ob man überhaupt beten soll, sondern wie.
Darum kümmert er sich in den ersten Sätzen unseres Abschnitts. Er stellt klar: Gebet ist kein Schaulaufen. Es geht nicht darum, in einen religiösen Wettbewerb zu treten. Matthäus hatte hier das öffentliche jüdische Gebet vor Augen, und wie auch an anderen Stellen seines Evangeliums befindet er sich in starker Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden, die damals sehr aktuell war. Wir könnten hier sagen, das betrifft uns doch gar nicht. Wer heute irgendwo öffentlich betet, wird meist ignoriert, und vielleicht noch ausgelacht. Aber ich habe es selbst erlebt und immer wieder davon erfahren, wie sich gerade in Freikirchen Menschen im spontanen Gebet überbieten und wie dort Messlatten angelegt werden. Das gibt es also durchaus noch. Jesus sagt dagegen: Gott hört dich, egal wo du bist. Deshalb kannst du auch zu Hause beten, oder stumm, ohne Worte auszusprechen. Gebet ist eine Sache zwischen dir und Gott, und kein Vergleichsgegenstand zwischen Menschen.
Außerdem spricht Jesus die Art und Weise an, wie Menschen beten. Kurz gesagt: Gott weiß sowieso schon, was du sagen willst und was du brauchst. Das musst du ihm nicht erst erklären. Und als Beispiel schiebt Jesus dann das Gebet nach, das zum Grund- und Kerngebet aller Christen auf der Welt geworden ist. So wie es hier eingeleitet wird, stellt es Jesus als Mustergebet vor: Wenn ihr euch an dieses Muster haltet, macht ihr nichts falsch. Dies enthält alles, was euch in eurem Verhältnis zu Gott betrifft. Mehr Worte bedarf es nicht.
Interessant finde ich, dass aus der Anleitung und dem Muster, wie wir zu Gott beten können, das ultimative Standardgebet geworden ist. Vielleicht, weil die Menschen schnell Angst hatten, doch irgendetwas falsch zu machen. Aber warum auch nicht, hier ist ja alles drin.
Schauen wir einmal rein. Hier fällt auf, dass sich die ersten Bitten gar nicht um meine eigenen Bedürfnisse drehen. Erst geht es um Gott. Nämlich darum, dass er ernstgenommen werde, dass sich sein Wirkungsbereich ausbreite und alle Welt nach seinem Willen lebe, also mich eingeschlossen. Wenn ich das ernsthaft bete, verringere ich die Gefahr, dass ich auch im Gebet nur um mich selbst kreise. Denn ich drücke den Wunsch aus, dass Gott groß werde, weil ich meinem Vater voll und ganz vertraue.
Und dann kann es auch um mich und die Menschen um mich herum gehen. Die Bitte, dass mein Überleben für diesen Tag gesichert sei – im Bewusstsein, dass genau diese Bitte noch unzählige Menschen auf der Welt mit vollem Ernst beten müssen, kann ich mit meinem überzogenen Lebensstandard nur ganz still werden und mich dafür einsetzen, dass alle Menschen leben können. Genauso lebenswichtig und zentral für das ganze Gebet ist die Bitte um Vergebung. Denn sie schließt ein, dass ich mich auf den anderen zubewege. Nur so wird Gottes Reich Wirklichkeit, deshalb betont Jesus das noch einmal im Anschluss an seinen Gebetsvorschlag. Und schließlich geht es um die Auseinandersetzung mit dem Bösen in der Welt – wir rechnen damit, aber eben auch mit der Macht Gottes.
Hier ist wirklich alles drin, was wir brauchen. Das Gebet durchdringt alle Lebensbereiche. So sollen wir beten, sagt Jesus. Mir wird daran klar, dass uns Jesus nicht einzelne Vorschriften fürs Gebet vorlegt. Sondern dass das Eigentliche die innere Haltung ist, mit der wir beten. Wir bringen unser gesamtes Leben und Dasein im Gebet vor Gott. Wir drücken aus: Mein Leben ist nicht meine Privatsache. Mein Leben gibt es nur in Beziehung zu Gott, von dem es herkommt und zu dem es zurückkehrt. Ich lasse ihn in alle Bereiche hinein.
Dementsprechend ist der Einwand, im Gebet ins Leere zu sprechen, unerheblich. Denn ich rechne mit Gott in allen Dingen – schon dadurch wirkt sich mein Gebet auf mich aus. Und es schafft Verbindung zu allen, die auch beten. Mich gibt es nicht allein, sondern nur in der Gemeinschaft der Christen. Das Schöne ist: Diese Gemeinschaft besteht, ob wir uns nun treffen dürfen oder nicht. Ob wir allein im stillen Kämmerlein beten oder heute morgen hier zusammen in unserer Kirche. Auch wenn unsere Gemeinschaft so wieder ein Stück greifbarer wird.
Amen.

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Generalversammlung beim Kirchenchor am 05.03.20

Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter den Sängerinnen und Sängern. Sie trafen sich zu insgesamt 45 Chorproben und haben 10 Gottesdienste mitgestaltet. Außerdem hat der Chor 12 mal mit einem Ständchen erfreut. Beim Ringsingen war der Chor ebenso beteiligt wie am Adventskonzert.

Ein ganz besonderes Konzert gab es am 30. Juni anlässlich des 10jährigen Chorleiterjubiläums von Ralf Völke. Zu diesem Konzert waren auch der Gemischte Chor Zasenbeck und der Singkreis Knesebeck eingeladen. Beide Chöre, die Stefanie Barnieske leitet, haben gemeinsam mit dem Kirchenchor einige Lieder eingeübt und vorgetragen. Auch Ralfs Familie hat eine instrumentale Einlage geboten.

Für die Vorstandsarbeit konnte Gudrun Behrens gewonnen werden, die ab sofort Eckhard Evers, Kordula Evers, Gerald Manthey, Ulrich Rotermund und Martina Meinecke unterstützt.

Die fleißigsten Sänger waren Ulrich Rotermund und Ralf Völke, die nur drei Chorproben verpasst haben. Jörg Nock hat sogar nur zwei Proben verpasst. Sie wurden besonders geehrt.

Im Oktober wird der Chor zu einer Sängerfreizeit in den Harz fahren. Hier wollen sich die Sänger auf das Adventskonzert vorbereiten und einige umfangreiche Stücke, die Rüdiger Vopel komponiert hat, einüben. Dazu werden dringend neue Sänger gesucht. Besonders die Männerstimmen brauchen Unterstützung. Wer Interesse hat, möge doch bitte zur Chorprobe kommen und mal reinschnuppern. Wir üben donnerstags ab 19.30 Uhr im Küsterhaus. Informationen über die Sängerfreizeit gibt es außerdem bei den Vorstandsmitgliedern Kordula Evers, 05835-567 und Ulrich Rotermund 05835-424.

Wir sehen uns!

Predigt für Sonntag, den 10.05.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

J.S. Bach: Motet BWV 225 ‚Singet dem Herrn‘
Vocalconsort Berlin o.l.v. Daniel Reuss

Predigt für den 10.05.2020 Sonntag Kantate

Wenn die Stille die Freude übertönt – so lautet die Headline der Evangelischen Zeitung für heute.

Liebe Leute,
wir feiern heute den Sonntag Kantate. Kantate heißt: Singt! – und bezieht sich auf Psalm 98, wo es heißt: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Singen ist also das Programm für diesen Sonntag nach Ostern. In diesem Jahr läuft die Aufforderung gegen die Wand, weil wir aus Infektionsschutzgründen gar nicht singen dürfen. Auch wenn wir in Wahrenholz in einer Woche mit den Gottesdienst in der Kirche wieder anfangen – die Gemeinde bleibt stumm, jedenfalls was das Singen angeht. „Wenn die Stille die Freude übertönt“…
Ich könnte meine Predigt auch so überschreiben: Von der Unmöglichkeit, heute über Kantate zu predigen. Denn so sehr ich mich auf das gemeinsame und fröhliche Singen beziehe, – und um nichts anderes geht es heute – desto zynischer mag das klingen. Doch auf der anderen Seite: Es fällt immer das stärker auf, was wir gerade nicht haben oder können. Und es wird dann umso deutlicher, was daran so wichtig ist. Also ist so eine Zeit, wo Chöre und Gemeinden schweigen müssen, vielleicht gerade eine gute Zeit, über das Singen nachzudenken. Gehen wir es an.

Im Predigttext, den ich für heute ausgewählt habe, spielt der Gesang eine zentrale Rolle. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch der Apostelgeschichte. Hauptpersonen sind der Apostel Paulus und sein Mitstreiter Silas, und diese sind unterwegs, um neue christliche Gemeinden zu gründen. In der Stadt Philippi haben sie schon eine einflussreiche Frau mit der christlichen Botschaft erreicht und danach eine Sklavin von einem Dämon befreit. Das führt aber längst nicht nur zu Freude, sondern am Ende auch dazu, dass die beiden ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen werden. Und hier setzt unser Text ein:
„Nachdem Paulus und Silas so misshandelt worden waren, warf man sie ins Gefängnis und gab dem Aufseher die Anweisung, die Gefangenen besonders scharf zu bewachen. Also sperrte er sie in die sicherste Zelle und schloss zusätzlich ihre Füße in einen Holzblock ein. Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas. Sie lobten Gott mit Liedern, und die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich bebte die Erde so heftig, dass das ganze Gefängnis bis in die Grundmauern erschüttert wurde; alle Türen sprangen auf, und die Ketten der Gefangenen fielen ab. Aus dem Schlaf gerissen sah der Gefängnisaufseher, dass die Zellentüren offen standen. Voller Schrecken zog er sein Schwert und wollte sich töten, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen. »Tu das nicht!«, rief da Paulus laut. »Wir sind alle hier.« Der Gefängnisaufseher ließ sich ein Licht geben und stürzte in die Zelle, wo er sich zitternd vor Paulus und Silas niederwarf. Dann führte er die beiden hinaus und fragte sie: »Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?« »Glaube an den Herrn Jesus, dann werden du und alle, die in deinem Haus leben, gerettet«, erwiderten Paulus und Silas. Sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus die rettende Botschaft Gottes. Der Gefängnisaufseher kümmerte sich noch in derselben Stunde um Paulus und Silas, er reinigte ihre Wunden und ließ sich mit allen, die zu ihm gehörten, umgehend taufen. Dann führte er sie hinauf in sein Haus und bewirtete sie. Er freute sich zusammen mit allen, die bei ihm lebten, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatten.“

Wie an vielen Stellen der Bibel geht es auch hier nicht darum, einen exakten historischen Bericht vorzulegen, sondern eine zentrale Aussage für den christlichen Glauben deutlich zu machen. Paulus und Silas scheinen in einer aussichtslosen Lage zu sein. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen und stimmen Loblieder an. Sie preisen nicht ihre Situation, sondern Gott – ihrer aktuellen Lage zum Trotz. Und das ruft das machtvolle Handeln Gottes herbei. Alle Gefangenen werden befreit, aber sie fliehen nicht. Hier rückt der Aufseher in den Blick. Nach einem fast tödlichen Schreck gerät der in Fassungslosigkeit, und lässt sich dann auf das ihm gesagte Wort ein. Am Ende der Geschichte gibt es wieder ein paar Christen mehr, und das passt zu dem, was der Zweck aller Missionsreisen des Paulus ist, nämlich die Ausbreitung der guten Botschaft und des christlichen Glaubens.
Das Schlüsselereignis in unserer Begebenheit ist aber das Singen. Ich weiß nicht, ob mir in einer ähnlichen Lage nach Singen zumute wäre. Paulus und Silas tun das – und zwar in der, wenn auch beschränkten, Öffentlichkeit des Gefängnisses. Sie singen laut und deutlich und haben Zuhörer. Wieso singen, und wieso gerade in dieser Situation?
Ich werfe mal einen Blick auf einige wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung des Singens. Körperlich bewirkt das tiefe Ein- und Ausatmen, dass der Blutdruck sinkt, der Puls langsamer wird und sich die Muskulatur entspannt. Auch wird der Stoffwechsel angeregt, die Durchblutung wird effektiver und die Konzentrationsfähigkeit steigt. Schließlich werden unter anderem Endorphine ausgeschüttet, die das Glücksgefühl steigern. Weiter wird gesagt, dass das Singen in der Konzentration auf das Erlernen von Liedern pure Ablenkung von den Problemen des Alltags ist und so eine stressfreie Zone darstellt. Es verändert den Gemütszustand in eine positive Richtung. Und es stärkt die Zusammengehörigkeit in der Gruppe, hat also auch eine deutliche soziale Funktion. Darüber hinaus können mit Gesang Inhalte besser transportiert werden – Liedtexte lernen wir leichter und schneller als rein sprachliche Kernsätze.
Zurück ins Gefängnis. Paulus und Silas nutzen die positiven körperlichen Eigenschaften des Singens, um sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie verlassen bildlich gesprochen die Niederungen des Gefängnisses und wenden sich nach oben, zu Gott hin. Die Wirkung auf die anderen Gefangenen: Sie hören ein klares Bekenntnis zu Gott in gesungener Form, und sie fühlen sich in die Gemeinschaft von Paulus und Silas mit hineingenommen. Alle zusammen erleben sich durch den Gesang befreit, wenn auch nicht im wörtlichen Sinn, dann doch psychisch. In der Geschichte folgt ja dann noch der Paukenschlag der körperlichen Befreiung durch das Erdbeben.

Die Moral von der Geschicht‘: Singen befreit. Und damit sind wir bei dir und bei mir. Wie du vielleicht weißt, singe ich gerne und bin selbst auch Chorleiter, habe also reichliche Erfahrungen mit dem Gesang. Ich merke immer wieder, dass das Singen mich verändert, und zwar im positiven Sinn. Ich lasse mich hineinnehmen in den Klang und in die Gemeinschaft mit den anderen Sängern, und in diesem Moment kann ich sagen: Das ist Glück! Ich merke, wie ich Belastendes einfach loslasse, wie ich hier Befreiung erlebe. Und ich fühle mich nach dem Singen gestärkt.
Singen verändert auch die Menschen um mich herum. Wenn wir gemeinsam singen, spüren wir eine Verbundenheit, eine gemeinsame Basis. Denn wir sind zwar einzelne, unterschiedliche Menschen, aber wir tragen gemeinsam dazu bei, dass ein Gesamtklang entsteht. Aus der Verschiedenheit in die Einheit. Wir werden von unseren eigenen Grenzen und Abschottungen befreit und können so eine echte Gemeinschaft bilden.
Außerdem verändert das Singen auch mein Verhältnis zu Gott. Der Kopf trägt ja oft Zweifel mit sich herum, ob das, an das ich glaube, denn wirklich auch stimmt. Wenn ich singe, spüre ich plötzlich eine Verbindung nach oben. Ich merke, wie ich frei werde und wie ich dadurch Gottes Nähe erfahre.
So – und nun? Singen geht gerade nicht, jedenfalls nicht gemeinsam. Nachdem ich dieses Loblied auf das Singen gesungen habe… Ich muss zugeben, dass ich bei dem Sammeln meiner Gedanken für diese Predigt einer Verzweiflung schon ziemlich nahe kam. Wie löse ich bloß dieses Dilemma, das wir gerade erleben?
Der Psalm zum Sonntag hat mir mir hier geholfen. Zunächst wird dort aufgefordert zu singen – und nicht nur das, sondern auch zu musizieren, auch das zur Ehre unseres Gottes. Solange es nicht Blasinstrumente sind, geht das ja gerade. Entscheidender finde ich noch die Verse danach, wo das Meer, der Erdkreis, die Ströme und die Berge aufgefordert werden, Gott zu loben. Ich höre hier: Nicht nur wir sind zum Lob Gottes aufgefordert, sondern mit uns die ganze Schöpfung. Und das ist keine typisch biblische Übertreibung. Geh einfach mal raus in den Garten und setz dich still hin. Das Konzert allein der Vögel ist wirklich beeindruckend. Dazu kommt das Rauschen der Bäume im Wind, das Plätschern der Bäche oder auch an der Küste die Brandung des Meeres. Wenn wir glauben, dass all dies von Gott geschaffen wurde, dann können wir ein ständiges Gotteslob erleben, in das wir uns hineingeben dürfen.
Mich hineingeben, auch wenn ich nicht Laut gebe – das geht und das erhebt auch. Zum Beispiel mit der Motette „Singt dem Herrn ein neues Lied“ von Johann Sebastian Bach, die ich als eine der schönsten Vertonungen des heutigen Psalms empfinde. Sie steht neben der Predigt auf unserer Homepage.
Nach all dem würde ich die Überschrift in der Evangelischen Zeitung gerne umformen: Wenn die Freude auch in der Stille tönt. Denn die möchte ich mir nicht nehmen lassen, diese Freude am Gesang und an der Musik. Wir bleiben dran am Lob Gottes – und das wird umso mächtiger, wenn wir wieder gemeinsam singen können. Ich freu mich drauf!
Amen.

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Informationen zur Wiederaufnahme der Gottesdienste

Ab dem 17. Mai feiern wir wieder Gottesdienst in unserer
Kirche zur gewohnten Zeit um 10 Uhr!

Diese Gottesdienste finden in verkürzter Form statt – ein
gemeinsames Singen ist zur Zeit noch nicht möglich.

Die Gottesdienstbesucher werden einzeln in die Kirche geführt
und bekommen einen Platz zugewiesen. Auch das Verlassen
der Kirche geschieht nach Anweisung.

Beim Betreten und Verlassen der Kirche ist ein Nasen-MundSchutz erforderlich.
An den Gottesdiensten dürfen nur Menschen ohne
Krankheitssymptome teilnehmen.

Falls mehr Teilnehmer kommen, als nach den
Abstandsbestimmungen möglich sind, wird ein zweiter
Gottesdienst im Anschluss an den ersten gefeiert.

Weiterhin werden die Predigten zum Hören und Nachlesen auf
der Homepage www.kirche-wahrenholz.de veröffentlicht.
Außerdem werden die Predigten in gedruckter Form im
Vorraum des Küsterhauses, im Café Hüüs Hoff und im
Schreibwarengeschäft A&O ausgelegt und können
mitgenommen werden.

Predigt für Sonntag, den 03.05.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

„Ich kann nicht schweigen“ – Gospelchor

Predigt für den 03.05.2020 Sonntag Jubilate

Liebe Leute,
noch eine Predigt aus dem „Off“. So langsam habe ich mich daran gewöhnt, Predigten ohne Gemeinde zu halten. Denn die „Gemeinde“ ist ja trotzdem da, ich merke das immer wieder an den Rückmeldungen auf meine Predigten. Darüber freue ich mich! Inzwischen deutet sich die Möglichkeit an, demnächst wieder unter bestimmten Bedingungen Gottesdienste feiern zu dürfen. An dieser Form – elektronisch und gedruckt – will ich aber bis auf Weiteres festhalten.
Der heutige Sonntag heißt Jubilate. Das bedeutet so viel wie: „Jubelt und lobt den Herren!“ Er gehört in die Reihe der fröhlichen Sonntage nach Ostern. Wir werden aufgefordert, Gott zu loben. Ein solches Loblied singt der Gospelchor, es ist neben der Predigt auf der Homepage zu finden. Doch wie ist das mit dem Jubeln und Loben in der derzeitigen Lage? Kannst du jubeln? Oder bleibt dir das Lob doch eher im Halse stecken?
Fröhliche Lieder und Gotteslob sind Kennzeichen der Christen. Wenn Glaubende zusammenkommen, singen sie gemeinsam zur Ehre Gottes. Das ist eines von mehreren Dingen, an denen man einen Christen erkennen kann. Dieses Kennzeichen fällt zur Zeit weg, wir dürfen schlicht nicht singen. Für mich fast unerträglich. Und auch sonst sind wir in unserem Auftreten und Erkennbarwerden gerade sehr eingeschränkt. Es stellt sich mir die Frage: Wie können wir uns als Christen in der jetzigen Situation zeigen, wie können wir uns verhalten?
Am letzten Sonntag stand das Bild des guten Hirten im Zentrum. Ein Hirte – eine Herde. Es ging um die Zusammengehörigkeit, untereinander, aber auch mit Jesus Christus als dem Hirten. Auch in unserem heutigen Text wird die Verbundenheit mit Christus ausgedrückt. Es ist ein weiterer Text aus dem Johannesevangelium, und wie auch beim letzten Mal ein sogenanntes „Ich-bin-Wort“. Ich lese den Abschnitt aus dem 15. Kapitel:
Jesus spricht: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Alle Reben am Weinstock, die keine Trauben tragen, schneidet er ab. Aber die Frucht tragenden Reben beschneidet er sorgfältig, damit sie noch mehr Frucht bringen. Ihr seid schon gute Reben, weil ihr meine Botschaft gehört habt. Bleibt fest mit mir verbunden, und ich werde ebenso mit euch verbunden bleiben! Denn eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Früchte tragen, sondern nur, wenn sie am Weinstock hängt. Ebenso werdet auch ihr nur Frucht bringen, wenn ihr mit mir verbunden bleibt. Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, der trägt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts ausrichten. Wer ohne mich lebt, wird wie eine unfruchtbare Rebe abgeschnitten und weggeworfen. Die verdorrten Reben werden gesammelt, ins Feuer geworfen und verbrannt. Wenn ihr aber fest mit mir verbunden bleibt und euch meine Worte zu Herzen nehmt, dürft ihr von Gott erbitten, was ihr wollt; ihr werdet es erhalten. Wenn ihr viel Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters sichtbar.“
Wieder bringt Jesus ein Bild aus dem alltäglichen Leben in Israel in der damaligen Zeit. Der Weinanbau. Ich weiß gar nicht, ob sich bei den Weinanbaumethoden seitdem so viel getan hat. Natürlich sind moderne Maschinen dazugekommen, aber sonst? Allerdings merke ich, dass mir das Bild trotzdem nicht so geläufig ist – in Norddeutschland gibt es eben keine Weinberge.
Was ich weiß: Ein Weinstock muss gut gepflegt werden, damit er trägt. Das erfordert viel Sorgfalt. Um diese Sorgfalt geht es hier. Gott als der Weinbauer, der sich sehr um seinen Weinberg bemüht. Jesus Christus als der Weinstock, der damit die Mitte darstellt. Und die einzelnen Christen sind die vielen Reben.
Das Bild drückt zunächst die enge Verbundenheit aus. Als Hirte ist Christus unser Beschützer, als Weinstock ist er unsere Kraftquelle. Ohne ihn können wir als Christen nichts tun. Verbunden damit ist deshalb die Mahnung, an Christus dranzubleiben. Nur so wirken wir dann auch nach außen.
Das Bild des Weinstocks bringt für mich eine Besonderheit mit sich, die im Bild des Hirten und seiner Herde so nicht enthalten ist. Eigentlich muss man sagen, dass Jesus hier das Bild etwas überstrapaziert. Denn die Aufteilung in Weinstock und Reben lässt sich biologisch schlecht nachvollziehen. Die Reben, also die einzelnen Zweige und Äste, sind Teile des Weinstocks. Klar, dass Jesus damit die überaus enge Verbundenheit betont. Es drückt sich hier damit aber noch etwas anderes aus: So wie die Reben, wenn sie vom Weinstock getrennt sind, vertrocknen und absterben, so lebt auch der Weinstock nur mit seinen Reben. Das Bild legt also nahe, dass wir gegenseitig abhängig sind. Keiner kann ohne den Anderen: So wie wir Jesus Christus als Kraftquelle brauchen, braucht er uns, um in Erscheinung zu treten und wirksam zu werden.
Der Weinstock ist dann wirksam, wenn er Früchte trägt. Und die trägt er an seinen Reben. Wichtig ist, dass die Früchte nicht zum Selbstzweck da sind. Die kommen anderen zugute. Übertragen: Jesus wird also an uns sichtbar. Und er wirkt, wenn wir christlich leben und handeln. Und zwar so, dass andere etwas davon haben, wie die Weinbeeren eben.
Können wir das etwas deutlicher kriegen? Vielleicht durch ein Lied, das ich sehr mag. Es stammt von einem sehr bekannten Gospelmusiker, Kirk Franklin. In seinem Song „The last Jesus“ nimmt er das auf, was im Bild vom Weinstock drinsteckt.

I may be the only Jesus they see – ich könnte der einzige Jesus sein, den sie, also die anderen, sehen. Jesus kann nur durch mich und dich deutlich werden – der Weinstock vermittelt sich allein durch seine Reben.
Dieser Satz ist Teil des Kehrverses im Lied. In dem sehr klar wird, dass sich an unserem Verhalten den anderen gegenüber entscheidet, ob wir wirklich Frucht bringen, ob Jesus durch uns wirken kann. Und dass sich das nicht in frommen Worten erschöpft. Kirk Franklin entlarvt in diesem Song sehr viele Christen, die sich für fromm halten. „We‘re shouting, we‘re dancing, but can the world see a change?“ Wir jubeln und wir tanzen, aber bewirkt das eine Veränderung in der Welt? Oder auch: Es ist viel einfacher, wenn ich sage, dass die Hilfe von Gott schon kommen wird, als zu erkennen, dass genau ich diese Hilfe für den Anderen gewesen wäre. Dass ich sage: ich liebe Jesus, aber die anderen können das nicht erkennen, jedenfalls nicht an meinem Verhalten.
In die Kirche gehen und Loblieder singen, und zu Hause beten ist gut, keine Frage. Aber es reicht nicht. Jedenfalls nicht, wenn wir die Reben am Weinstock Christi sind. „Tell me, what‘s the use, if they can‘t see Jesus in you and me?“ Sag mir, was bringt das alles, also unser christliches Gebaren, wenn die anderen nicht in dir und mir Jesus selbst erkennen können? Und Kirk Franklin fragt weiter: „Bin ich zu sehr auf mich selbst bezogen, um zu merken, dass Jesus die Liebe, die die Menschen brauchen, in mich hineingegeben hat?“ Als wenn die Liebe ein Selbstzweck wäre.
Egal ob Bibeltext oder Lied, eins wird deutlich: die enge Verbundenheit zwischen Christus und den Christen. Um es mal ganz platt zu sagen: Wir sind Jesus. Durch uns wird Jesus in der Welt sichtbar. Nur durch uns, also durch die, die ihm nachfolgen. Indem sie von ihm erzählen und indem sie so handeln, wie Jesus handeln würde: Liebe Gott von ganzem Herzen und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist eine große Verantwortung. Und es stellt uns immer wieder vor die Frage: Was soll ich jetzt in diesem Moment tun und was sollte ich lieber lassen? Dafür gibt es keine Standardantwort. Vor einigen Jahren haben viele jugendliche Christen Armbänder getragen, auf denen vier Buchstaben zu lesen waren: WWJD – What Would Jesus Do? Was würde Jesus tun? Sie wollten sich dadurch in ihrem Alltag jedes Mal erinnern lassen, nicht gedankenlos, sondern im Sinn von Jesus zu handeln. Auch so wird Jesus Christus sichtbar und greifbar für die Welt.
Damit bin ich wieder am Anfang. Erkennbarwerden als Christ in Zeiten von Corona. Wie stelle ich, wie stellst du das an? Wie du schon gemerkt hast, kann ich dir darauf keine allgemeingültige Antwort geben. Höchstens die Gegenfrage: Was würde Jesus tun? Wie kannst du dich den anderen gegenüber so verhalten, dass sie in dir Jesus selbst erkennen können? Die Antworten darauf werden vollkommen unterschiedlich ausfallen. Hingehen und Umarmen geht gerade nicht. Aber viele andere Arten der Zuwendung schon.
Und hier liegt auch die Verbindung zum Thema des Sonntags: Jubilate. Im letzten Satz unseres Abschnitts sagt Jesus: „Wenn ihr viel Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters sichtbar.“ Also gerade in dieser engen Verbundenheit wird Gott, der Vater, für andere deutlich. Wenn wir im Sinn Jesu leben und handeln, verweisen wir auf Gott und loben ihn. Auch ohne Singen.
Amen.

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