Predigt für Sonntag, den 26.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

„Johann Crüger – Auf, auf, mein Herz, mit Freuden – eingespielt von Rüdiger Vopel

Predigt für den 26.04.2020 Sonntag Misericordias Domini

Liebe Leute,
und wieder ein gottesdienstfreier Sonntag. Heute hätten wir unter normalen Bedingungen die erste Konfirmation gefeiert. Elf Jugendliche hatten diesen Tag ins Auge gefasst, um vor der Gemeinde Ja zuihrer Taufe und zu ihrem Glauben zu sagen. Konfirmation ist auch für mich noch immer etwas Besonderes, ich freu mich immer sehr darauf. Die Jugendlichen machen damit einen entscheidenden Schritt hin zum Erwachsenwerden. Sie haben sich ein ganzes Jahr lang mit ihrem Glauben beschäftigt und bekennen sich in diesem Gottesdienst dazu. Und es wird ihnen bewusst gemacht, wo sie hingehören: Nämlich zur christlichen Gemeinde, die gerade an diesem Tag zahlreich vorhanden ist und sich auf dievielfältigste Art daran beteiligt.

Besonders den Ausdruck der Zusammengehörigkeit finde ich wichtig: Die Zusammengehörigkeit untereinander als Konfigruppe, die zur Gemeinde und die zu Jesus Christus. Das geht nur in einem Gottesdienst, in dem alle da sind. Und genau das fällt heute komplett weg. Das Thema der Zusammengehörigkeit finden wir auch in den Texten für diesen Sonntag. Besonders im Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und im Johannesevangelium, wo Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Der Hirte und seine Herde. Ein starkes Bild, das den meisten vertraut ist, wenn es auch heute nur noch wenige Hirten gibt.

Ich lese den Text aus dem 10. Kapitel:
„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Bezahlte Angestellte, die nicht Hirten
sind und denen die Schafe nicht gehören, die sehen den Wolf kommen und verlassen die Schafe und
fliehen – und der Wolf raubt die Schafe und treibt die Herde auseinander. Dies geschieht, weil sie bezahlte
Angestellte sind und ihnen nichts an den Schafen liegt. Ich bin der gute Hirte und ich kenne meine
Schafe, und sie kennen mich; genauso wie mich Gott wie ein Vater kennt und ich Gott kenne. Und ich
gebe mein Leben für die Schafe. Aber ich habe noch andere Schafe, die nicht von diesem Hof stammen;
auch diese muss ich führen, und sie werden meine Stimme hören, und sie alle werden eine Herde mit
einem Hirten sein.“

Dieser Text ist nicht ganz so geläufig wie Psalm 23, aber auch noch sehr bekannt. Während im Psalm nur der Hirte im Blick ist, kommen hier noch andere Akteure ins Spiel. Ich möchte die einmal durchgehen. Zunächst der Hirte. Jesus bezeichnet sich selbst als den Hirten, und zwar als den guten Hirten. Und er erweitert das Bild: Während der Hirte in Psalm 23 für die Rundumversorgung steht und Sicherheit gewährleistet, rückt bei Jesus zusätzlich der persönliche Einsatz ins Blickfeld. Dieser Hirte weiß genau, wer zu seiner Herde dazugehört. Und: „Ich gebe mein Leben für die Schafe.“ Mehr geht nicht. Und natürlich bezieht sich diese Aussage darauf, dass Jesus für uns ans Kreuz gegangen ist.
Im Gegensatz zum Hirten steht der bezahlte Angestellte, wie es in dieser Übersetzung heißt. Luther hat ihn mit Mietling bezeichnet. Es geht hier um Tagelöhner, die von den Besitzern einer Herde angestellt wurden, um für einen Tag auf ihre Herde aufzupassen. Wenn wir diesen Text ohne Hintergrundwissen lesen, muss uns dieser Angestellte als böser Hirte vorkommen. Das stimmt aber so nicht, denn diese Tagelöhner hatten tatsächlich das Recht, sich bei größerer Gefahr selbst in Sicherheit zu bringen, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Der Unterschied zum guten Hirten ist, dass es für diese Menschen lediglich ein Job war, während es für den eigentlichen Hirten eine Lebensaufgabe darstellt.
Ein weiterer Akteur ist der Wolf. Er symbolisiert die Gefahr für die Herde. Neben dem Reißen von einzelnen Schafen wird besonders die Zerstreuung, also die Vereinzelung genannt. Wer mit dem Wolf speziell gemeint sein kann, lässt Johannes offen. Und schließlich die Schafe. Sie gehören als Herde untrennbar zusammen. Sie kennen ihren Hirten genau. Und die größte Gefahr für sie ist, dass sie auseinandergetrieben werden. Johannes hat hier die damalige
christliche Gemeinde im Blick, die tatsächlich von außen immer wieder bedroht wurde. Und die sich deshalb gegenseitig gestärkt hat und zusammenhielt.
Was fangen wir mit diesem Bild und den Worten Jesu an? Was können für uns Hirte, Angestellter und Wolf sein? Und wo ordnen wir uns ein?
Wieder zunächst zum Hirten. Da ändert sich nichts, Jesus Christus ist der gute Hirte für uns. Aber natürlich läuft er nicht mehr leibhaftig auf der Erde herum. Deshalb ist die Vermittlung wichtig. Von diesem Hirten erfahren wir, wenn wir in der Bibel lesen. Wenn uns davon erzählt wird, ob in der Kirche oder zwischen Tür und Angel. Die christliche Gemeinschaft ist von Jesus selbst beauftragt worden, alles weiterzusagen. Dass Jesus unser Hirte ist, der uns beschützt und uns zusammenhält. Und dass er dafür sogar sein Leben hingegeben hat. Denn ohne seinen Einsatz gäbe es die christliche Kirche nicht. Aufpassen müssen wir, dass das Bild des Hirten bei Gott und Jesus Christus bleibt. Denn gerne werden Pastoren als Hirten bezeichnet, und in Rom sitzt der Oberhirte. Aber das trügt, alle diese sind Teil der Herde. Es gibt nur einen Hirten.
Kommen wir dann gleich mal zu den Schafen. Heutzutage möchten Menschen und auch Christen nicht mehr gern als Schafe bezeichnet werden. Weil Schafe als dumm gelten. Wieso eigentlich? Schafe sind sehr gut im Erkennen von Artgenossen und auch von ihrem Hirten, sie können exakt die Stimmen unterscheiden. Schafe haben ein sehr starkes Sozialgefüge, sie schützen die Schwachen im Angriffsfall, und sie gehen enge soziale Bindungen ein – untereinander, aber auch zum Hirten. Schafe können uns an dieser Stelle also sogar ein Vorbild sein. Jedenfalls sind auch wir Menschen Rudel- oder Herdentiere, so gern wir uns auch als Individualisten präsentieren. Wir brauchen menschliche Nähe, und wir brauchen eine Gruppe, die uns Zusammengehörigkeit vermittelt. Und wir fragen immer wieder danach, was oder wer uns auf dem Weg durch unser Leben leiten kann. Die christliche Antwort darauf heißt Jesus Christus. Wer könnte nun in der Übertragung mit den bezahlten Angestellten gemeint sein? Es geht da um etwas, das uns vorgaukelt, Hirtenfunktion zu haben, aber ohne persönliche Beziehung, ohne echten Einsatz. Also etwas, das uns vermeintlich Orientierung bietet. Denn fast alle Menschen sind auf der Suche nach Sinn und nach etwas, an dem sie sich festhalten können. Mir fallen da zum Beispiel Leute ein, die einfache Parolen bieten, so etwas wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“. Oder die ganzen Ratgeber, wie ich mein Leben optimieren kann – gerade ist die Wegschmeißhysterie in vollem Gange. Andere finden den Sinn darin, möglichst viel zu konsumieren. Oder sind ständig mit ihrer Selbstverwirklichung beschäftigt.
Jetzt könntest du sagen: Na ja, wenn‘s hilft… Aber genau das ist das Problem. Und damit sind wir dann beim Wolf. Denn wenn er auftritt, können wir erkennen, wer echter Hirte und wer nur Ersatz ist. Der Wolf muss nicht eine Person sein, es können auch Bedrohungen anderer Art sein. So wie Corona. Plötzlich wird es ganz deutlich. Einfache Parolen werden zwar immer noch gerne in die Welt gesetzt, aber sie helfen nicht weiter, denn jeder kann von dieser Pandemie betroffen sein, egal welcher Nationalität. Die Selbstoptimierung läuft gerade gegen die Wand, denn plötzlich merken wir, was wirklich wichtig ist, und das sind die sozialen Beziehungen – Stichwort Schafe. Und die Sinnfindung durch ungebremsten Konsum geht gerade nicht – zum Teil, weil die Geschäfte zu sind, zum Teil, weil das eigene Einkommen bedroht ist. Und auch das zehnte Paar teure Schuhe ersetzt mir nicht den Freund oder die Freundin. Wir merken also gerade, dass sich die Angestellten vom Acker machen, weil der Corona-Wolf hereingeplatzt ist. Und
der treibt die Herde unerbittlich auseinander.
Doch der eigentliche Hirte bleibt. Was mich da so sicher macht, fragst du? Die christliche Herde gibt es schon seit über zweitausend Jahren. Und sie hat neben guten Zeiten auch viele sehr schlechte erlebt, mit Verfolgung und Tod. Daran gemessen ist sie erstaunlich krisenbeständig. Auch kennt sie räumliche Zerstreuung und Vereinzelung sehr gut. Schon oft mussten Christen im Verborgenen ausharren und konnten nur indirekt miteinander in Kontakt treten. Schließlich ist die Kirche über die ganze Welt verteilt und fühlt sich trotzdem verbunden. Die derzeitige Vereinzelungs-Situation wirft uns also nicht um. Ganz im Gegenteil werden Christen zur Zeit immer kreativer, das Netz bietet viele Möglichkeiten. Und ich glaube, dass wir dadurch eher noch mehr Menschen erreichen und auch solche, die nicht in die Kirche gehen.
Woran das liegt? Eben am Hirten. An dem, der sagt: Ich bin der gute Hirte, und ich lasse mein Leben für die Schafe. Jesus bietet uns die Orientierung, die wir brauchen. Er bietet uns Zusammengehörigkeit, weil er ein Hirte für die ganze Herde ist, die sich unter seinem Namen versammelt. In Jesus Christus gehören wir zusammen. Egal, ob wir beim festlichen Konfirmationsgottesdienst zusammenkommen oder ob wir in unseren Häusern sitzen. – Übrigens: Die Konfirmation findet natürlich noch statt – voraussichtlich am 6. September.
Amen.

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