Predigt für Sonntag, den 19.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

„Ich erhebe meine Hände“ gesungen und eingespielt von Samuel und Antje Trebesius

Predigt für den 19.04.2020 Sonntag Quasimodogeniti

Liebe Leute,
wir sind in Woche sechs der gottesdienstfreien Zeit – seit knapp anderthalb Monaten durften wir tatsächlich keinen Gottesdienst mehr feiern. Mitte März dachte ich noch, dass wir so ab Ostern wieder zum normalen Leben zurückkehren können. Davon kann wirklich keine Rede sein. Die Lockerungen der Maßnahmen, die in der zurückliegenden Woche besprochen wurden, sind minimal. Für uns als Kirche hat sich gar nichts geändert. Keine Gottesdienste, keine Veranstaltungen, keine Gruppen.
Der Ausnahmezustand dauert an – und wir hängen durch. Immer mehr Menschen werden dünnhäutig, die Stimmung wird gereizter, immer mehr merken wir, wie sehr uns das normale Leben fehlt. Und immer wieder die Frage: Wie lange noch?
Letzte Woche war Ostern. Das Fest der Auferstehung. Das Fest, das uns versichert, dass Gott den Tod besiegt hat. Ostern ist die Feier des Lebens. Und wir befinden uns weiterhin in der Osterzeit. Einer kirchlich gesehen sehr fröhlichen Zeit. Eigentlich.
Mal ehrlich: Spürst du etwas von Ostern? Hast du am vergangenen Wochenende Osterfreude erleben dürfen? Wenn ja, ist das toll. Aber vermutlich bist du dann die Ausnahme. Feiertage zeichnen sich vor allem durch einen vom Alltag völlig unterschiedenen Ablauf aus. Und durch gemeinsam begangene Feiern. All das fiel aus. Woran merke ich noch den Unterschied, wenn ich sonst auch die ganze Zeit zu Hause bin? Höchstens daran, dass die wenigen Geschäfte, die überhaupt öffnen durften, auch noch geschlossen waren.
Ostern will uns Mut machen und Hoffnung zusprechen. Wie können wir dranbleiben? Wie weitermachen, ohne vollends den Mut zu verlieren? Der Text für heute stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Genaugenommen aus dem zweiten Teil des Buches, das geschrieben wurde, als große Teile der jüdischen Bevölkerung in Babylon im Exil leben mussten. Auch der Prophet gehörte zu den Verschleppten. Und bekam dort den Auftrag von Gott, seinem Volk Mut zuzusprechen. Ihnen zu sagen, dass die Tage in Babylon gezählt waren. Dass sie einmal zurückkehren würden in ihr eigenes Land. Und dass Jerusalem, ihre heilige Stadt, wieder aufgebaut werden würde.

Ich lese einen Abschnitt aus dem 40. Kapitel:
„Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Er lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft. Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: »Der Herr kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht«? Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Der Herr
ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft lässt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich. Er gibt den Müden Kraft und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen. Aber alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.“

Der Prophet hat es nicht leicht mit seinen Landsleuten. Sie sind ermüdet und mutlos geworden. Seit zwei Generationen sind sie Gefangene in Babylon. Die Jüngeren wissen gar nicht, wie es in ihrer Heimat aussieht, sie sind in Babylon geboren. Und für die Älteren ist es nur noch eine ferne Erinnerung. So etwas wie das Paradies – weit weg und unerreichbar. Der Alltag in Babylon, das ist die Wirklichkeit. So ist es kein Wunder, wenn sie Dinge sagen wie: „ Der Herr kümmert sich nicht um uns“. Denn in Babylon wurde der Gott Marduk verehrt, er war überall präsent. Der Gott Israels durfte dagegen nur im Verborgenen angebetet werden. Und was bringt es auch? Er hat ja nichts an der Situation geändert. Entweder ist er gar nicht mitgekommen nach Babylon. Oder er hat wichtigeres zu tun. „Unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht“. Das klingt zutiefst resigniert.
Kommt dir sowas bekannt vor? Das Gefühl, dass du letztlich allein bist? Dass sich niemand um dich kümmert, auch kein Gott? Dass sich ohnehin nichts ändert? Manchmal merke ich selbst, wie sich ein grauer Schleier auf mich legt, der mich lähmt. Dass ich das Gefühl habe, es geht nichts voran. Dass das Wunschbild, wie ich eigentlich leben will, in immer weitere Ferne rückt. Zugegeben, wir reden hier nicht von sechzig Jahren, wie das bei den Israeliten der Fall war. Sondern von einigen Monaten. Aber für das Gefühl ist das egal. Die Ungewissheit, wann all die Beschränkungen wieder aufgehoben werden können und wie sich das Virus weiter entwickelt, die lähmt.
Der Prophet kennt seine Landsleute und weiß um deren Zustand. Er weiß aber auch, dass sie sich damit nichts Gutes tun. Dass sie sich um ihre eigene Zukunft bringen. Und deshalb greift er sie bildlich gesprochen am Schopf und zieht ihren Blick nach oben. „Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen?“ Das ist sehr geschickt, finde ich. Denn allein die Körperhaltung eines Menschen bewirkt ganz viel. Wenn ich bedrückt und niedergeschlagen bin,geht mein Blick meist nach unten, und der Rücken ist gebeugt. Richte ich mich dagegen auf und schaue nach oben, fällt es viel schwerer, niedergeschlagen zu bleiben. Blickt nach oben, Leute! – Wie sieht es bei dir aus? Beobachte mal deinen Körper. Und korrigiere ihn, wenn du merkst, es zieht dich nach unten. Körper und Geist gehören untrennbar zusammen, das wirst du spüren. Dann verweist der Prophet ausdrücklich auf die Größe und die Macht Gottes. All die Sterne, der gesamte Himmel, das ist alles Gottes Werk. „Der Herr ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen!“ Das ist keine direkte Antwort auf die Frage, warum Gott sich anscheinend nicht kümmert. Aber es ist ein Hinweis auf die Größe und darauf, dass bei Gott nichts unmöglich ist. Wichtig finde ich den Zusatz: „seine Weisheit ist tief und unerschöpflich.“ In einer anderen Übersetzung steht „ist nicht zu ergründen“. Damit macht er deutlich, dass wir kleinen Menschen Gott nie durchschauen können, und dass es uns deshalb ab und zu so vorkommt, als kümmere sich Gott nicht um uns. Nur weil er eben nicht direkt und sofort auf unsere Wünsche reagiert.

Zum Schluss unseres Textes bringt dann der Prophet das so schöne Bild vom Adler: „alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.“ Ein Vers, der gerne als Konfirmationsspruch verwendet wird. Bei Luther steht hier: „Die auf den Herrn harren.“ Ein altes Wort, das aber durch kein anderes angemessen ersetzt werden kann. Was ist damit gemeint?
Harren hat viel mit Warten zu tun, ist aber nicht das Gleiche. Bei Wikipedia wird das Wort so beschrieben: „(hoffend) auf etwas oder jemanden warten“. Es ist eine aufrechte Haltung, dieses Harren. Ich vertraue darauf, dass etwas passieren wird, ich erhoffe es. Auf Gott harren heißt dann, das wir darauf hoffen, dass Gott etwas tun wird. Wir bleiben in Erwartungshaltung.
Und dann das Bild mit dem Adler. Das steht für das, was Gott uns schenken will. Kraft nämlich. Und zwar eine solche, die uns aus den Niederungen aufsteigen lässt. Die uns aus der Lähmung und der Resignation heraushebt. Als wenn wir Adlerflügel hätten. Kraft, die uns auch schwere Zeiten durchstehen lässt.
Warten tun wir zur Zeit sowieso. Warten darauf, dass die Maßnahmen gelockert werden. Dass sich das Virus endlich abschwächt. Warten darauf, dass wir wieder mehr tun können. Zu diesemWarten sind wir verdonnert. Entscheidend ist jetzt, wie wir warten, mit welcher Haltung. Verkriechen wir uns, oder harren wir? Geht unser Blick nach unten oder nach oben? Glauben wir, dass Corona die ganze Wirklichkeit ist, oder hoffen wir auf mehr? Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Ich glaube, dass uns Gott in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Schöner kann man das Harren nicht ausdrücken. Gott gibt mir und dir das, was wir brauchen, und zwar genau im richtigen Moment. Deshalb darfst du harren – aufrecht, froh und gelassen. Gott, der mal eben die Gesetze der Vergänglichkeit an Ostern durchbrochen hat, wird dich nicht im Stich lassen. Gott schenkt genau den Mut, den du brauchst, und das genau zur richtigen Zeit. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Amen.

Download Predigt pdf