Predigt für Ostersonntag, 12.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Posaunenchor „You raise me up“

Predigt für den 12.04.2020 Ostersonntag

Liebe Leute,
frohe Ostern! Das wünsche ich euch, das wünsche ich dir. Aber mal ehrlich: Ist dir in dieser Zeit nach einem fröhlichen Osterfest zumute? Wo alles, was irgendwie dazugehört und Spaß macht, verboten ist oder zumindest nicht ratsam? Ostergottesdienste, gemeinsames Osterfrühstück im Küsterhaus, Familienfeiern im großen Stil, oder auch der ersehnte Osterurlaub auf einer Nordseeinsel. Frohe Ostern? Nun ja… Ich muss gestehen, dass mir in diesem Jahr die durchaus beliebte Tradition eines oder mehrerer Witze in der Osterpredigt nicht über die Lippen kommen will.
Als Christen feiern wir an Ostern den Sieg des Lebens über den Tod. Um es in wenigen Worten zu sagen. Das ist doch was Schönes und Fröhliches, möchte man sagen – doch irgendwie scheint mir dieses Wort nicht zu dem passen, was an Ostern passiert ist. „Schön“ klingt nett und niedlich, der Tod ist es überhaupt nicht. Und schon gar nicht das, was danach passiert ist. „Schön“ und „Fröhlich“ sind für mich sehr unzureichende Beschreibungen für das, was das christliche Osterfest ausmacht. Ich glaube: Reine Freude wird dem Osterereignis nicht gerecht – es fehlt etwas Entscheidendes.
Aber was ist dieses Andere? Ich behaupte, wir finden das in den Berichten der Evangelien über das, was nach dem Kreuzestod und dem darauffolgenden Sabbat geschehen ist. Das Markusevangelium bringt es sehr nüchtern und ohne große Ausschmückungen auf den Punkt. Es ist der Evangeliumstext für den Ostersonntag, und ich lese ihn einmal.
„Am Abend, als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um den Toten damit zu salben. Ganz früh am Sonntagmorgen, als die Sonne gerade aufging, kamen sie zum Grab. Unterwegs hatten sie noch zueinander gesagt: »Wer wird uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?« Denn der Stein war sehr groß. Aber als sie hinsahen, bemerkten sie, dass er schon weggerollt worden war. Sie gingen in die Grabkammer hinein und sahen dort auf der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen. Sie erschraken sehr. Er aber sagte zu ihnen: »Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der ans Kreuz genagelt wurde. Er ist nicht hier; Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Hier seht ihr die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten. Und nun geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, genau wie er es euch gesagt hat.‹« Da verließen die Frauen die Grabkammer und flohen. Sie zitterten vor Entsetzen und sagten niemand ein Wort. Solche Angst hatten sie.“
Ich schlage vor, dass wir uns einmal in die Frauen hineinversetzen. Wie ging es ihnen? Was haben sie erlebt, was haben sie gefühlt, wie haben sie das Ganze bewertet?
Die Hauptpersonen sind drei Frauen. Alle drei waren enge Bezugspersonen von Jesus, sie sind ihm nachgefolgt und hatten wohl durchaus eine herausgehobene Stellung in der Anhängerschaft. Sie hatten am Kreuz gestanden, also leibhaftig miterlebt, wie Jesus gestorben ist. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass sie von tiefer Trauer erfüllt waren, dazu ein Gefühl von Ohnmacht und Verzweiflung. Der, in den sie all ihre Hoffnung gesteckt hatten und für den sie all ihre Tatkraft aufgewendet hatten, wurde von der Obrigkeit hingerichtet, und plötzlich war alles zu Ende. Immerhin sind sie nicht in der Depression versunken, sondern haben das getan, was sie überhaupt noch tun konnten. Planen, Jesus die Totensalbung zukommen zu lassen. Die Öle dafür konnten sie erst nach Ablauf des Sabbats, also am Samstag um 18 Uhr kaufen, und da war es schon dunkel. Also starteten sie am nächsten Morgen, so früh es ging. Wie ging es ihnen dabei? Beim Gang zu dem, den sie über alles verehrt hatten, und von dem nur noch die leblose Hülle vorhanden war? Um die Trauer nicht übermächtig werden zu lassen, haben sie sich mit praktischen Fragen beschäftigt: Wie kriegen wir bloß den großen Stein vom Grab? Vielleicht hofften sie, dass dort irgendwelche Männer unterwegs waren, die ihnen helfen könnten.
Als sie dort sind, erleben sie die erste Überraschung: Der Stein ist schon weggerollt. Erstaunen. Und gleich die Frage: Wer war das? Hat vielleicht schon jemand vor ihnen den Toten gesalbt? Oder Grabräuber? Aber was gab es hier schon zu finden? Sie fühlen sich unsicher. Vorsichtig gehen die Frauen in das Grab hinein. Und da trifft sie fast der Schlag. Da sitzt jemand in einem ganz hellen Gewand. Den hatten sie vorher noch nie gesehen. Aber Jesus ist weg! Sie kriegen einen Mordsschreck. Was ist hier los? Sie fühlen sich vollkommen überrumpelt.
Es wird nicht besser, als der Mann sie anspricht. Trotzdem er ihnen sagt, sie sollen keine Angst haben. Denn er teilt ihnen mit, dass der, den die drei am Kreuz haben sterben sehen, von Gott auferweckt wurde. Das übersteigt ihr Verstehen. Tot ist tot, anders kennen sie es nicht. Sie sind vollkommen verwirrt, vermutlich in Schockstarre. Und dann sollen sie das, was sie sich nicht erklären können, wofür sie keinerlei Begriffe haben, noch den Männern weitersagen. Für sie geht gar nichts mehr. Das einzige, was noch funktioniert, sind die Instinkte. Tot stellen oder fliehen. Bei den Frauen setzt das zweite ein: Sie hauen einfach ab, Hals über Kopf. Und sind so verstört, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kommen, irgendjemand davon zu erzählen. Wahrscheinlich sind sie in diesem Moment gar nicht in der Lage darüber nachzudenken, dass ihnen diese Geschichte keiner glauben würde. Sie sind beherrscht von Angst, Entsetzen und Überwältigung.
Allen Theologen, die sich mit diesen Zeilen beschäftigt haben, ist klar, dass dies die einzig angemessene Reaktion auf das ist, was die Frauen erlebt haben. Es geht nicht anders. Sie hören etwas, das alles übersteigt, was sie sich je vorstellen konnten. Auferweckt von den Toten – das hat nichts mit „Hallo – hier bin ich wieder“ zu tun. Das ist etwas Übermenschliches. Und da kann der Mensch, der so etwas erlebt, nur mit Entsetzen, mit völliger Verängstigung reagieren. Selbst nach zweitausend Jahren schlagen sich Theologen die Köpfe ein, wie die Auferstehung zu verstehen sei. Denn sie können sie nicht verstehen, kein Mensch kann das. Wenn Gott handelt, kann der Mensch nur noch erzittern. Das ging Mose am brennenden Dornbusch so, das haben die Propheten erleben müssen, und Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, verstummte für lange Zeit nach der Begegnung mit dem Göttlichen im Tempel.
Spannend finde ich, dass mit dem letzten Satz unseres Predigttextes das Markusevangelium ursprünglich beendet wurde. Die Botschaft, um die es ging, nämlich dass Jesus auferstanden war, war in den Worten des Engels enthalten. Das reichte. Markus hat sein Buch mit einem Paukenschlag beendet. Spätere Christen konnten und wollten das nicht so stehen lassen und haben dann einen Schluss angefügt, der den anderen Evangelien angepasst ist. Aber eigentlich steht am Schluss der Osterzählung von Markus Schrecken und Entsetzen. Die überwältigende Freude kam auch noch, aber später.
Und heute: Gemessen an dem, was wir eben gehört haben, ist das heutige Osterfest vollkommen domestiziert, also so gezüchtet, dass nichts mehr passieren kann. Es markiert das Ende der Fastenzeit, wo wir auf bestimmte Dinge verzichtet haben – nun kehrt endlich die Normalität wieder ein. Es steht für üppige Mahlzeiten, fürs Ostereiersuchen, für fröhliche Feiertagsstimmung und – zumindest meist – für den endgültigen Beginn des Frühlings. Und natürlich der Satz: Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod – was auch immer das dann bedeutet.
Dieses Jahr ist alles anders – ich wiederhole mich, ich weiß. Aber gerade diese Nicht-Normalität, diese Ausnahmesituation, bietet die Möglichkeit, Ostern anders zu erfassen. Zurückzukehren zu dem, was und wie es die Frauen erlebt haben. Versuchen zu erfassen, was hier eigentlich passiert ist, und dass auch wir das vom Kopf her nie verstehen werden. Sich klarzumachen, dass die Auferweckung Jesu allein Gottes Handeln ist, und zwar ein solches Handeln, das bildlich gesprochen unser Hirn sprengt. Indem wir das zulassen, versuchen wir, Gott wirklich Gott sein zu lassen. Gott als derjenige, der alles übersteigt. Was fühlst du dabei? Angst? Oder eher Erschauern? Eine Art Überwältigung? Ich wünsche es dir. Dass du spürst: Ostern ist der Einbruch Gottes in unsere Wirklichkeit.
In diesem Sinn wünsche ich dir überwältigende und gesegnete Ostern!
Amen.

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