Predigt für Karfreitag, 10.04.2020

Die Predigt für den heutigen Karfreitag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Heute wieder ein Lied des Gospelchors „Lead us your way“

Predigt für den 10.04.2020 Karfreitag

Liebe Leute,
wir begehen heute Karfreitag. Er gilt als stiller Feiertag. Wir denken daran, dass Jesus an diesem Tag ans Kreuz gehängt wurde. Zur Sterbestunde um 15 Uhr wird zum letzten Mal die große Glocke geläutet, dann schweigt das Geläut bis zum Ostermorgen. Die stille Zeit. In diesem Jahr können wir das besonders wörtlich nehmen. Nicht nur die Glocken schweigen, sondern noch immer sind keine Gottesdienste erlaubt, die Kirche bleibt zu.
Und dann noch Karfreitag, wo es um Leid und gewaltsamen Tod geht. Das hält nicht gerade die Laune hoch. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob das Thema des Karfreitags nicht ganz weit weg von uns ist. Wir erleben gerade viel Leid durch das Virus, und auch der Tod ist durch die täglich veröffentlichten Zahlen sehr präsent. Was interessiert uns da noch der Tod eines Einzelnen, sei es auch Jesus Christus, vor 2.000 Jahren?
Wozu ist also dieser Tag noch gut? Brauchen wir Karfreitag, oder kann das weg?

Ich will mich dieser Frage über einen Briefausschnitt nähern. Ein paar Sätze aus einem der vielen Briefe, die Paulus an verschiedene Gemeinden geschrieben hat. Und in denen er immer wieder Kernaussagen des Glaubens verpackt. Nun also ein Ausschnitt aus dem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Ich lese aus dem 5. Kapitel:
„In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt. Wir treten also anstelle von Christus auf. Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.So bitten wir anstelle von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Gott hat Christus, der keine Sünde kannte, an unserer Stelle als Sünder verurteilt. Denn durch Christus sollten wir vor Gott als gerecht dastehen.“

Wie immer will ich erst einmal darauf blicken, in welche Situation hinein dieser Brief geschrieben wurde. Das hilft, vieles besser zu verstehen. Und es angemessen in unsere Zeit zu übertragen. Paulus schreibt zum zweiten Mal an die Gemeinde in der Stadt Korinth. Die hatte er selbst gegründet und eine ganze Weile mit ihr gelebt. Inzwischen sind dort Leute aufgetaucht, die etwas ganz anderes lehren als Paulus. In seinem ersten Brief versucht Paulus die Gemeinde mit Vernunft zu erreichen. Doch als danach der Konflikt weiter eskaliert, schreibt er einen zweiten, den sogenannten Tränenbrief, in dem er sich auch gegen heftigste Vorwürfe zur Wehr setzt. In diesem Zusammenhang taucht also das Wort von der Versöhnung auf.
Etwas, das sich Paulus für diese Gemeinde von ganzem Herzen wünschte.
In unserem Ausschnitt bezieht sich Paulus zunächst auf das Geschehen am Karfreitag.
Deshalb ist dieser Text für heute vorgeschlagen. „In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen.“ Klingt zunächst gewohnt. Karfreitag als das zentrale Geschehen für alle Christen. Mir ist ein genauerer Blick wichtig. Erstens: Christus und Gott werden hier ganz nah zusammengesehen. Also nicht der Gott im Himmel, der zusieht, wie sein Sohn am Kreuz verreckt. Zugespitzt formuliert: Gott geht selbst mit ans Kreuz. Gott leidet, wie auch Menschen leiden. Und das zweite: Gott selbst bietet die Versöhnung an. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass Jesus das Opfer war, das den zornigen Gott gnädig stimmen sollte. Bei Paulus ist das andersherum: Gott versucht mit allen Mitteln, die zornige Welt gnädig zu stimmen. Es ist die Liebe Gottes, die hier am Werk ist.
Weiter geht es im Text mit dem Wort von der Versöhnung. Es geht also nun um die Botschaft von dem, was Gott für uns getan hat. Paulus schreibt: „Uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt. Wir treten also anstelle von Christus auf. Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.“ Mit „uns“ meint Paulus sich selbst. Er sieht sich als Botschafter, so steht es im Originaltext. Und zwar im politischen Sinn. So wie ein deutscher Botschafter im Ausland die Bundesrepublik Deutschland repräsentiert, so repräsentiert Paulus Christus und das Reich Gottes. Sozusagen als Aushängeschild. Und dieses Schild hat eine Botschaft. Die lautet: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ Da führt alles hin.

Interessant ist die Zweiteilung. Das Versöhnungsangebot hat Gott schon längst gemacht, nämlich am Karfreitag, ein für alle Mal. Das ist der erste Teil. Vollständig wird der aber erst durch den zweiten Teil. Nämlich dadurch, dass die Menschen dieses Angebot annehmen. Und damit sie überhaupt davon erfahren, sagt Paulus das weiter. In diesem Fall sagt er es direkt seiner Gemeinde in Korinth. Weil er merkt, dass über allem Streit die Versöhnung, die Gott allen Menschen anbietet, vollkommen in Vergessenheit gerät. An dieser Stelle gebe ich schon einmal eine erste Antwort auf die Frage, was Karfreitag bringen soll. Es geht nicht um das Zur-Schau-stellen eines gewaltsamen Todes. Sondern es geht um die Liebe Gottes. Zu erfahren, wie weit Gott gegangen ist, um uns Menschen zu erreichen. Zurück zur Aufforderung: Lasst euch mit Gott versöhnen! Vielleicht fragst du dich: Wie ist das gemeint, wie soll ich das anstellen? Mit Hand ausstrecken und „Entschuldigung“ sagen ist es wohl eher nicht getan. Ich schlage mal vier Schritte vor.
Der erste Schritt ist das Hören und Erleben. Klar, wir waren damals nicht dabei. Aber wir haben die Berichte in den Evangelien, und wir haben die Aussagen von Paulus. Paulus sagt: Hier geht es um Gottes Liebe, die selbst im Leid und im Tod nicht aufhört. Höre das, und gib diesen Worten Platz in dir drin. Lass sie da verweilen.
Der zweite Schritt ist das Nachvollziehen. Nachvollziehen, dass das Ereignis am Karfreitag eine Bedeutung für dich heute hat. Dass Gottes Liebe keine Phrase ist, sondern genau dir gilt.
Genau für dich geht Gott bis zum Äußersten.
Den dritten Schritt nenne ich Anerkennen. Erkenne an, dass du gemeint bist mit dem Aufruf:
Lasst euch mit Gott versöhnen. Das kann kein anderer dir verschreiben. Das kannst du nur du allein einsickern lassen. Der vierte Schritt ist dann die Umsetzung: Was ändert sich, wenn ich die Versöhnung annehme? Ändert sich mein Verhalten, und wenn ja, in welchem Bereich? Je konkreter du hier werden kannst, desto besser und wirksamer ist es. Ich erlebe die jetzige Zeit neben allem Schlimmen und Verwirrendem auch als Möglichkeit, Dinge neu zu sehen. So etwas wie die Corona-Krise verändert die Sichtweise. Plötzlich, wo die sozialen Kontakte stark eingeschränkt sind, kommt die Gemeinschaft wieder in den Blick. Plötzlich erschließt sich auch die Gemeinschaft eines Staates wie der Bundesrepublik wieder neu. Weil wir sehen, wie wichtig gerade jetzt ein funktionierendes Gemeinwesen ist. Plötzlich, wo wir nicht mehr alles sofort bekommen, wo es Schlangen vor den Geschäften gibt, wo manche Produkte auf einmal „aus“ sind, kriegen wir ein Gespür dafür, was wichtiger ist als der ganze selbstverständlich gewordene Luxus. Plötzlich erleben wir die Natur ganz anders, die wir bisher nur als Ersatzteillager für unsere überzogenen Bedürfnisse genutzt haben.
Genau hier hinein ruft Paulus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Lasst euch auf seine Liebe ein. Hört auf, euch nur um euch selbst zu drehen. Nehmt die anderen in den Blick. Hört auf damit, immer noch mehr zu wollen. Lernt, dass Gott für jeden von euch das bereitstellt, was ihr braucht. Hört auf, auf Kosten der restlichen Schöpfung zu leben, die Gott genauso liebt wie euch. Lernt, dass die Liebe nicht bei den Menschen Halt macht, sondern alles umfasst. Das
alles heißt für mich: Lasst euch mit Gott versöhnen.
Und genau dafür ist der Karfreitag da, finde ich. Um zu erfahren, wie groß Gottes Liebe ist. Um diese Liebe zu erleben. Und um darüber nachzudenken, wie ich auf diese Liebe antworte.
Amen.

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