Predigt für Sonntag, den 05.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Heute ein Lied der hannoveraner Sängerin Josi „Die Sonne hat gewonnen“

Predigt für den 05.04.2020 Sonntag Palmarum

Liebe Leute,
Vorweg eine kleine Anmerkung: Da ich die vergangene Woche Urlaub hatte, habe ich die Predigt schon vorher geschrieben und aufgenommen. Falls also etwas nicht ganz aktuell sein sollte, bitte ich dich, darüber hinwegzusehen.
Das ist nun der dritte Sonntag nach Coronazählung. Zwei Wochen Ausgangsbeschränkungen liegen schon hinter uns. Wie geht es dir gerade? Bist du bist jetzt gesund geblieben? Gehörst du zur Risikogruppe? Bist du inzwischen unter denen, die in Quarantäne sein müssen? Oder bist du sogar erkrankt? Und wie geht es dir seelisch? Zuversichtlich – verunsichert – ängstlich – verzweifelt? Die ganze Bandbreite ist möglich.
Der heutige Sonntag heißt Palmsonntag. Deshalb, weil heute daran gedacht wird, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem eingezogen ist. Um den Einzug so feierlich wie möglich zu machen, wurden Palmzweige auf den Weg gestreut. Daher der Name. Mit diesem Weg, den Jesus da eingeschlagen hat, beginnt die Karwoche. Die Woche, die den Karfreitag als Zielpunkt hat, an dem Jesus am Kreuz gestorben ist. Ein Weg mit einem klaren Ziel also. Und ein Weg mit einer klaren Zeitbegrenzung. Die, die dabei waren, mussten einen bestimmten Standpunkt einnehmen. Viele haben beim Einzug gejubelt, so berichtet die Bibel. Aber genauso viele haben Tage später den Tod Jesu am Kreuz gefordert. Nicht wenige sind also umgefallen.
Seine Freunde sind Jesus gefolgt. Aber auch sie haben es letztendlich nicht geschafft, Jesus bis zum Schluss die Treue zu halten. Wo haben sie gestanden, woran haben sie sich gehalten? Auch heute gibt es wieder einen Bibeltext, zu dem ich meine Gedanken äußern möchte. Der steht im Markusevangelium im 14. Kapitel. Zeitlich gesehen spielt die dort erzählte Geschichte ein paar Tage nach dem Einzug nach Jerusalem.

Ich lese sie einmal vor:
„Jesus war in Betanien zu Gast bei Simon, der früher einmal aussätzig gewesen war. Während der Mahlzeit kam eine Frau herein. In ihren Händen hielt sie ein Fläschchen mit reinem, kostbarem Nardenöl. Sie öffnete das Gefäß und salbte mit dem Öl den Kopf von Jesus. Darüber regten sich einige Gäste auf: »Das ist ja die reinste Verschwendung! Dieses Öl ist mindestens 300 Silberstücke wert. Man hätte es lieber verkaufen und das Geld den Armen geben sollen!« So machten sie der Frau heftige Vorwürfe. Aber Jesus sagte: »Lasst sie in Ruhe! Warum macht ihr der Frau Schwierigkeiten? Sie hat etwas Gutes für mich getan. Arme, die eure Hilfe nötig haben, wird es immer geben. Ihnen könnt ihr helfen, sooft ihr wollt. Ich dagegen bin nicht mehr lange bei euch. Diese Frau hat getan, was sie konnte: Mit diesem Salböl hat sie meinen Körper für mein Begräbnis vorbereitet. Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo Gottes rettende Botschaft verkündet wird, wird man auch von dieser Frau sprechen und von dem, was sie getan hat.«“

Das ist eine seltsame Geschichte. Ich schlage vor, wir steigen mal in die Szene ein. Gehen wir in das Haus, in das Jesus eingekehrt ist. Was siehst du, was hörst du, was riechst du? Ich stelle mir Kerzenlicht vor, es flackert, ist gerade so hell, dass ich die Anwesenden sehen kann. Ich höre Stimmengemurmel, angeregte Gespräche über dies und das. Und es riecht verführerisch nach den zubereiteten Speisen. Jesus liegt am Tisch, wie übrigens alle liegen. Plötzlich kommt eine Frau herein. Wer ist das, wer hat die hineingelassen? Sie hat etwas in der Hand und geht direkt auf Jesus zu. Der nicht im Geringsten alarmiert erscheint. Sie öffnet ein Fläschchen und gießt Jesus Salböl auf den Kopf. Was macht die da? Der Duft des Öls erfüllt den ganzen Raum, Nasen werden gereckt.
Jetzt kommt Bewegung in die anderen Gäste. Das Stimmengewirr wird lauter. Einige Sätze kann ich deutlich vernehmen. Wisst ihr eigentlich, was das für ein teures Zeug ist? Was soll Jesus damit? Das ist die Höhe, reine Verschwendung! Was hätten wir mit dem Wert des Öls alle sinnvolles anfangen können. Unglaublich!
Und Jesus? Der bleibt ruhig, lässt es geschehen. Bleibt liegen, als die Frau das Öl einmassiert.
Dann wendet er sich an die anderen. Und verteidigt die Frau. Das war genau zu diesem Zeitpunkt richtig. Denn ich weiß, worauf ich zugehe, und das weiß diese Frau anscheinend auch. Schön, dass ihr so vernünftig denkt. Na klar, Geld kann man sicher viel sinnvoller einsetzen. Aber habt ihr eigentlich überlegt, was jetzt gerade in diesem Moment dran ist?
Wir gehen wieder raus aus der Szene. Wenn ich mir das so recht überlege, haben auf ihre Art alle recht, oder? Das war richtig teuer. Das wäre ungefähr so, als wenn jemand nach dem Traugottesdienst die Braut statt mit Blütenblättern mit echten Safranfäden bewerfen würde, und zwar händeweise. Verschwendung pur. Da ist es nur vernünftig zu überlegen, was man mit dem Gegenwert alles hätte machen können. Das Geld spenden, um die Armen zu unterstützen. Heutige diakonische Einrichtungen würden sich bei diesem Betrag die Hände reiben. Almosen geben hieß das damals und war eine religiöse Pflicht. Ein religiöse Pflicht waren aber auch die sogenannten Guten Werke. Dazu gehörte unter anderem die Sorge um die Toten. Und in diesen Bereich fällt die Salbung hinein, da sind sich alle einig. Jesus deutet die Handlung der Frau als vorgezogene Totensalbung. Und er betont den Kritikern gegenüber den Zeitpunkt: Arme zu unterstützen ist immer möglich, diese Tat aber ist nur jetzt möglich, denn sein Tod am Kreuz steht unmittelbar bevor.

Meinung gegen Meinung. Standpunkte, die sich nicht vereinen lassen. Eine Entscheidung ist nötig. Wo stehe ich, wo stehst du? Was meinst du, was will Gott von uns in einer solchen Situation? Was ist jetzt dran?
Damit sind wir direkt bei heute. Fragen, wie geschaffen für die heutige Zeit. Im Moment müssen in Bezug auf die Corona-Krise ständig Entscheidungen gefällt werden, muss immer abgewägt werden, was Priorität hat, denn zu tun gibt es unglaublich viel. Für mich stellt sich hier die Frage nach dem Weg des Glaubens. Wir vollziehen in der Karwoche den Weg nach, den Jesus bis ans Kreuz gegangen ist. Wir Christen, so behaupte ich, wollen mit Jesus gehen. Nicht ans Kreuz, aber durch unser Leben, in dem wir auch manches Kreuz tragen müssen. Und auf diesem Weg stehen Entscheidungen an, immer wieder. Gerade was unsere Haltung und was unser Handeln angeht.
Ich sage es mal so: Ein Christ soll fromm sein, soll für andere beten, soll Gemeinschaft mit anderen Christen pflegen, soll sich in der Kirchengemeinde aktiv einbringen, soll anderen Menschen den christlichen Glauben nahebringen, soll sich um Bedürftige kümmern, soll sich selbst hintenan stellen, soll für Frieden sorgen, soll Gottes Schöpfung bewahren – ich höre hier einfach mal auf. Du merkst schon: super – wie soll das denn gehen? Und am besten alles gleichzeitig… Also muss ich, musst du dich entscheiden. Entscheiden für bestimmte Dinge, die dir wichtig sind, um damit andere Dinge, die genauso wichtig wären, eben nicht zu tun. In der Hoffnung, dass sich darum andere kümmern, oder dass das eben später dran ist. In unserer Geschichte war der Zeitfaktor wichtig – viel Zeit gemeinsam mit Jesus blieb nicht mehr. Dieser Faktor ist entscheidend. Was ist jetzt gerade dran? In dieser Zeit, an diesem Tag, in dieser Minute? In den Gottesdienst gehen kannst du gerade nicht. Diese Entscheidung ist dir abgenommen. Was machst du stattdessen? Wie pflegst du die christliche Gemeinschaft? Es gibt genug Möglichkeiten über die Netzwerke. Oder entscheidest du, in dieser sozialen Ausnahmesituation dir eine Art Einkehr zu gönnen, also die stille Beschäftigung mit Bibel und Gebet? Oder angenommen, du kannst gerade nicht zur Arbeit gehen. Wie nutzt du die Zeit?
Siehst du sie als Atempause für dich und deine Familie, oder entscheidest du, für andere unterwegs zu sein und zum Beispiel Einkaufsdienste zu machen? Du merkst schon: Von mir wirst du keine Anweisung bekommen, was für dich jetzt dran ist. Und auch die Bibel ist hier sehr uneindeutig. In unserer Geschichte betont Jesus die Wichtigkeit dieser vorgezogenen Totensalbung, an einer anderen Stelle sagt er: Lasst die Toten ihre Toten bestatten und kümmert euch um das Reich Gottes! Die Entscheidung liegt bei dir und mir. Der Weg mit und zu Gott ist eben kein festgelegter, sondern sehr vielfältig. Allein das Ziel ist klar.
Vielleicht halten wir es am ehesten mit dem Kirchenvater Augustinus, der gesagt hat: Liebe – und dann tu, was du willst. Amen.

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