Predigt für Sonntag, den 26.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

„Johann Crüger – Auf, auf, mein Herz, mit Freuden – eingespielt von Rüdiger Vopel

Predigt für den 26.04.2020 Sonntag Misericordias Domini

Liebe Leute,
und wieder ein gottesdienstfreier Sonntag. Heute hätten wir unter normalen Bedingungen die erste Konfirmation gefeiert. Elf Jugendliche hatten diesen Tag ins Auge gefasst, um vor der Gemeinde Ja zuihrer Taufe und zu ihrem Glauben zu sagen. Konfirmation ist auch für mich noch immer etwas Besonderes, ich freu mich immer sehr darauf. Die Jugendlichen machen damit einen entscheidenden Schritt hin zum Erwachsenwerden. Sie haben sich ein ganzes Jahr lang mit ihrem Glauben beschäftigt und bekennen sich in diesem Gottesdienst dazu. Und es wird ihnen bewusst gemacht, wo sie hingehören: Nämlich zur christlichen Gemeinde, die gerade an diesem Tag zahlreich vorhanden ist und sich auf dievielfältigste Art daran beteiligt.

Besonders den Ausdruck der Zusammengehörigkeit finde ich wichtig: Die Zusammengehörigkeit untereinander als Konfigruppe, die zur Gemeinde und die zu Jesus Christus. Das geht nur in einem Gottesdienst, in dem alle da sind. Und genau das fällt heute komplett weg. Das Thema der Zusammengehörigkeit finden wir auch in den Texten für diesen Sonntag. Besonders im Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und im Johannesevangelium, wo Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Der Hirte und seine Herde. Ein starkes Bild, das den meisten vertraut ist, wenn es auch heute nur noch wenige Hirten gibt.

Ich lese den Text aus dem 10. Kapitel:
„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Bezahlte Angestellte, die nicht Hirten
sind und denen die Schafe nicht gehören, die sehen den Wolf kommen und verlassen die Schafe und
fliehen – und der Wolf raubt die Schafe und treibt die Herde auseinander. Dies geschieht, weil sie bezahlte
Angestellte sind und ihnen nichts an den Schafen liegt. Ich bin der gute Hirte und ich kenne meine
Schafe, und sie kennen mich; genauso wie mich Gott wie ein Vater kennt und ich Gott kenne. Und ich
gebe mein Leben für die Schafe. Aber ich habe noch andere Schafe, die nicht von diesem Hof stammen;
auch diese muss ich führen, und sie werden meine Stimme hören, und sie alle werden eine Herde mit
einem Hirten sein.“

Dieser Text ist nicht ganz so geläufig wie Psalm 23, aber auch noch sehr bekannt. Während im Psalm nur der Hirte im Blick ist, kommen hier noch andere Akteure ins Spiel. Ich möchte die einmal durchgehen. Zunächst der Hirte. Jesus bezeichnet sich selbst als den Hirten, und zwar als den guten Hirten. Und er erweitert das Bild: Während der Hirte in Psalm 23 für die Rundumversorgung steht und Sicherheit gewährleistet, rückt bei Jesus zusätzlich der persönliche Einsatz ins Blickfeld. Dieser Hirte weiß genau, wer zu seiner Herde dazugehört. Und: „Ich gebe mein Leben für die Schafe.“ Mehr geht nicht. Und natürlich bezieht sich diese Aussage darauf, dass Jesus für uns ans Kreuz gegangen ist.
Im Gegensatz zum Hirten steht der bezahlte Angestellte, wie es in dieser Übersetzung heißt. Luther hat ihn mit Mietling bezeichnet. Es geht hier um Tagelöhner, die von den Besitzern einer Herde angestellt wurden, um für einen Tag auf ihre Herde aufzupassen. Wenn wir diesen Text ohne Hintergrundwissen lesen, muss uns dieser Angestellte als böser Hirte vorkommen. Das stimmt aber so nicht, denn diese Tagelöhner hatten tatsächlich das Recht, sich bei größerer Gefahr selbst in Sicherheit zu bringen, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Der Unterschied zum guten Hirten ist, dass es für diese Menschen lediglich ein Job war, während es für den eigentlichen Hirten eine Lebensaufgabe darstellt.
Ein weiterer Akteur ist der Wolf. Er symbolisiert die Gefahr für die Herde. Neben dem Reißen von einzelnen Schafen wird besonders die Zerstreuung, also die Vereinzelung genannt. Wer mit dem Wolf speziell gemeint sein kann, lässt Johannes offen. Und schließlich die Schafe. Sie gehören als Herde untrennbar zusammen. Sie kennen ihren Hirten genau. Und die größte Gefahr für sie ist, dass sie auseinandergetrieben werden. Johannes hat hier die damalige
christliche Gemeinde im Blick, die tatsächlich von außen immer wieder bedroht wurde. Und die sich deshalb gegenseitig gestärkt hat und zusammenhielt.
Was fangen wir mit diesem Bild und den Worten Jesu an? Was können für uns Hirte, Angestellter und Wolf sein? Und wo ordnen wir uns ein?
Wieder zunächst zum Hirten. Da ändert sich nichts, Jesus Christus ist der gute Hirte für uns. Aber natürlich läuft er nicht mehr leibhaftig auf der Erde herum. Deshalb ist die Vermittlung wichtig. Von diesem Hirten erfahren wir, wenn wir in der Bibel lesen. Wenn uns davon erzählt wird, ob in der Kirche oder zwischen Tür und Angel. Die christliche Gemeinschaft ist von Jesus selbst beauftragt worden, alles weiterzusagen. Dass Jesus unser Hirte ist, der uns beschützt und uns zusammenhält. Und dass er dafür sogar sein Leben hingegeben hat. Denn ohne seinen Einsatz gäbe es die christliche Kirche nicht. Aufpassen müssen wir, dass das Bild des Hirten bei Gott und Jesus Christus bleibt. Denn gerne werden Pastoren als Hirten bezeichnet, und in Rom sitzt der Oberhirte. Aber das trügt, alle diese sind Teil der Herde. Es gibt nur einen Hirten.
Kommen wir dann gleich mal zu den Schafen. Heutzutage möchten Menschen und auch Christen nicht mehr gern als Schafe bezeichnet werden. Weil Schafe als dumm gelten. Wieso eigentlich? Schafe sind sehr gut im Erkennen von Artgenossen und auch von ihrem Hirten, sie können exakt die Stimmen unterscheiden. Schafe haben ein sehr starkes Sozialgefüge, sie schützen die Schwachen im Angriffsfall, und sie gehen enge soziale Bindungen ein – untereinander, aber auch zum Hirten. Schafe können uns an dieser Stelle also sogar ein Vorbild sein. Jedenfalls sind auch wir Menschen Rudel- oder Herdentiere, so gern wir uns auch als Individualisten präsentieren. Wir brauchen menschliche Nähe, und wir brauchen eine Gruppe, die uns Zusammengehörigkeit vermittelt. Und wir fragen immer wieder danach, was oder wer uns auf dem Weg durch unser Leben leiten kann. Die christliche Antwort darauf heißt Jesus Christus. Wer könnte nun in der Übertragung mit den bezahlten Angestellten gemeint sein? Es geht da um etwas, das uns vorgaukelt, Hirtenfunktion zu haben, aber ohne persönliche Beziehung, ohne echten Einsatz. Also etwas, das uns vermeintlich Orientierung bietet. Denn fast alle Menschen sind auf der Suche nach Sinn und nach etwas, an dem sie sich festhalten können. Mir fallen da zum Beispiel Leute ein, die einfache Parolen bieten, so etwas wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“. Oder die ganzen Ratgeber, wie ich mein Leben optimieren kann – gerade ist die Wegschmeißhysterie in vollem Gange. Andere finden den Sinn darin, möglichst viel zu konsumieren. Oder sind ständig mit ihrer Selbstverwirklichung beschäftigt.
Jetzt könntest du sagen: Na ja, wenn‘s hilft… Aber genau das ist das Problem. Und damit sind wir dann beim Wolf. Denn wenn er auftritt, können wir erkennen, wer echter Hirte und wer nur Ersatz ist. Der Wolf muss nicht eine Person sein, es können auch Bedrohungen anderer Art sein. So wie Corona. Plötzlich wird es ganz deutlich. Einfache Parolen werden zwar immer noch gerne in die Welt gesetzt, aber sie helfen nicht weiter, denn jeder kann von dieser Pandemie betroffen sein, egal welcher Nationalität. Die Selbstoptimierung läuft gerade gegen die Wand, denn plötzlich merken wir, was wirklich wichtig ist, und das sind die sozialen Beziehungen – Stichwort Schafe. Und die Sinnfindung durch ungebremsten Konsum geht gerade nicht – zum Teil, weil die Geschäfte zu sind, zum Teil, weil das eigene Einkommen bedroht ist. Und auch das zehnte Paar teure Schuhe ersetzt mir nicht den Freund oder die Freundin. Wir merken also gerade, dass sich die Angestellten vom Acker machen, weil der Corona-Wolf hereingeplatzt ist. Und
der treibt die Herde unerbittlich auseinander.
Doch der eigentliche Hirte bleibt. Was mich da so sicher macht, fragst du? Die christliche Herde gibt es schon seit über zweitausend Jahren. Und sie hat neben guten Zeiten auch viele sehr schlechte erlebt, mit Verfolgung und Tod. Daran gemessen ist sie erstaunlich krisenbeständig. Auch kennt sie räumliche Zerstreuung und Vereinzelung sehr gut. Schon oft mussten Christen im Verborgenen ausharren und konnten nur indirekt miteinander in Kontakt treten. Schließlich ist die Kirche über die ganze Welt verteilt und fühlt sich trotzdem verbunden. Die derzeitige Vereinzelungs-Situation wirft uns also nicht um. Ganz im Gegenteil werden Christen zur Zeit immer kreativer, das Netz bietet viele Möglichkeiten. Und ich glaube, dass wir dadurch eher noch mehr Menschen erreichen und auch solche, die nicht in die Kirche gehen.
Woran das liegt? Eben am Hirten. An dem, der sagt: Ich bin der gute Hirte, und ich lasse mein Leben für die Schafe. Jesus bietet uns die Orientierung, die wir brauchen. Er bietet uns Zusammengehörigkeit, weil er ein Hirte für die ganze Herde ist, die sich unter seinem Namen versammelt. In Jesus Christus gehören wir zusammen. Egal, ob wir beim festlichen Konfirmationsgottesdienst zusammenkommen oder ob wir in unseren Häusern sitzen. – Übrigens: Die Konfirmation findet natürlich noch statt – voraussichtlich am 6. September.
Amen.

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Aufruf zur Spende in der Osterzeit für Menschen in Flüchtlingslagern

Das Corona-Virus Covid-19 trifft die ganze Welt. Im Landkreis Gifhorn werden die Bürgerinnen und Bürger mit einem Netz von Hilfsmaßnahmen vor dramatischen Folgen weitgehend geschützt. Menschen, die in den Flüchtlingslagern am Mittelmeer leben müssen, trifft das Virus um ein Vielfaches härter. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ruft zur Osterkollekte auf, um diejenigen medizinisch zu versorgen, die vom Krieg in Syrien betroffen oder vor ihm auf der Flucht sind. Konkret wird mit den Spenden die von der Union Armenisch-Evangelischer Gemeinden in Syrien betriebene Bethel-Poliklinik in Aleppo unterstützt sowie das Vostanio-Krankenhaus in Mytilini auf Lesbos. Beiden Krankenhäusern fehlt es an medizinischem Material, Desinfektionsmittel, Schutzausrüstungen für Ärztinnen, Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger. Damit ein Massenausbruch verhindert sowie die Behandlung des Corona-Virus auch dort möglich sein kann, braucht es grundsätzliche Schutz- und Hygienemaßnahmen, die über Spenden finanziert werden können. 

Superintendentin Sylvia Pfannschmidt: „Es kann nicht sein, dass wir nur um uns selber besorgt sind und die Menschen vergessen, die unter elenden Bedingungen vor den Toren Europas auf ein menschenwürdiges und friedliches Leben hoffen. Wir können es nicht in Kauf nehmen, dass das Virus sie weiter in ihr Elend reißt und wahrscheinlich tausendfach schlimmer trifft als uns.“ Gemeinsam mit dem Café Aller ruft sie zur Osterspende auf. Martin Wrasmann: „Unsere Solidarität kann sich nicht auf nationale Grenzen beschränken. Spenden sind das eine, was wir dringend benötigen, es geht aber auch um eine großzügige Regelung der Aufnahme von Geflüchteten, besonders Kindern, auch im Landkreis Gifhorn“. Die Kirchen sind überzeugt, dass es ist an der Zeit die Augen zu öffnen und uns mit der Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln auseinander zu setzen. 

Spendenkonto:
Gustav-Adolf-Werk (Deutschland)
KD-Bank Dortmund
IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11
BIC: GENODED1DKD
Stichwort: GEKE-Osterspende 

Predigt für Sonntag, den 19.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

„Ich erhebe meine Hände“ gesungen und eingespielt von Samuel und Antje Trebesius

Predigt für den 19.04.2020 Sonntag Quasimodogeniti

Liebe Leute,
wir sind in Woche sechs der gottesdienstfreien Zeit – seit knapp anderthalb Monaten durften wir tatsächlich keinen Gottesdienst mehr feiern. Mitte März dachte ich noch, dass wir so ab Ostern wieder zum normalen Leben zurückkehren können. Davon kann wirklich keine Rede sein. Die Lockerungen der Maßnahmen, die in der zurückliegenden Woche besprochen wurden, sind minimal. Für uns als Kirche hat sich gar nichts geändert. Keine Gottesdienste, keine Veranstaltungen, keine Gruppen.
Der Ausnahmezustand dauert an – und wir hängen durch. Immer mehr Menschen werden dünnhäutig, die Stimmung wird gereizter, immer mehr merken wir, wie sehr uns das normale Leben fehlt. Und immer wieder die Frage: Wie lange noch?
Letzte Woche war Ostern. Das Fest der Auferstehung. Das Fest, das uns versichert, dass Gott den Tod besiegt hat. Ostern ist die Feier des Lebens. Und wir befinden uns weiterhin in der Osterzeit. Einer kirchlich gesehen sehr fröhlichen Zeit. Eigentlich.
Mal ehrlich: Spürst du etwas von Ostern? Hast du am vergangenen Wochenende Osterfreude erleben dürfen? Wenn ja, ist das toll. Aber vermutlich bist du dann die Ausnahme. Feiertage zeichnen sich vor allem durch einen vom Alltag völlig unterschiedenen Ablauf aus. Und durch gemeinsam begangene Feiern. All das fiel aus. Woran merke ich noch den Unterschied, wenn ich sonst auch die ganze Zeit zu Hause bin? Höchstens daran, dass die wenigen Geschäfte, die überhaupt öffnen durften, auch noch geschlossen waren.
Ostern will uns Mut machen und Hoffnung zusprechen. Wie können wir dranbleiben? Wie weitermachen, ohne vollends den Mut zu verlieren? Der Text für heute stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Genaugenommen aus dem zweiten Teil des Buches, das geschrieben wurde, als große Teile der jüdischen Bevölkerung in Babylon im Exil leben mussten. Auch der Prophet gehörte zu den Verschleppten. Und bekam dort den Auftrag von Gott, seinem Volk Mut zuzusprechen. Ihnen zu sagen, dass die Tage in Babylon gezählt waren. Dass sie einmal zurückkehren würden in ihr eigenes Land. Und dass Jerusalem, ihre heilige Stadt, wieder aufgebaut werden würde.

Ich lese einen Abschnitt aus dem 40. Kapitel:
„Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Er lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft. Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: »Der Herr kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht«? Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Der Herr
ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft lässt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich. Er gibt den Müden Kraft und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen. Aber alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.“

Der Prophet hat es nicht leicht mit seinen Landsleuten. Sie sind ermüdet und mutlos geworden. Seit zwei Generationen sind sie Gefangene in Babylon. Die Jüngeren wissen gar nicht, wie es in ihrer Heimat aussieht, sie sind in Babylon geboren. Und für die Älteren ist es nur noch eine ferne Erinnerung. So etwas wie das Paradies – weit weg und unerreichbar. Der Alltag in Babylon, das ist die Wirklichkeit. So ist es kein Wunder, wenn sie Dinge sagen wie: „ Der Herr kümmert sich nicht um uns“. Denn in Babylon wurde der Gott Marduk verehrt, er war überall präsent. Der Gott Israels durfte dagegen nur im Verborgenen angebetet werden. Und was bringt es auch? Er hat ja nichts an der Situation geändert. Entweder ist er gar nicht mitgekommen nach Babylon. Oder er hat wichtigeres zu tun. „Unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht“. Das klingt zutiefst resigniert.
Kommt dir sowas bekannt vor? Das Gefühl, dass du letztlich allein bist? Dass sich niemand um dich kümmert, auch kein Gott? Dass sich ohnehin nichts ändert? Manchmal merke ich selbst, wie sich ein grauer Schleier auf mich legt, der mich lähmt. Dass ich das Gefühl habe, es geht nichts voran. Dass das Wunschbild, wie ich eigentlich leben will, in immer weitere Ferne rückt. Zugegeben, wir reden hier nicht von sechzig Jahren, wie das bei den Israeliten der Fall war. Sondern von einigen Monaten. Aber für das Gefühl ist das egal. Die Ungewissheit, wann all die Beschränkungen wieder aufgehoben werden können und wie sich das Virus weiter entwickelt, die lähmt.
Der Prophet kennt seine Landsleute und weiß um deren Zustand. Er weiß aber auch, dass sie sich damit nichts Gutes tun. Dass sie sich um ihre eigene Zukunft bringen. Und deshalb greift er sie bildlich gesprochen am Schopf und zieht ihren Blick nach oben. „Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen?“ Das ist sehr geschickt, finde ich. Denn allein die Körperhaltung eines Menschen bewirkt ganz viel. Wenn ich bedrückt und niedergeschlagen bin,geht mein Blick meist nach unten, und der Rücken ist gebeugt. Richte ich mich dagegen auf und schaue nach oben, fällt es viel schwerer, niedergeschlagen zu bleiben. Blickt nach oben, Leute! – Wie sieht es bei dir aus? Beobachte mal deinen Körper. Und korrigiere ihn, wenn du merkst, es zieht dich nach unten. Körper und Geist gehören untrennbar zusammen, das wirst du spüren. Dann verweist der Prophet ausdrücklich auf die Größe und die Macht Gottes. All die Sterne, der gesamte Himmel, das ist alles Gottes Werk. „Der Herr ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen!“ Das ist keine direkte Antwort auf die Frage, warum Gott sich anscheinend nicht kümmert. Aber es ist ein Hinweis auf die Größe und darauf, dass bei Gott nichts unmöglich ist. Wichtig finde ich den Zusatz: „seine Weisheit ist tief und unerschöpflich.“ In einer anderen Übersetzung steht „ist nicht zu ergründen“. Damit macht er deutlich, dass wir kleinen Menschen Gott nie durchschauen können, und dass es uns deshalb ab und zu so vorkommt, als kümmere sich Gott nicht um uns. Nur weil er eben nicht direkt und sofort auf unsere Wünsche reagiert.

Zum Schluss unseres Textes bringt dann der Prophet das so schöne Bild vom Adler: „alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.“ Ein Vers, der gerne als Konfirmationsspruch verwendet wird. Bei Luther steht hier: „Die auf den Herrn harren.“ Ein altes Wort, das aber durch kein anderes angemessen ersetzt werden kann. Was ist damit gemeint?
Harren hat viel mit Warten zu tun, ist aber nicht das Gleiche. Bei Wikipedia wird das Wort so beschrieben: „(hoffend) auf etwas oder jemanden warten“. Es ist eine aufrechte Haltung, dieses Harren. Ich vertraue darauf, dass etwas passieren wird, ich erhoffe es. Auf Gott harren heißt dann, das wir darauf hoffen, dass Gott etwas tun wird. Wir bleiben in Erwartungshaltung.
Und dann das Bild mit dem Adler. Das steht für das, was Gott uns schenken will. Kraft nämlich. Und zwar eine solche, die uns aus den Niederungen aufsteigen lässt. Die uns aus der Lähmung und der Resignation heraushebt. Als wenn wir Adlerflügel hätten. Kraft, die uns auch schwere Zeiten durchstehen lässt.
Warten tun wir zur Zeit sowieso. Warten darauf, dass die Maßnahmen gelockert werden. Dass sich das Virus endlich abschwächt. Warten darauf, dass wir wieder mehr tun können. Zu diesemWarten sind wir verdonnert. Entscheidend ist jetzt, wie wir warten, mit welcher Haltung. Verkriechen wir uns, oder harren wir? Geht unser Blick nach unten oder nach oben? Glauben wir, dass Corona die ganze Wirklichkeit ist, oder hoffen wir auf mehr? Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Ich glaube, dass uns Gott in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Schöner kann man das Harren nicht ausdrücken. Gott gibt mir und dir das, was wir brauchen, und zwar genau im richtigen Moment. Deshalb darfst du harren – aufrecht, froh und gelassen. Gott, der mal eben die Gesetze der Vergänglichkeit an Ostern durchbrochen hat, wird dich nicht im Stich lassen. Gott schenkt genau den Mut, den du brauchst, und das genau zur richtigen Zeit. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Amen.

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Predigt für Ostersonntag, 12.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Posaunenchor „You raise me up“

Predigt für den 12.04.2020 Ostersonntag

Liebe Leute,
frohe Ostern! Das wünsche ich euch, das wünsche ich dir. Aber mal ehrlich: Ist dir in dieser Zeit nach einem fröhlichen Osterfest zumute? Wo alles, was irgendwie dazugehört und Spaß macht, verboten ist oder zumindest nicht ratsam? Ostergottesdienste, gemeinsames Osterfrühstück im Küsterhaus, Familienfeiern im großen Stil, oder auch der ersehnte Osterurlaub auf einer Nordseeinsel. Frohe Ostern? Nun ja… Ich muss gestehen, dass mir in diesem Jahr die durchaus beliebte Tradition eines oder mehrerer Witze in der Osterpredigt nicht über die Lippen kommen will.
Als Christen feiern wir an Ostern den Sieg des Lebens über den Tod. Um es in wenigen Worten zu sagen. Das ist doch was Schönes und Fröhliches, möchte man sagen – doch irgendwie scheint mir dieses Wort nicht zu dem passen, was an Ostern passiert ist. „Schön“ klingt nett und niedlich, der Tod ist es überhaupt nicht. Und schon gar nicht das, was danach passiert ist. „Schön“ und „Fröhlich“ sind für mich sehr unzureichende Beschreibungen für das, was das christliche Osterfest ausmacht. Ich glaube: Reine Freude wird dem Osterereignis nicht gerecht – es fehlt etwas Entscheidendes.
Aber was ist dieses Andere? Ich behaupte, wir finden das in den Berichten der Evangelien über das, was nach dem Kreuzestod und dem darauffolgenden Sabbat geschehen ist. Das Markusevangelium bringt es sehr nüchtern und ohne große Ausschmückungen auf den Punkt. Es ist der Evangeliumstext für den Ostersonntag, und ich lese ihn einmal.
„Am Abend, als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um den Toten damit zu salben. Ganz früh am Sonntagmorgen, als die Sonne gerade aufging, kamen sie zum Grab. Unterwegs hatten sie noch zueinander gesagt: »Wer wird uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?« Denn der Stein war sehr groß. Aber als sie hinsahen, bemerkten sie, dass er schon weggerollt worden war. Sie gingen in die Grabkammer hinein und sahen dort auf der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen. Sie erschraken sehr. Er aber sagte zu ihnen: »Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der ans Kreuz genagelt wurde. Er ist nicht hier; Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Hier seht ihr die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten. Und nun geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, genau wie er es euch gesagt hat.‹« Da verließen die Frauen die Grabkammer und flohen. Sie zitterten vor Entsetzen und sagten niemand ein Wort. Solche Angst hatten sie.“
Ich schlage vor, dass wir uns einmal in die Frauen hineinversetzen. Wie ging es ihnen? Was haben sie erlebt, was haben sie gefühlt, wie haben sie das Ganze bewertet?
Die Hauptpersonen sind drei Frauen. Alle drei waren enge Bezugspersonen von Jesus, sie sind ihm nachgefolgt und hatten wohl durchaus eine herausgehobene Stellung in der Anhängerschaft. Sie hatten am Kreuz gestanden, also leibhaftig miterlebt, wie Jesus gestorben ist. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass sie von tiefer Trauer erfüllt waren, dazu ein Gefühl von Ohnmacht und Verzweiflung. Der, in den sie all ihre Hoffnung gesteckt hatten und für den sie all ihre Tatkraft aufgewendet hatten, wurde von der Obrigkeit hingerichtet, und plötzlich war alles zu Ende. Immerhin sind sie nicht in der Depression versunken, sondern haben das getan, was sie überhaupt noch tun konnten. Planen, Jesus die Totensalbung zukommen zu lassen. Die Öle dafür konnten sie erst nach Ablauf des Sabbats, also am Samstag um 18 Uhr kaufen, und da war es schon dunkel. Also starteten sie am nächsten Morgen, so früh es ging. Wie ging es ihnen dabei? Beim Gang zu dem, den sie über alles verehrt hatten, und von dem nur noch die leblose Hülle vorhanden war? Um die Trauer nicht übermächtig werden zu lassen, haben sie sich mit praktischen Fragen beschäftigt: Wie kriegen wir bloß den großen Stein vom Grab? Vielleicht hofften sie, dass dort irgendwelche Männer unterwegs waren, die ihnen helfen könnten.
Als sie dort sind, erleben sie die erste Überraschung: Der Stein ist schon weggerollt. Erstaunen. Und gleich die Frage: Wer war das? Hat vielleicht schon jemand vor ihnen den Toten gesalbt? Oder Grabräuber? Aber was gab es hier schon zu finden? Sie fühlen sich unsicher. Vorsichtig gehen die Frauen in das Grab hinein. Und da trifft sie fast der Schlag. Da sitzt jemand in einem ganz hellen Gewand. Den hatten sie vorher noch nie gesehen. Aber Jesus ist weg! Sie kriegen einen Mordsschreck. Was ist hier los? Sie fühlen sich vollkommen überrumpelt.
Es wird nicht besser, als der Mann sie anspricht. Trotzdem er ihnen sagt, sie sollen keine Angst haben. Denn er teilt ihnen mit, dass der, den die drei am Kreuz haben sterben sehen, von Gott auferweckt wurde. Das übersteigt ihr Verstehen. Tot ist tot, anders kennen sie es nicht. Sie sind vollkommen verwirrt, vermutlich in Schockstarre. Und dann sollen sie das, was sie sich nicht erklären können, wofür sie keinerlei Begriffe haben, noch den Männern weitersagen. Für sie geht gar nichts mehr. Das einzige, was noch funktioniert, sind die Instinkte. Tot stellen oder fliehen. Bei den Frauen setzt das zweite ein: Sie hauen einfach ab, Hals über Kopf. Und sind so verstört, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kommen, irgendjemand davon zu erzählen. Wahrscheinlich sind sie in diesem Moment gar nicht in der Lage darüber nachzudenken, dass ihnen diese Geschichte keiner glauben würde. Sie sind beherrscht von Angst, Entsetzen und Überwältigung.
Allen Theologen, die sich mit diesen Zeilen beschäftigt haben, ist klar, dass dies die einzig angemessene Reaktion auf das ist, was die Frauen erlebt haben. Es geht nicht anders. Sie hören etwas, das alles übersteigt, was sie sich je vorstellen konnten. Auferweckt von den Toten – das hat nichts mit „Hallo – hier bin ich wieder“ zu tun. Das ist etwas Übermenschliches. Und da kann der Mensch, der so etwas erlebt, nur mit Entsetzen, mit völliger Verängstigung reagieren. Selbst nach zweitausend Jahren schlagen sich Theologen die Köpfe ein, wie die Auferstehung zu verstehen sei. Denn sie können sie nicht verstehen, kein Mensch kann das. Wenn Gott handelt, kann der Mensch nur noch erzittern. Das ging Mose am brennenden Dornbusch so, das haben die Propheten erleben müssen, und Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, verstummte für lange Zeit nach der Begegnung mit dem Göttlichen im Tempel.
Spannend finde ich, dass mit dem letzten Satz unseres Predigttextes das Markusevangelium ursprünglich beendet wurde. Die Botschaft, um die es ging, nämlich dass Jesus auferstanden war, war in den Worten des Engels enthalten. Das reichte. Markus hat sein Buch mit einem Paukenschlag beendet. Spätere Christen konnten und wollten das nicht so stehen lassen und haben dann einen Schluss angefügt, der den anderen Evangelien angepasst ist. Aber eigentlich steht am Schluss der Osterzählung von Markus Schrecken und Entsetzen. Die überwältigende Freude kam auch noch, aber später.
Und heute: Gemessen an dem, was wir eben gehört haben, ist das heutige Osterfest vollkommen domestiziert, also so gezüchtet, dass nichts mehr passieren kann. Es markiert das Ende der Fastenzeit, wo wir auf bestimmte Dinge verzichtet haben – nun kehrt endlich die Normalität wieder ein. Es steht für üppige Mahlzeiten, fürs Ostereiersuchen, für fröhliche Feiertagsstimmung und – zumindest meist – für den endgültigen Beginn des Frühlings. Und natürlich der Satz: Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod – was auch immer das dann bedeutet.
Dieses Jahr ist alles anders – ich wiederhole mich, ich weiß. Aber gerade diese Nicht-Normalität, diese Ausnahmesituation, bietet die Möglichkeit, Ostern anders zu erfassen. Zurückzukehren zu dem, was und wie es die Frauen erlebt haben. Versuchen zu erfassen, was hier eigentlich passiert ist, und dass auch wir das vom Kopf her nie verstehen werden. Sich klarzumachen, dass die Auferweckung Jesu allein Gottes Handeln ist, und zwar ein solches Handeln, das bildlich gesprochen unser Hirn sprengt. Indem wir das zulassen, versuchen wir, Gott wirklich Gott sein zu lassen. Gott als derjenige, der alles übersteigt. Was fühlst du dabei? Angst? Oder eher Erschauern? Eine Art Überwältigung? Ich wünsche es dir. Dass du spürst: Ostern ist der Einbruch Gottes in unsere Wirklichkeit.
In diesem Sinn wünsche ich dir überwältigende und gesegnete Ostern!
Amen.

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Predigt für Karfreitag, 10.04.2020

Die Predigt für den heutigen Karfreitag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Heute wieder ein Lied des Gospelchors „Lead us your way“

Predigt für den 10.04.2020 Karfreitag

Liebe Leute,
wir begehen heute Karfreitag. Er gilt als stiller Feiertag. Wir denken daran, dass Jesus an diesem Tag ans Kreuz gehängt wurde. Zur Sterbestunde um 15 Uhr wird zum letzten Mal die große Glocke geläutet, dann schweigt das Geläut bis zum Ostermorgen. Die stille Zeit. In diesem Jahr können wir das besonders wörtlich nehmen. Nicht nur die Glocken schweigen, sondern noch immer sind keine Gottesdienste erlaubt, die Kirche bleibt zu.
Und dann noch Karfreitag, wo es um Leid und gewaltsamen Tod geht. Das hält nicht gerade die Laune hoch. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob das Thema des Karfreitags nicht ganz weit weg von uns ist. Wir erleben gerade viel Leid durch das Virus, und auch der Tod ist durch die täglich veröffentlichten Zahlen sehr präsent. Was interessiert uns da noch der Tod eines Einzelnen, sei es auch Jesus Christus, vor 2.000 Jahren?
Wozu ist also dieser Tag noch gut? Brauchen wir Karfreitag, oder kann das weg?

Ich will mich dieser Frage über einen Briefausschnitt nähern. Ein paar Sätze aus einem der vielen Briefe, die Paulus an verschiedene Gemeinden geschrieben hat. Und in denen er immer wieder Kernaussagen des Glaubens verpackt. Nun also ein Ausschnitt aus dem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Ich lese aus dem 5. Kapitel:
„In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt. Wir treten also anstelle von Christus auf. Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.So bitten wir anstelle von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Gott hat Christus, der keine Sünde kannte, an unserer Stelle als Sünder verurteilt. Denn durch Christus sollten wir vor Gott als gerecht dastehen.“

Wie immer will ich erst einmal darauf blicken, in welche Situation hinein dieser Brief geschrieben wurde. Das hilft, vieles besser zu verstehen. Und es angemessen in unsere Zeit zu übertragen. Paulus schreibt zum zweiten Mal an die Gemeinde in der Stadt Korinth. Die hatte er selbst gegründet und eine ganze Weile mit ihr gelebt. Inzwischen sind dort Leute aufgetaucht, die etwas ganz anderes lehren als Paulus. In seinem ersten Brief versucht Paulus die Gemeinde mit Vernunft zu erreichen. Doch als danach der Konflikt weiter eskaliert, schreibt er einen zweiten, den sogenannten Tränenbrief, in dem er sich auch gegen heftigste Vorwürfe zur Wehr setzt. In diesem Zusammenhang taucht also das Wort von der Versöhnung auf.
Etwas, das sich Paulus für diese Gemeinde von ganzem Herzen wünschte.
In unserem Ausschnitt bezieht sich Paulus zunächst auf das Geschehen am Karfreitag.
Deshalb ist dieser Text für heute vorgeschlagen. „In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen.“ Klingt zunächst gewohnt. Karfreitag als das zentrale Geschehen für alle Christen. Mir ist ein genauerer Blick wichtig. Erstens: Christus und Gott werden hier ganz nah zusammengesehen. Also nicht der Gott im Himmel, der zusieht, wie sein Sohn am Kreuz verreckt. Zugespitzt formuliert: Gott geht selbst mit ans Kreuz. Gott leidet, wie auch Menschen leiden. Und das zweite: Gott selbst bietet die Versöhnung an. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass Jesus das Opfer war, das den zornigen Gott gnädig stimmen sollte. Bei Paulus ist das andersherum: Gott versucht mit allen Mitteln, die zornige Welt gnädig zu stimmen. Es ist die Liebe Gottes, die hier am Werk ist.
Weiter geht es im Text mit dem Wort von der Versöhnung. Es geht also nun um die Botschaft von dem, was Gott für uns getan hat. Paulus schreibt: „Uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt. Wir treten also anstelle von Christus auf. Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.“ Mit „uns“ meint Paulus sich selbst. Er sieht sich als Botschafter, so steht es im Originaltext. Und zwar im politischen Sinn. So wie ein deutscher Botschafter im Ausland die Bundesrepublik Deutschland repräsentiert, so repräsentiert Paulus Christus und das Reich Gottes. Sozusagen als Aushängeschild. Und dieses Schild hat eine Botschaft. Die lautet: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ Da führt alles hin.

Interessant ist die Zweiteilung. Das Versöhnungsangebot hat Gott schon längst gemacht, nämlich am Karfreitag, ein für alle Mal. Das ist der erste Teil. Vollständig wird der aber erst durch den zweiten Teil. Nämlich dadurch, dass die Menschen dieses Angebot annehmen. Und damit sie überhaupt davon erfahren, sagt Paulus das weiter. In diesem Fall sagt er es direkt seiner Gemeinde in Korinth. Weil er merkt, dass über allem Streit die Versöhnung, die Gott allen Menschen anbietet, vollkommen in Vergessenheit gerät. An dieser Stelle gebe ich schon einmal eine erste Antwort auf die Frage, was Karfreitag bringen soll. Es geht nicht um das Zur-Schau-stellen eines gewaltsamen Todes. Sondern es geht um die Liebe Gottes. Zu erfahren, wie weit Gott gegangen ist, um uns Menschen zu erreichen. Zurück zur Aufforderung: Lasst euch mit Gott versöhnen! Vielleicht fragst du dich: Wie ist das gemeint, wie soll ich das anstellen? Mit Hand ausstrecken und „Entschuldigung“ sagen ist es wohl eher nicht getan. Ich schlage mal vier Schritte vor.
Der erste Schritt ist das Hören und Erleben. Klar, wir waren damals nicht dabei. Aber wir haben die Berichte in den Evangelien, und wir haben die Aussagen von Paulus. Paulus sagt: Hier geht es um Gottes Liebe, die selbst im Leid und im Tod nicht aufhört. Höre das, und gib diesen Worten Platz in dir drin. Lass sie da verweilen.
Der zweite Schritt ist das Nachvollziehen. Nachvollziehen, dass das Ereignis am Karfreitag eine Bedeutung für dich heute hat. Dass Gottes Liebe keine Phrase ist, sondern genau dir gilt.
Genau für dich geht Gott bis zum Äußersten.
Den dritten Schritt nenne ich Anerkennen. Erkenne an, dass du gemeint bist mit dem Aufruf:
Lasst euch mit Gott versöhnen. Das kann kein anderer dir verschreiben. Das kannst du nur du allein einsickern lassen. Der vierte Schritt ist dann die Umsetzung: Was ändert sich, wenn ich die Versöhnung annehme? Ändert sich mein Verhalten, und wenn ja, in welchem Bereich? Je konkreter du hier werden kannst, desto besser und wirksamer ist es. Ich erlebe die jetzige Zeit neben allem Schlimmen und Verwirrendem auch als Möglichkeit, Dinge neu zu sehen. So etwas wie die Corona-Krise verändert die Sichtweise. Plötzlich, wo die sozialen Kontakte stark eingeschränkt sind, kommt die Gemeinschaft wieder in den Blick. Plötzlich erschließt sich auch die Gemeinschaft eines Staates wie der Bundesrepublik wieder neu. Weil wir sehen, wie wichtig gerade jetzt ein funktionierendes Gemeinwesen ist. Plötzlich, wo wir nicht mehr alles sofort bekommen, wo es Schlangen vor den Geschäften gibt, wo manche Produkte auf einmal „aus“ sind, kriegen wir ein Gespür dafür, was wichtiger ist als der ganze selbstverständlich gewordene Luxus. Plötzlich erleben wir die Natur ganz anders, die wir bisher nur als Ersatzteillager für unsere überzogenen Bedürfnisse genutzt haben.
Genau hier hinein ruft Paulus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Lasst euch auf seine Liebe ein. Hört auf, euch nur um euch selbst zu drehen. Nehmt die anderen in den Blick. Hört auf damit, immer noch mehr zu wollen. Lernt, dass Gott für jeden von euch das bereitstellt, was ihr braucht. Hört auf, auf Kosten der restlichen Schöpfung zu leben, die Gott genauso liebt wie euch. Lernt, dass die Liebe nicht bei den Menschen Halt macht, sondern alles umfasst. Das
alles heißt für mich: Lasst euch mit Gott versöhnen.
Und genau dafür ist der Karfreitag da, finde ich. Um zu erfahren, wie groß Gottes Liebe ist. Um diese Liebe zu erleben. Und um darüber nachzudenken, wie ich auf diese Liebe antworte.
Amen.

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Predigt für Sonntag, den 05.04.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Heute ein Lied der hannoveraner Sängerin Josi „Die Sonne hat gewonnen“

Predigt für den 05.04.2020 Sonntag Palmarum

Liebe Leute,
Vorweg eine kleine Anmerkung: Da ich die vergangene Woche Urlaub hatte, habe ich die Predigt schon vorher geschrieben und aufgenommen. Falls also etwas nicht ganz aktuell sein sollte, bitte ich dich, darüber hinwegzusehen.
Das ist nun der dritte Sonntag nach Coronazählung. Zwei Wochen Ausgangsbeschränkungen liegen schon hinter uns. Wie geht es dir gerade? Bist du bist jetzt gesund geblieben? Gehörst du zur Risikogruppe? Bist du inzwischen unter denen, die in Quarantäne sein müssen? Oder bist du sogar erkrankt? Und wie geht es dir seelisch? Zuversichtlich – verunsichert – ängstlich – verzweifelt? Die ganze Bandbreite ist möglich.
Der heutige Sonntag heißt Palmsonntag. Deshalb, weil heute daran gedacht wird, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem eingezogen ist. Um den Einzug so feierlich wie möglich zu machen, wurden Palmzweige auf den Weg gestreut. Daher der Name. Mit diesem Weg, den Jesus da eingeschlagen hat, beginnt die Karwoche. Die Woche, die den Karfreitag als Zielpunkt hat, an dem Jesus am Kreuz gestorben ist. Ein Weg mit einem klaren Ziel also. Und ein Weg mit einer klaren Zeitbegrenzung. Die, die dabei waren, mussten einen bestimmten Standpunkt einnehmen. Viele haben beim Einzug gejubelt, so berichtet die Bibel. Aber genauso viele haben Tage später den Tod Jesu am Kreuz gefordert. Nicht wenige sind also umgefallen.
Seine Freunde sind Jesus gefolgt. Aber auch sie haben es letztendlich nicht geschafft, Jesus bis zum Schluss die Treue zu halten. Wo haben sie gestanden, woran haben sie sich gehalten? Auch heute gibt es wieder einen Bibeltext, zu dem ich meine Gedanken äußern möchte. Der steht im Markusevangelium im 14. Kapitel. Zeitlich gesehen spielt die dort erzählte Geschichte ein paar Tage nach dem Einzug nach Jerusalem.

Ich lese sie einmal vor:
„Jesus war in Betanien zu Gast bei Simon, der früher einmal aussätzig gewesen war. Während der Mahlzeit kam eine Frau herein. In ihren Händen hielt sie ein Fläschchen mit reinem, kostbarem Nardenöl. Sie öffnete das Gefäß und salbte mit dem Öl den Kopf von Jesus. Darüber regten sich einige Gäste auf: »Das ist ja die reinste Verschwendung! Dieses Öl ist mindestens 300 Silberstücke wert. Man hätte es lieber verkaufen und das Geld den Armen geben sollen!« So machten sie der Frau heftige Vorwürfe. Aber Jesus sagte: »Lasst sie in Ruhe! Warum macht ihr der Frau Schwierigkeiten? Sie hat etwas Gutes für mich getan. Arme, die eure Hilfe nötig haben, wird es immer geben. Ihnen könnt ihr helfen, sooft ihr wollt. Ich dagegen bin nicht mehr lange bei euch. Diese Frau hat getan, was sie konnte: Mit diesem Salböl hat sie meinen Körper für mein Begräbnis vorbereitet. Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo Gottes rettende Botschaft verkündet wird, wird man auch von dieser Frau sprechen und von dem, was sie getan hat.«“

Das ist eine seltsame Geschichte. Ich schlage vor, wir steigen mal in die Szene ein. Gehen wir in das Haus, in das Jesus eingekehrt ist. Was siehst du, was hörst du, was riechst du? Ich stelle mir Kerzenlicht vor, es flackert, ist gerade so hell, dass ich die Anwesenden sehen kann. Ich höre Stimmengemurmel, angeregte Gespräche über dies und das. Und es riecht verführerisch nach den zubereiteten Speisen. Jesus liegt am Tisch, wie übrigens alle liegen. Plötzlich kommt eine Frau herein. Wer ist das, wer hat die hineingelassen? Sie hat etwas in der Hand und geht direkt auf Jesus zu. Der nicht im Geringsten alarmiert erscheint. Sie öffnet ein Fläschchen und gießt Jesus Salböl auf den Kopf. Was macht die da? Der Duft des Öls erfüllt den ganzen Raum, Nasen werden gereckt.
Jetzt kommt Bewegung in die anderen Gäste. Das Stimmengewirr wird lauter. Einige Sätze kann ich deutlich vernehmen. Wisst ihr eigentlich, was das für ein teures Zeug ist? Was soll Jesus damit? Das ist die Höhe, reine Verschwendung! Was hätten wir mit dem Wert des Öls alle sinnvolles anfangen können. Unglaublich!
Und Jesus? Der bleibt ruhig, lässt es geschehen. Bleibt liegen, als die Frau das Öl einmassiert.
Dann wendet er sich an die anderen. Und verteidigt die Frau. Das war genau zu diesem Zeitpunkt richtig. Denn ich weiß, worauf ich zugehe, und das weiß diese Frau anscheinend auch. Schön, dass ihr so vernünftig denkt. Na klar, Geld kann man sicher viel sinnvoller einsetzen. Aber habt ihr eigentlich überlegt, was jetzt gerade in diesem Moment dran ist?
Wir gehen wieder raus aus der Szene. Wenn ich mir das so recht überlege, haben auf ihre Art alle recht, oder? Das war richtig teuer. Das wäre ungefähr so, als wenn jemand nach dem Traugottesdienst die Braut statt mit Blütenblättern mit echten Safranfäden bewerfen würde, und zwar händeweise. Verschwendung pur. Da ist es nur vernünftig zu überlegen, was man mit dem Gegenwert alles hätte machen können. Das Geld spenden, um die Armen zu unterstützen. Heutige diakonische Einrichtungen würden sich bei diesem Betrag die Hände reiben. Almosen geben hieß das damals und war eine religiöse Pflicht. Ein religiöse Pflicht waren aber auch die sogenannten Guten Werke. Dazu gehörte unter anderem die Sorge um die Toten. Und in diesen Bereich fällt die Salbung hinein, da sind sich alle einig. Jesus deutet die Handlung der Frau als vorgezogene Totensalbung. Und er betont den Kritikern gegenüber den Zeitpunkt: Arme zu unterstützen ist immer möglich, diese Tat aber ist nur jetzt möglich, denn sein Tod am Kreuz steht unmittelbar bevor.

Meinung gegen Meinung. Standpunkte, die sich nicht vereinen lassen. Eine Entscheidung ist nötig. Wo stehe ich, wo stehst du? Was meinst du, was will Gott von uns in einer solchen Situation? Was ist jetzt dran?
Damit sind wir direkt bei heute. Fragen, wie geschaffen für die heutige Zeit. Im Moment müssen in Bezug auf die Corona-Krise ständig Entscheidungen gefällt werden, muss immer abgewägt werden, was Priorität hat, denn zu tun gibt es unglaublich viel. Für mich stellt sich hier die Frage nach dem Weg des Glaubens. Wir vollziehen in der Karwoche den Weg nach, den Jesus bis ans Kreuz gegangen ist. Wir Christen, so behaupte ich, wollen mit Jesus gehen. Nicht ans Kreuz, aber durch unser Leben, in dem wir auch manches Kreuz tragen müssen. Und auf diesem Weg stehen Entscheidungen an, immer wieder. Gerade was unsere Haltung und was unser Handeln angeht.
Ich sage es mal so: Ein Christ soll fromm sein, soll für andere beten, soll Gemeinschaft mit anderen Christen pflegen, soll sich in der Kirchengemeinde aktiv einbringen, soll anderen Menschen den christlichen Glauben nahebringen, soll sich um Bedürftige kümmern, soll sich selbst hintenan stellen, soll für Frieden sorgen, soll Gottes Schöpfung bewahren – ich höre hier einfach mal auf. Du merkst schon: super – wie soll das denn gehen? Und am besten alles gleichzeitig… Also muss ich, musst du dich entscheiden. Entscheiden für bestimmte Dinge, die dir wichtig sind, um damit andere Dinge, die genauso wichtig wären, eben nicht zu tun. In der Hoffnung, dass sich darum andere kümmern, oder dass das eben später dran ist. In unserer Geschichte war der Zeitfaktor wichtig – viel Zeit gemeinsam mit Jesus blieb nicht mehr. Dieser Faktor ist entscheidend. Was ist jetzt gerade dran? In dieser Zeit, an diesem Tag, in dieser Minute? In den Gottesdienst gehen kannst du gerade nicht. Diese Entscheidung ist dir abgenommen. Was machst du stattdessen? Wie pflegst du die christliche Gemeinschaft? Es gibt genug Möglichkeiten über die Netzwerke. Oder entscheidest du, in dieser sozialen Ausnahmesituation dir eine Art Einkehr zu gönnen, also die stille Beschäftigung mit Bibel und Gebet? Oder angenommen, du kannst gerade nicht zur Arbeit gehen. Wie nutzt du die Zeit?
Siehst du sie als Atempause für dich und deine Familie, oder entscheidest du, für andere unterwegs zu sein und zum Beispiel Einkaufsdienste zu machen? Du merkst schon: Von mir wirst du keine Anweisung bekommen, was für dich jetzt dran ist. Und auch die Bibel ist hier sehr uneindeutig. In unserer Geschichte betont Jesus die Wichtigkeit dieser vorgezogenen Totensalbung, an einer anderen Stelle sagt er: Lasst die Toten ihre Toten bestatten und kümmert euch um das Reich Gottes! Die Entscheidung liegt bei dir und mir. Der Weg mit und zu Gott ist eben kein festgelegter, sondern sehr vielfältig. Allein das Ziel ist klar.
Vielleicht halten wir es am ehesten mit dem Kirchenvater Augustinus, der gesagt hat: Liebe – und dann tu, was du willst. Amen.

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