Predigt für Sonntag, den 29.03.2020

Die Predigt für den heutigen Sonntag steht Ihnen hier sowohl als Text als auch als Audiodatei zur Verfügung. Am Ende der Seite finden Sie die Predigt auch als pdf zum Ausdrucken, bereits Ausgedruckte Exemplare liegen ab morgen bei Bäcker Meyer, im Schreibwarenladen A&O und im Eingangsbereich des Küsterhauses aus.

Gospelchor „Herr, ich steh vor dir“

Predigt für den 29.03.2020 Sonntag Judika

Liebe Leute,
oder auch: Liebe Frau, lieber Mann, lieber Mensch – wo auch immer du bist und dies hier hörst
oder liest. Wie geht es dir gerade? Und was machst du gerade? Hast du dich mit der Situation
abgefunden? Kannst du das Beste daraus machen? Oder fällt dir langsam die Decke auf den
Kopf?
Viele Möglichkeiten haben wir ja nicht unbedingt. Am besten zuhause bleiben, nur die nötigen
Gänge oder Fahrten machen, mit nicht mehr als einem weiteren Menschen zusammenkommen. Und keiner weiß so genau, wie lange das noch geht. Und ob nicht staatlicherseits doch noch einer draufgesetzt wird und wir eine komplette Ausgangssperre kriegen.
Umso wichtiger ist es, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Welche Möglichkeiten nutzt
du gerade? WhatsApp oder Skype? Andere soziale Netzwerke? Oder läuft gerade das gute alte Telefon heiß? Und wie hältst du dich in Bewegung? Kommst du raus? Je länger dieser Ausnahmezustand andauert, desto wichtiger ist es, dass wir aktiv bleiben. Äußerlich, aber auch innerlich.
Letzte Woche habe ich von Trost gesprochen, den wir brauchen und den wir uns schenken lassen dürfen. Heute geht es eher darum, was wir tun können. Keine Angst, du wirst jetzt hier von mir keine allgemeinen Verhaltensregeln und keine guten Ratschläge hören. Die kommen zur Genüge von anderen Stellen. Ich will lieber einen Blick darauf werfen, was jetzt für uns als Christen wichtig ist, was uns helfen kann, uns gegenseitig nicht aus dem Blick zu verlieren.
Der Bibelvers für den heutigen Sonntag lautet: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Was heißt das? Und was soll das? Mit Menschensohn ist Jesus Christus gemeint. Und es geht um seine Stellung. Das Oben und Unten war damals noch viel klarer als heute: Die Götter ganz oben, dann die Mächtigen unter den Menschen und so weiter. Unter der Annahme, dass Jesus Gottes Sohn ist, war dieser Satz echt provokativ. Gottes Sohn stellt sich nach ganz unten.
Jesus ist für die Menschen da, er gibt sich ganz hin. Schließlich am Kreuz, aber auch schon vorher in seinem Leben. Soll heißen, dass bei Jesus und somit auch bei den Christen oben und unten nicht gilt. Das Motto: Sein Leben für die anderen hingeben.
In die gleiche Richtung geht der Bibelabschnitt, der für die Predigt heute vorgeschlagen ist. Er stammt aus dem Brief an die Hebräer. Als er geschrieben wurde, gehörten staatlich angeordnete Verfolgungen schon zum Alltag der Christen dazu. Das erklärt den Tonfall. Hören wir einmal rein:
„Jesus ist außerhalb der Stadt gestorben, um durch sein Blut das Volk von aller Schuld zu reinigen. Also lasst uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen. Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.“
Diese Sätze stehen im letzten Kapitel des Briefs. Dort hat der Verfasser gute Ratschläge an die Adressaten zusammengetragen. Tut dies, tut jenes nicht, denkt an Folgendes. Das war damals üblich. Im größeren Abschnitt, in dem unsere Sätze stehen, werden die Gläubigen ermahnt, nicht weiter dem alten Kult und den alten Traditionen zu folgen. Damit waren die jüdischen Traditionen gemeint. Durch Jesus Christus ist alles neu geworden, das ist die zentrale Aussage des Hebräerbriefs. Und das betrifft dann eben auch unser Verhalten. Ich will einmal genauer hinschauen. Zunächst: „Jesus ist außerhalb der Stadt gestorben, um durch sein Blut das Volk von aller Schuld zu reinigen.“ Natürlich geht es hier um den Kreuzestod und seine Bedeutung. Kurz gesagt: Jesus hat das für uns alle getan. Aber die Betonung liegt auf dem „außerhalb der Stadt“. Draußen! Außerhalb der klaren Begrenzungen, der klaren Ordnungen, außerhalb des festen Gefüges. Und daran schließt der nächste Satz an:
„Also lasst uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen.“ Wie gesagt – die Erfahrung, als Christen selbst Ausgestoßene und Verfolgte zu sein, klingt hier mit. Stichwort Schande. Entscheidend ist nun, dass sie aktiv nach draußen gehen sollen. Wiederum raus aus den festen Strukturen. Raus aus dem Tempel, raus aus der Heiligen Stadt, als die Jerusalem galt. Zu Jesus gehen heißt hier, ihm in seinem Beispiel nachzufolgen. So wie er vorbehaltlos zu den Menschen gegangen ist, sollen sie das auch tun, gerade außerhalb der schützenden Mauern und klaren Grenzen.
Die Begründung folgt im nächsten Satz: „Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.“ Heißt: Wir gehören hier nicht hin. Auf der Erde kann es keine heilige Stadt für uns geben. Kein „My home is my castle“ oder „Alles meins“. Wir sind uns bewusst, dass das Leben auf der Erde nur ein Durchgang ist.
Denn nichts ist ewig beständig. Dem gegenübergesetzt wird das Bild von der zukünftigen Stadt.
Ein Bild für die Heimat, auf die wir alle zugehen. Das, so ist die Folgerung im Hebräerbrief, macht uns frei. Frei von allen Besitzansprüchen und von allen Einengungen. Damit sind wir frei für etwas. Nämlich dafür, wie Jesus für alle anderen da zu sein. Frei dafür, auf Gott zu vertrauen und Nächstenliebe zu üben.
Rausgehen! Eine interessante Aufforderung in Zeiten von Corona… Aber beim zweiten Hinhören passt es für mich genau. Vorher haben wir uns in der Kirche zum Gottesdienst getroffen. Ist zwar offiziell eine öffentliche Veranstaltung, aber ehrlich betrachtet nur etwas für den Inner Circle. Nämlich für einen sehr kleinen Kreis, der in der Kirche quasi zuhause ist. Wir sind also eigentlich immer drin geblieben. Jetzt sind die Kirchen zu, und wir müssen raus. Obwohl wir wörtlich genommen kaum noch rauskommen.
Ich finde, das ist die Gelegenheit. Unser Text sagt: „Lasst uns zu Christus vor das Lager hinausgehen.“ Also alles Überkommene, allen alten Kult hinter uns lassen. Oder zumindest gründlich hinterfragen. Denn davon gibt es in der Kirche nun wirklich genug. Die ehrwürdigen Gebäude, die in kultureller Hinsicht ein echter Schatz sind, die aber mit dem Leben der heutigen Menschen so gar nichts mehr zu tun haben. Unsere Gottesdienstformen, die noch zwei Prozent der Menschen ansprechen. Selbst unsere Sprache verstehen viele nicht mehr, die christlichen Begriffe sind schon lange nicht mehr selbsterklärend.
Rausgehen. Wir haben in Wahrenholz im letzten Jahr eine Kirchenbank ins Freie geholt und sind mit ihr zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten aufgetaucht. Vorm Supermarkt, am Schreibwarenladen, beim Hoffest. Auf der Bank klebte das Schild „Was glaubst du?“. Und dann haben wir gewartet, ob Leute mit uns ins Gespräch kommen wollen. Das ist passiert.
Ich glaube, das könnte ein richtiger Weg sein. Dort hingehen, wo die Menschen sind. Mit ihnen
ins Gespräch kommen. Ihre Fragen und Sorgen hören und ernstnehmen. Und Gott ins Gespräch bringen. Und zwar so, dass es möglichst jeder verstehen kann. Ich versuche das hier gerade. Kommt das bei dir an? Ganz wichtig finde ich, dass dies nicht einfach wieder eine weitere Aktion wird. Kirche geht jetzt raus. Und irgendwann bleibt sie halt wieder drin. Sondern dass es zur Grundhaltung wird. Dass wir den letzten Vers aus unserem Text dazu als Leitmarke nehmen: „Auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.“ Wir sind unterwegs. Alle, ausnahmslos. Kein Mensch ist auf der Erde fest angekommen, alle müssen wieder gehen. Wir Christen freuen uns auf das Ziel. Doch der Weg liegt noch vor uns. Als Kirche sind wir im besten Fall Wegbegleiter. Oder unnötiger Ballast.
Rausgehen – in der derzeitigen Lage ist das im wörtlichen Sinn schwierig, das hatte ich ja schon erwähnt. Und doch gibt es viele Möglichkeiten. Meine Predigt im Internet ist eine davon. Live-Streaming von Gottesdiensten, Seelsorgetelefone, Einkaufsdienste – von den Kirchengemeinden aus wird jetzt viel angeboten. Vielleicht hast du ja auch eine Idee. Vielleicht kennst du jemanden, der gerade dringend ein Gespräch nötig hat. Vielleicht gibt es Leute, mit denen du gerne wieder ins Gespräch kommen möchtest. Vielleicht hast du Fragen, die auch anderen weiterhelfen. Und vielleicht eine Idee, wie Kirche jetzt sein kann und soll. Ich bin gespannt auf deine Rückmeldung.
Amen.

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